Schwedenbombe

5. November 2011

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (134) Wer darf sich über den Start von Spotify in Österreich freuen? Konsumenten mehr, Künstler eher weniger.

Noch im November wird Spotify in Österreich starten. Bislang handelt es sich um bloß ein Gerücht, aber hinter den Kulissen wird heftig daran geschraubt. Der Kooperationspartner heisst A1, die Konkurrenz, etwa T-Mobile, versucht mit eigenen Streaming Services dagegenzuhalten. Für Musikfreunde dürften somit – nach langem Warten – schon vor dem 24. Dezember die Weihnachtsglocken läuten.

Denn Spotify ist soetwas wie das Elysium für Fans und Freaks, aber auch für kulturinteressierte Normalbürger: so ziemlich jedes Musikstück, das einem in den Sinn kommt, ist damit augenblicklich „on demand“ auf dem eigenen PC verfügbar. Und da persönliche Computer heute nicht mehr unbedingt plumpe, schwere Kisten auf oder unter dem Schreibtisch sind, sondern vergleichbare Rechenleistung auch in smarten Mobiltelefonen, tablettförmigen Laptops und spezialisierten Audio Devices steckt, könnte dieser Dienstleister tatsächlich die Töne befreien. Und uns Konsumenten vom eichkätzchenähnlichen Zusammenklauben, Sammeln und Horten von MP3-Files erlösen.

Spotify, ein schwedisches Unternehmen, hat seine virtuelle Jukebox bislang in Skandinavien, Großbritannien, Frankreich, Spanien, Holland und den USA placiert. Und ist seit Mai dieses Jahres auch schwer verbandelt mit Facebook. Stück für Stück erobert man so die Weltherrschaft in einem Markt, der augenblicklich noch von Apple, Amazon und den alteingessenenen Major Record Companies beherrscht wird (die sich clevererweise schon einen Anteil an Spotify gesichert haben). Wenn alle Musik dieses Planeten auf Knopfdruck gratis – oder, in besserer Qualität, ohne Werbung, Zeitbeschränkung und sonstige lästige Restriktionen gegen Monatsgebühr – verfügbar ist, wer mag dann noch moralisch verwerflichem Peer-to-peer-Aktionismus anhängen? Bei eingeführten Download-Plattformen wie iTunes oder „direkt am Bauernhof“ bei den Labels und Künstlern einkaufen? Oder mühsam obskure YouTube-Videos durchforsten (um dann nicht selten von Meldungen wie „In Ihrem Land auf Betreiben des Rechteinhabers leider nicht verfügbar“ enttäuscht zu werden)?

Jede Medaille hat aber zwei Seiten. Die Spotify-Welteroberung gestaltete sich bislang nicht ohne Grund relativ mühsam, zeit- und kostenintensiv. In Deutschland leisten etwa die Urheberrechtsanwälte der GEMA hinhaltend Widerstand. Mit Simfy existiert vor Ort ein direkter Konkurrent. Und schon melden sich erste Labels und Künstler zu Wort, die ihre Musik partout nicht Spotify zur Verfügung stellen wollen – etwa Coldplay ihr neues Album „Mylo Xyloto“. Der Grund: die kaufmännische Intransparenz der Streaming Services. Und ihre frappierend geringe Wertschöpfung. Denn für jeden Hörer weltweit zahlt Spotify pro Song gerade mal einen Bruchteil eines Cents (0,003 Euro) aus. Und schreibt dabei nicht mal selbst schwarze Zahlen.

Korrektur (09.11.): A1 ist nicht Kooperationspartner; Spotify startet in Österreich als eigenständiger Anbieter.

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10 Antworten to “Schwedenbombe”


  1. Aufgrund der extrem geringen Wertschöpfung (und Wertschätzung!) von bereits etablierten Künstlern mehren sich derzeit auch die Zeichen, dass einige Plattenfirmen wieder verstärkt darüber nachdenken, day’n’date Veröffentlichungen (zeitgleich, über mehrere Kanäle) zugunsten einer „Release-Window“-Strategie zu tauschen. Kanäle mit mehr Marge werden bevorzugt bedient, Streaming-Services wie Spotify erst zum Schluss…

    Ich bin definitiv kein Freund von Spotifys Preispolitik, es gibt aber sicherlich auch Newcomer mit wenig Umsatzpotenzial, die mit einer Platzierung bei Spotify zumindest die Chance auf Sichtbarkeit (bzw. Hörbarkeit) erhöhen. Andere, die ihre Musik in Form eines Freemium-Geschäftsmodells verschenken, kommen auch mit Spotify und Co. klar. Dort ist dann die Hoffnung mit mehr Hörern auch mehr Käufer von „Premium“-Bündeln zu gewinnen.

    Bedenken sollte man in den Diskussionen über Spotify und Co. auch, dass es seitens der ’neuen‘ Angebote im Vergleich zu den Plattenfirmen (insbesondere den Indie-Labeln) nicht zu einer kulturellen Wertschöpfung kommt. Während ein gutes Label einen Künstler behutsam aufbaut und so die kulturelle Vielfalt fördert, gibt es diese Form der nachhaltigen Entwicklung bei den „Over-the-top“-Services (bisher) nicht. Schade.


  2. Es stellt sich einfach die Frage, ob der Künstler visibility haben will oder von seiner Kunst leben will. Wenn 1 Mio views auf spotify bzw. youtube weniger Geld einbringen als ein Konzert vor 100 Leuten, von denen 5 ein T-Shirt kaufen, dann, nun ja, dann versteh ich die Welt nicht mehr….

    • Walter Gröbchen Says:

      Das erinnert mich an den alten Witz: „Wie wird man Millionär?“ – „Indem man als Milliardär ein Label gründet…“

  3. Hannes Eder Says:

    earnings? … it’s just a matter of scale.

    Unbestreitbar jedenfalls ist die Tatsache, daß ein funktionierender Streamingservice wie Spotify die bis dato bestfunktionierende Antipiracy-Maßnahme darstellt.

    Die höchste Nutzung weist die ‚Kernzielgruppe‘ der Nichtkäufer (16-24) auf.


  4. […] dazu demnächst in diesem Theater. Stay tuned. Gefällt mir:LikeSei der Erste, dem dieser post […]


  5. […] ein Sinnbild für das Modell „Spotify“ (ich hatte Ihnen diese Streaming-Plattform für Musik ja avisiert. Und vergangene Woche ist sie tatsächlich auch in Österreich gestartet.) In den letzten Tagen […]


  6. […] Gerecht? Nunja. „Business is war“, wie einst schon Atari-Kriegsherr Jack Tramiel verkündete. Das gilt auch und erst recht für die Post-PC-Ära. Ek liefert mit Spotify ein weiteres Beispiel dafür, wie Geschäftsmodelle im Internet funktionieren – von unten nach oben, Pioniere und „First Mover“ begünstigend, primär aufgeladen durch Phantasien, Zukunftshoffungen und Revenue-Perspektiven. Anders gesagt: bislang sind Streaming Services durch die Bank kein Geschäft. Es werden gerade mal die Claims verteilt, die Marken gebildet und die Märkte Land für Land aufgerollt. […]


  7. […] feierlich abzuspielen.“ Eine notorische Ö1-Hörerin stolperte mitten in die Diskussion mit der doch verblüffenden Frage: „Was ist Spotify“? Geschenkt. „Leider machen – so oder so – nur […]


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