Archive for August, 2011

Amadeus? Amadeus!

27. August 2011

Man konnte über den grössten heimischen Musikpreis berechtigt spötteln, aber sich seiner Existenz durchaus auch erfreuen. Wie es jedes Jahr tausende Kulturschaffende machten. Anno 2011 sieht’s aber düster aus.

Die Meldung kam überraschend. Sogar für jene Mitglieder des Trägervereins IFPI, die nicht unmittelbar in die Organisation und Umsetzung des grössten heimischen Musik-Branchenpreises involviert waren und sind. Der „Amadeus“, hiess es in einer lapidaren Pressemitteilung, werde nicht, wie geplant, im Herbst stattfinden. Sondern erst im Frühjahr 2012. Der Grund: die Rahmenbedingungen hätten sich „aus finanziellen und logistischen Gründen leider massiv nachteilig verändert“.

Im Klartext: die Telekom Austria war als Hauptsponsor ausgefallen, andere Sponsoren hatten abgesagt, die Finanzierung des Events aus den (von der „Leercassettenabgabe“ gespeisten und sozial-kulturellen Zwecken zugedachten) Einnahmen der der IFPI angebundenen Urheberrechtsgesellschaft LSG reicht nicht, um die Stadthalle anzumieten, eine TV-Übertragung zu inszenieren und eine standesgemässe Party zu schmeissen.

Lange Gesichter allerorten. Wie, der „Amadeus“ fällt aus? Eventuell für immer? So die spontane Reaktion von Musikern, Managern, Labelbetreibern, der Mehrzahl der Branchenkolleginnen und -kollegen. Eine ziemliche Blamage. Und eventuell ein Spiegelbild des desolaten Zustands der österreichischen Musikindustrie (deren Existenz als produzierende Entität ich weithin in Abrede stelle). Aber abgesehen vom Umstand, dass der „Amadeus“ nicht begraben, sondern nur um ein paar Monate verschoben wurde, ist eine solche Denkzettel-Evaluierung nicht kategorisch negativ zu werten. Besser g’scheit als halbherzig. Oder gar nicht. Die Zwangspause sollte genutzt werden, um die Sinnstiftung, Finanzkonstruktion und den Nutzwert des „Amadeus“ nochmals zu überprüfen. Letzter bezieht sich vor allem auf die Image-Hebelwirkung, die über lange Jahre der ORF garantierte. Die Vergangenheitsform ist seit 2008 Gegenwart. Eine karge Gegenwart.

Nun: ein opulentes – oder, wie Kritiker immer monierten, zugleich provinzielles, überinszeniertes und teures – Fernseh-Spektakel, das heimische Altstars und Newcomer einem breiten Publikum nahebringen sollte, ist heute wirklich nicht mehr der Weisheit letzter Schluss. Der (gewollte? erzwungene?) Schwenk hin zu Szene-Sendern wie Puls 4 aber wohl auch nicht. Leider gelang es Hannes Eder, als Statthalter des marktbeherrschenden Konzerns Universal Music auch der logische IFPI-Präsident, und dem IFPI-Geschäftsführer Franz Medwenitsch – beide ehemalige langjährige ORF-Mitarbeiter – bis heute nicht, den alten und neuen ORF-Chef Alexander Wrabetz zu einem zukunftsweisenden Schulterschluss zu bewegen. Ob da die Doppelrolle von Franz Medwenitsch als Wortführer des ÖVP-„Freundeskreises“ im Stiftungsrat des ORF, der heftig gegen Wrabetz opponierte, mitspielt?

Es wäre Real-Österreich, und es wäre – wenn es denn so ist – zutiefst unprofessionell. Auf beiden Seiten. Der ORF, ungebrochen die grösste Medienorgel des Landes und mit all seinen TV- und Radiosendern der essentielle Durchlauferhitzer für heimische Populärkultur, betont ja bei jeder „Public Value“-Debatte seine rot-weiss-rote Identität. Warum sollte er nicht die Gelegenheit nützen, den für ein Medienunternehmen so wesentlichen „content“ Musik, eine ganze Generation von Kulturschaffenden und die für ein jüngeres Publikum weithin attraktiven heimischen Stars und Hits in einer Sendung zu verdichten, zu vermitteln und zu präsentieren?

