Ewig rollender Stein

18. Mai 2011

Die Medien-Festspiele zum 70. Geburtstag Bob Dylans lassen die Popkultur-Ikone ungerührt. Und die FM4-Generation erst recht. Oder doch nicht? Zum Status und Status Quo des bedeutendsten Singer-/Songwriters der Jetztzeit.

Es bedarf eigentlich keines besonderen Aufhängers, sich an Bob Dylan ab- und das Oeuvre des Mannes intellektuell aufzuarbeiten. Robert Alan Zimmerman, am 24. Mai 1941 in Duluth, Minnesota geboren und unter dem bekannten Pseudonym zum Leitstern der Popkultur aufgestiegen, ist seit jeher ein beliebtes „object of desire“ für Lagerfeuer-Sitzungen, Textexegesen und verschworene Dichter- und Denkerzimmer-Runden. Und selbstverständlich für Würdigungen, auch aus der Ferne – mögen sie opulent ausfallen wie im aktuellen „Falter“ oder so absehbar devot (oder eventuell doch kontroversiell?) wie bei einem noch opulenteren Symposion in der Wiener US-Botschaft („Refractions of Bob Dylan – Cultural Appropriations of an American Icon”). Die Zeitlosigkeit des zu einem beachtlichen Konvolut angewachsenen Gesamtwerks ist deckungsleich mit ihrer permanenten Aktualität.

Sogar in der Universitätsbibliothek Klagenfurt findet sich eine Magister-Arbeit über „Die surrealen Elemente in den Texten Bob Dylans“. Eines von unzähligen Werken der Sekundärliteratur, die der Meister selbst im Vorfeld seines 70. Geburtstags trocken kommentierte: „Everybody knows by now that there’s a gazillion books on me either out or coming out in the near future. So I’m encouraging anybody who’s ever met me, heard me or even seen me, to get in on the action and scribble their own book. You never know, somebody might have a great book in them.“

Den Anstrengungen der Rock’n’Roll-Buchhalter und Dylan-Interpreten tut der Spott des Meisters keinen Abbruch. Sie tragen und trugen insbesondere seine frühen Songs vor sich her „wie ein süditalienisches Dorf die mumifizierte Zehe ihres lokalen Heiligen bei einer Prozession, die von der Kirche zu den Weinkellern führt“, wie der Blogger Bernhard Torsch spitz formulierte. Hier, in der Fan-Hemisphäre des Internet, ist den hauptberuflichen Kritikern und Musikwissenschaftlern eine deutungsmächtige Konkurrenz erwachsen. „Blog Blog Bloggin’ On Heaven’s Door“ dürfte rund um den Dylan-Feiertag signifikant erhöhte Zugriffszahlen erreichen. Und das bei einer Generation, die die herausragende Rolle des Song-Poeten gerade mal als historischen Abriss nacherzählen kann. Oder Hymnen wie „Like A Rolling Stone“ – vom gleichnamigen Magazin anno 2004 zum „besten Song aller Zeiten“ gekürt – oft nur mehr vom Hörensagen kennt. Und gewiss nicht aus dem FM4-Programm. Oder von YouTube (dort ist erstaunlich wenig Original-Material zu finden). Ach ja, der alte Bob mit der krächzenden Stimme.

Der Legendenstatus ficht aber den notorischen Legendenstatus-Verweigerer und unermüdlichen Live-Darsteller seiner selbst nicht weiter an. Oder doch? Bei Konzerten, die Dylan im April dieses Jahres in Peking, Shanghai und Hongkong gab, wurden Vorwürfe laut, die US-Kulturikone – von einigen Journalisten in ihren anklagenden Artikeln hartnäckig als „Protestsänger“ geführt – hätte sich von den chinesischen Behörden zensurieren lassen. Und sich etwa nicht zur Verhaftung des Künstlers Ai Weiwei geäussert. „Dylan schwieg zunächst“, so der „Rolling Stone“ (ironischerweise in einem Blog-Eintrag namens „Beijing It All Back Home“), „wie er es eigentlich immer tut.“ Dann aber fand sich auf der offiziellen Homepage www.bobdylan.com ein Statement, das das Schweigen unterbrach. Es gab keine Zensur, so Dylan, die Konzerte seien gut besucht gewesen, und zwar hauptsächlich von jungen Chinesen, nicht US-Veteranen. Nur die Darstellung in den hiesigen Medien als ewiger Sixties-Säulenheiliger – zusammen mit Joan Baez, Che Guevara, Jack Kerouac und Allen Ginsberg – sei ihm ziemlich auf den Geist gegangen. Und letztlich sinnlos gewesen: den Konzertbesuchern von heute sagten diese Namen nichts.

