Der ewige Hase- & Igel-Wettkampf

17. August 2011

Im Kampf gegen illegale Film-Plattformen wurden erste Erfolge errungen – im Ausland wie auch in Österreich. Das generelle Problem fehlender legaler Alternativen ist aber ungelöst. Ein Kommentar.

Mir selbst gehen ja kino.to & Konsorten seit jeher am Allerwertesten vorbei. Man muss schon ein ziemlicher Freak sein, um sich – bedrängt von allerlei sonstigem Ramsch, Abzock- und Lock-Angeboten – Filme in zumeist minderwertiger Bild- und Ton-Qualität aus einer höchst zweifelhaften Quelle zu ziehen. Und sich damit eventuell noch den einen oder anderen Virus einzufangen. Aber der Geiz ist geil!-Aktionismus, sprich: jegliches vermeintliche oder tatsächliche Gratis-Gut entwickelt nun mal in einer Gesellschaft, die sich allmählich daran gewöhnt, dass weder Musik noch Zeitungen, weder Filme noch TV-Serien etwas kosten, ein gewaltiges Eigenleben.

Untersuchungen zeigen, dass die Nutzer von Download- und Streaming-Plattformen wie kino.to (die oft nur „legal“ mögliche Quellen auflisten, wohlweislich ihre Server dann aber trotzdem in Tonga, Russland oder sonstwo anmelden) tatsächlich im Durchschnitt mehr Geld und Zeit für Filme und Kinobesuche lockermachen als der Durchschnittskonsument. Umso schmerzlicher ist es dann natürlich für die TV- und Filmindustrie, wenn diese Kernschicht nichts mehr zur Wertschöpfungskette beiträgt und sich nur mehr den illegalen Verlockungen hingibt. Diese sind legistisch und technisch kaum zu stoppen – kaum hatte man in Deutschland die kino.to-Betreiber eingebuchtet und auf der Web-Adresse ein virtuelles Warnschild montiert, tauchten fast namensgleiche Plattformen auf. Und drehten der Polizei und den Piratenjägern eine lange Nase. Es ist und bleibt ein ewiges Hase-Igel-Spiel.

Allerdings gilt es hierzulande eine bemerkenswerte Verschärfung des Wettstreits zu konstatieren: die Industrie – in Gestalt des Antipiraterie-Vereins VAP – nimmt nun auch die Internet Service Provider, sprich: die Zur-Verfügung-Steller der technischen Infrastruktur, ins Visier. Und ansatzweise in die Pflicht. Einem Antrag auf Sperrung bestimmter IP-Adressen wurde (wenn auch nur in Einzelfällen) vor Gericht stattgegeben. Erstmals.

Zwar konnten die Richter dem Vorschlag der weitergehenden Filterung nach Inhalten nichts abgewinnen – der Trend scheint aber juristisch und politisch in Richtung Content-Hersteller zu gehen. Die achselzuckende und gewiss auch geschäftstüchtige Verantwortungslosigkeit der Provider, die sich auf Netzneutralität und unüberschaubaren Aufwand berufen, sofern man sie als „Hilfssheriff“ in die Pflicht zu nehmen versucht, findet zwar den einen oder anderen ideologischen Unterstützer (auch jenseits der Piratenpartei) – die Frage wird aber letztlich nicht vor überforderten österreichischen Richtern oder Provinzpolitikern abgehandelt werden, sondern auf EU-Ebene. Oder gar im globalen Kräftefeld zwischen Hollywood, Brüssel, Moskau, Mumbai und Peking. Und Hollywood hat bekanntlich jede Menge Showeffekte auf Lager – freiwillig wird diese millardenschwere Industrie ihren Zinnober – jetzt auch in 3D! – nicht der kino.to-Klientel überantworten.

Ein Argument der Internet Service Provider (etwa aus dem Mund des ISPA-Generalsekretärs Andreas Wildberger) ist allerdings stichhaltig und nicht leichtfertig vom Tisch zu wischen: die wirkungsvollste Verdrängung von dubiosen respektive eindeutig illegalen Plattformen besteht in der Schaffung von bequemen, kostengünstigen, legalen Angeboten. Warum es diese am Film-Sektor bislang kaum gibt – die Musikindustrie hat hier von iTunes bis Amazon, von Spotify bis Simfy spät, aber doch ihre Hausaufgaben gemacht –, ist eine offene, brennende Frage.

Einerseits wäre damit natürlich die herkömmliche Kino- und TV-Auswertung in Frage gestellt. Andererseits verhindert ein offenbar äusserst komplexer, vielfach nicht mehr zeitgemässer Wirrwarr internationaler und nationaler Bestimmungen und Rechte eine stringente Umsetzung legitimer und kundenfreundlicher Download- und Streaming-Plattformen. „Die Content-Anbieter sollten ihre Energie nicht für absehbar endlose Gerichtsverfahren verschwenden“, so ISPA-Wortführer Wildberger. „Egal, ob davon kaum greifbare Business-Piraten, neutrale Infrastruktur-Betreiber oder letztlich sogar einzelne Konsumenten betroffen sind. Das ist der falsche Weg. Es gilt, attraktive, zeitgemässe und nach allen Seiten konkurrenzfähige Alternativen zu schaffen.“

D’accord. Nun könnte man natürlich argumentieren, dass ein Kauf-Angebot nie auch nur den Funken einer Chance gegen ein Gratis-Substitut hat. Aber gerade in Österreich wissen wir besser Bescheid: bei uns fliesst herrliches Quellwasser aus der Wasserleitung. Gratis. Und trotzdem müssen sich Römerquelle (vulgo der Coca Cola-Konzern), Gasteiner & Co. nicht beschweren. Nicht einmal Luxusmarken wie Evian oder San Pellegrino: Wasser lässt sich auch abgepackt, ettikettiert und teuer gut verkaufen. Ob man aber mit solchen Exempeln die Kino- und TV-Industrie nachhaltig beeindrucken oder gar perspektivisch überzeugen kann?

Meine Prognose lautet: der Hase-Igel-Wettlauf wird noch ein paar Jährchen weitergehen. Bis einer tot umfällt. Oder es – eventuell schon zuvor – den Zusehern einfach zu blöd wird.

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