Meine XXX-Mas-CD 2010

21. Dezember 2010

Same procedure as every year: dreihundertvierundsechzig Tage, um diesen einen, besonderen mit Bedacht anzusteuern. Und mit einer Tonspur zu versehen. Und dann rinnt einem doch wieder die Zeit aus.

Das Szenario lässt sich mit Gewissheit voraussagen. Mit hundertprozentiger Gewissheit. 24. Dezember, 13 Uhr 31, in nicht einmal einer halben Stunden schliessen die Geschäfte. Gottseidank. Es reicht. Mir ist schon klar, daß ein vormals besinnliches Fest – das Licht in eine lange Jahrtausende sehr dunkle Welt brachte – in Zeiten des Turbokapitalismus einer Konsumorgie gleicht. Gleichen muss. Die Zeitungen überschlagen sich mit Berichten über Umsatzrekorde (seltsamerweise parallel zu Meldungen über Kaufsucht, wachsende Armut, Privatkonkurse, Börsen- und Staatencrashes). Der Äther dröhnt, wham!, ob der unausweichlichen, schon im November anhebenden Dauerbeschallung durch „Last Christmas“, „Jingle Bells“ (das „Hells Bells“ der Katholiken) und schlagerselig-profane „Stille Nacht“-Verhunzungen. Der Kopf ist schwer. Nicht nur von den Firmen-, Freundeskreis- und Branchen-Feiern der letzten Tage und Wochen.

Denn wieder mal, so die vorauseilende Jahresbilanz, bin ich nicht fertig geworden mit meiner Jahres-CD. Ist ein alter Brauch, quasi Weihnachts-Folklore. Für die liebsten Freunde bastle ich da eine persönliche „Greatest Hits“-Compilation des Jahres. Strikt eklektisch, streng subjektiv, prickelnd individuell. Da sind abseitige Fundstücke dabei, jenseits der Jahrescharts von FM4, „Spex“ & Co, einige Common Sense-Kleinode, handselektierte Highlights aus der eigenen Musikmanufaktur (etwa „Fashion“, ein Song der neuen heimischen Pop-Götter Ginga. Oder das zum Lichterfest hinreichend provokante Liedlein „Es gibt kan Gott“ des wiederauferstandenen Protest-Barden Sigi Maron). Mindestens ein Stück von meinem Lieblingsalbum des Jahres, „Brother“ von den Black Keys. Könnte etwa „Tighten Up“ werden. Und natürlich die peinlichsten Lieblingssongs, die man gerne in der Badewanne trällert (anno 2010 war das Hurts’ „Wonderful Life“, eine Synthiepop-Hymne mit bittersüssem Retro-Geschmack).

Diese Zusammenstellung wird tage-, nein: wochenlang überlegt, abgestimmt, verworfen, neu begonnen und letztendlich final auf eine Compact Disc gebrannt. Was heisst auf eine. Auf dutzende Rohlinge. Die wiederum zur Abrundung mit einer Aufschrift und einem Cover versehen, eingetütet und per Post (oder auch persönlich) an die Adressaten übermittelt werden. Diese revanchieren sich bisweilen mit einer eigenen, selbstgebrannten Jahres-CD. So geht das hin und her. Und allerorten rotieren die CDRs und surren die Brennmaschinen. Wie gesagt: ein schöner, alter Brauch. Mit einem gewissen Aktualitätsanspruch.

Wobei: technisch auf der Höhe der Zeit ist’s ja nicht mehr ganz, diese Prozedur. Früher waren es Cassetten, mühevoll 1:1 kopiert und handbeschriftet. Die Meldung, dass Sony dieses Jahr die Produktion des allerletzten „Walkman“-Modells eingestellt hat, lässt inzwischen auch Nostalgiker relativ ungerührt. Tapes, anyone? Schweigen im Walde. Dafür dürften sich die Server-Downloads und MP3-Bundles, die behend durch Glasfaserleitungen und auf Festplatten flutschen, vermehren wie die Karnickel unter der Infrarot-Wärmelampe. Besonders romantisch sind aber, pardon, solche Digitalklone und Null-Eins-Kettenbriefe nicht. Eher etwas für kühle Pragmatiker und atmosphärische Agnostiker. Es geht nichts über den handgeschnitzten Tonträger.

Höre ich da irgendjemanden im Hintergrund murmeln, derlei wäre illegal? Von wegen Kopierschutz und Copyright und…? Sorry, das ist natürlich engstirniger Unsinn. Formal – ich bin kein Jurist, glauben Sie mir einfach –, und dem Sinn nach erst recht. Selbst als mich Freund S. vor Jahren in einer „Kurier“-Kolumne öffentlich outete als jemand, der – noch dazu als Musikindustrie-Heini! – gut und gern zwanzig selbst erstellte Jahres-CDs verschickt, blieb das grosse Aufheulen aus. Warum? Weil die „Privatkopie“ nie privater ist als in einem Kontext aus Tannenduft, Geschenkpapierrascheln und frohen Wünschen für ein gutes neues Jahr. Weil es wohl letztendlich gar keine bessere Werbung für Musik gibt als persönliche Empfehlungen und Fingerzeige. Und weil Hören allemal mehr bringt als Reden oder Schreiben.

In diesem Sinne: Frohe Weihnacht! Gröbchens XXX-Mas-CD ist dann spätestens im Frühjahr fertig.

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Eine Antwort to “Meine XXX-Mas-CD 2010”

  1. Lutz Berger Says:

    was für eine freude, meine alte studer bandmaschine mal wieder zu sehen: treues arbeitstier, ständige tonkopf-kalibrierung und regelmässig neue tonköpfe, macht aber nix, das ding war genial!


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