Archive for Juni, 2011

Hydra oder Himmelreich

26. Juni 2011

Die Schliessung der Film-Plattform „kino.to“ ist der bislang letzte Höhepunkt im ideologisch verbrämten Online-Wirtschaftskrieg zwischen Produzenten, Providern und Piraten. Ist er ohne radikale Eingriffe in die Rechtsgrundlagen überhaupt zu gewinnen, nicht zuletzt für Künstler und Konsumenten?

Könnte man den Schaum vor dem Mund quantifizieren, den Leserbriefschreiber und Online-Poster in aller Öffentlichkeit entwickeln, liegt das Erregungspotential des Themas noch vor der drohenden Griechenland-Pleite, den Malversationen von Grasser & Co. oder der aktuellen Schul-Debatte. Dabei ist die Materie von einer Sprödheit und Komplexität, die oft auch Fachleute verzweifeln lässt: das Urheberrecht und alle damit verbundenen sogenannten Leistungsschutzrechte. Es handelt sich schlichtweg um die wirtschaftliche Grundlage der „Content Provider“, also der Unterhaltungs- und Medienindustrie im weitesten Sinn. Bürokratisch-juristische Knetmasse ohne grossen Bezug zum Alltag von Musikfans, Filmfreunden und Zeitungslesern, möchte man meinen – Irrtum.

Als Anfang Juni die Polizei in Deutschland, Frankreich, Spanien und den Niederlanden das einschlägige Internet-Portal kino.to hochgehen liess, 13 Personen festnahm und die Seite stillegte – nicht ohne sie „wegen des Verdachts der Bildung einer kriminellen Vereinigung zur gewerbsmässigen Begehung von Urheberrechtsverletzungen“ mit einem virtuellen, aber deutlichen Warnschild zu versehen –, folgte das Aufheulen auf dem Fuss.

Allein im Forum der Wiener Tageszeitung „Der Standard“ schnellte der Zähler auf eine vierstellige Zahl an Reaktionen, der überwiegende Teil davon wohl nicht im Sinn der Betreiber der Sanktionen. „Scheiss Content Mafia!“, „Dinosaurier“ oder „gieriges Pack“ zählte da durchaus noch zu den freundlicheren Ansagen. Gemeint sind aber nicht die „kino.to“-Betreiber, die über Werbung und Abzock-Angebote Millionen verdienten und von den Behörden seit Jahren als „hochkriminelles und profitorientiertes System“ eingeschätzt werden. Sondern die Gegenseite: die Produzenten und Vertreiber jener Filme, die die Webseite per Link-Verzeichnis zum anziehungskräftigen Shangri-La für Hobbypiraten aller Herren Länder machte.

Schnitt. Die Gänge und Säle der Wirtschaftskammer in der Wiedner Hauptstrasse in Wien strahlen, den hautschmeichelnden Ledersitzbänken und anheimelnden Edelholzpanelen zum Trotz, eine eher unterkühlte Atmosphärik aus. Hinter geschlossenen Türen geht es aber durchaus hitzig zu – eine Tagung der Sparte „Information & Consulting“ zum Thema „urheberrechtliche Herausforderungen im digitalen Zeitalter“ versammelte vergangene Woche zwei Dutzend Experten, die sich deutlich nicht auf einen Nenner bringen lassen. Es sind vorwiegend Rechtsanwälte, die schon bald auf das heisse Eisen „kino.to“ zu sprechen kommen. Einige loben die zackige Vorgangsweise der deutschen Behörden – unter der Führung von zehn Staatsanwälten waren mehr als 250 Polizisten, Steuerfahnder sowie 17 IT-Spezialisten im Einsatz und durchsuchten gleichzeitig mehr als 40 Wohnungen, Büros und Datenverarbeitungszentren – , die auf einer unterschiedlichen Rechtspraxis beruht: in Österreich muss zwangsläufig das vergleichsweise zahnlose Zivilrecht bemüht werden, in Deutschland tritt auch der Staatsanwalt mit dem Strafgesetzbuch in Erscheinung. Aber auch hierzulande gelang den Verteidigern der Content-Industrie, allen voran dem „Verein für Anti-Piraterie der Film- und Videobranche“ (VAP), erst unlängst in einem Präzedenzfall ein erstes Urteil mit Signalwirkung – und das durchaus in ihrem Sinn.

Im Oktober des Vorjahrs ergingen Unterlassungsaufforderungen an zahlreiche Internet-Provider, den Zugang zu „kino.to“ und ähnlichen Streaming- und Download-Plattformen zu blocken – insgesamt 1309 IP-Adressen. Eine Verengung des Leitungs-Flaschenhalses für eindeutig illegale Inhalte sei technisch leicht machbar und auch juristisch begründbar, so die Position des VAP. Im Mai verfügte das Handelsgericht Wien in sechs Fällen eine Domain-Sperre für kino.to und die Blockade von sechs spezifischen IP-Adressen. Betroffen war und ist UPC, einer der mächtigsten Internet Service Provider Österreichs. Geht das Urteil auch in zweiter und dritter Instanz durch, könnte der VAP wohl in Folge die gesamte Branche in die Pflicht nehmen. Dann, so frohlocken die Vertreter der Content-Anbieter, müsse man nicht mehr mühselig (und in den allermeisten Fällen erfolglos) dubiosen Hinterhof-Firmen und Server-Betreibern in Tonga, Russland oder sonstwo hinterherjagen, sondern könne den lokalen Access Provider quasi als Hilfssheriff verpflichten. Eine Rolle, die den betroffenen Unternehmen – die durch den Verkauf von „flat rates“ für haushaltsunübliche Daten-Mengen zweifelsfrei seit Jahren von der Situation profitieren – naturgemäss gar nicht gelegen kommt. Mit der überfallsartigen Einführung einer „Servicepauschale“ von 15 Euro jährlich, die man dem Gesetzgeber für die Zwangs-Vorratsdatenspeicherung anlastet und unelegant dem Konsumenten weiterreicht, haben UPC und Konkurrent Tele2 aktuell schon genug Ärger am Hals.

