Hip, hipper, Hipstamatic

16. April 2011

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (105) Nervt es, wenn „Hipstamatic“ teuren Spiegelreflexkameras und qualitätsbewussten Foto-Profis die Aufmerksamkeit raubt?

Ich habe beschlossen, eine Kamera herzuschenken. Eine solide, wertige, gute. Und zwar mir selbst. Zum Geburtstag. So lässt sich ein halb rationaler, halb von purer Lust und Laune getriebener Wunsch im Jahres-Ausgabenreigen rechtfertigen.

Nun stellt sich noch die Frage: was darf’s denn sein? Eine Vollformat-Spiegelreflex, bei der das Kameragehäuse („Body“) im Vergleich zu den horrend teuren adäquaten Objektiven noch der günstigste Kostenfaktor ist? Ein – auch nicht billiges – Mittelklasse-Modell? Wenn ja, von Canon oder Nikon? Sony (einst: Minolta), Pentax, Olympus hab’ ich biografisch schon durch: keine schlechten Kameras. Aber die Verkaufszahlen des japanischen Spitzen-Duos sprechen eine klare Sprache. Wie wär’s alternativ mit einer der neuartigen spiegellosen Systemkameras von Ricoh, Panasonic oder Samsung? Oder gar einer Leica?

Nach langem Hin- und Her hab’ ich mich entschieden, jetzt mal eine Canon EOS 60D und eine Nikon D5100 zu testen. Letzteres Modell ist so neu, dass es noch gar nicht wirklich lieferbar ist. Beide sind Kameras für den, wie man so sagt, „ambitionierten Amateur“ und können einiges mehr als nur gestochen scharfe Fotos schiessen. Full-HD-Filme drehen etwa. Da müsste schon das eine oder andere hobbyistische Musikvideo abfallen. Aber, gemach: solch eine Entscheidung verlangt eine gewisse Bedachtnahme, Spontankäufe sind in der Klasse nicht mehr drin. Letztlich hängt ein ganzer Rattenschwanz an absehbaren Folgeinvestitionen dran.

Und dann ist da noch ein Nebenaspekt. Einer der eher kuriosen Sorte. Früher konnte man ja mit teuren Kameras und wunderbaren Bildern, die man sorgfältig entwickelte und vergrösserte bzw. in Photoshop auf Maximalwirkung trimmte, Freund’ und Feind beeindrucken. Nachhaltig. Früher. Heute sitzt die Bekannten- und Gratulantenschar im Garten rum – und fotografiert sich gegenseitig mit iPhones und sonstigen smarten Handies. Vorzugsweise mit der „Hipstamatic“-App, die das Mobiltelefon per Digitalfilter zur Zeitmaschine macht. Ja, eh lustig, die Schnappschüsse sehen aus, als wären sie mit einer billigen Pocketkamera anno 1972 geschossen worden. Überstrahlt, farbuntreu, psychedelisch-grell. Aber stimmungsvoll.

Der „Hipstamatic“-Retro-Trend grassiert unter Bobos und Nachwuchs-Andy Warhols nun schon einige Zeit. Und wird allmählich zur Plage. Was sagt eigentlich die Canonikon-Fraktion dazu, wenn „Ahs“ und „Ohs“ vorrangig billigen Fun-Effekten gelten? Sich in stiller, zen-buddhistischer Verweigerungshaltung ausschliesslich vollendeter Architektur-, Stilleben- und Naturfotografie zu widmen, ist ja auch kein Ausweg. Zumindest nicht aus meinem Blickwinkel.

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6 Antworten to “Hip, hipper, Hipstamatic”

  1. Reinhard Haberfellner Says:

    Würde mir unbedingt die DMC-GH2 von Panasonic ansehen , ist zumindest bei mir der Favorit auf der Wunschliste .

    Reinhard

  2. lorenzszabo Says:

    Haha, gute Kolumne!

  3. kap Says:

    Dem Stilbewusstsein und Sachverstand des Autors entsprechend kommt hier nur eine Kamera in Frage: Finepix X100
    http://www.finepix-x100.com/

  4. kap Says:

    Nachtrag: Seit dieser Woche ist die Finepix X100 im gutsortierten Fachhandel erhältlich! Selbst schon zugeschlagen, und sehr begeistert.


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