Schadensmodelle & Wirklichkeit

10. Dezember 2010

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (89) „Gran Turismo 5“ ist ein grandioses Rennspiel, aber gewiss kein „Real Driving Simulator“.

Ich weiss nicht, wie’s Ihnen geht, aber meinem Empfinden nach liegt nicht nur das österreichische Schulsystem – ein Ergebnis jahrzehntelanger Klientel-Politik und Proporz-Bequemlichkeit – im Argen. Auch Österreichs Fahrschulen sind ein Spiegelbild der realen Fahrtüchtigkeit des Durchschnitts-Österreichers. Und vice versa. Was leider bedeutet, dass zwischen Schüler, Lehrer und Prüfer zwar Dauerstress herrscht (und nicht wenig Geld hin- und herwandert), ein nicht geringer Prozentsatz der Lenkraddreher aber trotzdem später „learning by doing“ betreibt. Oder auch nicht. Jedenfalls im Alltagsverkehr. Diese subjektive Einschätzung des Ist-Zustands hat sich verschärft, seit ich im 10. Bezirk – der Bronx Wiens – wohne. Da gelten einfach andere Regeln, als sie im Multiple Choice-Lehrbuch zu finden sind. Auch auf die Gefahr hin, dass mich die Experten des „Kuratoriums für Verkehrssicherheit“ eines Besseren belehren: im EU-Vergleich landen die heimischen Autofahrer auf den hintersten Rängen.

Ich möchte daher an dieser Stelle einen Fingerzeig für überforderte Pädagoginnen und Pädagogen niederschreiben: verschenken Sie an alle vermeintlichen Vettel-Rivalen großzügig den „Real Driving Simulator““ (so die Eigenwerbung des Herstellers Sony) „Gran Turismo 5“. Und gleich dazu eine PlayStation 3, falls die noch nicht im Haushalt vorhanden ist. Sechs Jahre sind seit der Vorgängerversion des Computergames ins Land gezogen, der Perfektionsdrang des Entwicklerteams rund um Mastermind Kazunori Yamauchi ist legendär. 5,5 Millionen Exemplare sind seit dem Verkaufsstart Ende November ausgeliefert worden. „Gran Turismo 5“ ist im Rennen rund um den Weihnachtsbaum ein absoluter Top-Favorit.

Verbinden Sie dieses Geschenk mit einer Auflage: ab sofort bleibt die Bleifuss-Action aufs Wohnzimmer beschränkt. Nur hier, mit dem Controller oder Plastik-Lenkrad in der Hand, darf man sich lustvoll der Auswahl aus über 1000 (!) Fahrzeugen aller Klassen und Epochen hingeben – selbst Didi Mateschitz hat keine so grosse Garage, trotz Virtual Reality-Entwicklungsabteilung. Und ebenfalls nur hier möge man es auf 70 Rennstrecken im 3D-Modus mit Headtracking und aufwändiger Tag-Nacht-Grafik krachen lassen. Und zwar so richtig. Denn, bei aller Bewunderung für die hyperrealistische Anmutung des Spiels – „oft kommt es bei den Rennen nicht auf fahrerisches Können an, sondern darum, das beste Auto im Startfeld zu haben“, wie ein Fachtester urteilt. „Die Computer-Gegner fahren starr ihre Runden und reagieren so gut wie gar nicht auf den Spieler. Auch das Schadensmodell wirkt sich kaum auf das Spiel aus.“ Zitat Ende.

Diesen grundsätzlichen Konstruktionsfehler wollten Yamauchi & Co. partout nicht aus der Welt schaffen. Den klitzekleinen Umstand nämlich, dass man in realita nicht mit 280 km/h aus der Bahn fliegen und gegen einen Brückenpfeiler knallen kann, ohne sein Leben zu verlieren. Wer Sekunden nach dem virtuellen Exitus schon wieder frischfröhlich weiterrast, hat eine wesentliche Lektion verpasst. Sie im Alltag nachzuholen ist allerdings wenig ratsam.

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