Der „Amadeus“ hat in den letzten Jahren eine heftige Transformation – weg vom Major-Mainstream-Spektakel, hin zu einer von Web 2.0-Partizipation, Szenenähe und einer Portion Indie-Spirit getriebenen Präsentation – durchgemacht. Einiges davon liess unbedingte Durchdachtheit und Fingerspitzengefühl im Detail vermissen, vieles ging und geht in die richtige Richtung. Wenn man der Meinung ist – und ich bin es –, dass eine national definierte Szene einen anerkannten, öffentlichkeitswirksamen und anreizgebenden Preis benötigt, dann sollte man den „Amadeus“ nochmals anpacken. Aber richtig. Oder sanft entschlummern lassen. Und rasch eine Alternative – etwa parallel einen Kritiker- und einen Publikumspreis – forcieren.

Um gleich mal den Nutzwert jeglicher Variante zu erhöhen: die eine oder andere Preiskategorie sollte nicht nur „for art’s sake“, also Ruhm und Ehre willen, ausgeschrieben werden. Sondern auch mit probaten Sach- oder gar Geldspenden verbunden sein. Letztlich dreht sich (fast) immer (fast) alles um Geld.

Kühle Entscheidung

27. August 2011

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (124) Die Energieeffizienzklassen von Kühlschränken lassen Konsumentenschützer & Kunden nicht kalt.

Die Hundstage machen ihrem Namen alle Ehre. Man musste nicht zum Video des gleichnamigen Films von Ulrich Seidl – einem der brachialsten Meisterwerke heimischen Kinoschaffens – greifen, um die letzten Tage über richtig ins Schwitzen zu geraten. Mediziner raten in solchen Situationen zu reichlicher Wasserzufuhr, eventuell auch zum Genuss lauwarmen Beruhigungstees. Sicher aber nicht zu eiskalten Getränken (eventuell gar mit Alkoholanteilen), die man literweise in sich hineingurgelt. Der Gang zum Eisschrank war und ist dennoch eine der meistunternommenen Wallfahrten der Jetzt-Zeit.

Blöd, wenn denn die seligmachende Maschinerie einmal ausfällt. Rasch, ein neuer Kühlschrank her! Die Prospekte der Elektronikketten quellen ja über vor Angeboten. Wie aber eine vernünftige Wahl treffen? Oberflächlich schauen die Geräte, sieht man von ihrem Volumen und – in höheren Preisklassen – polierten Edelstahl-Fronten oder Retro-Designanklängen ab, alle ziemlich gleich aus. Okay, einige spenden Eiswürfel, protzen mit „No Frost“-Automatik (die das Abtauen überflüssig macht), LCD-Displays und LED-Beleuchtung. Aber letztlich sind es alle plumpe Kästen, die Strom verschlingen. Dabei gibt es ja kaum mehr Geräte, die nicht mindestens die Energieeffizienzklasse „A“ besitzen. Bestens, denkt man sich, und greift zu.

Der Trick ist: „A“ ist eher B oder C. Oder gar D. Jedenfalls nicht gerade am neuesten Stand der Technik. Da müsste man schon auf „A+“ oder „A++“ bestehen. Seit Ende 2010 gibt es sogar „A+++“-Kühlschränke. Das vermeintliche „A“-Klasse-Schnäppchen mit dem grünen Balken könnte sich also auf lange Frist als teurer Stromfresser entpuppen – und einmal mehr ein Sparefroh in einem einkommenschwachen Haushalt als gelackmeierter Naivling.

„A+++“ verbraucht im Vergleich zum schlichten „A“ im Schnitt 60 Prozent weniger an Energie (also bis zu 200 kWh), ist aber in vielen Märkten nicht zu finden. Dafür stehen dort zunehmend protzige „Side-by-Side“-Kombinationen mit Flügeltüren, mit denen man ganze Fussballmannschaften versorgen könnte. Für den Normalkonsumenten sind sie überdimensioniert, aber dennoch schwer in Mode.

Warum aber die Energieeffizienzklassen nicht schon längst den Erfordernissen von heute angepasst wurden (etwa, indem man „A+++“ zur neuen Benchmark erklärt, und alles darunter deutlich abstuft), müssen uns die Marketing-Kapazunder von Bauknecht, Bosch, AEG, Siemens, Gorenje & Co. erklären. Vielleicht fallen die ja selbst auf denselben Schmäh rein wie Wertpapierexperten und Rating-Agenturen, die vermeintliche Triple A-Schuldner nicht mehr von jenen mit Ramsch-Status unterscheiden können. Oder wollen.

Hip Pop Porno Flop?

23. August 2011

Da schau‘ her! : der ORF entdeckt die Populärmusik. Aber ist Sidos „Blockstars“ nicht bloß ein ultrazynisches – oder, schlimmer, gar „gutgemeintes“ – Ablenkungsmanöver?

„My role model doin 35 years, boy
He wrote me and told me stayin real bring joy
Wit’out the blockstars, where would the hood be?
I don’t believe half of that shit I see on TV…“

(„Blockstars“, DJ Kay Slay feat. Busta Rhymes u.a.)