„Hier geht es um grundsätzliche Fragen zu Datenschutz, Netzneutralität und Urheberrechtspraxis“, seufzt Andreas Wildberger, Generalsekretär der ISPA, dem Dachverband der heimischen Internet Service Provider. „Und natürlich um die Frage der Verhältnismässigkeit. Das wird noch viel Arbeit für die Juristen.“ Wildberger gilt als Gott-sei-bei-uns für die Lordsiegelbewahrer der Musik- und Filmindustrie, weiss aber auch nicht recht, warum er im Ruf steht, jegliches konstruktive Gespräch mit der Gegenseite zu verhindern. „Ach, das ist vielfach nur Theaterdonner. Wir sind alle Lobbyisten. Nur mit unterschiedlichen Betrachtungsweisen.“ Hauptstrang seiner Argumentation ist, dass die Content-Verwerter ihre Energie nicht in das Geplänkel vor den – oft deutlich überforderten und über die fehlenden Rechtsgrundlagen, für die die Politik zu sorgen hat, verärgerten – Richtern stecken sollten, sondern ihre Vertriebs- und Erlösmodelle dem rasanten technischen Fortschritt anzupassen hätten. „Das Urheberrecht ist nicht mehr tauglich, weil es an nationalen Grenzen festhält. Das Internet tut dies aber bekanntlich nicht. Es ist immens kompliziert, Lizenzen für mehrere Länder oder gar ganz Europa zu erwerben – und genau das muss möglich gemacht werden. Punktum.“

Ideelle Mitstreiter findet Wildberger im Vorstand der Piratenpartei Österreich. Via „Public Piratenpad“ kommentiert man die angespannte Situation so: „Weder in Österreich noch im Rest der EU gibt es legale Angebote wie etwa „Netflix“ oder „Hulu“ (kommerzielle Streaming-Anbieter für Kinofilme und TV-Serien; Anm. d. Red.) in den USA. Die Medienindustrie muss endlich akzeptieren, dass die Marktbedingungen sich grundsätzlich verändert haben, statt krampfhaft und mit höchst fragwürdigen Methoden an den alten Modellen festzuhalten.“

In eine ähnliche Kerbe scheinen die drei Wiener SP-Gemeinderäte Peko Baxant, Sybille Straubinger und Jürgen Wutzlhofer schlagen zu wollen. „Junge Menschen“, verkündeten sie per APA-Presseaussendung, wollen kein „chinesisches Internet.“ Die Content-Anbieter seien aufgefordert, „diese peinliche Hexenjagd zu stoppen, die breite Solidaritätsgefühle gegenüber den Internet-Piraten hervorruft, aber keinerlei Änderung im Nutzungsverhalten einer ganzer europäischen Generation bewirkt“. In der den unvoreingenommenen Beobachter überraschenden Mahnwachen-Allianz redet auch die Arbeiterkammer ein Wörtchen mit. Arglosen und verunsicherten Konsumenten sei sowieso kein Vorwurf zu machen, Kriminalisierung wohl das Allerletzte. Wie aber eine Ware, für die der Hersteller einen Obolus verlangt, im weltweiten Netz mit illegalen Gratis-Angeboten konkurrenzieren kann, darauf gibt es allseits nur eher vage Antworten. Creative Commons-Lizenzen, Flat Fee-Abonnements, offene oder verdeckte Kultursteuern, Spendenbeiträge und Mikrotransaktionsdienste wie „Flattr“, wo bei Gefallen eventuell mal der eine oder andere Groschen abfällt, sollen in die Zukunft weisen. Ob sie das wirklich tun, darüber wird seit Jahren diskutiert. Mehr oder minder lautstark.

Professor Veit Heiduschka scheint dieses Streits, an dem er unfreiwillig und doch aktiv Teilnehmer ist, müde. In den Fluchten des Wirtschaftskammer-Hauptgebäudes ist er als ausgewiesener Kreativer und Obmann des vergleichsweise kleinen Fachverbands der Musik- und Filmschaffenden eine einsame Erscheinung. Er erklärt, sich bald aufs Altenteil zurückziehen zu wollen, die Bedingungen für sein Metier seien „immer schlechter geworden mit der Digitalisierung.“ Der Doyen der heimischen Filmbranche, Produzent von Klassikern wie „Müllers Büro“ oder fast allen Filmen von Michael Haneke, leidet an der, wie er es nennt, „kalten Enteignung“ durch die Generation Gratis. Hanekes aktuelles, preisgekröntes Opus „Das weisse Band“ etwa – mit Produktionskosten von über 13 Millionen Euro (40 Prozent davon auf paneuropäischer Ebene öffentlich gefördert) – finde man seit vielen Monaten auf kino.to und ähnlichen Plattformen. Der Film, alles andere als massentaugliches Kommerzkino, sei so über 40.000 mal heruntergeladen worden. Selbst wenn sich nicht jede Kopie aus dem Flatrate-Saugrüssel in eine verkaufte DVD oder BluRay-Kopie umrechnen lässt, beziffert Heiduschka den Schaden im sechsstelligen Bereich. Also hat er sich dem Musterprozess gegen UPC angeschlossen.

