Archive for Mai, 2011

Sehnsucht nach dem Grossen Bruder

29. Mai 2011

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (111) Die „Vorratsdatenspeicherung“ eint russische Diktatoren und heimische Parlamentarier.

Zum Thema „Vorratsdatenspeicherung“ habe ich mich bislang nicht geäussert. Darüber schreibt sich’s nicht so locker und flockig wie über ein neues Produkt oder ein wunderliches, aber nebensächliches Gadget. Es geht um bürgerliche Grundrechte. Und die betreffen nun einmal jede(n) von uns. Höchstpersönlich.

Vor wenigen Wochen beschloss man im Parlament – auf Druck der EU, die bereits mit Strafen gedroht hatte – eine Bestimmung, die Telekommunikationsunternehmen verpflichtet, alle Verbindungsdaten für sechs Monate zu speichern. Damit wird der „gläserne Mensch“, dessen Intimsphäre für jeden Mistelbacher Polizeibeamten einsichtig ist, Realität. Denn in Verbindung mit entsprechenden Ermächtigungsgesetzen, die z.B. das Abhören von Telefonen oder Abfragen von Daten auch ohne „Anfangsverdacht“ und Genehmigung eines unabhängigen Richters gestatten, ist dem Missbrauch komplexer Möglichkeiten Tür und Tor geöffnet. Die Lebenserfahrung, aber auch aktuelle Fälle wie dieser, dieser oder dieser sagen uns: was technisch möglich ist, wird auch getan und genutzt. Allen Regulativen, Schranken und Bekenntnissen zum Trotz.

Warnungen vor dieser Entwicklung lieferte sogar der Verfassungsdienst des Bundeskanzleramtes (!), der die neuen Regulative als „nicht nur unverhältnismässig, sondern auch mit ernsten Gefahren für die Privatsphäre, Meinungs- und Pressefreiheit der Bürger insgesamt verbunden“ sieht. Trotzdem besiegelten SPÖ und ÖVP das Gesetz. Man müsste jede einzelne Abgeordnete und jeden einzelnen Abgeordneten der betreffenden Parteien fragen warum. Paranoia? Terror-Angst? Tierschützer-Traumata? EU-Devotheit? Sehnsucht nach dem Grossen Bruder?

Keine vier Wochen später werden in Weißrussland – das ist keine tausend Kilometer entfernt – Oppositionelle abgestraft, die gegen den Präsidenten Alexander Lukaschenko („Europas letzten Diktator“, so „Die Presse“) protestiert hatten. Bei einer Demonstration in der Hauptstadt Minsk. Und dabei den Fehler machten, das Mobiltelefon eingeschaltet zu lassen. Die Polizeibehörde wertete die Daten aus und verhaftete hunderte Aktivisten. Auch solche, die sich nur zufällig auf den Schauplatz des Geschehens verirrt hatten. Personen- und Rufdaten kamen von der Telekom Austria, die in Weißrussland über ihre Tochterfirma Velcom 4,4 Millionen Kunden betreut. Marktanteil: knapp 42 Prozent. Grösster Einzelaktionär: der Staat Österreich. Das ist nicht „peinlich“. Das ist eine unfassbare Schande. Und ein probates Exempel dafür, wie soetwas – technologisch, juristisch, gesellschaftlich – funktioniert. Auf Knopfdruck.

Natürlich hat Velcom die Daten nicht vorsätzlich, absichtsvoll oder gar gefragtermassen zur Verfügung gestellt. Man muss einfach nur eine „technische Schnittstelle“ zu den Handlangern des Regimes bereithalten (und diese Schnittstelle ist natürlich umso effektiver und effizienter, wenn sie auf monatelang vorrätig gehaltene Daten zugreifen und sie verknüpfen kann). Von Gesetzes wegen. Das ist in Österreich nun nicht anders. Grundsätzlich. Mit Glück eventuell noch graduell.

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Südseeträume im Cyberspace

26. Mai 2011

Wenn es je einen österreichischen Pop-Roman gibt, der Sex, Drugs & Rock’n’Roll, Tragödie und Komödie, Genie und Wahnsinn glaubhaft zusammenführt, dann kann er nur von Ronald Iraschek handeln. Alias Ronnie Urini. Alias Ronnie Rocket.

„Kriechtier im kruden Metropolis Morast / im schwülen Schlammbad am sumpfigen Flammpfad / Mammuts in kontaminierter Luft / Neonmotten im Überschallduft / abgefüllt im Monadentraum / im freien Fall durch monströsen Raum…“

Pardon, aber auf solche Textzeilen kommt nicht jede(r). Im näheren Umkreis eigentlich nur einer: Ronald Iraschek. In all seinen Inkarnationen. Fragen Sie nicht nach den Ingredienzien, die die bizarre Phantasie dieses Kerls beflügeln. Fragen Sie auch nicht nach einem aktuellen Hochglanzfoto. Folgen Sie einfach der Story, die dahintersteckt (und jetzt eine unerwartete Fortsetzung findet).