Es ist fast eineinhalb Jahre her, da kam irgendjemand in den höheren Etagen des baufälligen Betonbunkers am Küniglberg auf die Idee, ein wenig Pop-Kultur zu versprühen. Im Hauptabendprogramm, sieh’ einer an! Einer Zone also, die sonst nur absolutem Nummer Sicher-Quoten-Content vorbehalten ist. Ausser der ORF will uns etwas sagen. Etwa, wie aufgeschlossen, innovativ, staatstragend, kulturbeflissen oder strikt öffentlich-rechtlich er sein kann. Am besten, alles auf einmal. Was uns der ORF aber am 21. Mai 2010 sagen wollte, erschloss sich niemandem. Schon gar nicht dem Zielpublikum.

Die Sendung zur besten Sendezeit geriet nämlich zu einem veritablen Flop. Nein, eher: einem absoluten Desaster. Kaum jemand wollte die Übertragung der „Night Of Pop“ vom Freizeitzentrum Schwarzlsee in der Steiermark sehen. Trotz intensiver Bewerbung durch die „Krone“. Trotz Mirjam Weichselbraun und Benny Hörtnagl in der Moderatorenkabine. Trotz dreizehn Kameras (darunter eine auf einem 62 Meter hohen Kran), fünf Kilometern Kabel und Star-Hausregisseur Kurt Pongratz. Und trotz eines „einzigartig“ eigenartigen Massenauflaufs an nationalen und internationalen Superstars: von No Angels, Scooter und Christina Stürmer bis Opus, Papermoon und Wolfgang Ambros. Nicht zu vergessen „Ö3-Soundcheck“-Sieger Norbert Schneider (heute von seiner Plattenfirma und Ö3 längst wieder vergessen), Aura Dione (dito) und – Sido. Der Maskenmann. Die HipHop-Ikone. Der deutsche Rapper, der seit 2003 mit neumodernen Schlagern wie dem „Arschficksong“, „Mein Block“ oder „Hey Du“ für heftiges Rappeln in den Kinderzimmern und Elternversammlungen zwischen Berlin, Zürich und Wien gesorgt hatte.

Der 21. Mai 2010 muss wohl auch jener Tag gewesen sein, an dem Paul Hartmut Würdig – so lautet der bürgerliche Name von Sido – erkannte, dass der ORF nicht als Kompetenzzentrum für Populärkultur in die Geschichte eingehen wird. Um es höflich zu formulieren. Auf diese „einzigartig“ (der Lieblings-Superlativ der ORF-Pressestelle) kurios-krude und gänzlich konzeptlose Mischung divergentester Künstler am Schwarzlsee musste ja irgendein Redakteur gekommen sein. Und, schlimmer, kein übergeordneter Abteilungsleiter, Controller und keine Schlaumeierin der Kultur-, Unterhaltungs- oder gar der (damals noch existenten) Entwicklungsredaktion hatte das programmierte „Oberliga“-Fiasko verhindert. Leider. Denn die einmalige televisionäre „Risikofreudigkeit“ des ORF – sonst scheint der Sender in punkto Musik nur die Spastelruther Katzen, Rainhard Fendrich und Anna Netrebko zu kennen – zeitigte fatale Folgen. Nämlich eine nochmals deutlich gesteigerte Unlust, sich programmatisch auf Pop im weitesten Sinn einzulassen. Neben „Und jährlich grüsst das Murmeltier“-Formaten wie „Starmania“, „Dancing Stars“ und ab & an einer „Weltberühmt in Österreich“-Rudi Dolezal-Fliessband-Doku kam da nichts mehr. Seit vielen, vielen Jahren. Selbst im neuen, noch nicht mal gestarteten Informations- & Kultur-Kanal ORF III kennt man nur Anna Netrebko (und, sorry, natürlich auch Erwin Prölls Lieblingspianisten Rudolf Buchbinder). „Helden von morgen?“ Ich kann mich, ehrlich gesagt, nicht einmal an den Namen der Gewinnerin der Casting-Sause erinnern.