Den Hinweis, dass ein legaler, länderübergreifender Online-Store eventuell für den Konsumenten eine bequeme und beruhigende Alternative sei, lässt er nicht gelten: „Es gilt ja eine Schutzfrist, in der wir exklusiv eine Kinoauswertung zulassen müssen. Daran muss ich mich halten, sonst können wir gleich alle Kinos zusperren.“ Wirklich optimistisch ist Heiduschka trotz des Etappensiegs der VAP-Kollegen nicht. „Wenn die Politik hier nicht bald eingreift, beginnt das alles ein Hobby zu werden. Es fehlt in Österreich das grundlegende Bewusstsein für die Problemlage.“

Tatsächlich mehren sich aber die Zeichen, dass die vielbeschworenen Weichensteller, Ministerialräte und Legislativ-Experten aufzuwachen beginnen. Vielfach erfolgt der Weckruf aus den EU-Nachbarländern. „Wir sind von der Defensive in die Offensive übergegangen“, verkündet etwa Gerhard Ruiss, Geschäftsführer des Interessensverbandes der Autorinnen und Autoren. Er und seine Mitstreiter, darunter auch – unüblich solidarisch – Übersetzer und Verleger, haben das Jahr 2011 ganz und gar zum „Jahr der Urheberrechte“ erklärt. „Die Debatte um Guttenberg ist uns zupass gekommen. Plötzlich gibt es plakative Beispiele für das Urhebertum. Und dass die Idee von „Google Books“ gescheitert ist, ist natürlich ein zeitlicher Zufall. Aber wir sehen das auch als Erfolg.“ Verhandelt wird aktuell das Urhebervertragsrecht, sprich: die Auslegung eines abstrakten Anspruchs in der geschäftlichen Realität. „Wir versuchen uns“, so Ruiss, „an der arbeitsrechtlichen Definition des „Künstlers“ – wie in Deutschland.“ Einbindung in Sozialpartnerschafts-Regelungen, Mindesttarif-Bestimmungen usw. inklusive. „Wir streben keine Pflichtmitgliedschaft in einer Künstler-Kammer an, keine Sorge. Wir versuchen nur soziale Mindeststandards zu definieren.“

Hier prallen nicht nur unterschiedlichste Interessen aufeinander, sondern ganze ideologische Welten. Die Urheberrechtsfrage scheint der roten Faden einer chaotischen Übergangsphase von der Analog- in die Digitalära zu sein. Sie zieht sich von Musik, Texten, Fotos, Videos und Filmen über Games bis zu Software und Web-Design durch alle Medien und Inhalte. Aktuelle Exempel umspannen ein denkbar weites Feld: vom K(r)ampf um die „Leercassettenvergütung“ für Festplatten (samt einem vorläufig abschlägigen Urteil nach einer Klage durch Hewlett-Packard), dem Streit zwischen Print-Konzernen und Apple um den „digitalen Kiosk“, die Kontroversen um die Buch-Digitalisierungsbestrebungen von Google, Diskussionen zwischen Musikverlegern, Plattenfirmen und Internet-Giganten wie Google, Apple oder Amazon über die neuen „Cloud“-Services bis hin zum notorischen Konflikt zwischen YouTube, den Verwertungsgesellschaften GEMA und AKM und neuerdings auch den Musikkonzernen.

„Immerhin“, pocht der VAP-Anwalt Andreas Manak auf einen forcierten Dialog zwischen allen Parteien, „brauchen wir über das positive Robin Hood-Image von Plattformen wie kino.to nicht mehr diskutieren. Das ist definitiv zerstört. Darüber hinaus benötigen wir alle Rechtssicherheit.“ Eine Meinung, der sich auch Gegenspieler Andreas Wildberger anschliessen kann: „Was wir uns wünschen ist, dass die Verwertungsindustrie ihre vereinte Lobbyingpower einsetzt, um das Urheberrecht internetfit zu machen.“

Der goldene Mittelweg zwischen unbezwingbarer Hydra und Konsumenten-Himmelreich 2.0: eine zu grosse Herausforderung?

Der digitale Kiosk

25. Juni 2011

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (115) Aufmerksamkeit ist die neue Währung, heisst es. Wer aber zahlt die alten Strukturen? Und die heutigen Erkenntnisprozesse?

Der besondere Reiz einer Kolumne liegt nicht zuletzt in ihrer Länge. Nein: in ihrer Kürze. Sehen Sie, schon habe ich unnötig Platz verschwendet, weil der Fluss der Gedanken – parallel zur Schreibbewegung der Finger – nicht mit genügender Präzision und Denkschärfe kanalisiert wurde. Nun ist es aber oft tatsächlich alles andere als einfach, komplexe Themen mit knapp zweitausend Buchstaben in wohlgesetzte Worte und Sätze zu fassen. Insbesondere solche aus der weiten (und nicht selten wundersamen, im doppelten Sinn des Wortes) Welt der Technik. Aber darin liegt die Kunst: den Kern einer Sache herauszuschälen und ihn der p.t. Leserschaft schmackhaft zu machen.

Als freier Journalist, der seine diesbezüglichen Versuche da und dort – und zusätzlich in einem eigenen Blog (Sie lesen ihn gerade), der gottlob keine Grenzen für Textlängen kennt – verbreitet, ist mir dies gerade erst wieder misslungen. Offen gesagt: eine Story aus meiner Feder, zu finden im aktuellen „profil“, konzentriert sich auf die plakative Räubersg’schicht’ rund um das Film-Piraten-Portal kino.to, tut sich aber mit der dahintersteckenden Debatte um das Urheberrecht im 21. Jahrhundert schwer. Denn das ist Materie von einer Sprödheit und Komplexität, an der sogar Fachleute (ver)zweifeln. Dabei drehen sich die Kultur- und Wirtschaftskriege der Gegenwart und Zukunft vorrangig um Marktzugänge und Medienkanäle. Der Rohstoff heisst Information, und die begründet – seit zwei, drei Jahrzehnten strikt in Nullen und Einsen zerlegt – unsere Wahrnehmung der Welt.

