Mitteilung aus dem Maschinenraum

29. Oktober 2011

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (133) Warum findet sich am Kiosk unter all den Frauen-, Garten- und Society-Blättern kein brauchbares Technik-Magazin?

Diese Kolumne soll einigen Leuten ein Denkanstoß sein. Im Idealfall sitzen sie auch in den oberen Stockwerken der heimischen Verlagshäuser. Es gibt nämlich, hat mir ein Medienfachmann erklärt, noch – nachdem die „Landlust“-Abteilung flächendeckend abgeerntet wurde und wird – eine deutlich erkennbare Marktlücke im Print-Sektor. Eine einzige. In Österreich. Und es sei erstaunlich, dass niemand sie besetze, also ernsthaft, nicht mit einem kunterbunten, schwachbrüstigen Verkaufsprospekt, der sich als kritisches, konsumentenorientiertes Magazin tarnt. Sondern wirklich auch eines ist. Und zwar mit dem Schwerpunkt Technik. In jeder erdenklichen Erscheinungsform.

Zwar haben wir dutzende (oder mehr) Auto-Zeitschriften, noch mehr Computer-, Mobiltelefon-, Video- und HiFi-Magazine (mit Verlagsadressen in München, Stuttgart, Hamburg oder Berlin) und nun liegt mit der deutschsprachigen Ausgabe von „Wired“ auch das Nerd-Zentralorgan an fast jedem (Bahnhofs-)Kiosk (allerdings, wie man mir steckte, nur als einmalige „Testausgabe“). Aber es fehlt etwas. Zumindest meinem Geschmack nach. Eine wirklich gutgemachte, ganzheitliche, geschmack- und gehaltvolle Illustrierte. Der rote Faden: erraten!

Technik – von Low bis High Tech, vom Schreibtisch-Gadget bis zum Atomkraftwerk – durchdringt unseren Alltag und unsere Wahrnehmung in (fast) jeder Sekunde unseres Daseins. Unsere Welt ist, ob wir das wollen oder nicht, zum „Maschinenraum“ geworden. Und sie verändert sich in einer solchen Rasanz, dass selbst Fachleuten die Spucke wegbleibt. Was nottut in einer solchen Situation, sind professionelle Spreu-vom-Weizen-Trenner. Sie sollten, nein: sie müssen das Handwerk des Journalismus beherrschen. Und sollten nicht davor zurückscheuen, ihren eigenen Chefs zu erklären, dass man darunter eher nicht Marketing, PR, Copy/Paste, Gefälligkeitsberichterstattung und Infotainment zu verstehen hat. Denn mit „Postjournalismus“ (der Ausdruck bezeichnet den traurigen Status Quo vieler – nicht aller – Content-Lieferanten) ist in der neuen Medienwelt garantiert kein Stich zu machen.

Weil wir schon dabei sind: das Medium selbst ist zweitrangig. Die Schwierigkeiten der Verlegerriege mit dem „elektronischen Kiosk“ lassen Konsumenten weitgehend kalt. Ich beziehe Informationen via iPad oder Samsung Galaxy Tab, per Radio, ORF-TVThek, YouTube oder Teletext genauso wie auf Papier. Die Schnelligkeit und Unmittelbarkeit eines elektronischen Kanals wird nicht selten durch den ergänzenden, ermüdungsfreien Genuss umfangreicher Hintergrundberichterstattung in Old School-„Holzmedien“ aufgewogen. Geschmackssache.

Also gebt mir alle Inhalte in jeder technisch denkbaren Form als Rundum-glücklich-Paket! Für Mogelpackungen wird sowieso niemand mehr die Geldbörse öffnen wollen.

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6 Antworten to “Mitteilung aus dem Maschinenraum”

  1. Wolfgang Says:

    Lieber Herr Gröbchen,

    beim Lesen Ihres Artikels sind mir Erinnerungen an meine Kindheit gekommen (zähle heute schon 41 Lenze). Es gab damals ein wöchentliches Magazin namens „Wie geht das?“, welches den von Ihnen gesteckten Rahmen – vom Zahnstocher bis zum Atomkraftwerk – abdeckte. Meines Wissens nach ist die Heftreihe aber schon vor langer Zeit eingestellt worden.(nicht zu verwechseln mit der von mir ebenfalls heißgeliebten Was-ist-Was Buchreihe).

    Beim Stöbern in einem gut sortierten Bahnhofskiosk sind mir lediglich zwei Magazine englischer Provenienz in die Hände gefallen: „How it works“ (www.howitworksdaily.com) und Sciencefocus (www.sciencefocus.com), die allerdings nicht nur auf Technik beschränkt und von der Aufmachung her eher anglophil sind.

    Ich muß Ihnen daher Recht geben – die Lücke besteht. Und der Titel des potentiellen neuen Magazines würde auch schon fest stehen: „Maschinenraum“ :-)

    Liebe Grüsse,
    Wolfgang

  2. Wolfgang Says:

    Nachtrag: Nicht zu vergessen auch das altehrwürdige PM Magazin, in dem Berichte über Technik aber über die letzten Jahre rückläufig sind.

  3. Johannes Widi Says:

    Da meine Kindheit noch ein Stückchen weiter zurückliegt, darf ich an ‚hobby, das Magazin der Technik‘ erinnern, das mich, sobald ich des Lesens mächtig war, mit wunderbaren Artikeln über atombetriebene Autos, Senkrechtstarter, Kernkraftwerke, Weltraumforschung etc. versorgt hat. ‚Heißgeliebt‘ und ‚alterwürdig‘ wären auch hier die treffendsten Attribute, ebenso wie ’schmerzlich vermisst‘.
    P.S.: Im Vergleich dazu ist PM ein journalistischer ‚Jungspatz‘ ;-)

  4. Wolfgang Says:

    Hallo Johannes,

    „hobby“ ist natürlich ungeschlagen, lt Wikipedia kam es schon 1953 raus. Mein erstes PM habe ich – vermutlich – so um 1986 gelesen.

    Kinder, wie die Zeit vergeht….

  5. Reinhard Haberfellner Says:

    Jaaa , bitte , und wenn wir schon beim Magazin machen sind dann auch ein HiFi Magazin, das über gute Musikwiedergabe aus allen Quellen berichtet , es gibt so viel Gutes im verborgenen aber auch unsagbaren Schrott bei den üblichen Verdächtige , damit meine ich nicht nur Großflächen, sondern auch „Fach“handelsketten . VOX fehlt uns noch immer, Gunther B übernehmen sie :-)


  6. […] Es gibt auch good news für Papierfetischisten: nicht wenige Blätter haben in den letzten Jahren an Auflage und Lesern zugelegt (zuvorderst solche, die unverwechselbare Inhalte bieten). Und es gibt sogar Magazin-Neugründungen. Manche fallen gar in die Kategorie “Längst überfällig”. […]


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