Aber an den eigentlichen Gewinner: Sido. Denn der rettete, eventuell im Zusammenspiel mit einem denkwürdigen Kurzauftritt von Marilyn Manson (einem der seltenen wirklichen Einfälle der Küniglberg-Konzeptschmiede), diese letzte Pop-Grosstat des ORF vor dem Absturz in die totale Belanglosigkeit. Und soll das jetzt auch als Juror bei „Die grosse Chance“ machen. Sido-Festspiele! Warum es ein HipHop-Millionär aber notwendig hat, für gescriptete Provokation am Provinz-Laufband zu sorgen, erklärt sich damit nicht. Ist’s die leichte Flaute am Heimmarkt? Das Desinteresse deutscher Sender an Sidos Ideen? Die Gage? Der Wiener Schmäh? Oder gar eine geschickt eingefädelte Kollaboration, die den langhin ratlosen Schwarzlsee-Geschädigten Street Credibility, Erregungspotenial und Zeitgeist verspricht, Sido, seinem Management und seiner Plattenfirma im Gegenzug Präsenz, Marketingpower und Aufgeschlossenheit für die Phalanx an zukünftigen Ösi-Substrat-Sidos?

Wer Augen und Ohren hat, hat ja die Botschaft längst vernommen: der Mann hat noch mehr im Köcher. Sido „macht Band“ und startet ab Dezember gemeinsam mit der grössten Medienorgel des Landes die Doku-Soap „Blockstars“. Doku-Soaps sind per se das Grauen. Und natürlich Privat-TV (hat da nicht erst unlängst Wolfgang Lorenz ein paar böse Worte drüber verloren?) in reinster Form. Die Presseeinladung zum Programmvorhaben versammelte folgerichtig „alles, was aktuell falsch läuft“, wie ein Journalisten-Kollege umgehend auf Facebook vermerkte. Denn Sido sucht nicht irgendwelche Dämlacks, die sich in gewohnt kreuzbraver Manier verführen, vermarkten und verarschen lassen. Diesmal sollen die Kandidaten „Problemfälle“ sein, allesamt „aus schwierigen Verhältnissen“ kommen, „Mist gebaut und planlos herumgehangen“ haben und/oder sonstwie „in Schwierigkeiten stecken“. Sido nimmt diese traurige Truppe dann an die Kandare und entwickelt ihre „Skills“. Und lässt die Trainees als „Modern Hip Pop-Crew“ in die Medienarena einlaufen. „Denn wer mit und für Sido Musik macht, muss gut sein.“ (Alle Zitate: ORF). Allein den prägnanten Sendungstitel „Beweg’ Dein’ Oasch“ hat man dem nassforschen Mentaltrainer nicht abgekauft. Dafür garantiert ORF-Unterhaltungschef Edgar Böhm die strikte Beachtung der einschlägigen Gesetzgebung. Nein, wirklich?

Ich bin ja durchaus neugierig darauf. Etwa, wie Sido, um soetwas wie Restglaubwürdigkeit beim kritischeren Teil seines Publikums und in der Szene zu behalten, erfolgreiche österreichische Acts wie Texta (samt „Kabinenparty“-Heroe Skero), Nazar, MaDoppelT oder Sua Kaan in das Blockmalzmännchen-Universum einbaut. Was er unter „Hip Pop“ – ein Genre-Widerspruch in sich – versteht. Wie YouTube-Lokalkaiser & Sony-Kollege Moneyboy auf die ORF-Konkurrenz reagiert. Oder was die Spassguerilla namens Die Vamummtn dazu sagt (oder, entschiedener, rappt). Wird spannend. Eventuell auch amüsant. Aber eher nur für Insider. Der Rest vom Fest ergötzt sich absehbar an der Exotik dieses Seifen-Realitäts-Schrapnells im betulichen Programmumfeld. Und am zu vermutenden und (wohl nicht nur meinerseits auch tatsächlich vermuteten) Sozialporno.

Ob letzterer wirklich abläuft, wird am Fingerspitzengefühl des gelernten Pädagogen Paul Hartmut Würdig liegen. Seinem Mut. Und seiner Exekutivkraft. Vielleicht schafft Sido ja die Gratwanderung. Wahrscheinlich ist es nicht. Ich wünsche ihm (und uns) in jedem Fall dringend, dass er die alte Tante ORF nicht mit RTL, RTL II, ATV oder MTV verwechselt. Oder wird exakt das – die personifizierte Ausrede hat man ja zur Hand – klammheimlich erhofft am Küniglberg?