Geboren am 3. März 1956 in Krems an der Donau, studierte unser Heroe in spe Germanistik, Anglistik, Astronomie und Astrophysik. Weit kam er nicht: auf die Frage, welche Vorbildung er für letztere Studienfächer besässe, folgte der Hinweis auf die Lektüre unzähliger Perry Rhodan-Romane. Und postwendend der Rauswurf. Ein Umstand, der den Umstieg auf das Charakterfach „Rock-Star“ begünstigte und beschleunigte. Ein Job mit Zukunftsaussichten: als Plattenverkäufer, Maulheld, Schlagzeuger, Sänger und Bandleader hinterliess der Neo-Wiener und Herzens-Linzer unter dem Pseudonym Ronnie Urini eine markante Duftspur im Underground.

Austro-Pop/Punk-Kleinode wie „Niemand hilft mir“ (die beste deutschsprachige Single ever!, der suizid-fördernde Text stammt von Konrad Bayer), „Frozen Seas of Io“ (gemeinsam mit The Vogue, No.1 der Ö3-Charts!) oder „Südseeträume“ (gemeinsam mit der Rucki Zucki Palmencombo) entstammen Urinis Ganglien oder entstanden unzweifelhaft unter seiner Mitwirkung. Mit The Vogue verhalf er der Sixties-Psychedelik zu einem kleinen Comeback, versuchte die Neue Welle zu reiten und traf schliesslich in der Dichter-Legende H.C. Artmann einen Seelenverwandten und Textsteinbruchbesitzer.

Danach, etwa Mitte der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, folgten Hits wie „Summer Wine“ oder „Sail Ship“, aber auch der langsame Abstieg in die Niederungen der Realität. Und ein unaufhaltsames Sich-Verstricken in wilde Rock’n’Roll-Tagträume. Iraschek alias Urini alias Rocket – letzterer Name weist deutlich auf die chrom-lackierte „Cyberpunk“-Phase hin – sah sich gemeinsam mit Mars Bonfire, dem legendären Autor von „Born To Be Wild“, an der Spitze der Hitparaden von Hawaii und Hollywood, kassierte vermeintlich Preise und internationale Trophäen sonder Zahl, schrieb Lieder für Chet Baker, Marianne Faithful, Astrud Gilberto und Nancy Sinatra und stand angeblich auf der Bühne mit Steppenwolf, Nico und Velvet Underground. Wer mag hier schon kleinkrämerisch Fiktion von Fakten trennen?

In den letzten Jahren, als es still und stiller um „Österreichs einzigen Rockstar“ (so das einigermassen ironiefreie Selbstbild Ronnie Rockets) wurde, arbeitete er – neben anderen mysteriösen Projekten – an der zeitgenössischen Tondichtung und Musiktheaterproduktion „Rocket-Bar“, einem „Cosmical angesiedelt beim Raumhafen von Flamm-Stadt mit kristalliner neuromantischer Lyrik“. Ronnie kann es nicht lassen. Retro-Zukunftsmusik forever! Auf der Bühne ist der Mann übrigens ungebrochen ein Berserker.

Nun gilt es, einen weiteren Höhepunkt im Oeuvre von Iraschek/Urini/Rocket anzukündigen (und deuten Sie nicht an, ihn eventuell als Endpunkt sehen zu wollen, dann wecken Sie dämonische Mächte!). „Fire Waves“, eingespielt mit der Wiener Beat-Combo The Subcandies, ist ein Dokument eines unbeugbaren, lebendigen, ewigen Irrlichts. Ein Baustein eines Gesamtkunstwerks? Eventuell gar ein Comeback? Das Album erscheint jedenfalls als Doppel-CD gemeinsam mit einer „Best Of“-Kollektion („20th Century Hits“) der letzten dreissig Jahre, strikt limitiert auf 500 Exemplare. Und klingt rauher, forscher und fordernder als alle Jungtuter zusammen. Ronnie Rocket Superstar: kein Scheiss. Sondern: Sonic Fiction.

P.S.: Am kommenden Samstag, 28.05., treten Ronnie Rocket & The Sucandies live bei „Punk Forever“ in der Szene Wien auf. Mehr Infos hier.

The Times They Aren’t A-Changin‘

21. Mai 2011

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (110) Um Bob Dylan, Neil Young oder Ernst Molden zu hören, bedarf es nicht des neuesten, nur des richtigen Instrumentariums.

Haben Sie schon überlegt, wie Sie den 70. Geburtstag des grössten Song-Poeten des 20. Jahrhunderts begehen wollen? Gesetzt denn, Sie verweigern ihm nicht grundsätzlich Tribut, weil Sie Bob Dylan seit jeher als Hippie-Kryptiker und Krächzstimme verachten (ein kapitaler Irrtum!). Wenn das aber nicht der Fall ist und Sie – eventuell befeuert von der medialen Gedenktag-Kanonade – Lust auf ein Wiederhören mit „Like A Rolling Stone“ oder „You’re A Big Girl Now“ haben, schlage ich vor, auf den Dachboden zu steigen. Oder runter in den Keller. Und die alten Vinyl-Scheiben des Meisters hervorzuholen und abzustauben. Denn mit CDs oder gar MP3s ist’s, unter uns, nur das halbe Vergnügen.

