Schleichweg und Überholspur

12. Februar 2011

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (97) Das Zwei-Klassen-Internet kommt. Kommt es wirklich?

Wäre ich gemein, würde ich an dieser Stelle die Vermutung placieren, dass die Chefetagen der hiesigen Telekommunikations-Unternehmen – allen voran die Nachfolgerin der alten Post- & Telegraphen-Verwaltung, die Telekom Austria – im Moment mit ganz anderen Dingen beschäftigt sind. Das gilt übrigens auch für die staatliche Aufsichtsbehörde RTR.

So aber kann ich mich zurücklehnen und mit einem milden Lächeln auf den Lippen ein Posting aus dem „Standard Online“ zitieren: „Seit Jahren kommuniziert die TA in der Werbung, das „beste Netz“ Österreichs zu haben. Jetzt wollen ihr alle einen Strick daraus drehen.“ Touché! Eventuell sollte man dem Anonymus noch nachträglich ein „Positionierungspapier“, einen millionenschweren Consulting-Vertrag oder sonst irgendeine kundenbindende Nettigkeit anbieten.

Mir als kleinem Kunden geht es aber tatsächlich, ganz ohne Zynismus, um das beste Netz. Insofern wird man gleich hellhörig, wenn nun hinausposaunt wird, es gäbe ein dringendes Verlangen nach einem „Zwei-Klassen-Internet“. Eines, das, hm, etwas langsamer ist. Und ein zweites, privilegiertes, schnelleres. Wie bitte? Die Unternehmensberatung A.T. Kearney wird zu dem Thema schon mal strategisch vorgeschickt und postuliert in einer Studie: „Das Internet braucht ein neues Geschäftsmodell.“ Warum?

Weil man, wenn man die transportierten Datenmengen hochrechnet, allein in Europa in den nächsten Jahren 28 Milliarden Euro in den Netzausbau investieren müsste. Und nur fünf Prozent der Internet-Nutzer (nennen wir sie die „A-Klasse“, auch wenn sie im Kinderzimmer nebenan sitzt) achtzig Prozent der Gesamtkapazität belegen. Die sollen dann halt in Hinkunft mehr löhnen. Die Inkasso-Idee ist alt, jetzt wird sie wieder mal aus der Schublade geholt.

Der Status Quo: weltweit gilt die „Netzneutralität“. Alle Bits und Bytes, egal welchen Inhalts und Umfangs, von welchem Absender oder mit welchem Empfänger, müssen gleich behandelt werden. Natürlich zahlen Kunden empfängerseitig schon jetzt für Highspeed-Breitband-Anschlüsse und unbegrenzte Downloadvolumina. Aber die Erkenntnis, daß sich die unaufhaltsame Konvergenz zwischen Festnetz und Mobilfunk rechnen muß und Videos und TV am PC und Handy – die eigentlichen Kapazitätskiller, die zugleich die grössten Attraktionen sind – ja nicht ins Ruckeln und Stocken geraten dürfen, wenn man weiter mit der Bequemlichkeit der Konsumenten Milliarden scheffeln will, vereint Telekommunikationsgiganten und – überraschenderweise – auch Content-Anbieter abermals zu einem forschen Schulterschluss.

Ich werde darüber mal mit den Servicetechnikern von AON TV und UPC diskutieren, die mich ständig im Privathaushalt und Büro besuchen. Technikpannen, Bildausfälle und Netzstörungen sind ja ewig lästig, längst aber Alltagsroutine. Ob da wirklich ein höherer Schmattes hilft?

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Eine Antwort to “Schleichweg und Überholspur”


  1. […] This post was mentioned on Twitter by Walter Gröbchen, Walter Gröbchen. Walter Gröbchen said: Schleichweg und Überholspur: kommt das Zwei-Klassen-Internet?http://t.co/IcbJOoD #Internet #Medien #Politik #Netzneutralitaet […]


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