Jobs, Hope, Cash.

7. Oktober 2011

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (130) Der Tod als letzte Provokation. Die Nachrufe auf “iGod” Steve Jobs strotzen vor Pathos, evozieren aber auch ernüchternde Bigotterie.

Man kommt nicht vorbei an diesem Mann. Und seinem stillen, inmitten all des medialen Lärms denkwürdigen Abtritt. „Steve Jobs war wahrscheinlich der einflussreichste Mensch in meinem Leben. Nein, er war keine Vaterfigur, kein Idol oder Vorbild – er hat mich schlichtweg mit den Werkzeugen ausgestattet, mit denen ich meine Existenz gestaltet und bestritten habe.“ Soweit der FM4-Moderator Dave Dempsey in einem berührenden, weil sehr persönlichen Nachruf auf den Unternehmer und IT-Visionär, der trotz seiner Dollar-Milliarden der Geissel Krebs kein Schnippchen schlagen konnte.

Ich schliesse mich dem Vorredner an. Faktisch. Aber auch ideologisch. Denn das Abschauen, ja Klauen ganzer Gedankenzüge und Erfindungen war ein Wesenszug des Apple-Chefstrategen. Kein sympathischer, aber eventuell ein notwendiger. Für einen Treffer im unentwegt tobenden „war of ideas“ auf dem globalen Business-Schlachtfeld hätte er wahrscheinlich seine Großmutter verkauft. Aber tun wir das nicht alle? „10 years ago we had Steve Jobs, Bob Hope and Johnny Cash. Now we have no Jobs, no Hope, no Cash.“ Der gedämpfte, weil dem Status Quo des Landes der „unbegrenzten Möglichkeiten“ entsprechende Lacher des p.t. Publikums gehört mir, die Quelle ist aber: Twitter. Der Autor: unbekannt. Der Sukkus: trefflich.

Zugegeben: viele Nachrufe strotzen vor Pathos. Jeder Kult schiesst übers Ziel. Und die leise Ironie 2.0, die sich da und dort in die Trauer der weltweiten Apple-Konsumentenschar mischt (das auf Facebook kursierende Bild mit einer Kerze, die auf einem iPhone flackert, das wiederum vor einem iPad mit dem offiziösen Jobs-Foto placiert ist, ist ein gutes Beispiel dafür), wird auch nicht von jedermann verstanden.

Die Bigotterie weiter Teile der Bevölkerung dieses Planeten zeigt sich allerdings in der Pro- & Contra-Debatte, die sogleich als schrille Begleitmusik zum Gedenken an einen „Tyrannen & Visionär“ („Die Presse“) anhub. Ja, der „iGod“ war kein Heiliger. Und wir alle kennen die Meldungen, dass sich Arbeiter in den Foxconn-Zulieferfabriken in China – wo nicht nur Apple-Geräte, sondern so ziemlich alle PCs und Laptops aller Marken zusammengebaut werden – ob der desaströsen Arbeitsbedingungen reihenweise aus dem Fenster stürzten. Ob aber all die politisch hyperkorrekten Schmähungen auf einen „Turbokapitalisten im Schafspelz“ und „elitären Rattenfänger“, die sich – auch – in die Betroffenheit und Trauer („reiner PR-Gag“) mischen, den „unerwähnt bleibenden Hungertoten in Somalia“ weiterhelfen, sei dahingestellt. Und worauf tippen die Hasspriester & Tugendwichtel ihre Wortmeldungen in all die Threads und Foren?

Eines muss man dem unbestrittenen Marketing-Genie Steve Jobs lassen: er hat Technik mit Emotionen aufzuladen verstanden wie sonst niemand. Sein Tod war das letzte Beweisstück.

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Eine Antwort to “Jobs, Hope, Cash.”

  1. Eva Jettmar Says:

    Ich lernte ihn persönlich kennen, und einige meiner Freunde waren gut mit ihm befreundet. Ich hielt ihn für einen durch und durch guten Menschen. Er ging seinen eigenen Weg und ging ihn kompromisslos, und das schuf ihm Feinde und Neider, aber his intentions were pure and his execution flawless. Er hat sich nicht davor gescheut, Emotionen hervorzurufen, sowohl durch die Produkte, die seine brain-children waren, als auch durch seine Person. Er war kein Mensch der Höflichkeitsfloskeln oder Nettigkeiten — er war nur am Kern der Dinge interessiert, nicht an der Peripherie. Er lebte simpel, in einem kleinen altmodischen Märchenhaus auf einer ganz normalen Strasse mit grossem Obstgarten anstatt auf einem riesigen Anwesen mit Privatstrasse wie es die meisten anderen High-Tech Execs in Silicon Valley tun. War Vegetarier, liberaler Demokrat und sehr privat. Und jedes Jahr zu Halloween verwandelte er seinen Garten zu einem Spuk-Areal mit Geistern und Nebelmaschine und lud die Kinder der Nachbarschaft in seinen Garten ein, wo er persönlich stundenlang gesunde Muesliriegel verteilte und mit Nachbarn plauderte. Er war ein simpler Mensch, aber er glaubte an Perfektion und war nicht bereit, für irgendetwas ausser absoluter Perfektion zu settlen. Er hatte den Mut, seiner Intuition und der Stimme seines Herzens zu folgen, und er suchte Wahrheit und Schönheit und wurde oft dafür belächelt. Und am Ende hat er natürlich allen gezeigt, dass er, der Barfuss-Hippie, der kompromisslose Perfektionist, der Minimalist und Purist mit der tiefen Seele, es war der die Welt veränderte, zum besten CEO der Geschichte wurde und die wertvollste Firma der Welt schuf mit Prinzipien von Schönheit, Ehrlichkeit und Einfachheit anstatt von Balance Sheets und mehr Schein als sein. Soviel ich weiss, wurden übrigens die China Foxconn Selbstmord-Gerüchte sofort widerlegt, als eine einfache Milchmädchenrechnung ergab, dass die Selbstmordrate bei Apple-Produzent Foxconn unter dem chinesischen Durchschnitt lag. Und am Ende würde ich sagen hat ihn selbst der Krebs nicht wirklich besiegt, da gerade das Wissen über seinen frühen Tod ihn zu einem besseren, glücklicheren Menschen gemacht hat, der wusste, er muss jeden Tag zum besten Tag machen und jeden Tropfen Leben aus jedem Tag quetschen — und das hat er gemacht.


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