The Quality Of Othmar Is Not Strnen

5. November 2011

Am 10. November 2011 spielen The Mekons in Wien. Im „Chelsea“. Wo sonst auch? Und ich vermute, dass der Auftritt der britischen Punk/Wave-Legenden einen besonderen Grund hat: das 25-Jahre-Jubiläum des Lokals am Wiener Gürtel. Prosit!

Ich bin ein Deadline-Junkie. Es ist ein fataler Fehler, wenn man mir zeitgleich mit der charmant-nachdrücklichen Aufforderung, einen Text zu schreiben („Wos zum 25-Jahr’-Jubiläum, waast eh…“), quasi unbegrenzt Zeit dafür einräumt. Indem man keine Deadline nennt. Indem man das selbst eher legér sieht („…irgendwann im Herbst soll’s erscheinen…“). Indem man mir als Honorar gerade mal eine Flasche Whisky in Aussicht stellt. Wobei: diese Art von Text schreibt man selbstverständlich gänzlich ohne Bezahlung. Als Tribut an das „Chelsea“, keine Frage. Den Whisky nehm’ ich trotzdem, Othmar, und es muß schon eine besonders gereifte, edle, seltene Marke sein.

Denn die Sache ist die: Othmar B. hat mir einst eine Schallplatte stibitzt. Und schuldet mir bis heute ihre Rückgabe. Ich tausche also diesen Text (gratis) und die Platte (teuer, weil selten) – es handelt sich um ein Werk der britischen Punk-Band The Mekons aus dem Jahr 1979 mit dem merkwürdigen Titel „The Quality Of Mercy Is Not Strnen“, das Cover zeigt einen Affen an der Schreibmaschine – gegen einen dreiviertel Liter hochprozentigen Alkohol. Ein schlechter Tausch, meinen Sie? Nein, das geht schon in Ordnung, sage ich. Das geht ganz und gar in Ordnung.

Denn erstens ist damit der Beweis erbracht, daß es sich bei Othmar B., dem „Paten“ des genannten Etablissements, um einen wahrhaftigen Musikfreund handelt. Die Mekons-Platte hat er einst, es muss Anfang bis Mitte der neunziger Jahre gewesen sein, vom Plattenteller weg in seinen Besitz überführt. Als Gelegenheits-DJ, der auch dann und wann im „Chelsea“ für Lärm, Gliederzucken und erhöhten Getränkeumsatz sorgte, fiel mir das nur aus den Augenwinkeln auf. Der Lärm übertönte meinen schwachen Protest. Aber Jahre später hat der gute Mann, dessen Ablenkungsstrategie durch joviale Einladungen zu Alkoholgenuß ich erst spät durchschaute, den Diebstahl gestanden. Er „müsse“ diese Platte einfach besitzen. Er sei ein wirklicher Fan der Mekons. Er hätte keine Alternative gehabt. Und überhaupt. Wer könnte da dagegenhalten? The Quality Of Othmar Is Not Strnen.

Und zweitens bin ich dem Erfinder, Betreiber, Seelenfreund, Grandsigneur und Gelegenheits-Schankburschen des „Chelsea“ auch etwas schuldig. Dank nämlich. Dank dafür, dass er ein Lokal geschaffen hat, das seit den tiefen achtziger Jahren bis heute (und wahrscheinlich für immer) ein Biotop des Rock’n’Roll war, ist und sein wird. Ein Refugium. Eine Anlaufstelle für den unsteten Kerl in uns allen (und Frauen sind hier explizit nicht ausgenommen). Eigentlich die erste Adresse in Wien für einschlägige Aktivitäten und Agglomerationen.

Ich habe im „Chelsea“ wüste Nächte sonder Zahl erlebt. Getrunken, geschmust, gelacht, gelebt, mit Barfrauen gescherzt, Musik um die Ohren geschmettert bekommen, unzählige Konzerte genossen, zigmale die Technics- (und später CD-)Laufwerke bedient, Weihnachts- und Silvesterabende verbracht, den Umzug mitgemacht, die herbe Frischluft am Gürtel eingeatmet, den Whisky durch die Gurgel rinnen lassen. Denn Whisky, probaten, um nicht zu sagen: exzellenten Whisky – über die Musik-Helden und -Moden all der Jahre möchte ich mich nicht äussern, da eint uns wohl eine gewisse Abgeklärtheit – hat der Wirt allemal im Regal stehen. Und schenkt immer kräftig aus. Und ein.

Die Jahre sind ins Land gezogen. Bajlicz, einst Fußball-Profi, fährt heute Jaguar. Gröbchen, einst „MusicBox“- & sonstiger Medien-Profi, hat auf das brotlose Gewerbe der Musikproduktion umgesattelt. Und fährt heute einen verbeulten Mazda. Unter uns: das passt so. Für beide (denn auch der Jaguar ist ein altes Exemplar, allein das hat Stil). Es soll jetzt nur keine Nostalgie – too old to R’n’R, too young to die? – aufkommen.

Aber igendwie geht mir die Idee nicht aus dem Sinn, die Kontaktdatenbank abzufragen, zum Telefon zu greifen und ein Konzert im „Chelsea“ zu organisieren. Mit Jon Langford, Tom Greenhalgh und wer immer noch dabei sein mag von den einstigen Punk-Heroen, wenn man anno 2011 The Mekons engagiert. Vielleicht mach’ ich’s noch (korr.: hat Othmar inzwischen längst erledigt, siehe oben). Solch ein lausiger Text und zwei zugedrückte Augen, was die Retournierung einer verstaubten Vinyl-Trophäe betrifft, können ja nicht alles gewesen sein. Vielleicht zum runden Fünfziger? Pardon, aber für eine Legende ist doch ein Vierteljahrhundert gerade mal eine Fliegenschiss. Also: weitermachen. Und jetzt her mit der Flasche, Othmar! Vom Feinsten. Wie immer.

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2 Antworten to “The Quality Of Othmar Is Not Strnen”

  1. manfred Says:

    @ chelsea: war dort nicht auch der nun (physisch) zahnlose punk „the whole wide world“ wreckless eric, mit dem phantastischen vorband – groupie amy rigby ?!


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