I want the future – now!

7. Juli 2011

Musikmagazine. Wen scheren schon Musikmagazine? Heute fischt man sich seine Informationsbrocken doch aus dem Internet. Und Popkultur ist nun mal keine Spielfläche für intellektuellen Diskurs. Oder seriösen Journalismus. Und, wenn schon: dann genügt doch ein Magazin auf dem österreichischen Markt… Oder? Ein Plädoyer für ein offensives Umdenken. Und ein Fingerzeig auf das exzellente Exempel NOW!

Wir leben in seltsamen Zeiten. In einer Kulturära, in der der kaufmännische Leiter eines Wiener Musical- & Opern-Imperiums – der sich selbst ein höheres Gehalt als der Bundeskanzler genehmigt – erklärt, es wäre ein „überaus erfreuliches Bild“, wenn man jährlich nur 38 Millionen Euro Subvention brauche, um Udo Jürgens-Huldigungen abzuspulen. In einer Zeit, da der ORF – die ungebrochen mächtigste Medienorgel des Landes – stolz ein neues Programm („ORF 3“) startet, bezeichnenderweise einen Kultur- und Informationskanal, und zeitgleich die Zahlungen an die AKM, die Geld an die Kulturschaffenden weitergibt, um zehn Prozent kürzen will. In einer Gesellschaft, die Transparenz, Inhalte und Reformen einfordert, aber zugleich weithin einer „Geiz ist geil“-Philosophie und einem tiefen Ressentiment gegen Fragensteller, Reformgeister und Systemkritiker anhängt.

Giuseppe Tomasi di Lampedusa („Der Leopard“) hat die Schizophrenie der Situation auf den Punkt gebracht: „Es muß sich alles ändern, damit alles so bleibt, wie es ist“. Die angepeilten Änderungen sind im Biotop Österreich freilich zumeist Lippenbekenntnisse, Halbherzigkeiten, Oberflächenkosmetik. Ein morscher Unterbau für den Status Quo, ein – wohl unbeabsichtigt – tragfähiges Fundament für radikale Umbrüche.

Schnitt. Nehmen wir das eingangs erwähnte Blatt in die Hand. Das in Salzburg verlegte und in ganz Österreich (und via Web) verbreitete Magazin NOW!: ein mit Herzblut, Idealismus und existenziellem persönlichen Einsatz hergestelltes Periodikum, das sich (grösstenteils) der Musik widmet. Populärer Musik, aber ohne Scheuklappen oder ausschliessliche Konzentration auf Mainstream-Fliessbandware. Dieses Magazin kostet die Leserin und den Leser nichts, wird aber hoffentlich nicht umsonst gelesen. Sondern mit Gewinn. Einem Informations- und Lustgewinn aufgrund kurzweiliger Artikel, profunder Rezensionen und kompetenter Einschätzungen.

Derlei kostet Geld. Geld, das in Zeiten der grassierenden Gratis-Kultur nur in Ausnahmefällen von Konsumentenseite einzufordern ist. Sondern von jenen stammt, die die Inhalte, die hierorts versammelt, besprochen und katalogisiert werden, herstellen und vertreiben. Von Künstlern, Labels, Management- und Booking-Agenturen, Distributoren und Händlern.

Und, ja, es gibt – hoffentlich – soetwas wie einen Grundkonsens, dass man nicht nur in schreiend-nichtssagende Werbeprospekte, müde Gefälligkeitsinterviews und bunten Copy & Paste-Papiermüll investiert, sondern auch in seriösen, unabhängigen, engagierten Musikjournalismus. Es soll ja auch ernsthafte Musikkonsumenten geben. Und ich garantiere, dass diese Minderheit für den Grossteil der Tonträgerverkäufe in den Plattenläden und CD-Stores dieses Landes verantwortlich zeichnet. Und sich längst auch lustvoll auf den Download-Plattformen tummelt.

Wir leben aber in seltsamen Zeiten. Einerseits herrscht Überfluss, Massenware, ein zudringliches Zuviel des Ewig-Gleichen – selbst ruinöses Preisdumping holt keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervor. Andererseits hat man für jene, die die Tugenden der Sinnesschärfung, der systematischen Durchforstung des Angebots, der permanenten Suche nach dem Wahren, Guten, Schönen pflegen – keinen müden Cent übrig. Angeblich. Zunehmend. Fragen Sie den Herausgeber dieses Magazins, mit welchen Argumenten ihn man immer öfter, immer schnöder, immer kühler abspeist. Permanente Selbstausbeutung ist aber kein partnerschaftliches Prinzip. Und selbstverständlich auch keine Zukunftsperspektive.

Diese Kolumne ist daher ein Appell: wer Magazine wie NOW! nicht missen mag, muss etwas dafür tun. Lesen und das Gelesene zu schätzen wissen ist schon mal ein guter Start. Den Inseraten und Inserenten wohlwollende Aufmerksamkeit schenken ein grossherziges Signal. Die Botschaft weiterzugeben – auf Facebook, Twitter, Google+, am Musik-Stammtisch oder im Business-Meeting – ein Gebot der Stunde. „I want the future now! I want to hold it in my hands.“ (Peter Hammill).

Nur wird alles Pathos nichts helfen: wenn die mit den grossen und grösseren Hebeln auf den Büro-Schreibtischen nicht mitspielen, wird nichts draus. Ihr wisst schon, wer gemeint ist. Gebt euch einen Ruck. Jetzt.

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Eine Antwort to “I want the future – now!”


  1. […] könnte es sein, dass dieser Nachruf – auf eine Kolumne, auf eine Zeitschrift, auf eine Ära – Wirklichkeit wird. Rascher, radikaler und rückstandsloser, als manche glauben. Vielleicht kommt ja Besseres […]


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