Denn Zuschauerzahlen, die über die HipHop-Community deutlich hinauswachsen, sind zweifellos erwünscht. Ein nachhaltiges kulturelles Vorhaben hat man mit „Blockstars“ wohl kaum im Sinn. All den genannten Acts hätte man sonst in einem Sender auf der Höhe der Zeit längst Sendezeit galore eingeräumt. Im ORF ist’s ein ewiger Konjunktiv. Offensichtlich hat man sich vom Gedanken, dass das Medium Fernsehen mit Musik unspekulativ, aber aufmerksam, liebevoll und entdeckungsfreudig umgehen könnte (etwa durch schlichte journalistische Berichterstattung), schon weitgehend verabschiedet. Fernsehmacher interessiert sich für Quoten, Budgets und ihre eigene Karriere. Eventuell auch noch den Menüplan in der ORF-Kantine. Und nicht für Musik. Für Musiker. Für „den Nachwuchs“, den „kreativen Untergrund“ oder gar die tatsächlich boomende lokale Szene. Allen Lippenbekenntnissen zum Trotz. Ausnahmen (wie etwa Servus TV) bestätigen die Regel. Aber es bleibt abzuwarten, ob Didi Mateschitz nicht auch irgendwann mal die blau-rote Spendierdose aus der Hand fällt. Das junge Publikum hat sich mittlerweile eh weitgehend in die wilden Weiten des Web verabschiedet.

Ich fürchte, „Blockstars“ wird daran mit all seiner wohlkalkulierten Roughness, „Realitätsnähe“ und „Radikalität“ nichts ändern. Sondern nur die fatalistische Meinung der Programmverantwortlichen einbetonieren, mit Pop wäre partout kein Hund hinterm Ofen hervorzuholen. Nicht mal mit Modern Hip Porno Pop.

Zahlbar bei Übergabe

20. August 2011

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (123) Was am Neuwagen-Markt noch dringend fehlt: eine Dacia Duster-Replica zum Dumpingpreis.

Hoch an der Zeit, hierorts wieder einmal ein handfestes Stück Technik auf den Seziertisch zu legen, anstatt sich in Orwell-Szenarien und Zukunftsspekulationen zu verlieren. Man kann sich da nämlich schön täuschen. So schrieb ich vor zwei Jahren – damals war die Krise noch dramatisch neu, mittlerweile hat man sich fast daran gewöhnt –, dass der Wirtschafts-Leithammel des 20. Jahrhunderts, die Auto-Industrie, sich dringend neu erfinden müsse. Es sei quasi ihre letzte Chance. Und saurierhafte Zweieinhalb-Tonnen-Benzinkutschen würden strikt am Markt von morgen vorbeiproduziert.

Was passierte? Heute brummt die KfZ-Industrie mehr denn je. Die Zulassungszahlen sind formidabel – nur ausgerechnet jene der als Instant- & Universal-Zukunftshoffung gepriesenen Elektro-Mobile (noch) nicht. Die längsten Lieferzeiten haben bezeichnenderweise SUVs. Das Kürzel steht für „Sport Utility Vehicles“, also voluminöse Fahrzeuge, die zumindest optisch so tun, als könnte man mit ihnen die Serengeti durchqueren. Natürlich sitzen drin hauptsächlich Senioren, die nie auch nur auf einen Feldweg abbiegen. Der schöne Wagen könnte ja durch aufgewirbelten Staub verdrecken! Das banale Erfolgsgeheimnis dieser Fahrzeugklasse ist die hohe Sitzposition. Und der bequeme Einstieg.

Ich gestehe: auch ich war diesen Sommer über zu Testzwecken mit einem (Billig-)SUV unterwegs, einem Dacia Duster. Der rustikale Karren fährt sich kaum schlechter als ein Mitsubishi ASX oder Skoda Yeti. Und was die Blech-Materialschlacht, die gefälligst die Nachbarschaft zu beeindrucken hat, betrifft, sind auch der GLK von Mercedes-Benz oder der Range Rover Evoque keine Schönlinge. Vergleichsweise. Aber sonst fällt mir zum Dacia wenig ein. Beim besten Willen nicht.

Dafür blieb erst vorgestern mein Blick auf der Website www.spassmarktplatz.de hängen. Dort werden angebliche reale, aber hauptsächlich kuriose bis höchst obskure Angebote von Ebay zusammengetragen. Darunter das Offert, Ferraris, Maseratis, Lamborghinis, Porsches oder gar einen Bugatti Veyron – mit 1001 PS eines der stärksten Serienfahrzeuge der Automobil-Geschichte – zu einem Bruchteil des Originalpreises zu liefern. Als Replica. „Vom Original nicht zu unterscheiden, aber viel wartungs- und kostenfreundlicher“, heisst es. Den Bugatti könne man etwa mit 12-Zylinder-670 PS-Motor von Mercedes bestellen, zu einem Fünftel des ursprünglichen Preises. „Zahlbar bei Übergabe“.

Hübsche Idee. Ich bestell’ mal probeweise einen Duster-Nachbau mit Rasenmäher-Motor. Der Nachbar, aber erst recht der Lieferant wird schauen. Mehr als zweitausend Euro kann der Spass ja nicht kosten.

