Kühle Entscheidung

27. August 2011

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (124) Die Energieeffizienzklassen von Kühlschränken lassen Konsumentenschützer & Kunden nicht kalt.

Die Hundstage machen ihrem Namen alle Ehre. Man musste nicht zum Video des gleichnamigen Films von Ulrich Seidl – einem der brachialsten Meisterwerke heimischen Kinoschaffens – greifen, um die letzten Tage über richtig ins Schwitzen zu geraten. Mediziner raten in solchen Situationen zu reichlicher Wasserzufuhr, eventuell auch zum Genuss lauwarmen Beruhigungstees. Sicher aber nicht zu eiskalten Getränken (eventuell gar mit Alkoholanteilen), die man literweise in sich hineingurgelt. Der Gang zum Eisschrank war und ist dennoch eine der meistunternommenen Wallfahrten der Jetzt-Zeit.

Blöd, wenn denn die seligmachende Maschinerie einmal ausfällt. Rasch, ein neuer Kühlschrank her! Die Prospekte der Elektronikketten quellen ja über vor Angeboten. Wie aber eine vernünftige Wahl treffen? Oberflächlich schauen die Geräte, sieht man von ihrem Volumen und – in höheren Preisklassen – polierten Edelstahl-Fronten oder Retro-Designanklängen ab, alle ziemlich gleich aus. Okay, einige spenden Eiswürfel, protzen mit „No Frost“-Automatik (die das Abtauen überflüssig macht), LCD-Displays und LED-Beleuchtung. Aber letztlich sind es alle plumpe Kästen, die Strom verschlingen. Dabei gibt es ja kaum mehr Geräte, die nicht mindestens die Energieeffizienzklasse „A“ besitzen. Bestens, denkt man sich, und greift zu.

Der Trick ist: „A“ ist eher B oder C. Oder gar D. Jedenfalls nicht gerade am neuesten Stand der Technik. Da müsste man schon auf „A+“ oder „A++“ bestehen. Seit Ende 2010 gibt es sogar „A+++“-Kühlschränke. Das vermeintliche „A“-Klasse-Schnäppchen mit dem grünen Balken könnte sich also auf lange Frist als teurer Stromfresser entpuppen – und einmal mehr ein Sparefroh in einem einkommenschwachen Haushalt als gelackmeierter Naivling.

„A+++“ verbraucht im Vergleich zum schlichten „A“ im Schnitt 60 Prozent weniger an Energie (also bis zu 200 kWh), ist aber in vielen Märkten nicht zu finden. Dafür stehen dort zunehmend protzige „Side-by-Side“-Kombinationen mit Flügeltüren, mit denen man ganze Fussballmannschaften versorgen könnte. Für den Normalkonsumenten sind sie überdimensioniert, aber dennoch schwer in Mode.

Warum aber die Energieeffizienzklassen nicht schon längst den Erfordernissen von heute angepasst wurden (etwa, indem man „A+++“ zur neuen Benchmark erklärt, und alles darunter deutlich abstuft), müssen uns die Marketing-Kapazunder von Bauknecht, Bosch, AEG, Siemens, Gorenje & Co. erklären. Vielleicht fallen die ja selbst auf denselben Schmäh rein wie Wertpapierexperten und Rating-Agenturen, die vermeintliche Triple A-Schuldner nicht mehr von jenen mit Ramsch-Status unterscheiden können. Oder wollen.

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