Zombie-Ball

27. Dezember 2010

„It’s All Over Now Baby Blue“ hören wir Falco selig singen, wieder einmal. Doch: es ist niemals zu Ende. Die Lebenden und selbst die Toten entkommen dem Hamsterrad des Musikbusiness nicht. Die Fans schon gar nicht.

Sade. Elton John & Leon Russell. Phil Collins. Ace Of Base. Stone Temple Pilots. Enrique Iglesias. Nelly. Smokie. Peter Frampton. Mike Tyson. Michael Schumacher. Die Liste ist fast beliebig erweiterbar (okay, Tyson und Schumacher sind keine Sangeskünstler, müssen aber doch dem erweiterten Pop-Star-Starterfeld zugerechnet werden). Sogar Sigi Maron, Österreichs wortgewaltigster Polit-Liedermacher, feierte anno 2010 ein Comeback. Eher der Ausnahmefall: bei ihm ist’s pure Lebenslust, die ihn antreibt, nicht der krampfhafte Blick auf’s Geldbörsel.

Die Rückkehr der lebenden Toten? Jein. Es gilt die alte Showbiz-Regel: they ever come back. Wenn sie nicht gestorben sind, dann singen sie noch heute. Sades Wiederkehr nach neun Jahren Stille etwa gestaltete sich durchaus zum Triumphzug. „Soldier Of Love“, das Comeback-Album, wurde ihre erste Nummer Eins in den USA. Die Songwriter-Legenden Carole King & James Taylor – „You’ve Got A Friend“ – räumten dagegen vornehmlich live ab: über 700.000 verkaufte Tickets brachten 59 Millionen Dollar Umsatz. Elton John, ein alter Bewunderer der Session-Grösse Leon Russell, machte mit „The Union“ auch keinen Fehler. Das Album wurde in punkto Charts-Position sein erfolgreichstes seit 1976. Und Ace Of Base, wiewohl in neuer Besetzung, haben acht Jahre nach ihrem letzten Studiotermin immer noch treue Fans, darunter Lady Gaga und Kate Perry. Also: zurück zum Start. Das Pop-Business der Zehnerjahre ist eine riesige, weitgehend risikolose Recycling-Maschinerie.

Alleine, was da alles an Re-Editions, Wiederentdeckungen und Neuauflagen ins Haus stand und steht: von der einmal mehr glanzpolierten „Abba Gold“-Greatest Hits-Collection, die bislang eh erst 28 Millionen Stück verkauft hat, bis zur „35th Anniversary Edition“ des Albums „Come Taste The Band“ von Deep Purple, natürlich standesgemäß auch als Doppel-Vinyl-LP im Klappcover zu haben. Wer sich fragt, womit die zweite Scheibe gefüllt wurde: mit dem komplett neu abgemischten Songmaterial von anno dazumal. „Remixed“, nicht einfach „remastered“, wohlgemerkt. Ob Schlagzeuger Ian Paice, das einzig verbliebene Originalmitglied der 1968 gegründeten Rockdinosaurier, den Unterschied hören kann? Egal. Immerhin lässt die, hm, Überarbeitung mit den technischen Mitteln von heute einen 1:1-Vergleich mit den Soundvorstellungen von damals zu. Letztlich aber ist es eine „kreative“ Marketingübung und Materialschlacht, um Fans, die schon (fast) alles haben, nochmals die Kreditkarte zücken zu lassen.

Das kann glücken – und bei den Fans Glücksgefühle auslösen – , muss es aber nicht. Ob zum Beispiel die anno 2010 inszenierte Neuauflage von „Falco 3“, dem erfolgreichsten Album des prototypischen Popstars aus Wien, zum durchschlagenden Erfolg wurde, müsste sich zum Zeitpunkt des Erscheinens dieser Kolumne schon sagen lassen. Das Weihnachtsgeschäft ist dann definitiv vorüber. Ich bin zugegebenermassen skeptisch: die „25th Anniversary Deluxe Edition“ wurde zwar flott gestylt, mit Videos und DVD-Doku hochgerüstet und behebt alte Mastering-Fehler („It’s All Over Now Baby Blue“ hatte auf allen bisherigen CD-Versionen eine unüberhörbare Digitalschleife, kurios genug). Reichlich plump geriet aber der Versuch, das Werk – das von Falco-Afficionados nicht zu seinen besten gerechnet wird, mit „Rock Me, Amadeus“, „Vienna Calling“ und „Jeanny“ aber drei der bekanntesten Singles enthält – jüngeren Generationen anzudienen. So liess man etwa die britischen Charts-Stürmer Hurts das sattsam bekannte „Jeanny“ neu interpretieren. Das Ergebnis dürfte dann sogar den Auftraggeber so wenig überzeugt haben, dass man es zwischen anderen überflüssigen Remixen und einem weiteren nebulosen Fundstück der Falco-Historie („Without You“) versteckte.

„Hier wurde mal wieder die Gelegenheit verpasst, eines der meistgeliebten Alben der 1980er angemessen wiederzuveröffentlichen“, resümierte das Online-Expertenforum „Der Schallplattenmann sagt“. „Etwa indem man die deutsche mit der internationalen Version kombiniert und den Sound sorgfältiger aufarbeitet“. Word! Leichenfledderei sollte man doch den Liebhabern überlassen.

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