Der ewige Hase- & Igel-Wettkampf

17. August 2011

Im Kampf gegen illegale Film-Plattformen wurden erste Erfolge errungen – im Ausland wie auch in Österreich. Das generelle Problem fehlender legaler Alternativen ist aber ungelöst. Ein Kommentar.

Mir selbst gehen ja kino.to & Konsorten seit jeher am Allerwertesten vorbei. Man muss schon ein ziemlicher Freak sein, um sich – bedrängt von allerlei sonstigem Ramsch, Abzock- und Lock-Angeboten – Filme in zumeist minderwertiger Bild- und Ton-Qualität aus einer höchst zweifelhaften Quelle zu ziehen. Und sich damit eventuell noch den einen oder anderen Virus einzufangen. Aber der Geiz ist geil!-Aktionismus, sprich: jegliches vermeintliche oder tatsächliche Gratis-Gut entwickelt nun mal in einer Gesellschaft, die sich allmählich daran gewöhnt, dass weder Musik noch Zeitungen, weder Filme noch TV-Serien etwas kosten, ein gewaltiges Eigenleben.

Untersuchungen zeigen, dass die Nutzer von Download- und Streaming-Plattformen wie kino.to (die oft nur „legal“ mögliche Quellen auflisten, wohlweislich ihre Server dann aber trotzdem in Tonga, Russland oder sonstwo anmelden) tatsächlich im Durchschnitt mehr Geld und Zeit für Filme und Kinobesuche lockermachen als der Durchschnittskonsument. Umso schmerzlicher ist es dann natürlich für die TV- und Filmindustrie, wenn diese Kernschicht nichts mehr zur Wertschöpfungskette beiträgt und sich nur mehr den illegalen Verlockungen hingibt. Diese sind legistisch und technisch kaum zu stoppen – kaum hatte man in Deutschland die kino.to-Betreiber eingebuchtet und auf der Web-Adresse ein virtuelles Warnschild montiert, tauchten fast namensgleiche Plattformen auf. Und drehten der Polizei und den Piratenjägern eine lange Nase. Es ist und bleibt ein ewiges Hase-Igel-Spiel.

Allerdings gilt es hierzulande eine bemerkenswerte Verschärfung des Wettstreits zu konstatieren: die Industrie – in Gestalt des Antipiraterie-Vereins VAP – nimmt nun auch die Internet Service Provider, sprich: die Zur-Verfügung-Steller der technischen Infrastruktur, ins Visier. Und ansatzweise in die Pflicht. Einem Antrag auf Sperrung bestimmter IP-Adressen wurde (wenn auch nur in Einzelfällen) vor Gericht stattgegeben. Erstmals.

Zwar konnten die Richter dem Vorschlag der weitergehenden Filterung nach Inhalten nichts abgewinnen – der Trend scheint aber juristisch und politisch in Richtung Content-Hersteller zu gehen. Die achselzuckende und gewiss auch geschäftstüchtige Verantwortungslosigkeit der Provider, die sich auf Netzneutralität und unüberschaubaren Aufwand berufen, sofern man sie als „Hilfssheriff“ in die Pflicht zu nehmen versucht, findet zwar den einen oder anderen ideologischen Unterstützer (auch jenseits der Piratenpartei) – die Frage wird aber letztlich nicht vor überforderten österreichischen Richtern oder Provinzpolitikern abgehandelt werden, sondern auf EU-Ebene. Oder gar im globalen Kräftefeld zwischen Hollywood, Brüssel, Moskau, Mumbai und Peking. Und Hollywood hat bekanntlich jede Menge Showeffekte auf Lager – freiwillig wird diese millardenschwere Industrie ihren Zinnober – jetzt auch in 3D! – nicht der kino.to-Klientel überantworten.

Ein Argument der Internet Service Provider (etwa aus dem Mund des ISPA-Generalsekretärs Andreas Wildberger) ist allerdings stichhaltig und nicht leichtfertig vom Tisch zu wischen: die wirkungsvollste Verdrängung von dubiosen respektive eindeutig illegalen Plattformen besteht in der Schaffung von bequemen, kostengünstigen, legalen Angeboten. Warum es diese am Film-Sektor bislang kaum gibt – die Musikindustrie hat hier von iTunes bis Amazon, von Spotify bis Simfy spät, aber doch ihre Hausaufgaben gemacht –, ist eine offene, brennende Frage.

