Taktgefühl

28. Dezember 2010

Man muss kein professioneller Disjockey sein, um eine gepflegte Party zu beschallen. Mit den richtigen DJ-Tools, ein paar Tricks und Spaß an Beats, Bass und Bewegung macht man aus jedem Parkettboden einen Dancefloor. Eine kursorische Anleitung.

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„There’s not a problem that I can’t fix ‚cause I can do it in the mix“
(Indeep, „Last Night a DJ Saved My Life“)

Nur eine Party, bei der beim Morgengrauen alle auf den Tischen tanzen, ist auch eine denk-, ehr- und erinnerungswürdige Party. Also eine wirklich gute Party. Für noble Cocktail-Dinners, kaum camouflierte Tupperware-Verkaufsveranstaltungen und blasierte Damenkränzchen empfiehlt es sich, eine unaufdringliche Live-Band (Stilrichtung: Soft Jazz) zu engagieren. Den Freund der Freundin der Nachbarin zu bitten, seine Frank Sinatra-, Dean Martin- & Sammy Davis Junior-Kollektion vorbeizubringen. Oder gleich das Radio (egal ob UKW, DAB oder Internet, Empfehlung: http://www.lounge.fm) anzudrehen. Ja nicht zu laut.

Wir hier aber wollen ordentlich abfeiern. Also mit einem Plattenreiter oder einer Djane, der/die auch wirklich etwas drauf hat. Das können Sie selbst sein. Wie? Nun: Raketentechnolgie wird hier keine verhandelt. Und hat nicht jede(r) schon in der Schulzeit ein wenig mit zwei Plattenspielern, zwei Boxen, einem Mischpult samt Verstärker und einem Koffer voller Vinyl-Singles und Langspielplatten dillettiert? Oder einem Stapel zerkratzter CDs und zwei Playern? Ging ja auch, irgendwie. Solange Leute tanzen, läuft alles prima. Und, glauben Sie mir, die Leute wollen tanzen. Ihre Beine zucken lassen. Sich an den Hüften fassen und verzückt angrinsen. Und den ganzen Körper in absurdeste rhythmische Schwingungen versetzen. Sollen sie doch! Sie müssen ihnen nur einen kargen Knochen von Beat-Gerüst vor die Füsse werfen – und sie werden ihn dankbar aufschnappen. Je später der Abend, desto überdrehter die Gäste. Man wird Ihnen die Hände küssen für Ihre DJ-Fingerfertigkeit. Und das Gerücht, der Mann oder die Frau hinter dem Mischpult wäre grundsätzlich die attraktivste Person im Raum, wurde nie wirklich widerlegt.

Sie müssen, um diese gloriose Position einnehmen zu können, übrigens nicht mehr Ihren Plattenspieler abstauben (so Sie denn noch einen besitzen, aber die Dinger sind wieder in Mode gekommen und eventuell von der Nachwuchs-Generation ausleihbar). CD-Player sind jedenfalls dito nicht mehr der letzte Schrei. Es geht auch mit dem Laptop oder PC – notfalls sogar mit Standard-Programmen wie iTunes oder Musicmatch Jukebox –, sofern eine probate MP3-Kollektion vorliegt. Sowohl in quantitativer wie auch qualitativer Hinsicht. Rasch ein paar „Ö3 Greatest Hits“-CDs zu rippen wird nicht ausreichen. Entweder sie besitzen eine Sammlung der für Ihre bevorzugte Stilrichtung und Ihre Klientel gängigsten Songs und Musikstücke. Oder Sie holen sie sich rechtzeitig. Und stellen sich – nicht nur in Gedanken – eine feine Playlist zusammen. Das ist nichts anderes als die Abfolge der Hits, Kracher und Evergreens, die Sie in der Hinterhand haben. Dass die irgendwie, irgendwann, irgendwo zueinanderpassen sollten, eventuell einen dramaturgischen Bogen ergeben könnten und die unmittelbare Reaktion, Tanzlaune und Stimmungslage des Publikums berücksichtigen müssen, ist evident. Oder? Wir erinnern uns: nur eine Party, bei der beim Morgengrauen alle auf den Tischen tanzen, ist auch wirklich eine gute Party.

Soweit die Software. Ob Sie bevorzugt House auflegen oder Hardrock der siebziger Jahre, Drum’n’Bass oder ABBA, Brit-Pop Marke Oasis oder doch eher diffizile elektronische Beats’n’Clicks, ist der Hardware egal. Es sollte nur halbwegs passabel klingen. Dazu ein paar grundsätzliche Hinweise: HiFi-Anlagen, die sonst das Schlafzimmer beschallen, lassen sich nur bis zu einem gewissen Pegel aufdrehen, ohne fürchterlich zu verzerren. Rote Lämpchen, die ständig auf dem Mischpult aufleuchten, sind eher nicht zu ignorieren. Und ein laut pumpender Bass setzt sich, auch wenn Sie Türen und Fenster dicht verschlossen halten, durch Ziegel, Beton und selbst durch die Luft garantiert bis zu Ihren Nachbarn durch. Die ungebeten erscheinende Polizei spricht Verwarnungen ob „Störung der Nachtruhe“ nur ungern wiederholt aus.