„Bob Dylan möchte die Rolle als Gewissen der Nation, ja der ganzen westlichen Welt, die er aufgrund von zwei Alben Anfang der sechziger Jahre aufgebürdet bekam, endlich abgeben“, vermutet „Rolling Stone“-Autor Maik Brueggemeyer. Dieses Resümée wird – mindestens in der Apostelgemeinde im World Wide Web – nicht unwidersprochen bleiben. Denn seinerseits hat Dylan nie strikt das „Gewissen der Nation“ gegeben, weder in seinen ernst- noch schalkhaftesten Phasen.

Oder sagen wir so: der Ball blieb beim Hörer, der Sänger selbst liess alle denkmöglichen Ableitungen, Interpretationen und Relevanzschubladen offen (sieht man von wenigen eindeutigen Manifesten wie etwa „Masters of War“ ab). Das ist ein nicht geringer Teil des nachhaltigen Reizes und der werkimmanenten Sprengkraft der metaphern- und drogenschwangeren, provokant verrätselten, für Popverhältnisse ungemein komplexen und hermeneutischen Poesie Dylans. Die lustvolle Ver- und Zerstörung der Erwartungshaltung seines Publikums zählte immer zu den Trademarks des Singer/Songwriters: vom elektrifizierten Bruch mit der zart besaiteten Folk-Community beim Newport Festival 1965 („Play it fucking loud!“) über die christliche Fundamentalisten-Phase Ende der siebziger Jahre bis zur Veröffentlichung wunderlicher Weihnachtslieder-Alben („Christmas In The Heart“, 2009).

Doch solche Hakenschläge, die Dylan wohl immer auch dem eigenen Klischee entkommen liessen, unterhöhlten nicht den Status des vielleicht einflussreichsten Musikers des 20. Jahrhunderts. Im Gegenteil. Die lächerliche Gewissensfrage „Beatles oder Rolling Stones?“, die heute noch in diversen Foren und Organen der Popkultur durchexeziert wird, lässt sich mit einem lakonischen Verweis auf His Bobness abschmettern. Quasi hochoffiziös. In der „Rolling Stone“-Liste der „500 besten Alben aller Zeiten“ ist Dylan mit zehn Alben vertreten, darunter zwei in den Top Ten (und, ja, die Beatles haben insgesamt elf Alben in diesem papierenen Pantheon geparkt, aber die kleinliche Urheberschaftsdebatte zwischen Lennon- und McCartney-Parteigängern spricht einmal mehr für den grossen Einzelgänger). 2008 erhielt Dylan einen Pulitzer-Sonderpreis. Nur der Literatur-Nobelpreis steht noch aus. Seit Jahren, nein: Jahrzehnten.

Aber auch das dürfte Mr. Zimmerman herzlich egal sein. Wie der weltweit wogende Weihrauchduft zum Siebziger. Anyway: keep on rollin’, steinalter, ewig junger Bob.

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3 Antworten to “Ewig rollender Stein”

  1. walter Says:

    Dass auf YouTube so wenig Originalmaterial zu finden ist, könnte mit Seiner Bobness höchstselbst oder seinen Anwälten zusammenhängen. Die haben auch erst vor etwa zwei Monaten mittels fieser Anwaltsbriefe die Musikblogs von Dylan-Bootlegs „gereinigt“ (ähnlich wie Van Morrison). Momentan findet man im Netz kaum Live-Mitschnitte oder unveröffentlichte Studiosessions. Leider.
    Und dass er in Beijing und Saigon „Blowing in the Wind“ nicht spielte, egal aus welchen Gründen, finde ich gut. Ich freue mich auch jedes Mal, wenn ich ihn live sehe, und er spielt diese Nummer nicht (ähnlich wie bei David Bowie mit „Let’s Dance“).
    Feiner Artikel, nebenbei.

  2. Walter Gröbchen Says:

    Danke. Um ehrlich zu sein: der Artikel ist eine als Auftragswerk rasch hingeschluderte Bestandaufnahme aktueller Auf- und Zufälligkeiten. Als Exeget des Dylan-Werkes bin ich einfach zuwenig firm und vertraut mit seinem Oeuvre – das ich aber mit wachsender Lust und steigender Bewunderung peu á peu erschliesse.


  3. […] NetworkedBlogsBlog:Grob. Gröber. Gröbchen.Topics: Follow my blog « Ewig rollender Stein […]


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