Einerseits wäre damit natürlich die herkömmliche Kino- und TV-Auswertung in Frage gestellt. Andererseits verhindert ein offenbar äusserst komplexer, vielfach nicht mehr zeitgemässer Wirrwarr internationaler und nationaler Bestimmungen und Rechte eine stringente Umsetzung legitimer und kundenfreundlicher Download- und Streaming-Plattformen. „Die Content-Anbieter sollten ihre Energie nicht für absehbar endlose Gerichtsverfahren verschwenden“, so ISPA-Wortführer Wildberger. „Egal, ob davon kaum greifbare Business-Piraten, neutrale Infrastruktur-Betreiber oder letztlich sogar einzelne Konsumenten betroffen sind. Das ist der falsche Weg. Es gilt, attraktive, zeitgemässe und nach allen Seiten konkurrenzfähige Alternativen zu schaffen.“

D’accord. Nun könnte man natürlich argumentieren, dass ein Kauf-Angebot nie auch nur den Funken einer Chance gegen ein Gratis-Substitut hat. Aber gerade in Österreich wissen wir besser Bescheid: bei uns fliesst herrliches Quellwasser aus der Wasserleitung. Gratis. Und trotzdem müssen sich Römerquelle (vulgo der Coca Cola-Konzern), Gasteiner & Co. nicht beschweren. Nicht einmal Luxusmarken wie Evian oder San Pellegrino: Wasser lässt sich auch abgepackt, ettikettiert und teuer gut verkaufen. Ob man aber mit solchen Exempeln die Kino- und TV-Industrie nachhaltig beeindrucken oder gar perspektivisch überzeugen kann?

Meine Prognose lautet: der Hase-Igel-Wettlauf wird noch ein paar Jährchen weitergehen. Bis einer tot umfällt. Oder es – eventuell schon zuvor – den Zusehern einfach zu blöd wird.

David Cameron, Benjamin Franklin & wir

12. August 2011

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (122) Die Technikgläubigkeit der Apocalypse Now!-Apolegeten führt direkt in den Abgrund.

Nervosität überall. Nervosität an den Börsen, in den News-Rooms der Medienunternehmen, in den Polizei-Wachstuben, in den Zentralen der politischen Parteien. Fast überall neigt man zur selben Rezeptur: mehr, mehr, mehr. Mehr Milliarden für „Rettungsschirme“, mehr Polizisten auf den Strassen (und Baseballschläger daheim), mehr Wachstum oder zumindest Wachstumsbeschwörungen, noch mehr salbungsvolle Worte, Medienrummel und Polit-Hickhack.

Und nicht zuletzt mehr Technik – Überwachungskameras, Trojaner, URL- und IP-Filter, Handyortung, Suchprotokolle und Social Media-Screenings, Vorratsdatenspeicher, IT-Spezialeinheiten. Man könnte meinen, da draussen, aber auch im vormals trauten Heim herrscht längst Krieg. Cyberwar. Jugendliche Ego-Shooter, Hacker und Hooligans, WikiLeaks & Anonymous gegen den Rest der Welt.

Es wird Zeit, hierorts ein paar klare Worte zu verlieren. Denn die Bedrohung liegt nicht bei den höchst mysteriösen Gestalten, die sich mehr (sic!) in den Analysen selbsternannter Experten und in den Schlagzeilen der Boulevard-Presse tummeln als in der realen Erfahrungswelt. Unsere grössten Feinde sind wir selbst. Und dieser unendlich naive Glaube, dass ein massives Mehr an moderner, nein: modernster Technik die Dinge wieder geradebiegen könnte. Welch Irrtum.

Aktuelle Debatten – etwa jene um den „Klarnamen“-Zwang im Internet, den Google ebenso forciert wie Politiker und Verfassungsschützer – zeigen, dass sich bestimmte, in der Tat meist technikgetriebene und informationsbasierte Entwicklungen einerseits immer stärker beschleunigen, andererseits immer mehr zuspitzen. Andererseits der „Faktor Mensch“ aber seit Jahrtausenden keine Wesensänderung erfahren hat – und Gier, Neid, Wut, Angst, Irrationalität, Aggression – usw.usf., letztlich: Mord & Totschlag ungebrochen herrschen, gezügelt von mehr oder minder stabilen und wirksamen Insignien der Zivilisation. Homo homini lupus est.

Kann es da wirklich ein probater Ratschlag sein, Feuer mit Feuer zu bekämpfen, Gewalt mit noch mehr Gewalt und offenen, eventuell gar konstruktiven Meinungsabtausch mit offensiven Untergriffen und Orwellschem Untersuchungs-Instrumentarium? Wenn sich Ihnen – wie mir – diese Frage immer drückender und drängender stellt, hätte ich gleich noch eine zweite auf Lager: trauen Sie sich, die Antwort unter Ihrem Vor- und Zunamen öffentlich nachlesbar auf Jahre hinaus, eventuell für alle Ewigkeit festzuhalten?

