Datenmüll

7. April 2011

Die CD mag und mag nicht von der Bildfläche verschwinden. Vinyl kehrt zurück wie einst Godzilla. Hochauflösende Download-Formate klopfen an die Hintertür. Und selbst das MP3-Format feiert fröhliche Urständ’. Und bald 25. Geburtstag. Hauptsache, die Musik spielt.

Die CD ist endgültig tot. Sage nicht ich. Sagt Bertelsmann. Genauer: Rolf Buch, Chef der Bertelsmann-Dienstleistungssparte Arvato, die mit 64.000 Mitarbeitern u.a. das Sonopress-Werk betreibt, die hauseigene Compact Disc-Herstellung. Buch sagt es vorsichtig: „Die CD-Produktion in grosser Stückzahl steht perspektivisch vor dem Ende.“ Und das auch erst anno 2020. Danach sieht der Manager nur mehr ein Nischendasein für den silbrigglänzenden Datenträger.

Wir wissen natürlich: kein neues Medium verdrängt ein altes vollständig. Was zu der kuriosen Situation führt, dass der Schreiber dieser Zeilen zwar digitale, trägerlose Formate seit Mitte der neunziger Jahre kennt, schätzt und nutzt, zugleich aber weiterhin munter CDs produziert und auf den stetig schrumpfenden Markt wirft. Dazu gesellt sich zunehmend die noch antiquiertere Schallplatte: Vinyl ist auch für jüngere Fans und Käufer wieder attraktiv geworden. Tolle Covers, wertige Zugaben (vom MP3-Download-Bon bis zur Extra-CD) und anheimelnd analoge Klangqualität sind Argumente. Und die strikt limitierten Auflagen – selten mehr als 1000 Stück – adeln die Scheiben á priori zu Sammlerstücken, die im Wert nur steigen und steigen können. Da hat man was in der Hand!

In der Tat: nicht oft hat mir ein Tonträger solche Freude bereitet wie das Ginga-Album „They Should Have Told Us“, das wir jetzt auf dringendes Anraten der Freunde vom Substance Record Store auch als Vinyl in die Auslage stellen. Und ich wette, der vergleichsweise riesige „Saturn“ auf der Mariahilferstrasse schlichtet die Scheibe ebenfalls in die neuen LP-Regale. Man fühlt sich fast schon wie Anfang der achtziger Jahre beim „Why Not“ oder „Ton um Ton“, den legendären Musik-Dealern Wiens.

Jede Wette, dass man auch CDs über das Jahr 2020 hinaus verkaufen kann. Und heute weit mehr davon über den Ladentisch reichen könnte, wenn man denn wollte. Sofern man die Dinger grafisch adrett gestaltet und wertig verpackt (Plastikschachteln waren seit jeher keine gute Idee), mit kompetent getexteten Booklets und bester Klangqualität ausstattet und von kundigem Verkaufspersonal am gut sortierten „Point of Sale“ anpreisen lässt. Letzteres ist eher selten geworden. Der Verkaufsort hat sich auch drastisch gewandelt: bei Live-Konzerten von Ernst Molden & Willi Resetarits z.B. gehen durchaus mal ein paar dutzend (oder hundert, wie im Museumsquartier selbst beobachtet) CDs weg. Und LPs. Gern von den Künstlern höchstpersönlich signiert.

Währenddessen sind die CD-Abteilungen in Ketten wie Libro oder Kaufhäusern wie Müller oft gähnend leer. Mit Meterware und Mainstream-Kram werden zwar auch Emotionen verkauft, aber von der Zielgruppe zunehmend ignoriert. Wer seine Lieblingsmusik nur mehr auf dem Handy oder Laptop mit sich herumträgt, braucht einfach keine Kompakt-Staubfänger und Oldie-Datenträger. Die mit hunderten Gigabyte an MP3s zugemüllten Festplatten daheim beeindrucken aber dito niemanden mehr.

Apropos: im nächsten Jahr, anno 2012, wird das MP3-Format auch schon wieder 25 Jahre alt. Fünf-und-zwanzig! Man muss sich diese Jahreszahl auf der Zunge zergehen lassen. 1987 führte der junge Forscher Dr. Karl-Heinz Brandenburg am Fraunhofer Institut in Erlangen den Datenkomprimierungs-Algorithmus erstmals vor. Als tönendes Beispiel hatte man sich das Accappella-Stück „Tom’s Diner“ von Suzanne Vega auserkoren. „Es klang, als ob jemand am linken und rechten Ohr kratzt“, erinnert sich der Vater der Audio-Technologie. Die Künstlerin erfuhr erst viele Jahre später davon, als eine Freundin zu ihr sagte: „Gratulation, Du bist die Mutter von MP3!“.

Rasch wurde daraus eine Kindesweglegung: nicht wenige KünstlerInnen beschwerten sich über die „Ersatzdroge“ und fragwürdige Tonqualität des datenreduzierten Formats (das ursprünglich ja nur für begrenzte Leitungs- und Speicher-Kapazitäten entwickelt worden war), das US-Musikmagazin „Rolling Stone“ verkündete bereits den „Tod der High Fidelity“. Ein über sechs Jahre (!) hinweg angelegter Hörtest an der Universität Stanford hingegen erbrachte erstaunliche Ergebnisse: die Studenten bevorzugten das MP3-Format gegenüber der CD. Komprimierung als positive Verzerrung der Realität? Alles nur eine Frage der Hörgewohnheiten, analysieren Experten. Alles nur eine Frage des Angebots, meinen Marketingmanager (das sollte auch audiophilen Download-Stores und Hochbit-Formaten eine Chance geben).

Müssen wir wieder hören lernen? Ist das grösste Problem der Musikindustrie – zumindest in punkto Klangqualität, sonst kennt sie ja noch weit grössere Probleme – nicht der drastisch schrumpfende Dynamikumfang neuer und neuester Aufnahmen? Wann kommt der erste österreichische Online-Store für hochauflösende Download-Formate? Kauft Apple Spotify? Überlebt dann Simfy? Was wird aus AAC? Dürfen wir bald mal mit MPEG Surround rechnen? Werden die neuen HiFi-Streaming Devices – von Marantz bis Pro-Ject, von Linn bis Yamaha – alle Kopierschutz-Restriktionen und Format-Inkompabilitäten links liegen lassen? Was wird aus dem Thema High End? Hat sich der Austro-Popper Peter Cornelius – wenn man an die kommenden „Cloud Services“ von Amazon, Google & Co. denkt – als Prophet erwiesen, als er einst „I leb‘ in ana Wolk’n“ sang? Und was macht Walter Gröbchen im Vorstand des kuriosen Vereins AAAA (Analogue Audio Association Austria)?

Fragen über Fragen. Nur eines ist gewiss: ab sofort beginnt das Zeitalter der MP3-Nostalgie.

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2 Antworten to “Datenmüll”


  1. […] Marketingbudgets und Medienaufmerksamkeit gespeisten produktimmanenten Strahlkraft tolldreist zum Gerümpel von gestern zu erklären (und die leerwerdenden Regalmeter genau wofür zu nutzen?), erscheint mir […]


  2. […] der Tonträger, die vor gerade mal dreißig Jahren noch das Nonplusultra der digitalen Moderne verkörperten. Motto: „Ich habe alle CDs entsorgt und bin ein glücklicherer […]


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