Ich selbst habe nicht nur extra eine neue Nadel für den hübschen Pro-Ject-Plattenspieler gekauft, sondern auch einen alten Verstärker. Ein ganz besonderes Ding. Und das kam so: einer meiner HiFi-Dealer meinte unlängst, er hätte da noch einige unausgepackte Kuriositäten rumstehen. Stapelweise. Seit (hüstel) Mitte der achtziger Jahre. Ja, das Gerät komme aus der ehemaligen Tschechoslowakei und sehe, gelinde gesagt, eigenwillig aus. Wäre aber für günstiges Geld zu haben. Und klinge superb. Für unter 200 Euro eine Mezzie. Sowieso.

Was soll ich sagen: ich habe das schwarze Kästchen erworben. Einen AU/RA Z1-Verstärker des längst verblichenen Herstellers Rational Audio, dessen Gründer, Ingenieur Jiri Janda, später auch für die HiFi-Weltmarke NAD konstruierte. Es gibt nur einen Ein-Aus-Kippschalter und einen Lautstärkedreher, der an einen zu dick geratenen, herausstehenden Draht erinnert. Schliesst man mehrere Geräte an, ist immer jenes zu hören, das spielt. Eventuell auch alle gleichzeitig. Aber: der Klang dieser Kiste ist wirklich phänomenal. Bob Dylans Magie erglimmt hier mit knisterndem Vinyl doppelt und dreifach. Auch der alte Klangpurist Neil Young, der ja CD- und MP3-Player kategorisch zum Teufel wünscht, wäre zufrieden. Dass dann auch noch zeitgleich das neue, pressfrische Ernst Molden-Opus („Es Lem“) ins Haus geliefert wurde, rundete die Weihestunde ab.

Sollten Sie aber als nüchterner Zeitgenosse nostalgietrunkenen Vinyl-Fetischismus verachten, holt der Verstärker-Geheimtipp auch aus Notebooks, Standrechnern und Billig-CD-Schleudern (wie abgebildet) die feinsten Obertöne heraus. Dazu ein weiterer Fingerzeig: schliessen Sie ihn nicht am Kopfhörerausgang an. Sondern hängen Sie ein USB-Audio-Interface dazwischen. Das Dr. DAC Nano von ESI etwa – kostet keinen Hunderter und verbessert die Digital-Analog-Wandlung hörbar. Auch Pro-Ject hat solche kleinen Wundertüten im Programm. Das Gekrächze von Dylan und sein(e) Aura tönen dann noch nachhaltiger. Wie für die Ewigkeit.

Ewig rollender Stein

18. Mai 2011

Die Medien-Festspiele zum 70. Geburtstag Bob Dylans lassen die Popkultur-Ikone ungerührt. Und die FM4-Generation erst recht. Oder doch nicht? Zum Status und Status Quo des bedeutendsten Singer-/Songwriters der Jetztzeit.

Es bedarf eigentlich keines besonderen Aufhängers, sich an Bob Dylan ab- und das Oeuvre des Mannes intellektuell aufzuarbeiten. Robert Alan Zimmerman, am 24. Mai 1941 in Duluth, Minnesota geboren und unter dem bekannten Pseudonym zum Leitstern der Popkultur aufgestiegen, ist seit jeher ein beliebtes „object of desire“ für Lagerfeuer-Sitzungen, Textexegesen und verschworene Dichter- und Denkerzimmer-Runden. Und selbstverständlich für Würdigungen, auch aus der Ferne – mögen sie opulent ausfallen wie im aktuellen „Falter“ oder so absehbar devot (oder eventuell doch kontroversiell?) wie bei einem noch opulenteren Symposion in der Wiener US-Botschaft („Refractions of Bob Dylan – Cultural Appropriations of an American Icon”). Die Zeitlosigkeit des zu einem beachtlichen Konvolut angewachsenen Gesamtwerks ist deckungsleich mit ihrer permanenten Aktualität.

Sogar in der Universitätsbibliothek Klagenfurt findet sich eine Magister-Arbeit über „Die surrealen Elemente in den Texten Bob Dylans“. Eines von unzähligen Werken der Sekundärliteratur, die der Meister selbst im Vorfeld seines 70. Geburtstags trocken kommentierte: „Everybody knows by now that there’s a gazillion books on me either out or coming out in the near future. So I’m encouraging anybody who’s ever met me, heard me or even seen me, to get in on the action and scribble their own book. You never know, somebody might have a great book in them.“

