Plus Eins

9. Juli 2011

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (117) Google+ ist, wiewohl noch nicht offiziell gestartet, der Social Media-Hype der Saison. Aber hat es Zukunft?

„Ich würde nie einem Club beitreten, der mich als Mitglied aufnimmt.“ Der Spruch von Groucho Marx – ins noch amüsantere Gegenteil verkehrt – fiel mir ein, als ich die verzweifelten Versuche vieler Freunde und Bekannter verfolgte, zur Closed Beta-Testphase von Google+ eingeladen zu werden. Sogar der stellvertretende Ö3-Chef vermeldete: „Ich komm’ nicht rein. Was ist denn das für eine Türsteherpolitik?“ Tja, gute Frage.

Das neue, erst ab Ende Juli wirklich allgemein zugängliche Social Network der Datenkrake Google ist offensichtlich der Hype der Saison. Selbst als der logische Konkurrent Facebook, der ja, was Teilnehmerzahlen und Alltagsdurchdringung betrifft, Lichtjahre vorne liegt, „eine grosse Sensation“ ankündigte – die sich dann als banale Integration der Videochat-Funktion von Skype entpuppte –, galt das Geschnatter der Internet-Gemeinde weiterhin dem Plus Eins-Verein.

„Es wäre mal Zeit für eine soziologische Betrachtung über die wiederkehrenden Abläufe der Besiedelung neuer digitaler Lebensräume“, meldete sich umgehend der deutsche Web-Leithammel Sascha Lobo zu Wort. Tatsächlich punktet Google+ mit einer innovativen Gruppierung der Kontakte in Kreise („Circles“) und einer stark personalisierten Strukturierung des Nachrichtenflusses. „Plus eins“ markiert Wohlwollen. Mit „Hangouts“ ist man Facebook und Skype zudem deutlich voraus: hier kann man bis zu zehn Personen in ein virtuelles Separée mit Bild und Ton einladen.

Ob Frater Lobo, mit dem kreuzartigen „+“ der Konquistadoren-Truppe voranmarschierend, aber solche Räume nicht rasch zu eng werden? Wohl nur, wenn seine Gemeinde nicht erfährt, dass er sie unter anderem in Circles namens „Deppen“, „Möchtegern-Wannabes“, „Versuchte PR“, „Politclowns“, „Schon bei Facebook nervig“ und „Internetfixierte“ einteilt. Und einen Freundeskreis namens „NIE anschauen“, der – Zitat – „den Leuten das Gefühl geben soll, man hätte sie zurückgecircelt.“ Das entlockt dem Betrachter dann doch spontan ein „LOL“, ein Lachen aus vollem Hals.

So ist das nun mal, wenn sich abgebrühte Early Adopters – die auch schon „1st Generation User“-Plaketten für die Erstbesiedler des Planeten Google+ verteilen – über die Heerscharen der Nachkommenden unterhalten. Ich schätze, dass es im 17. Jahrhundert in der Neuen Welt auch nicht anders zuging. Aber ist die grosse Aufbruchs- und Auswanderungsstimmung wirklich spürbar? Und erfasst sie breitere Bevölkerungsschichten als die überschaubare, unstete Gemeinde der Zukunfts-Evangelisten? Um hier eine Antwort geben zu können, ist es wohl noch zu früh.

Ich weiss nur eines: es nervt jetzt schon gewaltig, neben Twitter, Facebook, Diaspora, Xing, Netlog, LinkedIn & Co. eventuell noch weitere Social Media-Plattformen mit Persönlichem, Propaganda und Pustekuchen füttern zu müssen.

