Die fehlende Dimension

17. September 2011

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (127) 3D macht Spass, aber auch viele Probleme. Und verkommt so zum Modegag ohne Zuschauer und Zukunft.

Unlängst erzählte mir ein Freund eine Geschichte, wie sie das Leben so schreibt. Eine Konsum-Parabel, die schliesslich in einem deftigen Lachanfall mündete, zuvor aber für Verblüffung, Rätselraten und einigen Ärger gesorgt hatte.

Die Geschichte geht so: die Freundin des Freundes gewinnt bei einem Preisausschreiben einen Fernseher. Hurra! Es handelt sich um ein schickes, flaches, mächtiges Teil. Auf dem neuesten Stand der Technik. Und es ist, wie die Beschreibung verkündet, 3D-fähig. Man holt also das TV-Gerät aus dem Karton, schliesst das Programmkabel an und setzt es unter Strom. Sich selbst setzt man 3D-Brillen auf, die dem Apparat beiliegen, denn ohne wird es klarerweise nichts mit der dritten Dimension. Das Bild ist, sagen wir mal: gewöhnungsbedürftig. Und erscheint eher, hm, zweidimensional. Oder ragt die Nase des Nachrichtensprechers nicht doch ein wenig aus dem Bildschirm heraus und ins Wohnzimmer hinein? Man sitzt ein Viertelstündchen da, zappt sich durch die Programme und sieht sich wechselseitig ratlos an. Und zunehmend enttäuscht. 3D: ein Humbug, ein Schwindel, eine Farce?

Meine Nachfrage, ob man denn auch eine codierte Sendung, DVD oder Blu-Ray-Disc ausgewählt hätte, löste das Rätsel. Wie, dafür brauche es spezielle Programmangebote? Die 3D-Brillen wandeln nicht einfach das stinknormale Fernsehbild und verleihen ihm Räumlichkeit und Tiefe? Und wenn dem schon so sei, wo kriegt man bloss die entsprechenden TV-Kanäle, Sendungen und Filme her? Gute Frage. Nächste Frage. Denn natürlich existieren solche Angebote. Aber sie sind nachwievor recht dünn gesät. Und 3D-Movies fallen zumeist in die Kategorie „Holzkeule“ (die wird dann aber, wir wollen nicht ungerecht sein, drastisch plastisch geschwungen). Man kann sich die Bilder auch vom Computerchip hochrechnen lassen, aber derlei Trickserei kann die Anmutung des Artifiziellen nie ganz abschütteln.

Dazu kommt ein weiteres Problem: die Inkompatibilität der Systeme. Samsung, Sony und Panasonic setzen auf Shutter-Brillen, LG, Philips und Toshiba forcieren dagegen die Polfilter-Technik mit billigen, leichten und jetzt schon geräteübergreifend nutzbaren Brillen. Nun hat auch die Konkurrenz einen „M-3DI“-Standard angekündigt, der aktive (und damit stromfressende und schwere) Sehbehelfe austauschbar macht. Kopfschmerzen sind da wie dort vorprogrammiert. Um aber die babylonische Verwirrung noch zu steigern, wurde auf der Funkausstellung in Berlin aber auch schon eine 3D-Technologie vorgestellt, die ganz ohne Brillen auskommt.

Ihnen fehlt da der Ein-, Aus-, Durch- und Weitblick? Unter uns: mir auch.

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2 Antworten to “Die fehlende Dimension”


  1. Wunderbarer Artikel und da haben Sie völlig Recht. 3D – erinnert mich irgendwie an die 1980er Jahre. Damals hatten wir das schon. X-TV Sender strahlten das eine oder andere Programm in 3D aus, viel war es nicht. Wie auch heute nicht. Die lustigen Brillen (damals aus Pappe mit einer grünen und einer roten „Overheadfolie“ beklebt) konnte sich zumindest damals auch jeder selber basteln, denn die Dinger waren schnell vergriffen (wie ich mich erinnere).

    Wie gesagt: das mit den 3D Programmen war in wenigen Tagen „abgespeist“. Gab ja nix in 3D. Dafür hatte man den einheitlichen „Brillenstandard“ (Pappe mit Overheadfolie) und konnte sich dann mit „3D Anzeigensujets“ im Print und „3D Bildern“ um ATS 40,- in der PaperBox sein 3D-Erlebnis verlängern.

    Der 3D Trend hielt aber damals auch nicht all zu lange und so kam es, wie es kommen musst: die Pappbrillen wanderten in den (Rest)Müll – gab ja damals noch keine Mülltrennung!