Den Anstrengungen der Rock’n’Roll-Buchhalter und Dylan-Interpreten tut der Spott des Meisters keinen Abbruch. Sie tragen und trugen insbesondere seine frühen Songs vor sich her „wie ein süditalienisches Dorf die mumifizierte Zehe ihres lokalen Heiligen bei einer Prozession, die von der Kirche zu den Weinkellern führt“, wie der Blogger Bernhard Torsch spitz formulierte. Hier, in der Fan-Hemisphäre des Internet, ist den hauptberuflichen Kritikern und Musikwissenschaftlern eine deutungsmächtige Konkurrenz erwachsen. „Blog Blog Bloggin’ On Heaven’s Door“ dürfte rund um den Dylan-Feiertag signifikant erhöhte Zugriffszahlen erreichen. Und das bei einer Generation, die die herausragende Rolle des Song-Poeten gerade mal als historischen Abriss nacherzählen kann. Oder Hymnen wie „Like A Rolling Stone“ – vom gleichnamigen Magazin anno 2004 zum „besten Song aller Zeiten“ gekürt – oft nur mehr vom Hörensagen kennt. Und gewiss nicht aus dem FM4-Programm. Oder von YouTube (dort ist erstaunlich wenig Original-Material zu finden). Ach ja, der alte Bob mit der krächzenden Stimme.

Der Legendenstatus ficht aber den notorischen Legendenstatus-Verweigerer und unermüdlichen Live-Darsteller seiner selbst nicht weiter an. Oder doch? Bei Konzerten, die Dylan im April dieses Jahres in Peking, Shanghai und Hongkong gab, wurden Vorwürfe laut, die US-Kulturikone – von einigen Journalisten in ihren anklagenden Artikeln hartnäckig als „Protestsänger“ geführt – hätte sich von den chinesischen Behörden zensurieren lassen. Und sich etwa nicht zur Verhaftung des Künstlers Ai Weiwei geäussert. „Dylan schwieg zunächst“, so der „Rolling Stone“ (ironischerweise in einem Blog-Eintrag namens „Beijing It All Back Home“), „wie er es eigentlich immer tut.“ Dann aber fand sich auf der offiziellen Homepage www.bobdylan.com ein Statement, das das Schweigen unterbrach. Es gab keine Zensur, so Dylan, die Konzerte seien gut besucht gewesen, und zwar hauptsächlich von jungen Chinesen, nicht US-Veteranen. Nur die Darstellung in den hiesigen Medien als ewiger Sixties-Säulenheiliger – zusammen mit Joan Baez, Che Guevara, Jack Kerouac und Allen Ginsberg – sei ihm ziemlich auf den Geist gegangen. Und letztlich sinnlos gewesen: den Konzertbesuchern von heute sagten diese Namen nichts.

„Bob Dylan möchte die Rolle als Gewissen der Nation, ja der ganzen westlichen Welt, die er aufgrund von zwei Alben Anfang der sechziger Jahre aufgebürdet bekam, endlich abgeben“, vermutet „Rolling Stone“-Autor Maik Brueggemeyer. Dieses Resümée wird – mindestens in der Apostelgemeinde im World Wide Web – nicht unwidersprochen bleiben. Denn seinerseits hat Dylan nie strikt das „Gewissen der Nation“ gegeben, weder in seinen ernst- noch schalkhaftesten Phasen.

Oder sagen wir so: der Ball blieb beim Hörer, der Sänger selbst liess alle denkmöglichen Ableitungen, Interpretationen und Relevanzschubladen offen (sieht man von wenigen eindeutigen Manifesten wie etwa „Masters of War“ ab). Das ist ein nicht geringer Teil des nachhaltigen Reizes und der werkimmanenten Sprengkraft der metaphern- und drogenschwangeren, provokant verrätselten, für Popverhältnisse ungemein komplexen und hermeneutischen Poesie Dylans. Die lustvolle Ver- und Zerstörung der Erwartungshaltung seines Publikums zählte immer zu den Trademarks des Singer/Songwriters: vom elektrifizierten Bruch mit der zart besaiteten Folk-Community beim Newport Festival 1965 („Play it fucking loud!“) über die christliche Fundamentalisten-Phase Ende der siebziger Jahre bis zur Veröffentlichung wunderlicher Weihnachtslieder-Alben („Christmas In The Heart“, 2009).

Doch solche Hakenschläge, die Dylan wohl immer auch dem eigenen Klischee entkommen liessen, unterhöhlten nicht den Status des vielleicht einflussreichsten Musikers des 20. Jahrhunderts. Im Gegenteil. Die lächerliche Gewissensfrage „Beatles oder Rolling Stones?“, die heute noch in diversen Foren und Organen der Popkultur durchexeziert wird, lässt sich mit einem lakonischen Verweis auf His Bobness abschmettern. Quasi hochoffiziös. In der „Rolling Stone“-Liste der „500 besten Alben aller Zeiten“ ist Dylan mit zehn Alben vertreten, darunter zwei in den Top Ten (und, ja, die Beatles haben insgesamt elf Alben in diesem papierenen Pantheon geparkt, aber die kleinliche Urheberschaftsdebatte zwischen Lennon- und McCartney-Parteigängern spricht einmal mehr für den grossen Einzelgänger). 2008 erhielt Dylan einen Pulitzer-Sonderpreis. Nur der Literatur-Nobelpreis steht noch aus. Seit Jahren, nein: Jahrzehnten.