Die deutsche „Computerwoche“ gab potentiellen Paranoikern einst folgende Ratschläge: „Drucken Sie diesen Artikel aus und verbrennen Sie ihn, ohne das Haus anzuzünden. Löschen Sie den Browser-Verlauf und den Cache. Booten Sie. Verhalten Sie sich unauffällig.“

Den Traditionalisten, die diese Kolumne (noch) auf Papier lesen, gebe ich den alten Merkspruch von Benjamin Franklin – das ist der streng dreinschauende Typ auf der 100-Dollar-Note – mit auf den Weg zum spurenterminierenden Kamin: „Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, wird am Ende beides verlieren.“

Das Jahr der stillen Sonne

7. August 2011

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (121) Chinesische Wissenschaftler erklären, jammerschade!, Zeitreisen für unmöglich.

Wenn Sie irgendwo, in einem Antiquariat etwa, auf eBay oder in einem der Groschenheft-Tauschläden, die es erstaunlicherweise in Wiener Randbezirken immer noch gibt, ein zerfleddertes Exemplar von Wilson Tuckers „Das Jahr der stillen Sonne“ finden, schlagen Sie zu. Unbedingt. Die Kosten sind voraussehbar gering – die Science Fiction-Taschenbücher der siebziger Jahre sind ja heutzutage vollkommen aus der Mode. Und Wilson Tucker zählte nie zu den Stars seiner Zunft. Immerhin wurde er, drei Jahre vor seinem Tod, anno 2003 in die amerikanische Science Fiction Hall of Fame aufgenommen.

„Das Jahr der stillen Sonne“ ist einer von einem halben Dutzend Zeitreise-Romanen aus Tuckers Feder. Und meinem Geschmack nach der spannendste. Das gilt für das gesamte Genre, in dem Zeitmaschinen seit H.G. Wells keine geringe Rolle spielen. Und, das können Sie mir glauben, ich habe fast alle gelesen, die mir im Alter zwischen 12 und 18 Jahren in die Hand kamen.

Tuckers Roman fiel mir ein, als ich diese Woche eine Meldung aufschnappte. Des Inhalts, Wissenschaftler aus Hongkong hätten in einem aufwändigen Experiment nachgewiesen, dass sich nichts schneller als Licht bewegen kann. Die Umkehrung des Kausalitätsprinzips – Ursache zeitigt Wirkung – sei mithin unmöglich. Zeitreisen, bis dahin zumindest nicht gänzlich undenkbar, werden so endgültig ins Reich der Fabel verwiesen. „Unsere Ergebnisse belegen, dass sich auch die Quanten des Lichts an das Geschwindigkeitslimit der Speziellen Relativitätstheorie halten, das überall im Universum für jede Art elektromagnetischer Welle gilt“, so Forschungsleiter Shengwang Du. Ich erspare Ihnen die Details, aber das Urteil der chinesischen Quantenphysiker klingt apodiktisch.

Schade. Ja: jammerschade (die Chinesen erscheinen mir da überstreng). Denn wenn mir ein Gadget noch fehlt in meinem privaten Maschinenpark, dann ist es eine kleine, feine, probat funktionierende Zeitmaschine. Ich würde einiges dafür geben, auf einer Anzeige etwa das Jahr 1612 einstellen zu können. Und dann auf einen Knopf zu drücken, der mich als „Time Tourist“ in jene Ära schleudert.

Sagen wir mal: auf den Marktplatz der stolzen Bürger- und Bauernstadt Retz in Niederösterreich, wo ich mich gerade aufhalte. Und, nein, ich würde natürlich einen Teufel tun und keinesfalls versuchen, ins Geschehen einzugreifen. Etwa, in dem ich meiner Ur-Ur-Ur-Großmutter schöne Augen mache. Den Retzer Bürgern erkläre, wie die Elektrizität funktioniert. Oder sonstwie den Lauf der Geschichte ändere. Paradoxa dieser Art waren ja auch immer die Fussangeln aller einschlägigen Groschenromane. Bleiben eventuell noch die „Wurmlöcher“ der Allgemeinen Relativitätstheorie nach Einstein als Ausweg, aber in realita ist’s (und bleibt es) Science Fiction, nicht mehr.

„Das Jahr der stillen Sonne“ ist mir übrigens deswegen so nachhaltig in Erinnerung geblieben, weil es keine gloriose Space Opera ist. Sondern eine höchst depressive Vision des Zerfalls der USA. Eventuell ist es ja ein Glück, nicht in die Zukunft schauen zu können. Über die Vergangenheit wissen wir auch ohne Zeitmaschinerie einigermassen Bescheid – und lernen doch kaum etwas draus.

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