    Der nächste „Brillentrend“ an den ich mich erinnere war die Sonnenfinsternis in den späten 1990er Jahren. Ich nannte sie die „Schnitzelbrillen“ weil sie mit Alufolie beklebt waren und mich an die Verpackung eines „Take away Schnitzels“ aus dem Witshaus erinnerten.

    Was habe ICH damals gelernt?
    Brillen Trends sind unmittelbar mit dem Angebot an „Content“ verbunden. Wenig 3D Content, wenig Brillenbedarf. Wenig Sonnenfinsternis – auch wenig Brillenbedarf.

    Nachdem die Pornoindustrie nie auf den 3D Trend aufgesprungen war, musst klar sein: des wiad nix! Weil wenn man schon keine Nackerten in 3D sehen will, wer will dann schon den Armin WOlf in 3D sehen? Oder den Lugner? Oder – Shortly, wsaut von dilai – unsere Finanzministerin?

    Spaß bei Seite: 3D Programm herzustellen ist ebenso aussichtsreich wie auf den iMAX Trend zu setzen.

    Wenn sich die Content Industrie schon nicht einmal doofe WebVideos leisten will – und die könnte jeder sehen „anywhere, anytime on any device“ weil standardisiert und Full HD kost auch nix mehr in der Produktion – wie aussichtsreich soll dann wohl 3D sein?

    Über 350.000 verkaufte internettaugliche TV Geräte alleine 2010 werden da völlig ignoriert. 32.000 iPads im selben Zeitraum waren ein Hype, der bis heute andauert.

    Fazit: 300 Kanäle im TV und nichts brauchbares dabei. Was liegt da näher als Spielfilme in voller Länge, gratis und ganz legal via YouTube in 1080 Auflösung am TV Schirm im Wohnzimmer zu konsumieren?

    Je mehr deutschsprachige Bewegtbild-Inhalte im Netz bereit stehen – und es werden täglich mehr – desto rascher wird dieses Angebot seinen Weg auf den Flatscreen im Wohnzimmer finden.

    Man erinnere sich an MTV – hätte damals jemand gelglaubt dass man ein 24 Stunden TV Programm ausschließlich mit 3,5 minütigen Musikvideoclips erfolgreich betreiben könnte?

    Wie TV von morgen aussehen wird?

    Keine Ahnung.

    Sicherlich aber so, wie die derzeitigen YouTube Stars – und derer gibt es ausreichend im deutschsprachigen Raum – es ihrer Klientel (meist noch jugendliche) bereits heute zeigen und sie daran „gewöhnen“. Und wenn die Medienunternehmen nicht beginnen an der Gestaltung solcher neuen Unterhaltungs-/Informations-Produkte mit zu wirken… dann werden sie vielleicht in fünf Jahren versuchen müssen diese neuen „Formate“ zu kopieren.

    Aber eben immer: one step behind

    Aber das – wie der Selfman schon sagt – ist eine andere Geschichte.

  2. Gerhard O. Pascher Says:

    So ganz stimmt das nicht. Erstens gibt es viele 3D-Blue Ray-Discs, welche 3D-Filme aufgezeichnet haben und zweitens werden auch schon Sat-Programme in 3D (wenn auch verschlüsselt) angeboten. Erkenntlich sind diese Sendungen an den parallel stehenden „Doppelbildern“, welche erst nach dem Umschalten zu 3D werden. Vormittags gibt es einen unverschlüsseltes 3D-Demonstrationsprogrammfüt von Sky. Zweitens kann das 3D-TV-Gerät auch „normale“ Programme geräteintern auf 3D „hochrechnen“. Natürlich ist zwischen dem wirklichen 3D-Filmen bzw. Aufzeichnungen und den hochgerechneten genauso ein Qualitätsunterschied, wie man es bei den (senderseitig) hochgerechneten SD-Aufzeichnung sieht. Leider gibt es diese immer noch, da scheinbar auch beim ORF noch nicht alle Kamaras ausgetauscht wurden.
    Zurück zum 3D mit den sog. Shutterbrillen:diese Methode verursacht bei manchen Betrachtern nach einiger Zeit Kopfschmerzen, da ja das dreidimensionale Bild erst im eigenen Kopf zusammengesetzt wird.
    Schliesslich noch eine Ergänzung zu den nun demonstrierten 3D-Bildschirmen ohne Brille: Erstens sind da die Bilder noch verhältnismässig klein und zweitens muss das Dargebotene genau in einem bestimmten Winkel betrachtet werden, was wiederum den noch bescheidenen Genuss von einer Person pro Bildschirm ermöglicht.


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