Fragen Sie ruhig Herrn Fleischhacker, wenn Sie ihn irgendwo sehen, um seine Meinung zum Streit der Zeitungsverleger mit Apple, Stichwort „digitaler Kiosk“. Er wird mir übrigens, hoffe ich, die Werbeeinschaltung für „profil“ nachsehen – zumal das einzige österreichische Nachrichtenmagazin diese Woche mit einer eigenen iPad-App an den Start geht. Endlich. Das kann und sollte man testen, es kostet zunächst nichts. Später dann schon. Ausser man meint, die Recherchen und Erkenntnisse der Redaktion generell gratis beziehen zu müssen – irgendeine dunkle Möglichkeit, den Saugrüssel reinzustecken, findet sich immer. Nur geht so irgendwann den Schreibern und Herausgebern die Luft aus. Und wovor soll sich z.B. ein Karl-Heinz Grasser fürchten, wenn nicht vor der konsequenten Beharrlichkeit der Journalisten? Eben.

Apropos: Sie sollten sich auch die wirklich formidable „Presse“-App mal ansehen (gibt es auch für das iPhone und den iPod Touch). Oder die e-Zeitung gleich abonnieren. Wenn Aufmerksamkeit die neue Währung ist, fände ich das glatt doppelt aufmerksam.

Entscheidungsschwäche

18. Juni 2011

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (114) Nikon versus Canon ist das Simmering gegen Kapfenberg der Foto-Welt – ein brutaler Zweikampf. Nicht zuletzt im eigenen Kopf.

Irgendwann muss man sich entscheiden. Das gilt nicht nur für Schachturniere, Beziehungen und Management-Weichenstellungen, sondern auch für die Technik-Welt. Und hier insbesondere für die Unterabteilung „Spiegelreflex-Kameras“.

Denn irgendwann kommt man um die Wahl für ein System – und damit einen der grossen Markennamen – nicht mehr herum. Objektive (auch von Drittherstellern) und Zubehörteile passen ja nur, wenn volle Kompatibilität gegeben ist. In der Realität bedeutet das: Nikon oder Canon. Entscheide Dich, Knipserkönig in spe! Ich weiss schon: die Marketing-Kameraden von Sony, Olympus, Pentax, Leica und Sigma werden das nicht gerne lesen, aber ihre Marken – mit all ihren spezifischen Qualitäten – sitzen bei diesem ewigen Zweikampf der Titanen nur auf den Zuschauerrängen.

Ich bin mir in der Entscheidungsfindung unsicher. Einer meiner Freunde schwört auf Nikon und lächelt nur milde über die ewige Konkurrenz aus Nippon. Andererseits war ich bislang mit allen Canon-Produkten zufrieden: von der allerersten Ixus-Kompaktkamera bis zur Brot- & Butter-SLR 1000D. Wenn es aber um die Anschaffung einer wirklich teuren Spiegelreflex geht (ok, „wirklich teuer“ würde Profis laut auflachen lassen, aber wir sprechen hier schon von einem durchschnittlichen österreichischen Monatsverdienst), kann man sich wohl – ausser man heisst Robert Hartlauer – nur auf Fachzeitschriften, Expertenmeinungen und das eigene Auge verlassen.

So erbat ich zwei aktuelle Modelle für einen persönlichen Intensivtest: die brandneue Nikon D5100 und die EOS 60D aus dem Hause Canon. Vorweg: beide Kameras nehmen sich, obwohl sie nicht exakt in derselben Klasse spielen, nichts. Das Urteil des Kollegen und Branchen-Grandsigneurs Helmut Gansterer im aktuellen „Trend“ hat Gültigkeit: „In der Bildqualität besser als noch vor Kurzem jede Vollprofi-Kamera“.

Die Nikon ist vielleicht einen Tick eleganter in punkto Menüführung und Ergonomie (den „Live View“-Hebel gleich beim Programm-Drehknopf zu placieren ist z.B. eine gute Idee), die Canon punktet wiederum mit Anfassqualität (auch ohne Magnesium-Gehäuse) und zusätzlichem Info-Monitor. Aber letztlich bleibt’s Geschmacksache. Der Schwachpunkt einer langsamen Autofokus-Nachführung im „Live View“- und/oder Video-Modus ist beiden Geräten nicht fremd.

Wenn Sie mich also in den nächsten Monaten und Jahren irgendwo rumstiefeln sehen mit einer – surprise! – Sony-Kamera um den Hals, dann hat das nur damit zu tun, dass diese Firma gerade eine neuartige Technologie forciert: „Translucent Mirrors“. Also einen teildurchlässigen Spiegel. Ermöglicht laut Sony extrem schnelle Serienbilder mit kontinuierlichem Autofokus. Und mir einmal mehr das Hinausschieben einer endgültigen Entscheidung.

Wolkenkuckucksheim

11. Juni 2011

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (113) Wenn alle Welt allzeit & allerorten alle Musik aller Spielarten hören kann, hat der „Distinktionsgewinn“ ausgedient?

„Das Abgleichen und Synchronisieren von Geräten treibt einen in den Wahnsinn“, sprach Steve Jobs unlängst bei der Vorstellung des neuesten Apple-Services „iCloud“. Ich wünsche dem Mann, dass er keine grösseren Sorgen hat – er wird ja schmaler und schmaler in seinem schwarzen Rollkragen-Pulli. Aber einmal mehr hat Jobs nicht nur recht, sondern macht aus Anti-Wahnsinn, sprich: Bequemlichkeit, ein Patzen Geschäft. Teilweise gratis, teils bezahlterweise soll man demnächst Daten aller Art – Dokumente, Fotos, Musik et al – „in die Wolke“ auslagern können. Und Endgeräte, also Laptops, iPads, Smartphones usw., eventuell nur mehr als Schlüssel zur virtuellen Vorratskammer nutzen.

