Limbo-Tanz

2. Juli 2011

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (116) Kaum ein Land in Europa hat niedrigere Handygebühren als Österreich. Freiwillig draufzahlen tun aber nicht nur Dumme.

Die Sache ist ganz einfach: das iPhone, das ich seit Jahr’ und Tag mit mir im Hosensack trage, ist schon ziemlich bedient. Gesprungenes Glas, kurze Batterielaufzeit, immer wieder spontane Funktionsfehler – mal läutet das Handy nicht, mal schaltet es sich unerwartet ab. Ausserdem ist es ein Gerät der zweiten Generation, also technisch nicht mehr am neuesten Stand der Dinge, vom Image ganz zu schweigen. Zeit, ein neues iPhone zu erwerben (und, nein, ich hab jetzt keine Lust, auf das allerneueste Modell zu warten). Zumal einem, traut man der Werbung, die Mobilfunkanbieter die Mutter aller Smartphones förmlich nachwerfen. Kostenlos! Grad’, dass sie einen nicht noch extra dafür bezahlen, dass man sich für ein Maschinchen entscheidet, das die Rechenleistung eines schrankgrossen, flüssigkeitsgekühlten Cray-Supercomputers der achtziger Jahre toppt.

Nun wird es aber kompliziert. Wirklich kompliziert. Denn so blöd, einfach den Uralt-Vertrag – den ich noch mit „One“ abgeschlossen habe – zu verlängern und 149 Euronen draufzulegen, wie mir das die Mitarbeiter im „Orange“-Shop vorschlagen, bin ich wieder auch nicht. Durch den mörderischen Konkurrenzkampf auf dem engen österreichischen Markt überschlagen sich die Netzbetreiber förmlich in punkto Preis-Dumping. Jede Woche ein neues Paketangebot – mal verbunden mit Breitband-Internet für zuhause (wie gerade bei A1), dann wieder mit Verdoppelung der Freiminuten und SMS-Kontingente. Oder Schnickschnack wie Fernsehen am Handy. Apps bis zum Abwinken sowieso. Das unschuldige Wort „gratis“ (wahlweise auch „kostenlos“ oder „null Euro“) glüht förmlich, weil es ständig zum Einsatz kommt.

Dabei muss man nur das Kleingedruckte lesen: da tauchen plötzlich Freischaltungsgebühren und Aktivierungsentgelte, SIM- und Service-Pauschalen und sonstige Überraschungseier auf. Manchmal auch im Nachhinein. Der Tarif-Dschungel blüht schlaumeierisch dicht und hinterhältig dornig im Land der Berge, Täler und Funklöcher. Wollen wir Gerechtigkeit walten lassen: letztere werden immer weniger. Und die Mobilfunkbetreiber stöhnen mehr und mehr über den Limbo-Tanz des Sich-unablässig-gegenseitig-Unterbietens. Mögen die Konsumenten auch noch so jauchzen und frohlocken – irgendwer zahlt am Ende die Rechnung. Oft freiwillig, weil nichtsahnend.

Ein kleiner Fingerzeig für all jene, die versuchen, den Durchblick zu bewahren: der „Handy-Tarifrechner“ der AK hält, was er verspricht. Dass etwa dasselbe Gesprächs- & SMS-Volumen im günstigsten Fall 18 Euro, mit einem grundfalschen, aber nicht denkunmöglichen Tarif aber bis zu 655 Euro (!) pro Monat kostet, verblüfft ziemlich. Da hilft allemal vorab ein Blick in die minutiösen Vergleichstabellen. Dass die Arbeiterkammer für solche und andere Konsumenten-Service-Leistungen selbst Zwangs-, pardon: Pflichtbeiträge einhebt, ist wieder ein anderes Thema.

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10 Antworten to “Limbo-Tanz”

  1. Alex Ander Says:

    schimpfens mir ned auf die arbeiterkammer, herr gröbchen, die leute machen durchwegs sinnvolle sachen und unterstützen den arbeitnehmer nicht nur in arbeitsrechtlichen dingen sondern helfen einem auch noch sich im konsumdschungel zurechtzufinden. trotzdem viel glück beim erwerb des möglichst aktuellsten eifons, hoffentlich mit einem für sie günstigen tarif…!

    • Walter Gröbchen Says:

      Ach, das ist kein „Schimpfen“. Das ist nur das Festhalten des – mich immer wieder staunend machenden – Faktums, daß sich Österreich als Kammerstaat (AK, Wirtschaftskammer, Bauernkammer, Ärztekammer et al) über Pflichtkollektive samt „Pflichtbeiträgen“ definiert. Brauchen wir wirklich Funktionäre, um uns „im Konsumdschungel zurechtzufinden“? Und hilft einem ggf. nicht auch die Gewerkschaft – die nicht auf Zwangsmitgliedschaft beruht – „in arbeitsrechtlichen Dingen“? So sehr ich Services wie den Handytarif-Rechner schätze (die Arbeiterkammer versteht sich also als Konsumentenschutzorganisation – ?), so wenig freut mich das System dahinter. Es ist aus meinem Blickwinkel des 21. Jahrhunderts nicht würdig.

  2. Kosi2801 Says:

    Der Link zum Handy-Tarifrechner funktioniert nicht direkt. Der richtige Link ist: http://www.mobilfunkrechner.de/akwien/

  3. Georg Huber Says:

    der Tarifrechner ist zwar ok, ist aber konzeptionell aus 2005 (steht zumindest in der copyright notice) und damit für smartphones mangels vergleichs von internetdaten preisen defakto unbrauchbar. so gesehen darf man die pflichtbeiträge natürlich umso mehr hinterfragen :-)

    • Walter Gröbchen Says:

      Ich gehe davon aus, daß die Grundkonzeption aus 2005 stammt – und die Daten immer aktualisiert werden (wobei der Dumping-Takt der Mobilfunkanbieter rasant ist). Zumindest ergab meine individuelle Berechnung brauchbare Resultate.

      • Georg Huber Says:

        so hab ich es gemeint; dass die daten aktuell sind, habe ich schon vermutet, halt beschränkt auf voice/sms.

        Aber wie wär’s mit bei Orange kündigen und im Kündigungsschreiben beschweren, dass Neukunden besser gestellt werden als Altkunden blablabla. Hat bei mir immer geholfen :-)

        Zumal Sie ja auch „vom ORF“ sind (würde mich wundern wenn sich nicht morgen auf den Presseartikel hin ein Orange Marketing Fuzzi bei Ihnen meldet) :-)

      • Walter Gröbchen Says:

        Ich bin aber nicht „vom ORF“ ;-). Die Kündigung des Orange-Vertrags – er ist längst ausgelaufen – geht morgen raus.

  4. manfred Says:

    1996 habe ich noch ös15.000 fürs telefon bezahlt.

    als der limbotanz 1999 begann, haben wir als mobilshop damals den kunden damals den kunden ECHT öS100,- cash zum 0,- telefon in die hand gedrückt !

    das hat sich dann aufgehört, als kunden storniert haben und der provider der vorgeschossenen „vertrauensstütze“ nachlaufen hätte müssen ;-)


  5. […] Ingenieur noch IT-Fachmann. Und schon gar kein Wunderwuzzi, der im ewig undurchschaubaren Tarifdschungel der hiesigen Telekommmunikations-Unternehmen blind den aktuell gültigen Pfad zum […]


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