Aber auch das dürfte Mr. Zimmerman herzlich egal sein. Wie der weltweit wogende Weihrauchduft zum Siebziger. Anyway: keep on rollin’, steinalter, ewig junger Bob.

Würfelpoker

14. Mai 2011

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (109) Mobile Internet-Zugänge wie der „3 Webcube“ sind hübsche Notlösungen. Höchstens.

Gäbe es soetwas wie einen Eurovisions-Contest für Bandbreiten, stünde Österreich nicht am Siegertreppchen. Sondern – Trommelwirbel! – Litauen. Während hierzulande der Ausbau von schnellen Breitband- und Glasfaserleitungen eher zögerlich vorangetrieben wird und sich Konsumenten über Netzzusammenbrüche wegen Überlastung und generell vage, an Bauernfängerei grenzende „bis zu…“-Kapazitätsangaben ärgern müssen, drückt man im ehemaligen Ostblock kräftig auf die Tube.

Teo LT, der grösste einschlägige Anbieter Litauens, hat dieser Tage bekannt gegeben, dass er den Datendurchsatz in seinem Premium-Netz auf 300 Mbps erweitern wird. Ohne zusätzliche Kosten. Beim meistgenutzten Paket sind es immer noch 100 Mbps, während man sich hierzulande schon über 30 Megabit pro Sekunde freuen darf. Und zwar gewaltig. Denn mit Investitionen z.B. in Glasfaserkabel hält man sich auf der Insel der Seligen – mit wenigen Ausnahmen, wie z.B. SilverServer oder Wien Energie – sehr zurück. Litauens Hauptstadt Vilnius ist im Kontrast dazu zu 86 Prozent mit „Fibre To The Home“ versorgt.

Oh ja, es macht einen Unterschied, ob man derlei mit Lichtgeschwindigkeit vorantreibt oder im Post- & Telegraphenamt-Schneckentempo. Glasfaser ermöglicht eine bis zu eine Million mal raschere Datenübertragung als Kupferkabel. Und erzählen Sie einem Unternehmen in einem Industriegebiet in Kärnten, Vorarlberg oder an der Peripherie Wiens, dass es sich mit unterdurchschnittlichen Telekommunikationslösungen zufrieden geben soll. Nein: muss. Wenn die IT-Abteilungen jetzt alles in die „Cloud“ auslagern, wird man sich dort nicht mit ein paar zerquetschen Megabit Up- und Download-Speed herumschlagen. Österreich hat, erklären Experten, vorrangig in den mobilen Sektor investiert und das Festnetz vernachlässigt. Fein für Privatkunden, die gerade mal ein paar e-mails verschicken. Die profitieren von den mörderischen Preisschlachten in dem Bereich. Aber für Profis ist das ein Nebenkriegsschauplatz.

Apropos: ich teste gerade den „3 Webcube“. Sie haben davon sicher schon gehört oder gelesen. Das ist ein wunderlicher weisser Würfel, der für 15 Euro im Monat als WLAN-Hotspot dient und einen unlimitierten Internet-Zugang per UMTS bietet. Wo eine Steckdose vorhanden und der Empfang des „3“-Netzes probat ist, lässt sich der dann blau illuminierte Kubus in Betrieb nehmen. Die Download-Geschwindigkeit, die die Werbung verheisst, wird allerdings nicht erreicht: statt „bis zu“ fünf Mbps erzielt man – empfangsabhängig – mal unter einem, dann wieder mit gut Glück zwei.

Als Notlösung fürs Wochenendhaus ist derlei akzeptabel. Aber ich würde doch mal sanft beim Bürgermeister nachfragen, ob die Gemeinde nicht früher oder später ein Glasfaserkabel ziehen will.

Monkey Business

12. Mai 2011

Mehr als neunzig Prozent der Produktions-, Unterrichts- und Kulturbudgets dieses Landes sind verplant. Jahr für Jahr. Für staatstragende, aber nicht gerade selten dysfunktionale Institutionen. Und ihre nicht gerade billigen Spitzen-Repräsentanten. Für die Unterfütterung geschützter Arbeitsplätze. Für die Systemerhaltung generell. Ein System, das es zu hinterfragen gilt.

Fall eins. Der Redakteur des neuen ORF-Kultur- und Informationskanals bestellt mich zu sich auf den Küniglberg. Er meint, es wäre doch eine schöne Idee, in der Nacht Videos österreichischer Künstler zu zeigen. D’accord. Irgendjemand muss diese Videos zusammentragen, sichten, auswählen, mit einem Programmrahmen versehen. Und sei er noch so schlicht. Ich erlaube mir, nach dem Budget zu fragen. Immerhin ist der neue Sender eines der Prestigeprojekte des grössten heimischen Medienunternehmens. Der ORF-Mann sieht mich mit grossen Augen an: ein Budget? Nein, das gibt es nicht. Null. Nada. Zero. Man hätte aber freie Hand, Sponsoren aufzustellen. Auf eigene Faust. Und sich so seine Tätigkeit selbst zu finanzieren. Eventuell. Ich verlasse ohne grosse Verabschiedung das Büro.