Das für mich interessanteste Angebot, nämlich die Unmengen an Musik-Files, die ich da und dort und sonstwo horte, via iTunes endlich einmal auf einen Nenner bringen zu können, spielt’s aber nicht so bald. Jedenfalls nicht vor 2012. Die britische Musikindustrie hat nämlich Bedenken angemeldet, die Gespräche befinden sich erst, so liess man verlautbaren, „in einem sehr frühen Stadium“. Hm. In den USA will man dagegen schon im Herbst loslegen.

Und es scheint, als hätte Jobs wieder einen Coup („One more thing“) gelandet, der Google, Amazon & Co. mit ihren Cloud Services vergleichsweise alt aussehen lässt: MP3s aus allen möglichen Quellen, die man privat abgespeichert hat, werden via „iTunes Match“ mit dem iTunes Store-Angebot abgeglichen. Niemand kann, soll und wird danach fragen, wo man das Zeug eigentlich her hat. Das ermöglicht elegant die nachträgliche Quasi-Legalisierung ominösester Filesharing- und Klon-Festplatten-Datenbestände, und das ist gut und richtig so. Denn: Apple verlangt für die gebotene Convenience Geld. Man darf das getrost als freiwillige Kultur-„Flat Rate“ betrachten. Und ein gewisser – allemal diskussionswürdiger – Bruchteil der Kohle wird auch bei den Künstlern landen.

Wenn aber Musik wie Wasser ist – gemäss der Experten-Prophezeihung, sie wäre bald immer und überall auf Knopfdruck verfügbar –, was wird dann aus dem guten, alten Distinktionsgewinn? Denn Kulturgüter waren immer auch Unterscheidungs-Merkmale und Gegenstände der Selbstdefinition. Es soll ja Fälle gegeben haben, wo man sich von einer Freundin ihres unerträglichen Musikgeschmacks wegen – leicht erkennbar an der Plattensammlung – getrennt hat. Darüber nachzudenken könnte sich lohnen: wie rette ich das höchstpersönliche Luxusprodukt Musik in das ubiquitäre, egalitäre, technisch gleichgeschaltete Wolkenkuckucksheim von morgen?

Sollen andere an Syncing-, Streaming- und Download-Plattformen basteln: plötzlich erscheinen mir alte, analoge Tonträger wieder handfest und reizvoll.

Die A-Klasse

10. Juni 2011

Innovationspotenziale in der Musikwirtschaft: Anmerkungen zur Lage der „Musiknation“ Österreich – als Beitrag zu einem „White Paper“ anlässlich eines Themen-Calls der Fördereinrichtung departure.

Lassen Sie mich gleich, ganz ohne langwierige Einleitungen und umständliches Herumgerede, zur Sache kommen. Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos. Manche Experten würden eher postulieren, sie wäre hoffungslos, aber nicht ernst, doch ich zähle mich eher nicht zu den achselzuckenden Spöttern (gewiss aber nicht zu den apathischen).

Österreich besitzt eigentlich keine nennenswerte Musikindustrie. Punkt. Sofern man darunter – im engeren Sinn – eine tatsächlich kreative, schöpferisch tätige und dabei unter einem kommerziellen Imperativ agierende Produktionsmaschinerie versteht. Die sogenannten „Majors“, also die alteingesessenen, weithin bekannten Tonträgerunternehmen Universal, Sony, Warner und EMI, haben sich mit ihren hiesigen Filialen weitgehend auf den Vertrieb internationaler Mainstream-Ware zurückgezogen. Und sind mit Restrukturierungen, Identitätsfindung und der Verteidigung traditioneller Bastionen – vom Vertriebsmonopol bis zum Urheberrecht – beschäftigt. Ausnahmen (etwa der nunmehr offensiv operierende Verlagsarm des früheren Branchen-Riesen BMG) bestätigen die Regel.

Independent-Labels – darunter sind lokal und regional agierende Kleinst- und Kleinunternehmen zu verstehen, die ohne Einbindung in eine globale Finanzierungs- und Auswertungsstruktur auskommen wollen/müssen – sind hierzulande an den Fingern zweier Hände abzuzählen. Zumindest solche, die nicht vorrangig der Eigenveröffentlichung einzelner Künstler dienen und/oder halbwegs marktorientiert und öffentlich wahrnehmbar sind. Beide – Majors und Indies – kämpfen gegen einen scheinbar übermächtigen Gegner an: die Entwertung des Mediums, das über Jahrzehnte der Garant für positive Bilanzen war. Sprich: den Verlust des physischen Tonträgers. Einnahmen aus digitalen Vertriebskanälen, die sich in den letzten zehn Jahren als zukunftsorientierte Alternative (oder zumindest Ergänzung) des alten Businessmodells anboten, wiegen bis heute nicht annähernd die Defizite auf. Wie weit der Verlust des zentralen Geschäftsgegenstands im Digitalzeitalter systemimmanent unendlicher Kopierbarkeit, illegalen Download-Plattformen, Peer-to-peer-„Tausch“börsen und einer generellen Abwendung jüngerer Generationen von den Vertriebs- und Rezeptionskanälen der Elterngeneration geschuldet ist, soll hier nicht weiter ausgeführt werden. Auch eine Moraldebatte können wir uns ersparen. Zumal sich nicht einmal Experten darüber einig sind, ob der radikale Paradigmenwechsel seit dem Ende des 20. Jahrhunderts mehr positive als negative Implikationen hat. Faktum ist: wir werden nicht mehr in die analoge Übersichtlichkeit und Unschuld zurückfinden.

Natürlich gilt es den Klassik-Bereich auszuklammern; allerdings kränkelt die Tonträgerproduktion auch in diesem, in Österreich vergleichsweise starken Sektor. Und im Veranstaltungs-Business hat sich das Land artig in den fremdbestimmten Kontext der darauf spezialisierten internationalen Konzerne eingefügt (was etwa dazu führt, dass auf den grössten Festivals kaum lokale Acts auftreten, selbst wenn sie als Publikumsmagnete und Umsatzgaranten gelten). Die Wertschöpfungskette mag allen Statistiken nach ungebrochen goldglänzend oder zumindest solide sein: der Alltag vieler KünstlerInnen, Labelbetreiber, Promoter, Booker, Veranstalter und Händler ist eher von Glaube, Liebe, Hoffung geprägt. Prekären Arbeitssituationen. Und vagen Zukunftschancen. Immerhin: in Österreich, das eigentlich nie einer der Knotenpunkte der internationalen Pop-Kultur und der damit verbundenen Handelswege war, war und ist die Flughöhe zumeist so gering, dass der Absturz nicht letal ausfällt.

Und doch wird dieses Szenario, das dem notorischen Pessimismus und Hang zur Raunzerei verfallenen Land melodramatisch entgegenkommt, durch die Realität konterkariert. Eine erstaunliche Wirklichkeit: die Musikproduktion boomt (bedingt durch eine technologische Demokratisierung der Produktionsmittel, aber auch begünstigt durch neu geschaffene Fördereinrichtungen wie z.B. den Österreichischen Musikfonds), die Quantität und Qualität der Veröffentlichungen ist mehr als respektabel, neue Player, Ideen, Herangehensweisen, Modelle, Plattformen erblühen. Nicht immer zu nachhaltiger Pracht, aber selten, ohne Spuren und Nachfolgeprojekte zu hinterlassen. Ich wage zu behaupten: die kulturelle Prosperität in der Musiklandschaft Österreichs – zumindest im Sektor Pop, dem ich großherzig alles zuordne, was nicht unter Klassik oder traditionelle Volksmusik einzuodnen ist – war nie grösser als heute.

Damit wäre einmal der wesentlichste Punkt für eine wirtschaftliche Auswertung – die, sofern man nicht einer weltfremden l’art pour l’art-Ideologie anhängt, unabdingbar ist in einem strikt kapitalistischen Kontext – erfüllt. Ohne künstlerische Qualität, die sich an Parametern wie Originalität, Innovationsgehalt, Einzigartigkeit, konzeptive und/oder technische Brillianz u.a. festmachen lässt, lässt sich nicht in den Wettbewerb eintreten. Schon gar nicht in den brutal-darwinistischen „Artisten, Tiere, Attraktionen“-Verdrängungswettbewerb des Entertainment-Marktes.

Und, nein, ich werde Ihnen jetzt nicht das Minnelied von den wundersamen Weiten und Wundern des World Wide Web singen. Natürlich sind die Möglichkeiten der Selbstdarstellung, Eigenpromotion, Sicht- und Hörbarmachung und Selbstvermarktung im Digitalzeitalter schier unendlich gewachsen. Von Facebook, Twitter, YouTube, Last.fm und MySpace (die heute schon jeder Anfänger auf der Klaviatur zeitgemässer Kommunikation beherrscht) bis hin zu spezielleren Tools und Plattformen wie SoundCloud, Tumblr, FanBridge, Spotify, TuneCore, ReverbNation, Beatport, Topspin, Kickstarter, BuzzNet, Guguchu oder SonicBid (um nur ein paar zu nennen). Es gibt da ein Video („Management in the Modern World“, http://alturl.com/ywjkv), das eigentlich eine Parodie auf den für Laien kaum durchforstbaren Online-Dschungel darstellt, die Sache aber auf den Punkt trifft: vor lauter Möglich- und Notwendigkeiten, die es für Kommunikationsaufgaben zu beachten gilt, kommt man irgendwann nicht mehr dazu, darüber nachzudenken, was man eigentlich kommunizieren wollte und sollte. Geschweige denn, dafür notwendigen und geeigneten Content zu produzieren.

Ich werde also an dieser Stelle nicht – wiewohl der Untertitel der vorliegenden Abhandlung „Innovationspotentiale in der Musikwirtschaft“ lautet – die gelegentlich handfesten, oft genug aber eher vagen oder stracks in die Irre führenden Verheissungen des Cyberspace-Instrumentariums durchleuchten. Wenn man sich, wie das Team des hauseigenen Labels und Musikverlags, dem Thema „Management 2.0“ widmet – ausgehend von der praxisorientierten These, dass Management der Kern und das zentrale Vehikel für die Ertragsauswertung künstlerischer Leistungen und Produkte ist – , kann und muss die Antwort auf die radikal veränderten Rahmenbedingungen des Marktes nur ein zeitgemässes Dienstleistungsangebot sein. Eines, das innovative Techniken, Tools und Kommunikationskanäle in Permanenz evaluiert, bereithält und nutzt, aber auch neue wirtschaftliche Ansätze und Strategien erfordert. Wie haben wir es einst in einem departure-Förderantrag formuliert? „Ziel ist es, grenzüberschreitend Märkte zu erschließen, nachhaltige Fan-Bindungen aufzubauen, konservative Finanzierungsmodelle abzulösen, kreative Produktionen und werthaltige Produkte zu ermöglichen und mittel- bis langfristig eine solide Wertschöpfung zu schaffen.“ Und so war und ist es gemeint. Natürlich ist der Weg nicht das Ziel. Aber das konsequente, unentwegte, unverzagte Vorwärts-Marschieren ist unabdingbar. Es heisst ja nicht umsonst: Fortschritt. Avantgarde nennt man die, die ganz vorne voranschreiten. Alles andere hiesse, allein auf Zufall und Glück zu vertrauen. Leider heisst keiner meiner Mitarbeiter Gustav Gans.