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6 Antworten to “Plus Eins”

  1. Reinhard Haberfellner Says:

    Wahre Worte wie meistens, diesmal aber schon vor dem eigentlichen Start. Obwohl Google üblicherweise viel kundenfreundlicher daher kommt als das notorisch übergriffige FB, und nicht hinter jedem Link/Klick versucht dich als User zu übertölpeln, wird auch beim neuen Plus die Sache schon ziemlich unübersichtlich , wer mit wem jetzt was sieht. Und hilft damit auch eingefleischten Early Adoptern wie mir der Sache weniger wertvolle Zeit zu widmen. Was nervt erledigt sich bald von selber. Oder wird besser und nicht mehr nervig.


  2. In der Tat hat sich Social Media von einem spaßigen Freizeitvergnügen zu einem Vollzeitjob entwickelt, wenn man sich mit allen Hürden und Fallstricken des neuen Kommunikationsmediums auseinandersetzt. Eigenartig, wie viel Aufwand man hineinstecken muss, wo man sich doch nur mit anderen Leutchen unterhalten möchte (oder eben nicht unterhalten möchte, siehe „Fater Lobo“).

    Social Media wird oftmals missverstanden. Dabei ist es nicht anders als das reale Leben: du musst viel Zeit und Energie aufwenden, um ein wenig profitieren zu können. Im Handumdrehen passiert gar nix. Analog den Goldsuchern, die am Ende härter schuften mussten, um zu überleben als zuvor, in ihren alten Knochenjobs.

    Meine Gedanken zu google+ habe ich hier gebloggt:
    http://1668cc.wordpress.com/2011/07/08/google-eine-woche-spater/

    By the way: ich bin über google+ hierhergestolpert, nicht über twitter, Facebook, Xing usw.


  3. […] den Originalbeitrag weiterlesen: Plus Eins « Grob. Gröber. Gröbchen. Content/ Zitat Ende Klicken Sie einfach auf den Link unter "Beitrag weiterlesen", dann gelangen […]

  4. mySchani Says:

    Hallo erstmal …

    „die Besiedelung neuer, digitaler Lebensräume“ war jetzt beim Lesen mein Stichwort, mich hier zu Wort zu melden.
    Anders als im 17. Jahrhundert in der neuen Welt, werden heute diese digitalen Lebensräume immer wieder von den selben Leute besiedelt. Früher war´s so: bin ich nach Amerika ausgewandert war ich in Wien nicht mehr vorhanden. Bin ich heute aber in St. Facebook, dann bin ich auch in der Gemeinde TWITTER, in LinkedIN, in …, in „schlagmichtot“ und halt auch in G+. (Warum sollten also diese digitalen Lebensräume, trotz verbesserter Technik „g´scheiteren“ Content bieten. Wer ein Trottel auf FB ist, ist es auch in G+. Pasta)
    Dazu kommt: die Siedler sind heute immer und überall – fast zeitgleich.

    ABER jetzt komm ich auf den Punkt: Ich sehe ein neues Thema aufkeimen: „Influencer“, „Scoring“, etc.. Die Beurteilung Deiner(unserer) Seriosität, Glaubwürdigkeit, Einfluss, Reichweite und RESPEKT, ermittelt aus den Verhaltensdaten in oben genannten Gemeinden.

    Der Wunsch nach „Messbarkeit“ des Individuums ist aus marketingtechnischen Gründen nachvollziehbar … aber mir wird bei diesem Thema ganz übel. Vielleicht könnten Sie zu diesem Thema – KLOUT.com – ist mein Lieblingsreibebaum im Moment, also vielleicht könnten Sie einmal zu dieser Entwicklung Ihre Maschinen im Maschinenraum anschmeissen …

    Meine Sichtweise dazu finden Sie unter: http://www.myschani.at/?cat=69

    Lieben Gruß
    mySchani


  5. […] NetworkedBlogsBlog:Grob. Gröber. Gröbchen.Topics: Follow my blog « Plus Eins […]


  6. […] und sind aus verschiedenen Gründen unabdingbar – manchmal ist man geneigt zu sagen: leider. Von Google+ habe ich das Passwort vergessen, die Motivation, es zu rekonstruieren oder ein neues zu erstellen, […]


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