Fall zwei. Die Musikhochschule meldet sich und schlägt vor, mein Wissen an Studierende weiterzugeben. Sprich: im Wintersemester 2011/12 Vorlesungen zu halten. Ein ehrendes Angebot. „Ausgewählte Kapitel aus Theorie und Geschichte der Popularmusik“, ich soll mir dazu etwas überlegen. Ich treffe mich mit F., der als studierter Musikwissenschaftler derlei schon seit Jahren macht und ein Routinier im Universitätsbetrieb ist. Er meint, wir könnten gemeinsam einen Themenschwerpunkt finden und die Vorlesungen in Absprache halten. Gern. Beiläufig frage ich nach der Honorierung. Er sieht betrübt drein. 369 Euro 79 Cent im Monat. Netto, immerhin. Allerdings: durch zwei zu teilen. Dafür sei man aber tageweise an der Uni angestellt und sozialversichert. Danke, bin ich ja als freier Unternehmer sowieso. Auf eigene Kosten. Doppelt krank sein geht nicht. Und ich bin eigentlich nie krank, weil ich mir das gar nicht leisten kann. Zum Rest denke ich mir meinen Teil.

Fall drei. Ich erlaube mir, im Büro des Kulturstadtrats vorzusprechen. Es dreht sich um eine Druckkostenunterstützung für ein ambitioniertes, umfangreiches Buchprojekt. Der Autor kann und will das Werk auch nicht quasi nebenher schreiben, entgeltlos. Er ist regelmässiger, doch freier Mitarbeiter eines Stadtmagazins, und das seit vielen Jahren. Ich versuche also, das Vorhaben zu managen und entschieden zur Realisierung beizutragen. Der Mitarbeiter des Kulturamts, an den wir verwiesen werden, zeigt sich vom Konzept sehr angetan. Ja geradezu begeistert. Solch ein Buch hätte schon lange gefehlt, es passe wunderbar zu anderen Schwerpunkten und Projekten. Er werde gleich Kollege X und Kollegin Y anrufen, da liesse sich gewiss etwas machen, das sei doch gelacht, wenn nicht. Er hätte da schon die richtigen Fäden in der Hand und werde sie gewiss auch ziehen. Und der Kulturstadtrat selbst sei sicher auch zu gewinnen, er werde ihm das Projekt demnächst vorstellen. Mehr in Kürze. Kräftiges Händeschütteln. Positiv überrascht, ja geradezu enthusiasmiert verlassen wir das schicke Büro. Allein: danach hören wir nie wieder etwas von unserem Gegenüber. Bis auf ein viele Wochen später eintrudelndes, formloses mail, das auf generelle Finanzprobleme verweist. Uns aber immerhin ein Zwanzigstel der erwartbaren Kosten durch eine Förderung des Wissenschaftsreferats in Aussicht stellt. „Deren Leiter wird sich diesbezüglich mit Ihnen in Verbindung setzen.“ Hoffentlich tut er es noch, seitdem sind gerade mal zehn Wochen verstrichen. Höflichkeit kostet ja nichts. Oder?

Ich könnte Ihnen noch jede Menge weiterer Fälle aufzählen. Sie häufen sich. Meiner Beobachtung nach signifikant. Danke der Nachfrage: Sie müssen sich keine Sorgen machen. Ich komme schon über die Runden. Ich boxe mich durch. Irgendwie. Andere aber eventuell nicht. Fast schon täglich besuchen mich KünstlerInnen, die um dringende Vorschüsse auf CD-Abrechnungen, Verlagseinnahmen oder – sowieso unsichere – Fördergelder bitten. Weil sie ihre Stromrechnung nicht bezahlen können. Oder drückende Mietrückstände haben. Oder sonstwie nicht ihr Auslangen finden. Das selten von Luxus geprägt war oder ist.

Ständig höre ich Klagen, dass das alltägliche Durchwurschteln nicht mehr so recht klappt. Dass die Veranstalter nichts mehr zahlen wollen, die geförderten Veranstalter, subventionierten Kulturinstitutionen und gesellschaftspolitisch überkorrekten Biotope noch weniger. Dass „Geiz ist geil“-Fans überhand nehmen, nicht nur unter den Freikarten-Schnorrern, Filesharing-Djangos, ORF-Chefitäten und beamteten Kulturbudget-Kuchenverteilern. Dass das alles perspektivenlos sei, beschämend, ein ewiges Prekariat. Und dass man sich regelrecht verhöhnt vorkommt, wenn man dann zeitgleich in der Zeitung liest, dass ehemalige Finanzminister Geld im Koffer über die Grenzen transportieren und ihre „Seitenblicke“-Anwälte gerade mal eine „schiefe Optik“ eingestehen müssen. To say the least.