Ich will also alle meine – nunmehr fast dreissigjährige – Erfahrung im Musik- und Medien-Business zwischen Wien, Hamburg und Berlin in die Waagschale werfen und drei essentielle Topics benennen. Es sind die Hauptstränge der Weiterentwicklung, Punkte, an denen sich wirksam Hebel ansetzen und Fortschritte messen lassen, soweit dies mit technokratischen Mitteln und systematischen Management-Verfahren generell in den Griff zu bekommen ist (ich bin da bisweilen skeptisch).

Erstens: Professionalisierung. Hier sei schlichterweise auf den Umstand verwiesen, dass betriebswirtschaftliche Essentials – von simpler Break Even-Rechnung über komplexeres Controlling bis hin zur finalen Bilanzierung, von Aufzeichnungen zur gemeinen Geschäftstätigkeit, die als halbwegs passabel und formal richtig gelten dürfen, ganz zu schweigen – den allermeisten Playern im Musikgeschäft fremd sind. Ich will mich darüber nicht lustig machen (und hasse Excel-Tabellen ebenfalls. Leider.) Aber hier geht es um Geld. Oder, profaner: um die Betriebsmittel, um den Motor überhaupt in Gang zu halten. Oder sich ein exaltiertes Hobby wie ein eigenes Musiklabel á la longue leisten zu können. Erstaunlicherweise wissen viele – vermeintliche und tatsächliche – Professionisten in diesem Gewerbe nicht einmal richtig über Einrichtungen und Verwertungsgesellschaften wie AKM, AustroMechana und LSG Bescheid. Haben keinen Überblick über die branchenspezifischen Förderinstrumente und Möglichkeiten (ob man Förderungen per se notwendig und sympathisch findet, soll hier aussen vor bleiben). Oder haben nie in ihrem Leben von einem „Deckungsbeitrag“ gehört. Was tun? Fordern. Fördern (aber nicht ohne strenge Maßstäbe für eine wirtschaftliche Grundausstattung). Fortbilden. Im Ernst: die wirksamste Massnahme für die wirtschaftliche Entwicklung oder auch nur Überlebensfähigkeit kleiner und kleinster Kultur-Biotope wäre ein verpflichtender kaufmännischer Grundkurs.

Zweitens: Internationalisierung. Es macht wenig Sinn – zumal in Zeiten, wo das „World Wide Web“ (sic!) per se keine Grenzen mehr kennt –, nur den engen nationalen Markt zu beackern. Ausser, man veröffentlicht moderne Wienerlieder mit strikt lokalem Zungenschlag (auch das kann erfolgreich sein, wie Künstler wie Ernst Molden, 5/8terl in Ehr’n, Stefan Sterzinger oder Kollegium Kalksburg beweisen). Warum aber nicht mit einem trefflichen Song, zwingenden Groove oder fashionablen Tune auch potentielle Fans in Mailand, Antwerpen, Mumbai, Toronto oder Buenos Aires suchen, finden, begeistern? Die digitalen Vertriebskanäle – von iTunes über Amazon und MusicLoad bis zu Beatport und ZeroInch, von eMusic über Spotify bis Simfy – umspannen den gesamten Planeten. YouTube dito. Einer der wesentlichen einstigen Startvorteile der Major-Konzerne, die physische Dominanz über die Marktflächen, ist zunichte. Heute gilt: DIY – do it yourself! (sprechen wir nicht auch von Business-Punks?). Dass man sich dabei von Profis helfen lässt, ist ja nicht verboten. Auch im Live-Geschäft – heute mehr denn je die eigentliche Standsäule der im Regelfall wackligen künstlerischen Existenz – macht die ständige, automatisch endenwollende Bespielung ein und derselben Orte und Lokalitäten keinen schlanken Fuss. Wenn man aber London und New York im Visier hat – think big!, realistischer sind zunächst Bratislava, Budapest, Berlin und Laibach –, dann sollte man eher heute als morgen damit beginnen, z.B. seine Homepage zu internationalisieren. Und mehr oder weniger jedem Bewohner dieses Planeten verständlich zu machen. Es muss ja nicht Esperanto sein, das man zur lingua universalis erklärt.

Drittens: Spitzenförderung. Gehen wir von einem Künstler bzw. einer Künstlerin bzw. einer Gruppe aus, der/die ihre Hausaufgaben gemacht hat. Deren Umfeld (Management, Verlag, Booking, Promotion, Label) willens und fähig ist. Wo bereits eine gewisse Fan-Base existiert und eine Beherrschung der Grundlagen des Gewerbes keine überdimensionalen Fragezeichen mehr aufwirft. Wo man sich regelrecht darauf freut, die Welt zu erobern – und auch keine grundsätzlichen Hindernisse (Erwerbsjob, Kinder, Flugangst, Antriebslosigkeit, kranke Katze et al) mehr lauern. Und, first things first!, aufgrund von Talent, Vision, Originalität und Willenskraft seriöse Chancen gegeben sind, mit dieser Bündelung an Absichten und Fähigkeiten auch andere Leute zu überzeugen als nur die eigene Eltern, wohlmeinende Freunde oder die nette Pfadfinder-Gruppe am Lagerfeuer. Und zwar mittels Abstimmung per Brieftasche an der Abendkasse. „It’s a peoples’s business“ – das ist einer der Leitsprüche der Branche. Er gilt auch heute noch. Er wird immer gelten. Erfolg, der auf der Phantasie, Empathie und Emotionalität des Publikums beruht, die wieder originären und originellen künstlerischen Hervorbringungen geschuldet sind – einem alchemistischen Prozess, der quasi aus dem Nichts Gold schöpft – , wird sich niemals auf einem Schreibtisch modellhaft planen lassen. (Okay, Justin Bieber ist der lebende Gegenbeweis).

