Das Justin Bieber-Syndrom

23. April 2011

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (106) Seltsam, wenn Journalisten meinen, dem „Facebook-Mob“ moralisch überlegen sein zu müssen. Oder tatsächlich zu sein.

Noch einmal schreibe ich nicht darüber, das Thema hängt mir schon zum Hals raus. Ihnen hoffentlich ja nicht. Aber es ist schon erstaunlich, wie sich alte und neue Medien wechselseitig hochschaukeln, wenn es um die – hochgradig emotional besetzte, doch im Vergleich zur Katastrophenlage in Japan, Syrien, Libyien et al vergleichsweise nebensächliche – österreichische Innenpolitik geht. Konkret um die Besetzung eines Staatssekretärpostens mit dem 24-jährigen „Justin Bieber der Politik“ names Sebastian Kurz.

Lassen wir die Debatte, ob Kurz geeignet und gebildet genug ist für solch ein gewichtiges Amt, beiseite; sie hat hierorts nichts verloren. Lassen Sie uns stattdessen über die Funktion von Medien reden, über Techniken und Strategien der Meinungsmanipulation und über mein Erstaunen über das Erstaunen nicht weniger Journalistenkollegen.

Den „Justin Bieber“ etwa – der Name steht für eine (nicht ganz unbegabte) Star-Marionette der US-Musikindustrie, die damit automatisch auch den Spott und Hass von Postern, Bloggern und Social Media-Usern auf sich zieht – habe ich den „Salzburger Nachrichten“ entnommen (dort schreibt er sich „Biber“). Deren Redakteur wiederum hat das klebrig-böse Synonym der Facebook-Gruppe „Ich mach’ den Integrationsstaatssekretär bei Humboldt“ entliehen. Um damit das Tohuwabohu rund um den Pro- und Contra-Kreuzzug, der „Biber“ Kurz seit seiner Ernennung begleitet, zu illustrieren. Ohne diese explizite Print-Hervorhebung wäre der Vergleich in einem von hunderten spontan entstandenen Threads online untergegangen. Ich jedenfalls hätte ihn als Leider-nein-Mitglied des „Humboldt-Freundeskreises“ (wohl eher: Feindes-Heerlagers) eher nicht zu Gesicht bekommen.

So profitiert der Moralist vom vermeintlichen Anti-Christ. Was in den „Salzburger Nachrichten“ noch fehlte (aber andernorts natürlich prominent ins Blatt gerückt wurde), war ein entsprechender Kommentar. Von wegen: ekelhafte Kampagne, 100-Tage-Schonfrist, Klassenkampf, lauter frustrierte Trolle, Neider und Web-Wichtigtuer. Nur das geflügelte Wort von den „unqualifizierten“ Stimmen aus dem Volk wäre unangebracht gewesen: denn von Erfahrung, Kompetenz und Qualifikation kann hier peinlicherweise tatsächlich keine Rede sein.

Eigentlich bedarf es – die Kurz-Geschichte ist dafür ein probates und aktuelles Exempel, aber schon die Causa Guttenberg war es oder der Wikileaks-Komplex – nicht einmal besonderer Sensibilität oder aussergewöhnlicher technischer Aufgeschlossenheit: Facebook, Twitter & Co. sind äusserst markante Indikatoren für gesellschaftliche Stimmungslagen. Und gehören längst zum Alltag jedes Medienprofis. Die Lage ist klar: die Apathie und Politik-Verdrossenheit weiter Kreise der Bevölkerung kippt allmählich in aggressive Ablehnung des Systems an sich. Die Gründe dafür liegen auf der Hand. Wer sich also über das, was in Social Media-Kanälen so läuft, nur wundert (oder klischeehaft eine von aussen gesteuerte „Kampagne“ ortet), eignet sich nicht zum Innenpolitik-Redakteur im Speziellen. Und zum Zeitgeist-Kommentator im Allgemeinen. Eventuell gerade noch zum einsamen Mahner und wunderlichen Moralapostel, an dem links und rechts die Massen vorbeiströmen, woher und wohin auch immer.

Damit zum Punkt: Spötter und Zeilenschinder in den Old School-Medien, die aus Egozentrik und professioneller Lust an Polemik letztlich höchstpersönlich Profit schlagen (abzulesen u.a. am Gehaltszettel), mögen sich bitt’schön nicht über das gemeine Volk erheben. Oder gar zu Kreuzrittern und Edelfedern adeln, die vox populi 2.0 kommentieren, kanalisieren oder gar abmahnen müssten. Diese Zeiten sind vorbei. Die Mehrheit des Journalisten-Clubs ist auch nicht besser als die Online-Spass-Guerilla. Oder treffsicherer. Vom Witz ganz zu schweigen.

Oder, wie es eine Facebook-Freundin formulierte: „Es gibt einen Unterschied zwischen bösem Schmäh, harter Kritik und Mob-Rausch. Jeder muss selbst reflektieren, ob er noch intellektuell bei der Sache ist oder in ein Mobverhalten kippt. Mobs sind das Letzte. Das Allerletzte.“ Gültigkeit: allseits. Und jetzt soll und kann Staatssekretär Kurz zeigen, was er drauf hat. Oder auch nicht.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: