Hip Pop Porno Flop?

23. August 2011

Da schau‘ her! : der ORF entdeckt die Populärmusik. Aber ist Sidos „Blockstars“ nicht bloß ein ultrazynisches – oder, schlimmer, gar „gutgemeintes“ – Ablenkungsmanöver?

„My role model doin 35 years, boy
He wrote me and told me stayin real bring joy
Wit’out the blockstars, where would the hood be?
I don’t believe half of that shit I see on TV…“

(„Blockstars“, DJ Kay Slay feat. Busta Rhymes u.a.)

Es ist fast eineinhalb Jahre her, da kam irgendjemand in den höheren Etagen des baufälligen Betonbunkers am Küniglberg auf die Idee, ein wenig Pop-Kultur zu versprühen. Im Hauptabendprogramm, sieh’ einer an! Einer Zone also, die sonst nur absolutem Nummer Sicher-Quoten-Content vorbehalten ist. Ausser der ORF will uns etwas sagen. Etwa, wie aufgeschlossen, innovativ, staatstragend, kulturbeflissen oder strikt öffentlich-rechtlich er sein kann. Am besten, alles auf einmal. Was uns der ORF aber am 21. Mai 2010 sagen wollte, erschloss sich niemandem. Schon gar nicht dem Zielpublikum.

Die Sendung zur besten Sendezeit geriet nämlich zu einem veritablen Flop. Nein, eher: einem absoluten Desaster. Kaum jemand wollte die Übertragung der „Night Of Pop“ vom Freizeitzentrum Schwarzlsee in der Steiermark sehen. Trotz intensiver Bewerbung durch die „Krone“. Trotz Mirjam Weichselbraun und Benny Hörtnagl in der Moderatorenkabine. Trotz dreizehn Kameras (darunter eine auf einem 62 Meter hohen Kran), fünf Kilometern Kabel und Star-Hausregisseur Kurt Pongratz. Und trotz eines „einzigartig“ eigenartigen Massenauflaufs an nationalen und internationalen Superstars: von No Angels, Scooter und Christina Stürmer bis Opus, Papermoon und Wolfgang Ambros. Nicht zu vergessen „Ö3-Soundcheck“-Sieger Norbert Schneider (heute von seiner Plattenfirma und Ö3 längst wieder vergessen), Aura Dione (dito) und – Sido. Der Maskenmann. Die HipHop-Ikone. Der deutsche Rapper, der seit 2003 mit neumodernen Schlagern wie dem „Arschficksong“, „Mein Block“ oder „Hey Du“ für heftiges Rappeln in den Kinderzimmern und Elternversammlungen zwischen Berlin, Zürich und Wien gesorgt hatte.

Der 21. Mai 2010 muss wohl auch jener Tag gewesen sein, an dem Paul Hartmut Würdig – so lautet der bürgerliche Name von Sido – erkannte, dass der ORF nicht als Kompetenzzentrum für Populärkultur in die Geschichte eingehen wird. Um es höflich zu formulieren. Auf diese „einzigartig“ (der Lieblings-Superlativ der ORF-Pressestelle) kurios-krude und gänzlich konzeptlose Mischung divergentester Künstler am Schwarzlsee musste ja irgendein Redakteur gekommen sein. Und, schlimmer, kein übergeordneter Abteilungsleiter, Controller und keine Schlaumeierin der Kultur-, Unterhaltungs- oder gar der (damals noch existenten) Entwicklungsredaktion hatte das programmierte „Oberliga“-Fiasko verhindert. Leider. Denn die einmalige televisionäre „Risikofreudigkeit“ des ORF – sonst scheint der Sender in punkto Musik nur die Spastelruther Katzen, Rainhard Fendrich und Anna Netrebko zu kennen – zeitigte fatale Folgen. Nämlich eine nochmals deutlich gesteigerte Unlust, sich programmatisch auf Pop im weitesten Sinn einzulassen. Neben „Und jährlich grüsst das Murmeltier“-Formaten wie „Starmania“, „Dancing Stars“ und ab & an einer „Weltberühmt in Österreich“-Rudi Dolezal-Fliessband-Doku kam da nichts mehr. Seit vielen, vielen Jahren. Selbst im neuen, noch nicht mal gestarteten Informations- & Kultur-Kanal ORF III kennt man nur Anna Netrebko (und, sorry, natürlich auch Erwin Prölls Lieblingspianisten Rudolf Buchbinder). „Helden von morgen?“ Ich kann mich, ehrlich gesagt, nicht einmal an den Namen der Gewinnerin der Casting-Sause erinnern.

Aber an den eigentlichen Gewinner: Sido. Denn der rettete, eventuell im Zusammenspiel mit einem denkwürdigen Kurzauftritt von Marilyn Manson (einem der seltenen wirklichen Einfälle der Küniglberg-Konzeptschmiede), diese letzte Pop-Grosstat des ORF vor dem Absturz in die totale Belanglosigkeit. Und soll das jetzt auch als Juror bei „Die grosse Chance“ machen. Sido-Festspiele! Warum es ein HipHop-Millionär aber notwendig hat, für gescriptete Provokation am Provinz-Laufband zu sorgen, erklärt sich damit nicht. Ist’s die leichte Flaute am Heimmarkt? Das Desinteresse deutscher Sender an Sidos Ideen? Die Gage? Der Wiener Schmäh? Oder gar eine geschickt eingefädelte Kollaboration, die den langhin ratlosen Schwarzlsee-Geschädigten Street Credibility, Erregungspotenial und Zeitgeist verspricht, Sido, seinem Management und seiner Plattenfirma im Gegenzug Präsenz, Marketingpower und Aufgeschlossenheit für die Phalanx an zukünftigen Ösi-Substrat-Sidos?

Wer Augen und Ohren hat, hat ja die Botschaft längst vernommen: der Mann hat noch mehr im Köcher. Sido „macht Band“ und startet ab Dezember gemeinsam mit der grössten Medienorgel des Landes die Doku-Soap „Blockstars“. Doku-Soaps sind per se das Grauen. Und natürlich Privat-TV (hat da nicht erst unlängst Wolfgang Lorenz ein paar böse Worte drüber verloren?) in reinster Form. Die Presseeinladung zum Programmvorhaben versammelte folgerichtig „alles, was aktuell falsch läuft“, wie ein Journalisten-Kollege umgehend auf Facebook vermerkte. Denn Sido sucht nicht irgendwelche Dämlacks, die sich in gewohnt kreuzbraver Manier verführen, vermarkten und verarschen lassen. Diesmal sollen die Kandidaten „Problemfälle“ sein, allesamt „aus schwierigen Verhältnissen“ kommen, „Mist gebaut und planlos herumgehangen“ haben und/oder sonstwie „in Schwierigkeiten stecken“. Sido nimmt diese traurige Truppe dann an die Kandare und entwickelt ihre „Skills“. Und lässt die Trainees als „Modern Hip Pop-Crew“ in die Medienarena einlaufen. „Denn wer mit und für Sido Musik macht, muss gut sein.“ (Alle Zitate: ORF). Allein den prägnanten Sendungstitel „Beweg’ Dein’ Oasch“ hat man dem nassforschen Mentaltrainer nicht abgekauft. Dafür garantiert ORF-Unterhaltungschef Edgar Böhm die strikte Beachtung der einschlägigen Gesetzgebung. Nein, wirklich?

Ich bin ja durchaus neugierig darauf. Etwa, wie Sido, um soetwas wie Restglaubwürdigkeit beim kritischeren Teil seines Publikums und in der Szene zu behalten, erfolgreiche österreichische Acts wie Texta (samt „Kabinenparty“-Heroe Skero), Nazar, MaDoppelT oder Sua Kaan in das Blockmalzmännchen-Universum einbaut. Was er unter „Hip Pop“ – ein Genre-Widerspruch in sich – versteht. Wie YouTube-Lokalkaiser & Sony-Kollege Moneyboy auf die ORF-Konkurrenz reagiert. Oder was die Spassguerilla namens Die Vamummtn dazu sagt (oder, entschiedener, rappt). Wird spannend. Eventuell auch amüsant. Aber eher nur für Insider. Der Rest vom Fest ergötzt sich absehbar an der Exotik dieses Seifen-Realitäts-Schrapnells im betulichen Programmumfeld. Und am zu vermutenden und (wohl nicht nur meinerseits auch tatsächlich vermuteten) Sozialporno.

Ob letzterer wirklich abläuft, wird am Fingerspitzengefühl des gelernten Pädagogen Paul Hartmut Würdig liegen. Seinem Mut. Und seiner Exekutivkraft. Vielleicht schafft Sido ja die Gratwanderung. Wahrscheinlich ist es nicht. Ich wünsche ihm (und uns) in jedem Fall dringend, dass er die alte Tante ORF nicht mit RTL, RTL II, ATV oder MTV verwechselt. Oder wird exakt das – die personifizierte Ausrede hat man ja zur Hand – klammheimlich erhofft am Küniglberg?

Denn Zuschauerzahlen, die über die HipHop-Community deutlich hinauswachsen, sind zweifellos erwünscht. Ein nachhaltiges kulturelles Vorhaben hat man mit „Blockstars“ wohl kaum im Sinn. All den genannten Acts hätte man sonst in einem Sender auf der Höhe der Zeit längst Sendezeit galore eingeräumt. Im ORF ist’s ein ewiger Konjunktiv. Offensichtlich hat man sich vom Gedanken, dass das Medium Fernsehen mit Musik unspekulativ, aber aufmerksam, liebevoll und entdeckungsfreudig umgehen könnte (etwa durch schlichte journalistische Berichterstattung), schon weitgehend verabschiedet. Fernsehmacher interessiert sich für Quoten, Budgets und ihre eigene Karriere. Eventuell auch noch den Menüplan in der ORF-Kantine. Und nicht für Musik. Für Musiker. Für „den Nachwuchs“, den „kreativen Untergrund“ oder gar die tatsächlich boomende lokale Szene. Allen Lippenbekenntnissen zum Trotz. Ausnahmen (wie etwa Servus TV) bestätigen die Regel. Aber es bleibt abzuwarten, ob Didi Mateschitz nicht auch irgendwann mal die blau-rote Spendierdose aus der Hand fällt. Das junge Publikum hat sich mittlerweile eh weitgehend in die wilden Weiten des Web verabschiedet.

Ich fürchte, „Blockstars“ wird daran mit all seiner wohlkalkulierten Roughness, „Realitätsnähe“ und „Radikalität“ nichts ändern. Sondern nur die fatalistische Meinung der Programmverantwortlichen einbetonieren, mit Pop wäre partout kein Hund hinterm Ofen hervorzuholen. Nicht mal mit Modern Hip Porno Pop.

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3 Antworten to “Hip Pop Porno Flop?”

  1. pensi Says:

    wieder mal voll auf die 12 (wie unsere Lieblingsnachbarn sagen würden)! Warum lernt beim Staatsfunk niemand aus den zahlreichen Fehlern der Vergangenheit – oder ist in dieser Anstalt das Lernen verboten? Mein Bedarf an Fremdschämen ist längst erschöpft; ich werde mir diesen Küniglberg-Erguss sicher nicht antun.

  2. Walter Gröbchen Says:

    (Nachtrag vom 18.12.2011)

    Abseits aller Geschmacksfragen – das Sendungskonzept krankt an einer Kardinal-Untugend (das aber im Fernsehen nicht sichtbar wird und, doppelt zynisch, nicht quotenrelevant ist). Es lebt von der Illusion der Selbst-Ermächtigung mit dem Hebel eines funktionierenden Musikmarktes. Das ist ein schlechter Witz. Für Sido mag der Markt (allerdings zu 90 Prozent der deutsche Markt) ja noch einiges hergeben, letztlich lebt er inzwischen aber besser von TV-Konzepten (aktuell zu 90 Prozent von in Österreich realisierten). Ein cleverer Geschäftsmann, der Kerl. Für die seiner Obhut anvertrauten Schicksale, die ein Pop-Amalgam weitgehend ungeachtet wirklichen Talents mit HipHop-Authentizität & „Street Credibility“ auffetten dürfen, werden schon mittelfristig nur Brösel und Brotkrumen bleiben. Das Absurde ist: an der Nicht-Existenz eines einschlägigen lokalen Marktes ist grösstenteils der ORF schuld. Ö3 hat in den Neunzigern und Nuller-Jahren HipHop komplett verschlafen, insbesondere deutschsprachigen (und ich weiß, wovon ich rede). Und das Fernsehen war und ist eine Katastrophenzone, was aktuelle Populärkultur betrifft. Würde nur ein Bruchteil der Aufmerksamkeit (und des Geldes), die Formate wie „Blockstars“, „Helden von morgen“ oder „Starmania“ kosten, in die hiesige Szene gesteckt, gäbe es lokale Stars und Strukturen (von denen wiederum der ORF profitieren könnte). So aber bleibt Texta & Co. ewig nur das Minderheiten-Reservat FM4, während Ö3 Sido und seiner Truppe eine „Perspektive“ bietet, indem man á priori einen Platz in der Eurovisions-Songcontest-Auswahl reserviert. Das ist lächerlich, das ist traurig, das ist alles vollkommen falsch gedacht.


  3. […] bin ja neugierig darauf, schrieb ich vor einigen Wochen (noch vor Start der Sendung) im „Falter“, wie Sido, um soetwas wie […]


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