Tante Jolesch empfiehlt

12. November 2011

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (135) Ob noble Zeitmesser oder luxuriöse High End-Unterhaltungselektronik – “teuer” ist kein technisches Kriterium.

Ziemlich grosse Auswahl an Luxus- und Spielzeug-Messen dieser Tage, muss man schon sagen. Hat wohl mit der rapide dräuenden Adventszeit zu tun. Wobei mit „Spielzeug“ hierorts natürlich Gimmicks, Gadgets und technische Zauberapparaturen für das Kinderherz in uns allen gemeint sind. Das kann schon ziemlich ins Geld gehen, aber wollen Sie Ihre Spargroschen wirklich den EU-Finanzministern in den Rachen werfen? Dann schon lieber handfeste Anschaffungen für den heimeligen Hobbykeller und privaten Maschinenraum.

So muss ich mich am Wochenende entscheiden, ob ich einmal mehr die „Klangbilder“ besuche, Österreichs Messe für hochwertige Unterhaltungselektronik im Hilton Plaza Hotel am Schottenring. Oder, erstmals in meinem Leben, die „Viennatime“ im MAK am Stubenring (kombiniert ergibt das, nebstbei, eine wunderbare Herbstwanderung entlang der Wiener Ringstrasse). Hier werden Uhren ausgestellt, und zwar – Vollmundigkeit ist Trumpf! – „die feinsten Uhren der Welt“. Und derlei entwickelt schon eine gewisse Anziehungskraft. Womit soll sich ein Mann denn sonst schmücken? Braucht unsereins laut der guten, alten Tante Jolesch doch nicht schöner zu sein als ein Aff’, weil alles darüber Hinausgehende Luxus wär’. Und damit kommen, wenn man sich keine Goldketterl oder HipHop-Protzplaketten um den Hals hängen will, die Uhrmacher ins Spiel.

Tatsächlich weiss ich nicht, was ich insgeheim mehr bewundere: das Geschick der Branche, den Drang der Kundschaft nach Distinktionsgewinn so auszunutzen, dass ihre Erzeugnisse ungeniert um das zigzigzig-Fache ihres Material- und Herstellungswerts an den Mann (und die Frau) gebracht werden können. Oder Eitelkeit, Mode und dezente Prunksucht als Motoren der Menschheitsgeschichte per se. Die Werbeprospekte und Inseratenstrecken von Uhren- und Juwelenhändlern, zumal vor Weihnachten, sprechen Bände.

Andererseits sind all die feinmechanischen Wunderwerke, das Herauskitzeln konstruktiver Unterschiede und nobler Unterscheidungsmerkmale und die ständige Abwandlung und Neuinterpretation eines ewig gleichen Themas ein Faszinosum an und für sich. Ähnlich der Welt der High Fidelity und Upper Class-Unterhaltungselektronik besteht die Gefahr, dass sich vorrangig gelangweilte ältere Herren dem Thema widmen, aber noch kann ich als Unter-50-Jähriger gegensteuern.

Wobei ich ung’schaut drauf vertraue, dass die mich mit meiner im Duty Free-Bereich des Flughafens Dubai erworbenen Billigsberger-Timex überhaupt hineinlassen in ihre heiligen Hallen. Oder mit einer der vielen Swatches, die ich mein eigen nenne. Die gefälschte Rolex lass’ ich eh daheim.

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Eine Antwort to “Tante Jolesch empfiehlt”


  1. Herrlich!
    Kenn dir gerne meine F 91-W borgen, die ich mir mangels gefallenden Uhren übergangsweise „gegönnt“ (Anm: 12€ bei Amazon) habe.

    Mich beeindruckt ebenfalls die Konsequenz & die Verpflichtung des Geschäftszweiges, klassische, unverschnörkselte, zeitlose Produkte um ein Vielfaches teurer zu verkaufen als jene die saisonal entworfen werden müssen. Bei Uhren gilt wohl auch, wer anachronistisch sein will muss anachronistisch, also ohne Uhr*, leben.
    (* dieses griechische Sprachverbrechen ist meine Rache an die Krise ;-))


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