Das bedeutet aber auch, dass dort, wo sich wirkliche Talente und „Against All Odds“-Erfolge abzeichnen, der Staat als Fördergeber und/oder der treffsichere Manager und/oder die begeisterte Community einspringen sollten (nein: müssen), um den Ball wirklich ins Rollen zu bringen. Im Musik-Bereich können wir hier über allerhand diskutieren: von Kuratoren-Modellen über Crowdfunding-Finanzierung (á la „Sell-a-Band“) bis hin zu strikt kapitalistischen Investoren-Pools, Risikokrediten und Abschreibungsmodellen. Die flächendeckende Giesskannen-Förderung mit Klein- und Kleinstbeträgen, über die etwa die Operndirektoren und Musical-Intendantinnen in Wien nur herzhaft lachen würden, hat hier ausgedient. Auch wenn sie da und dort ihren Zweck erfüllt.

Die „A-Klasse“, wie ich jene mit realem, internationalem, eventuell globalem Potential behafteten KünstlerInnen nennen würde (eventuell mit andeutungsweise patriotischem Unterton), zu identifizieren, zu motivieren und tatsächlich ein, zwei, drei Schritte zu begleiten und höher und weiter hinauf und hinaus zu führen, ist ziemlich sicher die edelste Aufgabe in gesamten Metier. Und kein Manager, kein Plattenboss und keine Künstler-Agentin wird Ihnen verraten, wie sie oder er das geschafft hat. Oder, gewiss doch, erst im Nachhinein. In den Memoiren, die’s im Idealfall auch noch in die Bestseller-Listen schaffen. Die wahren Innovationspotentiale in der Musikwirtschaft stecken zuvorderst in den Hirnen, Herzen, Augen und Ohren derjenigen, die sich als tatsächliche Akteure in dieser Arena verstehen.

(Das gesamte „White Paper“ findet sich – Gratis-Download! hier)

Phönix in der Asche

4. Juni 2011

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (112) Ein Weltkonzern steckt akut in der Bredouille: Sony. Die Krise ist aber auch eine Chance.

Wenn ich so nachdenke, welchen Unternehmen ich im Lauf meines Konsumenten-Daseins am meisten Geld in den Rachen geworfen habe – und zwar freiwillig und lustvoll –, fallen mir Apple, Mazda, Yamaha, Hewlett-Packard und General Motors ein. Am allermeisten habe ich aber an Sony abgedrückt, da bin ich mir ziemlich sicher.

Fast jeder Fernseher der letzten drei Jahrzehnte – vom Trinitron-Röhrenmonster der achtziger Jahre bis zum neuesten 52 Zoll-LCD-Schirm – war ein Sony. In punkto HiFi darf sich der japanische Konzern auch nicht beklagen: vom Cassetten-Walkman, der in Tokyo erfunden wurde, über CD, DAT bis zur seligen MiniDisc habe ich jede Mode mitgemacht. Von der PlayStation ganz zu schweigen. Und dann waren unzählige weitere Alltagshelferlein in meinem Haushalt „made by Sony“, vom Radiowecker bis zum ersten (damals in Österreich noch illegalen) Schnurlos-Telefon. So kommt im Lauf eines Lebens ein erkleckliches Sümmchen zusammen. Immerhin: ein Interview mit dem Sony-Gründer Akio Morita, das ich zu den Höhepunkten meiner Journalisten-Laufbahn zähle, hat ein paar Euro zurückgespielt in die Geldbörse.

In den letzten Jahren verlor ich den einst – neben Panasonic und Hitachi – stolzesten und mächtigsten Konzern der japanischen Unterhaltungselektronik-Landschaft aber zugegebenermassen ein wenig aus den Augen. Den Paradigmenwechsel der Musikindustrie hat Sony verschlafen (oder, schlimmer, falsch darauf reagiert), bei Flachbildschirmen machen Konkurrenten wie LG und Samsung mächtig Druck und bei den Spielkonsolen Nintendo und Microsoft. Aktuell kämpft das Unternehmen mit Milliardenverlusten, imageschädigenden Datenlecks – davon waren 100 Millionen (!) Playstation-User betroffen – und den Nachwirkungen des Jahrhundertbebens samt nachfolgender Atom-Katastrophe. Die bitteren Schlagzeilen für die Konzernspitze wollen und wollen kein Ende nehmen. Der Gigant wirkt angeschlagen. Sony sei „zu gross, um Erfolg zu haben“ spötteln Ex-Mitarbeiter. Analysten werfen dem Unternehmen zunehmend Trägheit, Mut- und Ideenlosigkeit vor.

Ich sage: das hat Sony nicht verdient. Denn jede Krise ist auch eine Chance. Man sollte die Manager-Heerscharen und die Weissmäntel in den Entwicklungslabors nicht unterschätzen. Wenn Sony die Krise übersteht – Glückauf! – und sich der Konzern zumindest partiell neu erfindet, steigt er wie Phönix aus der Asche. Makoto Kikuchi, Chefanalyst von Myojo Asset Management, gibt die Richtung vor: man müsse Produkte entwickeln, für die Kunden mehr Geld zu zahlen bereit sind als bei der Billigsberger-Konkurrenz. „Sony hatte diese Fähigkeit einmal“, so Kikuchi. Oh, ja.

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