The Times They Aren’t A-Changin‘

21. Mai 2011

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (110) Um Bob Dylan, Neil Young oder Ernst Molden zu hören, bedarf es nicht des neuesten, nur des richtigen Instrumentariums.

Haben Sie schon überlegt, wie Sie den 70. Geburtstag des grössten Song-Poeten des 20. Jahrhunderts begehen wollen? Gesetzt denn, Sie verweigern ihm nicht grundsätzlich Tribut, weil Sie Bob Dylan seit jeher als Hippie-Kryptiker und Krächzstimme verachten (ein kapitaler Irrtum!). Wenn das aber nicht der Fall ist und Sie – eventuell befeuert von der medialen Gedenktag-Kanonade – Lust auf ein Wiederhören mit „Like A Rolling Stone“ oder „You’re A Big Girl Now“ haben, schlage ich vor, auf den Dachboden zu steigen. Oder runter in den Keller. Und die alten Vinyl-Scheiben des Meisters hervorzuholen und abzustauben. Denn mit CDs oder gar MP3s ist’s, unter uns, nur das halbe Vergnügen.

Ich selbst habe nicht nur extra eine neue Nadel für den hübschen Pro-Ject-Plattenspieler gekauft, sondern auch einen alten Verstärker. Ein ganz besonderes Ding. Und das kam so: einer meiner HiFi-Dealer meinte unlängst, er hätte da noch einige unausgepackte Kuriositäten rumstehen. Stapelweise. Seit (hüstel) Mitte der achtziger Jahre. Ja, das Gerät komme aus der ehemaligen Tschechoslowakei und sehe, gelinde gesagt, eigenwillig aus. Wäre aber für günstiges Geld zu haben. Und klinge superb. Für unter 200 Euro eine Mezzie. Sowieso.

Was soll ich sagen: ich habe das schwarze Kästchen erworben. Einen AU/RA Z1-Verstärker des längst verblichenen Herstellers Rational Audio, dessen Gründer, Ingenieur Jiri Janda, später auch für die HiFi-Weltmarke NAD konstruierte. Es gibt nur einen Ein-Aus-Kippschalter und einen Lautstärkedreher, der an einen zu dick geratenen, herausstehenden Draht erinnert. Schliesst man mehrere Geräte an, ist immer jenes zu hören, das spielt. Eventuell auch alle gleichzeitig. Aber: der Klang dieser Kiste ist wirklich phänomenal. Bob Dylans Magie erglimmt hier mit knisterndem Vinyl doppelt und dreifach. Auch der alte Klangpurist Neil Young, der ja CD- und MP3-Player kategorisch zum Teufel wünscht, wäre zufrieden. Dass dann auch noch zeitgleich das neue, pressfrische Ernst Molden-Opus („Es Lem“) ins Haus geliefert wurde, rundete die Weihestunde ab.

Sollten Sie aber als nüchterner Zeitgenosse nostalgietrunkenen Vinyl-Fetischismus verachten, holt der Verstärker-Geheimtipp auch aus Notebooks, Standrechnern und Billig-CD-Schleudern (wie abgebildet) die feinsten Obertöne heraus. Dazu ein weiterer Fingerzeig: schliessen Sie ihn nicht am Kopfhörerausgang an. Sondern hängen Sie ein USB-Audio-Interface dazwischen. Das Dr. DAC Nano von ESI etwa – kostet keinen Hunderter und verbessert die Digital-Analog-Wandlung hörbar. Auch Pro-Ject hat solche kleinen Wundertüten im Programm. Das Gekrächze von Dylan und sein(e) Aura tönen dann noch nachhaltiger. Wie für die Ewigkeit.

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7 Antworten to “The Times They Aren’t A-Changin‘”

  1. Martin K Says:

    das Ding ist wirklich klasse! Schön, dass es auch von Ihnen bemerkt und veröffentlicht wurde. Beachten Sie bitte, dass die Elektrolytkondensatoren in diesem Verstärker am Besten alle ausgetauscht werden, denn sie sind alt und anfällig. Bei mir hat das schon zu diversen Problemen geführt. Ansonsten ist das Ding sehr pflegeleicht!


  2. […] als Gegen-Trend zur Entmaterialisierung von Musik zu betrachten. Eine ebenso wunderliche wie sympathische Zeiterscheinung. Und keinesfalls nur ein Hobby für schmerbäuchige alte Männer und abgeklärte […]


  3. […] so erschütternde wie banale – Wahrheit in Sachen Audioqualität: High Fidelity hängt nur sehr bedingt von Messdaten, Preiszetteln und handpolierten Frontplatten mit der Signatur eines weltberühmten […]


  4. […] geht es eindeutig um längst vergessen geglaubte Insignien der Unterhaltungselektronik und Audio-Hemisphäre. Und das mitten auf der Trash-Streaming-Plattform […]


  5. […] die Chance, in voller Blüte zu erklingen. Wie das technisch funktioniert, können Sie hier immer wieder mal nachlesen. Highest Fidelity. Er, Sie, wir alle haben es uns verdient. Das dünne Krächzen aus dem […]


  6. […] meisten Menschen, die Musik und ihre technische Reproduktion im Alltag mögen, ist derlei ja weitgehend egal. Leider. Sofern es […]


  7. […] armdicken Kabeln und technischem Schnickschnack ab, sondern von der Raumakustik. Und, mehr noch, von der höchstpersönlichen […]


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