Trommelbremse & Königswelle

23. Juli 2011

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (119) Retro-Vehikel á la Kawasaki W800 sind in Bulgarien unbekannt. Hier fährt man noch das Original.

Fein, wenn man sich im Web – fern der Heimat – den Wetterbericht ansieht und feststellen darf, dass zwischen Sofia und Wien ein Temperaturgefälle von zwanzig Grad Celsius herrscht. Gerade zum richtigen Zeitpunkt weggekommen also. Und ich zerbrech’ mir hier unter dem Sonnenschirm garantiert nicht den Kopf über Google+, Mac OS X Lion oder Anonymous. Die Ferien-Destination Bulgarien bietet ja – vor allem abseits der Großstädte – den speziellen Reiz, weithin eine Art Freiluft-Museum für technische Artefakte längst verblichener Jahrzehnte zu sein.

Besonders augenfällig wird dies im Strassenverkehr. Neben protzigen BMW- und Toyota-Geländewagen aktueller Bauart, deren verdunkelte Scheiben kaum Rückschlüsse auf die Besitzer zulassen (dafür umso mehr Spielraum für Vermutungen), gurken hier allerlei seltsame Gefährte durch die Gegend. Vehikel, die man tausend Kilometer weiter westlich kaum mehr zu Gesicht bekommt. Die Namen waren einst im Autoquartett nicht gerade grosse Bringer – oder überhaupt unbekannt: Moskwitsch, Trabant, Wartburg, Skoda, Dacia, Lada, Saporoshez, Oltcit, Wolga, Tatra, Polski-Fiat, Polenz, Yugo, Zastava. Gibt es dafür eigentlich mittlerweile eine Sammlerszene? Oder überantwortet man die östliche Technik-Hemisphäre mit der Überheblichkeit siegreicher Casino-Kapitalisten dem Rostfrass der Geschichte?

Solche Überlegungen – und nicht nur die glühende Hitze – gebieten mir, die Schrittgeschwindigkeit auf dem Weg zum Strand zu senken. Und den verbeulten Bussen, Autos und Motorrädern auf der Landstrasse nachzuschauen, deren Fahrer sich um Geschwindigkeitsbegrenzungen und Strassenmarkierungen nicht weiter zu kümmern scheinen. In der Badetasche trage ich seit Tagen ein Magazin spazieren, das gerade unter solchen Umständen doppelt und dreifach perverses Lesevergnügen verspricht: ein westliches Sportvehikel-Pornoheft, das eigentlich nur Porsche und Ferrari kennt. Und sonst kaum etwas.

Stopp. Stimmt nicht ganz: auch eine fabriksneue Retro-Kawasaki, Modell W800, wird da vorgestellt. Eine Remineszenz an die sechziger Jahre, mit Luftkühlung, Trommelbremsen und Königswelle. 48 PS stark, ein stilvolles Gefährt der japanischen Motorrad-Schmiede – ganz in der Tradition britischer Vorbilder wie der Triumph Bonneville. Derlei ist ja wieder mächtig in Mode. Erst neulich hat mich jemand im Büro mit einer restaurierten Oldie-Honda besucht. Und auch die indischen und chinesischen Nachbauten sind keine Exoten mehr.

Nur in Bulgarien hat man von dieser „Back to the future“-Welle noch nichts gehört. Auch die Einführung des Euro will man sich in Sofia nochmals genau überlegen (mit gutem Grund): gelegentlich ist es von Vorteil, dem Lauf der Welt etwas hinterherzuhinken.

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