Reden und Schweigen

2. April 2011

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (103) „Fortschritt wäre wunderbar – wenn er einmal aufhören würde.“ Meinte Robert Musil. Und wir?

Vorgestern war ich bei einem Vortrag. An der Donau-Universität in Krems, wo StudentInnen, Manager und Vortragende zum wiederholten Male den Status Quo der Musikwirtschaft durchkauten. Der ist im Digitalzeitalter weithin von Pragmatismus und Ratlosigkeit geprägt, aber das ist nichts Neues.

Denkwürdig fand ich das Abschluss-Referat von Alexander Zeitelhack, seines Zeichens „erfahrener Spezialist für visionäres Denken und innovative Konzepte“ (wie man auf der Homepage des Mannes nachlesen kann). Zeitelhack sprach über den „rechten Umgang mit dem Fortschritt“. Sein Vortrag war kurzweilig, erfrischend, brillant. Oberflächlich betrachtet. Denn wenn man zusammenfassen müsste, worum es eigentlich ging und welche Fragen tiefgehender erörtert oder gar ansatzweise gelöst wurden, muss ich leider passen. Aber vielleicht habe ich ja auch nicht verstanden, was der Consultant mit der sanften NLP-Stimme mir da erzählt hat. Es klang toll und kühn, bisweilen auch tollkühn: eigentlich sind die grossen Probleme der Menschheit – Energieversorgung, Armut, Überbevölkerung et al – längst gelöst. Wir wissen es nur noch nicht. Also: zumindest nicht alle.

Warum ich Ihnen das erzähle? Weil ich mir in diesem Kontext drei Sätze notiert habe, die ein gewisses Aha-Erlebnis bewirkten. Erstens: „In Zeiten grosser Veränderung ist die Erfahrung unser grösster Feind“. Warum sich Herr Zeitelhack dann explizit als „erfahrener Spezialist“ für Visionen präsentiert, ist eine gute Frage. Doch nebensächlich. Denn natürlich lassen sich mit dem Wissen von heute die Techniken von morgen zwar extrapolieren, aber nicht präzise in ihren (Aus-)Wirkungen voraussagen. Zudem ist, zweitens, „der Fortschritt eine Kränkung für den Menschen“. Diese These der Psychoanalytikerin Margarethe Mitscherlich umfasste elegant den weiten Bereich der Skeptiker, Bremser und Fortschrittsgegner. Die werden ja in gewissen Kreisen gar nicht gern gesehen.

Und dann fiel da noch ein dritter Satz: „If you understand everything you must be misinformed“. Ausgewiesen wurde der Sinnspruch als japanische Weisheit. Das ist in Zeiten wie diesen nicht unheikel. Die Öffentlichkeit giert nach Information, auch wenn z.B. Strahlenwerte aus Fukushima für 99,9 Prozent der Weltbevölkerung vollkommen abstrakte Zahlen sind. Wir wissen, dass wir – wiewohl wir alles, wirklich alles verstehen wollen – nichts wissen. Oder wissen Sie mehr?

Apropos: warum ich in einer Technik-Kolumne nichts über die akuten Gefahren und Perspektiven der Atomenergie – die ja zu einem nicht unerheblichen Teil all die hübschen Maschinchen, Geräte und Gadgets antreibt, über die hierorts regelmässig zu lesen ist – schriebe, fragte mich unlängst ein Freund. Weil Demut und Schweigen, so meine Antwort, bisweilen mehr sagen.

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