Die Teilung unserer Gesellschaft schreitet voran. In die Do-Haves und die Have-Nots. Die einen haben einen halbwegs sicheren, eventuell sogar pragmatisierten Job. Vierzehn (oder mehr) Monatsgehälter, die in beruhigender Regelmässigkeit auf ihrem Konto landen. Abfertigungs- und Pensionsansprüche. Boni und Prämien. Wohlerworbene Rechte. Starke Gewerkschaften, Interessensvertreter und Betriebsräte. Ein halbwegs bequemes Auskommen. Die anderen – und, nein, es ist oft keine Frage der Qualifikation oder des Wollens, sondern eine Fügung einer günstigen (oder begünstigten) Biografie, oder eben auch nicht – dürfen und müssen kreativ sein. Eventuell wollen sie das auch. Das freie, von Zeiterfassungssystemen, Hierarchiepyramiden und Arbeitsverträgen unbeschwerte Dasein in den „Creative Industries“ geniessen. Sich selber um ihren Kram kümmern. Eine Förderung beantragen. Eine Ich-AG bilden. Den Steuerberater füttern. Die Wirtschaftskammer. Die Sozialversicherung. Und –

Ja, und gelegentlich – wenn Sie mich fragen: immer öfter, immer deutlicher, immer trauriger – traurig aus der Wäsche kucken.

Vom Dasein und vom Wegwollen

11. Mai 2011

„Es Lem“, das neue Album von Ernst Molden, erzählt vom Leben. Es gibt keinen gehaltvolleren Stoff. Es gibt nicht viele, die ihn kneten und formen und ausformulieren können. Molden kann.

Eines kann man Ernst Molden nicht nachsagen: Unproduktivität. „Es Lem“, das zehnte Album aus seiner Feder, erscheint kaum mehr als Jahr nach dem Theatererfolg „Häuserl am Oasch“ (samt gleichnamigen Album). Und wenige Wochen nach der Veröffentlichung des ersten Liederbuchs im Deuticke Verlag. Quasi nebenbei, entstanden im Spannungsfeld zwischen Alltagspflichten, Zeilenschinderei und Live-Terminen landauf landab, hat der Singer/Songwriter noch ein Coverversionen-Album („Weidafoan“) im Talon, dessen offizieller Release für Herbst 2011 avisiert ist. Nun aber, entschuldigen Sie die Bestimmtheit der Ansage, bitten wir um Aufmerksamkeit für die vorliegende Song-Kollektion. Es ist eine wichtige. Eine wesentliche.

„Es Lem“ sagt der Wiener ja, wenn er seine Existenz meint, sein Dasein, „das Leben“ an und für sich. Wenn ein Künstler einem Album einen dermaßen puristischen, alles und jeden umarmenden Titel gibt, hat er einen gewissen Reifegrad erreicht. Einen Status, der nicht mehr nach Zuspitzung, Überzeichnung und Provokation verlangt, sondern ganz im Gegenteil Gelassenheit ausstrahlt. Und, ja, eventuell eine gewisse Abgeklärtheit, die Weisheit und Altersmilde vorwegnimmt. Aber dafür ist Molden, mit Verlaub, noch zu jung. Und der Rock’n’Roll, der – wie immer – das Unterfutter für Moldens Musikkosmos ist, zu vorlaut. Zu mitteilsam. Definitiv zu lebensfroh.

Tatsächlich gehört die zehnte Katalognummer im Werk Ernst Moldens nicht nur dem Namen nach zu seinen existentiellsten Arbeiten. Der Dichter und Liedermacher ist mit Frau und drei Kindern nach Wien-Erdberg gezogen, in eine gleichermaßen „gestandene“ wie im Umbruch befindliche Stadtgegend. Dabei entstanden Songs, die vom höchstpersönlichen Eindruck der neuen, rauhen und gleichzeitig anmutigen Gegend aus ins Grosse und Ganze aufbrechen.

„Papa, warum nennst Du das neue Album nicht „Das Leben?“ hat Sohn Karl vorgeschlagen. Trefflicher Einfall. Lieder wie „Schlochdhausgossn“, „Neiche Wohnung“, „Flagduam“, „74A“, „Joe Zawinul Park“ oder „Bundesbod“ sind einerseits beiläufige Einträge in einem auf das Unmittelbare, Wesentliche, Lokale beschränkten Welt-Journal, andererseits auch markante Stationen einer Erkundungstour des eigenen Ichs. Der Weg ist das Ziel, und die Zielstrebigkeit und -genauigkeit des Künstlers der intellektuelle Proviant des Wegbegleiters. Auch wenn es Niederungen und nachdenkliche Momente gibt: zu bremsen ist der Anführer dieser Tour de Force unter keinen Umständen. „I dadaad überall schbüün, wanns mi frogn / und frogn’s mi ned dann spü i hoit bei dia“. Mit sentimentalen Song-Kleinoden wie „Hameau“ („Am Anfang steht alles no offen, am Schluss bist dann selber gern zua“), intoniert gemeinsam mit Willi Resetarits, schließt sich der Kreis.