Das technische Equipment sollte – der Autor dieser Anleitung geht von unregelmässigem, tendenziell hobbyistischem Gebrauch aus – nicht zu kompliziert, teuer und überkandidelt sein. Natürlich können, sofern vorhanden, die traditionellen, ikonenhaften Technics SL-1210-Vinyllaufwerke zum Einsatz kommen. Oder irgendwelche Vestax-, Numark- oder Reloop-Nachbauten (herkömmliche Plattenspieler sind eher nicht zu empfehlen). Und, ja, es macht Spass, mit altertümlichen Schallplatten zu hantieren. Selbst Profis machen das heute noch, oft aber nur mehr, um spezielle Mix- und Scratch-Programme (z.B. „Serato“) anzusteuern. Weit verbreitet sind auch Single-CD-Player (die es zu Preisen zwischen 150 und 2000 Euro gibt), die im Gegensatz zu herkömmlichen HiFi-Laufwerken Geschwindigkeitsveränderungen, variable Song-Anfangspunkte und allerlei vinylähnliche Scratch-Effekte zulassen.

Nicht übertreiben! Der Weg vom Nachwuchs-David Guetta zum verspielten Tölpel, der allen zeigt, was er genau nicht kann, ist kurz. Doppel-CD-Laufwerke oder gar Multimediaplayer und Medien-Workstations machen die Verkabelung einfacher (und sind in der Regel rascher zu durchschauen), aber eigentlich reicht auch ein simples Mischpult, das von zwei Playern oder zwei Turntables mit Musik beschickt wird und mittels Crossfader abwechselnd den einen, dann den anderen Kanal ertönen lässt. Verbunden ist der Mixer idealerweise mit zwei potenten Aktivboxen (oder einem nicht zu brustschwachen Verstärker und Passivlautsprechern). Oder einer semiprofessionellen PA-Anlage. Sollte ein Laptop zum Einsatz kommen – heute die bevorzugte Quelle vieler DJs –, empfiehlt sich eine Soundkarte oder ein USB- oder Firewire-Interface, um die Klangqualität zu verbessern und Vorabhörmöglichkeiten per Kopfhörer (nicht vergessen!) zu eröffnen. Auch iPods und sonstige MP3-Player, iPhones und iPads lassen sich in der Regel elegant ins Set einbinden.

Auf der Festplatte des Rechners selbst sollten nicht nur ein paar Gigabyte Musik in höchstauflösender Bitrate-Qualität vorliegen – MP3-Files unter 256 kbit/s können Sie vergessen –, sondern auch das eine oder andere Programm, das Player und Mischpult simuliert und eigentlich (fast) alles in sich und am PC vereint, was notwendig ist. Welches? Geschmackssache. Viele verwenden „Traktor“ (Hersteller ist die Berliner Firma Native Instruments), andere „Ultramixer“, „BPM Studio“, „Djay“, „Disco XT“ oder native Software von Behringer, Hercules, Denon, Numark oder anderen. Wie gesagt: Geschmackssache. Die Grundregel lautet: je mehr das Programm kann, desto unübersichtlicher und verwirrender wird es. Zumindest für Laien. Wer übrigens nicht mit Maus und Trackpad hantieren will, besorgt sich einen „DJ Controller“ (gibt es in der Plastik-Spielzeug-Ausführung schon ab 150 Euro, massive Profi-Geräte kosten ein Vielfaches). Das wär’s auch schon mit der Grundausrüstung. Speziell geschliffene Nadeln, Effektgeräte, DJ-Cases und -Trolleys, Laptop-Ständer, DJ-Tische, Mehrkanalmischpulte, Mikrofone, Sampler und sonstiges lasse ich bewusst aussen vor. Man muss das ganze Zeug übrigens nicht kaufen – mieten geht oft auch, und das billiger.

Grundsätzlich gilt: lassen Sie sich’s zeigen. Von zeigefreudigen DJ-Kolleg(inn)en oder vom aufgeschlossenen Experten, Verleiher, Fachhändlern. Ein Blick auf die Homepages von Shops wie Friendly House (www.friendlyhouse.at), Klangfarbe (www.klangfarbe.at), Deejaystore (www.deejay-store.at) oder Musik Produktiv (www.musik-produktiv.de) bietet eine schier unüberschaubare Auswahl einschlägiger Hard- und Software. Rund um diesen Text finden Sie wohlüberlegte Equipment-„Pakete“ – sie dürfen als Empfehlung für unterschiedliche Standard-Situationen verstanden werden. Wie immer auch: trauen Sie Ihren Ohren. Sie sind das wichtigste Instrumentarium überhaupt.

