ClosedSpace

15. Januar 2011

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (93) „MySpace“ zeigt, wie schnell es im Web 2.0 auch wieder abwärts gehen kann.

Gelegentlich trudeln Einladungen in mein Elektropostfach – „XY hat Dich bei MySpace als Freund angegeben. Annehmen / Ignorieren.“ Abgesehen davon, dass es mal einer gründlichen Diskussion des Begriffs „Freund“ bedarf – das gilt auch für die inzwischen alles dominierende Plattform Facebook –, ignoriere ich derlei Depeschen tatsächlich mehr und mehr. Schlimmer noch: ich nehme sie gar nicht mehr richtig wahr. Das Passwort ist längst vergessen. Der Impetus zu schwach. Und das, obwohl MySpace unverkennbar sein Design verändert hat – und zwar zum Guten. Aus einem grafisch ungelenken Schriftzug mit „Mensch ärgere Dich nicht“-Spielfiguren wurde ein fast schon avantgardistisches „my (Leerraum)“. Eine Klammer, die uns wohl symbolisieren will, dass von da an alles möglich ist.

In der Realität ist aber immer weniger möglich. Zumindest für MySpace. Das einst grösste Online-Netzwerk der Welt gerät zunehmenden in die Schlagzeilen. Das Unternehmen stehe „vor dem Kahlschlag“, wie es dieser Tage eine Presseagentur drastisch formulierte, gefolgt von: „Konzernmutter News Corp greift nach Relaunch durch.“ Fakt ist, dass Eigentümer Rupert Murdoch die Hälfte der 1100 Mitarbeiter entlassen hat oder noch entlassen will. Dabei hatte MySpace erst im Vorjahr die Zahl der Beschäftigten um knapp ein Drittel gekürzt. Im Reich des Medienmagnaten gilt das einst stolze Social Media-Flaggschiff mittlerweile als Problemfall. Die Verluste – Murdoch hatte MySpace anno 2005 um 580 Millionen Dollar gekauft, bis Juni 2010 hat man allein 100 Millionen Dollar Minus eingefahren – seien „weder akzeptabel noch tragbar“, wie Geschäftsführer Mike Jones zähneknirschend eingestand. Sogar über eine mögliche Schliessung noch vor Sommer 2011 wird spekuliert.

Kurios: noch vor drei, vier Jahren war MySpace das Aushängeschild und heisseste Asset der Web 2.0-Community. Insbesondere für MusikerInnen und Bands schien es fast unabdingbar, einen Account anzulegen und als elektronische Visitenkarte zu nutzen. Die Funktionalität zählte, das (meist) grottige Drumherum und die fehlende Dynamik der Plattform nahm man mit einem Achselzucken zur Kenntnis. Bis Besseres, Schickeres, Überzeugenderes nachkam – von Facebook bis SoundCloud. MySpace geriet aus der Mode. So rasch kann’s gehen.

Der entscheidende Faktor ist ein Problem, an dem wohl die meisten von uns leiden: das begrenzte Zeit-Budget. So gesehen bin ich mal neugierig, wie es mit Xing weitergeht. Oder mit LinkedIn. Oder der löblichen Facebook-Alternative Diaspora. Auch da trudeln ständig Einladungen ein. Die Antworten lassen auf sich warten. Eventuell bis zum Sank-Nimmerleins-Tag.

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3 Antworten to “ClosedSpace”

  1. lorenzszabo Says:

    Naja, ich sehe LinkedIn & XING ein bisschen wie Orkut: Orkut ist immer noch sehr populär aber nicht bei uns in Europa sondern lt. WikiPedia:

    „As of April 2010, 48.0% of Orkut’s users are from Brazil, followed by India with 39.2% and United States with 2.2%.“

    LinkedIn wird in den USA immer stärker, da es sehr stark mit Twitter kooperiert und ausserdem in den USA von Relevanz bei der Jobsuche ist. Bei uns in D-A-CH kaum…

  2. Hannes Dorn Says:

    Auch im Internet wiederholt sich die Geschicht. Es gab auch einmal ein Altavista…

    Mich wundert, daß jemand bereit war, für MySpace soviel Geld auszugeben. Selbst Schuld.

    Mein Tipp: Xing und Linkedin werden wohl in der Nische überleben, aber Facebook wird das Gegenstück zu Google Search und Amazon werden. Wenn die auch noch was ähnliches wie Ebay in Facebook integrieren, dann ist Ebay auch bald weg. Dann noch schnell Skype übernehmen. Irgendwann will Google dann Facebook übernehmen, was aber Microsoft tun wird.

  3. manfred Says:

    Betreff Ihre „Freunde“ auf facebook:

    Sie müssen in Relation setzen: haben Sie als Musik-Prophet Privatleben ?
    oder arbeiten Sie mit dem Instrument und lassen wie Herr Niavarani 100.000 freunde zu ?

    also ich würde Sie sofort „adden“ ohne zu erwarten dass mir mein neuer „freund“ nun geld borgt… einfach wegen der pfiffigen beiträge ;-)


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