Mit von der Partie sind auf „Es Lem“ neben Resetarits auch Der Nino aus Wien, „Popfest“-Kurator und FM4-Korrespondent Robert Rotifer und Klemens Lendl („Die Strottern“) sowie die bewährte Band rund um Ernst Molden, bestehend aus Marlene Lacherstorfer (Bass), Sibylle Kefer (Flöte, Gesang), Hannes Wirth (Gitarre), Walther Soyka (Akkordeon) und Heinz Kittner (Schlagzeug). Produziert hat einmal mehr der Münchner Kalle Laar, der das angenehm zurückhaltende und unverstellte Klangbild des Albums jenseits aller Formatradio-Sachzwänge verantwortet.

Das Cover zu „Es Lem“ zeigt Ernst Molden als Teil einer Au-Landschaft, zwischen wucherndem Grün und mächtigen Baumriesen. Auf den ersten Blick ist der Protagonist und Namensspender des Albums kaum zu entdecken. Ein Henry David Thoreau der Moderne? Ja und nein. Denn einerseits beschreibt „Es Lem“ ein zutiefst urbanes Szenario, ein stetes, bewusstes und waches Durchschreiten des Häuserdschungels und der Rückzugszonen der Stadt. Andererseits wohnt in vielen Zeilen die Sehnsucht nach der Unmittelbarkeit der Natur. Und der Ungekünsteltheit, die der Begegnung seelenverwandter Naturen innewohnt. Eine Zigarette, ein Glas Wein, eventuell zwei, ein Dialog voll stiller und dann wieder intensiver Momente, ohne Anfang und Ende. Der altertümliche Plattenspieler – natürlich gibt es dieses Album auch auf Vinyl – setzt gerade wieder die Nadel zurück in die Einlaufrille, zum wievielten Mal heute?

„Es Lem“ erzählt vom Leben. Es gibt keinen gehaltvolleren Stoff. Es gibt nicht viele, die ihn kneten und formen und ausformulieren können. Ernst Molden kann.

2011 – Odyssee im Weltall

7. Mai 2011

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (108) Raketen sind (auch) Hoffnungsträger. Ist im Touristen-Space Shuttle noch ein Platz frei?

Osama, Fukushima, Libyen. Nicht zu vergessen Syrien, die US-Wirbelstürme, das Sony-Datenleck. Verschwörungstheoretiker würden wahrscheinlich noch den unausweichlichen Zusammenbruch des Welt-Finanzsystems hineinrechnen. Und rot im Maya-Kalender eintragen. Immerhin: Royalisten und „Bunte“-Leserinnen durften sich über eine Prinzenhochzeit freuen. Und Apple-Apologeten über das Erscheinen des weissen iPhones am himmlischen Firmament („Endlich!“). Aber: es reicht. Ich weiss nicht, ob es Ihnen ähnlich geht wie mir – ich jedenfalls erbitte dringend eine Ruhepause. Das Jahr 2011 scheint einen Turbo eingebaut zu haben, der uns zu sprachlosen Zeitzeugen eines höllischen Stakkatos an Ereignissen macht. Was könnte der nächste Paukenschlag sein? Die Landung von Ausserirdischen in Sankt Veit an der Glan?

Da fällt mir ein, dass ich einen wichtigen Jahrestag verpasst habe. Inmitten des Tohuwabohus gab und gibt es auch erfreuliche Fussnoten. Dieselbe Spezies, die seit Jahrtausenden versucht, ihren eigenen Planeten in die Luft zu jagen, betreibt seit ziemlich genau fünfzig Jahren auch bemannte Raumfahrt. Am 12. April 1961 flog der Sowjetbürger Jurij Alexejewitsch Gagarin als erster Mensch ins All. Das war, mit Verlaub, ein denkwürdiger Moment. Die „Wostok 3KA-3“-Raumkapsel mit knapp zwei Meter Durchmesser, in der Gagarin unterwegs war, hat einen Platz im Museum verdient. Wenn meine Freundin kein Problem damit hätte, würde ich sie gegebenenfalls auch in unserem Gartenhaus aufstellen, gleich neben der Blechroboter-Sammlung und dem Bücherschrank mit den zerlesenen Science Fiction-Frühwerken.

Die Geschichte der Raumfahrt ist nicht weniger als eine der grossen Visionen und ansatzweise realisierten Träume der Menschheit. Und eine technische Anstrengung par excellence. Zwar lassen sich im Mikrokosmos wohl noch unfassliche Entdeckungen machen (apropos: was wurde eigentlich aus der „fünften Grundkraft“, die vor wenigen Wochen als die grösste wissenschaftliche Sensation seit Jahrzehnten abgefeiert wurde?). Aber der Makrokosmos, der Blick über den Tellerrand der Erdatmosphäre, könnte sich als (Über-)Lebens-Perspektive erweisen, die unseren heutigen beengten Horizont sprengt.

Bevor’s jetzt aber zu sehr ins Pathetische kippt: lesen Sie das Interview mit dem deutschen Astronauten Reinhold Ewald auf „Spiegel Online“. Dass dieser knochentrockene Wissenschaftler „Raumschiff Orion“ und Stanley Kubricks „2001 – Odyssee im Weltall“ als Inspirationsquellen nennt, tapeziert die Seelen-Kapsel eines unbedarften Schreibmaschinisten mit unendlichem Wohlgefühl aus.

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