Südseeträume im Cyberspace

26. Mai 2011

Wenn es je einen österreichischen Pop-Roman gibt, der Sex, Drugs & Rock’n’Roll, Tragödie und Komödie, Genie und Wahnsinn glaubhaft zusammenführt, dann kann er nur von Ronald Iraschek handeln. Alias Ronnie Urini. Alias Ronnie Rocket.

„Kriechtier im kruden Metropolis Morast / im schwülen Schlammbad am sumpfigen Flammpfad / Mammuts in kontaminierter Luft / Neonmotten im Überschallduft / abgefüllt im Monadentraum / im freien Fall durch monströsen Raum…“

Pardon, aber auf solche Textzeilen kommt nicht jede(r). Im näheren Umkreis eigentlich nur einer: Ronald Iraschek. In all seinen Inkarnationen. Fragen Sie nicht nach den Ingredienzien, die die bizarre Phantasie dieses Kerls beflügeln. Fragen Sie auch nicht nach einem aktuellen Hochglanzfoto. Folgen Sie einfach der Story, die dahintersteckt (und jetzt eine unerwartete Fortsetzung findet).

Geboren am 3. März 1956 in Krems an der Donau, studierte unser Heroe in spe Germanistik, Anglistik, Astronomie und Astrophysik. Weit kam er nicht: auf die Frage, welche Vorbildung er für letztere Studienfächer besässe, folgte der Hinweis auf die Lektüre unzähliger Perry Rhodan-Romane. Und postwendend der Rauswurf. Ein Umstand, der den Umstieg auf das Charakterfach „Rock-Star“ begünstigte und beschleunigte. Ein Job mit Zukunftsaussichten: als Plattenverkäufer, Maulheld, Schlagzeuger, Sänger und Bandleader hinterliess der Neo-Wiener und Herzens-Linzer unter dem Pseudonym Ronnie Urini eine markante Duftspur im Underground.

Austro-Pop/Punk-Kleinode wie „Niemand hilft mir“ (die beste deutschsprachige Single ever!, der suizid-fördernde Text stammt von Konrad Bayer), „Frozen Seas of Io“ (gemeinsam mit The Vogue, No.1 der Ö3-Charts!) oder „Südseeträume“ (gemeinsam mit der Rucki Zucki Palmencombo) entstammen Urinis Ganglien oder entstanden unzweifelhaft unter seiner Mitwirkung. Mit The Vogue verhalf er der Sixties-Psychedelik zu einem kleinen Comeback, versuchte die Neue Welle zu reiten und traf schliesslich in der Dichter-Legende H.C. Artmann einen Seelenverwandten und Textsteinbruchbesitzer.

Danach, etwa Mitte der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, folgten Hits wie „Summer Wine“ oder „Sail Ship“, aber auch der langsame Abstieg in die Niederungen der Realität. Und ein unaufhaltsames Sich-Verstricken in wilde Rock’n’Roll-Tagträume. Iraschek alias Urini alias Rocket – letzterer Name weist deutlich auf die chrom-lackierte „Cyberpunk“-Phase hin – sah sich gemeinsam mit Mars Bonfire, dem legendären Autor von „Born To Be Wild“, an der Spitze der Hitparaden von Hawaii und Hollywood, kassierte vermeintlich Preise und internationale Trophäen sonder Zahl, schrieb Lieder für Chet Baker, Marianne Faithful, Astrud Gilberto und Nancy Sinatra und stand angeblich auf der Bühne mit Steppenwolf, Nico und Velvet Underground. Wer mag hier schon kleinkrämerisch Fiktion von Fakten trennen?

In den letzten Jahren, als es still und stiller um „Österreichs einzigen Rockstar“ (so das einigermassen ironiefreie Selbstbild Ronnie Rockets) wurde, arbeitete er – neben anderen mysteriösen Projekten – an der zeitgenössischen Tondichtung und Musiktheaterproduktion „Rocket-Bar“, einem „Cosmical angesiedelt beim Raumhafen von Flamm-Stadt mit kristalliner neuromantischer Lyrik“. Ronnie kann es nicht lassen. Retro-Zukunftsmusik forever! Auf der Bühne ist der Mann übrigens ungebrochen ein Berserker.

Nun gilt es, einen weiteren Höhepunkt im Oeuvre von Iraschek/Urini/Rocket anzukündigen (und deuten Sie nicht an, ihn eventuell als Endpunkt sehen zu wollen, dann wecken Sie dämonische Mächte!). „Fire Waves“, eingespielt mit der Wiener Beat-Combo The Subcandies, ist ein Dokument eines unbeugbaren, lebendigen, ewigen Irrlichts. Ein Baustein eines Gesamtkunstwerks? Eventuell gar ein Comeback? Das Album erscheint jedenfalls als Doppel-CD gemeinsam mit einer „Best Of“-Kollektion („20th Century Hits“) der letzten dreissig Jahre, strikt limitiert auf 500 Exemplare. Und klingt rauher, forscher und fordernder als alle Jungtuter zusammen. Ronnie Rocket Superstar: kein Scheiss. Sondern: Sonic Fiction.

P.S.: Am kommenden Samstag, 28.05., treten Ronnie Rocket & The Sucandies live bei „Punk Forever“ in der Szene Wien auf. Mehr Infos hier.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: