Winterschlaflosigkeit

22. Januar 2011

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (94) Ein Blick auf das Anschlussfeld eines modernen AV-Receivers zeugt Staunen und Ratlosigkeit.

Allmählich erwacht Österreich wieder aus dem Winterschlaf, der das Land und seine Bevölkerung traditionell zwischen Anfang Dezember und Mitte Jänner lahmzulegen scheint. Ich weiss schon: Weihnachten, Neujahr, Punschhütten-Nachwirkungen und Kälte-Depression. Und man muß sich ja auch innerlich auf die nächsten Ferien vorbereiten.

Ich selbst kann dagegen nicht von einer wirklich stillen Zeit berichten. Was wahrscheinlich auch daran liegt, dass ich knapp vor Silvester ein akut wirksames Gegengift gegen strukturelle Trägheit erworben habe. In Form eines ca. 12 Kilo schweren Elektronik-Pakets, das auf den wenig anheimelnden Namen Onkyo TX-SR608E hört. Und mich seitdem mächtig auf Trab hält. So sehr, dass ich mittlerweile eine Frage an die Menschheit richten möchte (eventuell vor der nächsten UN-Vollversammlung oder dem Beirat für Menschenrechte, so man mich dort zulässt): gibt es Komplizierteres, Enervierenderes, Zeitraubenderes als die Verkabelung und Inbetriebnahme eines AV-Heimkino-Receivers?

Ich meine nicht das simple Ein- und Ausschalten. Das beherrsche ich zwischenzeitlich (obwohl die Fernbedienung auch eigenen Gesetzmässigkeiten folgt, die der kruden Logik eines japanischen Entwicklungslabors entspringen). Sondern die souveräne Ausschöpfung all der Möglichkeiten, Features und technischen Details, die solch eine prall ausgestattete 7.2-Surround-Schatztruhe („Wir bezeichnen ihn noch als Einstiegs-Receiver“, so die Onkyo-Produktinfo) bietet, von Raumeinmessung per mitgeliefertem Mikrofon über HDMI Video Upscaling mittels eigenem Faroudja-Signalprozessor bis hin zu Tonmodellierung durch einen 32 Bit-DSP-Chip. Eventuell kann das Ding auch Marmeladewaffeln backen, aber ich habe es noch nicht herausgefunden. Das Lesezeichen steckt aktuell auf Seite 25 der 73-seitigen Gebrauchsanleitung. Damit wäre zumindest das Kapitel „Grundlegende Bedienung“ mal geschafft.

Meine Freundin, im Winterschlaf von Schlepp-Geräuschen, halblauten Flüchen und erstaunten „Ahs“ und „Ohs“ meinerseits gestört, hat mich mittlerweile für gaga erklärt. Denn ich habe, weil mir die Nutzung der CD- und Plattenspieler-Anschlüsse per AV-Receiver – man muss nur die „Zone 2“-Beschallung aktivieren, tunlichst im „Pure Audio“-Modus, aber das ist auch eine Wissenschaft für sich – einfach zu umständlich erscheint, noch ein Elektronik-Trumm im TV-Schrank placiert. Einen schlichten Stereo-Verstärker von Yamaha. Ohne irgendwelchen Schnickschnack. Damit klingen die ebenfalls neuen Boxen (PSB Imagine T, darüber wird noch extra zu berichten sein) ganz vorzüglich. Fernsehen tu’ ich eigentlich eh fast nie.

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5 Antworten to “Winterschlaflosigkeit”


  1. […] This post was mentioned on Twitter by Walter Gröbchen, Walter Gröbchen. Walter Gröbchen said: Winterschlaflosigkeit im Maschinenraum: http://t.co/BFWLtxY #Technik #Onkyo #Presse #am #Sonntag […]

  2. Pixel Bros Says:

    Why do I need TV when I’ve got T-Rex


  3. Zauberkisten wie der Onkyo TX-SR608E sind ein Ausdruck einer fast kindlichen Lego-Bauklötzchen-Mentalität: Gebaut wird nicht das, was nützlich oder sachlich wünschenswert ist, nein! Gebaut wird, was mit den vorhandenen Bausteinen und Technologien gerade noch möglich ist. Je mehr und je bunter, umso besser! Auch wenn’s keiner braucht und keiner benützen kann: Hauptsache es ist da!

    Aber andererseits: Ist’s nicht auch in unseren Autos, Smartphones, Fernsehern, Macs und PCs mittlerweile so? Letztens im Airbus A340-400 von Singapur nach Wien ging die Lesebeleuchtung nicht weil … weil … weil der Inflight-Entertainment-Server abgestürzt war. So gab’s nicht nur 36 Audioprogramme und 24 Kinofilme und 12 TV-Programme nicht sondern auch kein bisschen oldschool retro Lesen.


  4. […] mit aufreizender Ironie. “Wofür brauchst Du schon wieder so ein Kastl? Da stehen doch schon mehr als genug herum!” ist eine Standardansage in unserer […]


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