Und noch etwas, unter uns: es gibt nur zwei Sorten Discjockeys. Gute und schlechte. Denn die üblichen Unterscheidungen – etwa jene zwischen Amateuren und Profis, zwischen solchen, die nur Musikstück auf Musikstück aneinanderreihen und solchen, die stundenlang perfekt gemischte, wie aus einem Guß wirkende Beats per minute-Abfolgen mischen (und damit unendlich langweilen können, aber nicht müssen), zwischen Egomanen, die ohne Rücksicht auf das Publikum ihr Set abspulen (nicht selten übrigens als ödes Playback ohne jeden manuellen Eingriff) und jenen wahren Künstlern, die die Befindlichkeit ihres Publikums herauszufinden und die letzten physischen und emotionalen Reserven herauszukitzeln imstande sind – sind oft nur theoretischer Natur. Und können in Sekundenschnelle wechseln. Praktisch trennt sich der Spreu vom Weizen scharf im Takt der Musik. Und, ja, nur eine Party, bei der beim Morgengrauen alle auf den Tischen tanzen, ist auch wirklich eine gute Party.

Musikmischmaschinen: Set 1
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Billig, aber brauchbar.

Apple MacBook Pro 13“. Das Standard-Gerät für den fortgeschrittenen Hobbyisten. Es tut übrigens auch ein älteres Gerät oder ein schnöder Windows-Rechner – Audio-Spielereien belastet die Hardware nicht sonderlich. Stecker und Kabel nicht vergessen!

Djay Software. Zu finden z.B. unter http://www.algoriddim.com (für alle gängigen PC-Plattformen, auch für iPads und iPhones). Lässt sich für einen begrenzten Zeitraum auch gratis ausprobieren. Originelle und durchschaubare Oberfläche, die an Plattenauflegerei erinnert.

Hercules DJ Control Air. Controller inklusive USB-Audio-Interface. Die günstigste All-in-one-Mixingstation für mobile Computer-DJs.

Sony MDR V500 DJ. Preisgünstige, probate Plattenreiter-Earphones.

Yamaha HS 80M. Eigentlich Studiomonitore, aber vom Autor mit Erfolg erprobte, mächtige Party-Schallkanonen. Benötigen als Aktivboxen keinen Extra-Verstärker. 120 Watt zum Stückpreis von knapp 250 Euro sind eine Okassion.

Musikmischmaschinen: Set 2
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Traditionell, aber gut.

Technics SL-1210 Turntables. (x 2) Der DJ-Plattenspieler-Klassiker schlechthin. Vinyl rules OK! Nachbauten gibt es immer günstig auf eBay & Co., weil Kids oft rasch die Freude an ihren Weihnachtsgeschenken verlieren und von DJ auf Gameboy oder Lokführer umsatteln.

Denon DNS-1200. (x 2) Ein weiterer, oft gefragter Zuspieler: Single-CD-Player mit Scratch-Funktion, Interface (kann auch Flash-Player, Festplatten und iPods steuern) und hochwertigem Digital-Analog-Wandler. Kann man immer brauchen.

Pioneer DJM 800. Ebenfalls ein Klassiker und in vielen Diskotheken das Standard-Mischpult. Vier Kanäle, Effektsektion, Equalizer, MIDI-tauglich. Nicht ganz billig, aber unverwüstlich.

AKG K-181 DJ. Gute Kopfhörer gehören einfach dazu.

HK Audio Soundhouse One. Schon in der Oberliga bei Partybeschallungen: ein aktives PA-System mit zwei Boxen, Ständern und einem fetten 15 Zoll-Basswürfel. „Erstaunliches Preis-/Leistungsverhältnis“, so das Fachurteil.

Musikmischmaschinen: Set 3
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Futuristisch, aber fantastisch.

Apple MacBook Pro 15“ Mit Retina-Display, schnellem Prozessor und grosser SSD-Festplatte (ohne bewegten Teile) „State of the Art“.

Native Instruments Traktor Pro S4. Die Software zum Rechner. Eingebauter Mixer mit vielen Features, FX (Soundeffekte) und Sample Decks.

Native Instruments Traktor Kontrol S4. Die obige Software müssen Sie nicht extra kaufen, die ist bei diesem 4-Kanal-DJ-Controller im Paket mit dabei. Zwei in Serie schaltbare Effektsektionen mit mehr als 25 Performance-Effekten, Loop Recorder, Audio-Interface, alles drin, alles dran. Raumschiff Enterprise hat auch nichts Besseres an Bord.

Korg Kaoss Pad KP3. Ein Extra-Effekt-Prozessor für die Endzeit-Party. Feuert Photonentorpedos ab.

Monster Beats Pro Black. Der klangstarke Kopfhörer für HipHop-Gangster und Angeber schlechthin.

RCF Art 712A (x 2) 12 Aktive Full Range-Boxen. 12 Zoll-Woofer, 750 Watt, Audio Controller mit aktiver Entzerrung und Schutzschaltung. Letztere wird wahrscheinlich mehr von ihren Gästen benötigt als vom Lautsprecher selbst. Macht preislich das Kraut erst richtig fett.

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