Karl mit Karl-Heinz

23. Februar 2011

Christoph & Lollo auf Platz eins der Charts? Und ein regelrechter Hit auf Ö3? Unwahrscheinlich. Aber nicht undenkbar. Und eventuell sogar pädagogisch wertvoll.

Ich fürchte, Peter Alexander wird es verhindern. Der Lordsiegelbewahrer der „guten, alten Zeit“ – die gar so gut nicht war, ausser es gelingt, das unendliche Leid einer Ära des Faschismus, eines Weltkriegs und eines Genozids zumindest partiell durch eine heile Schlagerwelt zu ersetzen (und, ja, das gelang in diesem Land nicht wenigen) – wirkt noch über seinen Tod hinaus. Peter Alexander dominiert zum Zeitpunkt der Niederschrift dieser Zeilen die Charts. Absehbar. Und auf „YouTube“ schauen sich massenhaft verwunderte Jugendliche und nostalgietrunkene Erwachsene Ausschnitte aus Heimatfilmen und TV-Shows der achtziger Jahre an. Ein letzter Gruss eines Entertainers, der in seinen letzten Lebensjahren von den Umbrüchen der Medien- und Musikwelt partout nichts mehr wissen wollte. Und von persönlichen Schicksalsschlägen gezeichnet war. Er ruhe in Frieden.

Was aber wird Peter Alexander selig verhindern? Oder auch nicht? Eher: zweiteres. Mittel- bis langfristig nämlich: den Einbruch der Realität in die ewige Hitparade des Eskapismus. Unter all die David Guettas, Andrea Bergs und trackscheissenden „Helden von morgen“, die eventuell heute schon wieder von gestern sind, könnten sich verstörende Elemente mischen. Solche, die mit Gitarre, Computer und Mundwerk unbequeme Wahrheiten verkünden. Solche, die ernsthafte Anliegen haben und gesellschaftliche Probleme beim Namen nennen. Solche, die dem Alternative-Streichelzoo von FM4 zugerechnet werden, sich plötzlich aber auch in den „Ö3 Austria Top 40“ breit machen. „Tschuldigung“ für die Störung sagen etwa Christoph & Lollo.

Auf ihrem neuen, sechsten Album haben sich die ehemaligen notorischen „Schispringerlieder“-Macher einem breiteren Themenspektrum zugewandt. Etwa dem „Karl-Heinz“. Das bitterböse Liedlein über den ehemaligen Finanzminister der Republik, der mittlerweile als Steuersünder enttarnt ist, ist schon seit dem Jahr 2009 ein Hit. Auf „YouTube“ wurde das Video über dreihunderttausendmal abgerufen. Und auf Facebook hat eine Initiative webaffiner Aktivisten dazu aufgerufen, „Karl-Heinz“ nunmehr an die Spitze der offiziellen Charts zu hieven.

In Zeiten blutiger, Web 2.0-getriebener Volksaufstände ein vergleichsweise harmloses Unterfangen, seinem Ärger Luft zu machen. Würde aber „Karl-Heinz“ auch nur ein einziges Mal auf Ö3 laufen – die Comedy-Abteilung des Senders ist ja auch nicht gerade unlustig unterwegs –, wären gröbere Irritationen im Parlament und in den hiesigen Parteizentralen nicht auszuschliessen. Mit entsprechender Folgewirkung.

Natürlich gilt auch für Karl-Heinz G. die Unschuldsvermutung. Noch viel mehr gilt aber die Unmutsverschuldung: der eitle Feschak ist zur Symbolfigur einer saturierten, korrupten, schlaumeierischen Nomenklatura geworden, das das Vertrauen in Öszerreichs Politik und Justiz systematisch unterminiert, wenn nicht vielfach endgültig ruiniert hat. Wenn nun die Popkultur dieses Landes – von Kabarettisten über Bänkelsänger bis zu Hobby-Filmplakat-Gestaltern (Stichwort: #grassermovies) – antritt, das schiefe Bild wieder geradezurücken, darf das als notwendiges kultur- und realpolitisches Statement gewertet werden. Als täglicher Protestsongcontest. Als staatsbürgerliche Notwehrmassnahme.

Der Karl mit „Karl-Heinz“ ist so gesehen bitterer Ernst. Und trotzdem ein Spass. Der eventuell sogar klammheimlich Peter Alexander gefallen hätte.

P.S.: Stichtag für die Charts ist der 25. Februar. Es reicht schon, „Karl-Heinz“ als einzelnen Song von iTunes oder Amazon runterzuladen, um Christoph & Lollo die Chance zu geben, einen echten Schlager zu landen. Punktgenau.

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2 Antworten to “Karl mit Karl-Heinz”

  1. lalelu Says:

    hm, ja, ein klares Statement zu KHG schien wieder in zu sein… Und immer wenn so etwas passiert, gibt es auch schon wieder die dazugehörende Gegenposition. Es wird wohl nicht mehr allzu lang dauern bis der Karl mit Karl-Heinz vorbei ist, weil wir in der KHG’schen Postmoderne gelandet sind. Christoph&Lollo wünsch ich allerdings viel Glück ;)


  2. […] This post was mentioned on Twitter by Walter Gröbchen, monkey. . monkey. said: Schlager für Fortgeschrittene. http://fb.me/SjJ1f8nO […]


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