Das Jahr der stillen Sonne

7. August 2011

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (121) Chinesische Wissenschaftler erklären, jammerschade!, Zeitreisen für unmöglich.

Wenn Sie irgendwo, in einem Antiquariat etwa, auf eBay oder in einem der Groschenheft-Tauschläden, die es erstaunlicherweise in Wiener Randbezirken immer noch gibt, ein zerfleddertes Exemplar von Wilson Tuckers „Das Jahr der stillen Sonne“ finden, schlagen Sie zu. Unbedingt. Die Kosten sind voraussehbar gering – die Science Fiction-Taschenbücher der siebziger Jahre sind ja heutzutage vollkommen aus der Mode. Und Wilson Tucker zählte nie zu den Stars seiner Zunft. Immerhin wurde er, drei Jahre vor seinem Tod, anno 2003 in die amerikanische Science Fiction Hall of Fame aufgenommen.

„Das Jahr der stillen Sonne“ ist einer von einem halben Dutzend Zeitreise-Romanen aus Tuckers Feder. Und meinem Geschmack nach der spannendste. Das gilt für das gesamte Genre, in dem Zeitmaschinen seit H.G. Wells keine geringe Rolle spielen. Und, das können Sie mir glauben, ich habe fast alle gelesen, die mir im Alter zwischen 12 und 18 Jahren in die Hand kamen.

Tuckers Roman fiel mir ein, als ich diese Woche eine Meldung aufschnappte. Des Inhalts, Wissenschaftler aus Hongkong hätten in einem aufwändigen Experiment nachgewiesen, dass sich nichts schneller als Licht bewegen kann. Die Umkehrung des Kausalitätsprinzips – Ursache zeitigt Wirkung – sei mithin unmöglich. Zeitreisen, bis dahin zumindest nicht gänzlich undenkbar, werden so endgültig ins Reich der Fabel verwiesen. „Unsere Ergebnisse belegen, dass sich auch die Quanten des Lichts an das Geschwindigkeitslimit der Speziellen Relativitätstheorie halten, das überall im Universum für jede Art elektromagnetischer Welle gilt“, so Forschungsleiter Shengwang Du. Ich erspare Ihnen die Details, aber das Urteil der chinesischen Quantenphysiker klingt apodiktisch.

Schade. Ja: jammerschade (die Chinesen erscheinen mir da überstreng). Denn wenn mir ein Gadget noch fehlt in meinem privaten Maschinenpark, dann ist es eine kleine, feine, probat funktionierende Zeitmaschine. Ich würde einiges dafür geben, auf einer Anzeige etwa das Jahr 1612 einstellen zu können. Und dann auf einen Knopf zu drücken, der mich als „Time Tourist“ in jene Ära schleudert.

Sagen wir mal: auf den Marktplatz der stolzen Bürger- und Bauernstadt Retz in Niederösterreich, wo ich mich gerade aufhalte. Und, nein, ich würde natürlich einen Teufel tun und keinesfalls versuchen, ins Geschehen einzugreifen. Etwa, in dem ich meiner Ur-Ur-Ur-Großmutter schöne Augen mache. Den Retzer Bürgern erkläre, wie die Elektrizität funktioniert. Oder sonstwie den Lauf der Geschichte ändere. Paradoxa dieser Art waren ja auch immer die Fussangeln aller einschlägigen Groschenromane. Bleiben eventuell noch die „Wurmlöcher“ der Allgemeinen Relativitätstheorie nach Einstein als Ausweg, aber in realita ist’s (und bleibt es) Science Fiction, nicht mehr.

„Das Jahr der stillen Sonne“ ist mir übrigens deswegen so nachhaltig in Erinnerung geblieben, weil es keine gloriose Space Opera ist. Sondern eine höchst depressive Vision des Zerfalls der USA. Eventuell ist es ja ein Glück, nicht in die Zukunft schauen zu können. Über die Vergangenheit wissen wir auch ohne Zeitmaschinerie einigermassen Bescheid – und lernen doch kaum etwas draus.

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5 Antworten to “Das Jahr der stillen Sonne”

  1. Erik Ritschl Says:

    Ich finde immer noch, dass wir viel zu wenig über das Universum wissen um Zeitreisen als unmöglich erklären zu können. Egal was unsere Experimente jetzt sagen. Wir stehen gerade mal Knöcheltief im Ozean des Wissens. Und das Wasser fühlt sich einladend an. ~Carl Sagan

  2. Wolfgang Says:

    Wissenschaftler?
    Waren das nicht diejenigen, die vor ein paar hundert Jahren meinten, die Erde sei eine Scheibe? ;-)

  3. elisabeth arzberger Says:

    hi, Walter,
    bei amazon gibt’s das heftl ;-)
    ear


  4. […] Topoi zwischen Himmel und Erde zählen die Zukunftsvisionen der Menschheit. Als alter Liebhaber des Genres Science Fiction – von abgegriffenen Perry Rhodan-Schundheftln über kuriose Erich von […]


  5. […] Baby! Jede Denkmöglichkeit ist in Big Data-Land längst Realität. Die Science Fiction-Elite von damals – jedenfalls ihre hervorragendsten Vertreter wie Lem, Philip K. Dick oder J. G. Ballard – […]


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