Es gilt die Unmutsverschuldung

27. Dezember 2011

Anmerkungen zur unendlich zähen und mittlerweile auch unendlich nervigen „Causa Matt“. Und warum hier die Kulturpolitik endlich sich selbst in die Verantwortung nehmen muß.

Ich habe mir lange überlegt, ob ich mich in der Sache zu Wort melden soll. In Österreich – einem „Labyrinth, in dem sich jeder auskennt“ (Helmut Qualtinger) – gilt die Nichteinmischung ja als Tugend. Und die Selbstermächtigung als Sakrileg. Aber letztlich verstehe ich mich als aktiver Teilnehmer einer Bürgergesellschaft, der zudem im Kulturbereich professionell zugange und im Kontext des Kommenden nicht gänzlich unkundig ist. Es geht um Grundsätzliches. Und Schweigen könnte als Zustimmung gewertet werden. Zustimmung zu einem System und zu einer Systematik, die seit Jahren die Kulturpolitik in Wien bestimmt. Und die allmählich wirklich sauer aufstösst.

Es geht, um die Sache abzukürzen, um die „Causa Matt“, also die vermuteten, lautstark vorgebrachten und vice versa ebenso lautstark wieder in Abrede gestellten Malversationen rund um die Kunsthalle Wien. Aber, pardon!, nicht um Herrn Matt höchstpersönlich. Denn den Mann kenne ich, sieht man von einigen durchaus freundlich verlaufenen Gesprächen und einem Auftrag, den „project space“ der Kunsthalle mit Live-Musik und DJs zu bespielen und so die Besucherzahlen der zumeist leicht anämischen, tendenziell besucherarmen Ausstellungen am Karlsplatz ein wenig nach oben zu treiben, eigentlich nicht.

Ich halte es auch für einen Fehler der Kulturpolitik, eine szeneweite Diskussion, ob Matt ein eitler Dandy und intellektueller Blender ist oder doch eher ein charismatischer Manager und umtriebiger Museumsdirektor, detailversessen widerzuspiegeln und medial auszuwalzen. Das ist Geschmackssache. Jede Führungspersönlichkeit hat ihren eigenen Stil, und letztlich wird sie für geschicktes, wechselweises Hantieren mit Zuckerbrot und Peitsche bezahlt.

Ich bin Herrn Matt auch die kolportierte Gage für seine Aufgabe nicht neidig – andere Spitzenmanager in der Musical-, pardon: Kultur-Hemisphäre der Stadt Wien, hört man, wären noch weit besser bezahlt. Oft mit Gehältern jenseits der Einkommensklasse des Bundeskanzlers. Aber genaueres weiß man nicht, weil man – wir erinnern uns an eine dezidierte „profil“-Nachfrage, gefolgt von allseits betretenem Schweigen – derlei nicht wissen soll und darf. Man will wohl das in zunehmend prekären Verhältnissen tätige Kultur-Proletariat nicht zu sehr erregen.

Und Matt hat sich ja seinen Vertrag mit einem „privaten“ Verein ausgeschnapst, auf den der Kulturstadtrat – der aber jährlich die Schwungmasse für das perpetuum mobile, die millionenschwere Subvention für die Institution Kunsthalle, durch den Landtag befördert und auch politisch verantwortet – „leider keinen Einfluss“ hat, wie er selbst in den letzten Wochen und Monaten nicht müde wurde zu betonen. Was natürlich einer Kindesweglegung gleichkommt. Ein Aufsichtsgremium, das nicht mitverantwortlich sein will für ein opulentes Privilegien-Register, das es selbst abgenickt hat? Eine Magistratsabteilung, die jetzt – unter Druck – eiligst verwirft, was sie selbst eingefädelt hat (Stichwort: „Kunst im öffentlichen Raum“)? Ein Investigations-Team, das alle bisherigen Investigationen kreuzbrav und zugleich knochenhart konterkariert? Aber jetzt soll ja alles anders bleiben. Man darf gespannt sein. Eventuell mittlerweile auch leicht verspannt.

Denn was unendlich nervt in der Diskussion rund um die „Causa Matt“ ist die offensive Listigkeit, mit der man eine ernsthafte, tatsächlich „ergebnisoffene“ Debatte um die Rahmenbedingungen, Aufgabenstellungen, Finanzstrukturen und Zukunftsperspektiven der Kunsthalle hintanzuhalten, abzukürzen oder tunlichst ganz zu vermeiden versucht. Dafür wird auf „Die Grünen“ hingeprügelt, weil ihre gewählten Volksvertreter und einschlägigen Experten ganz selbstverständlich, penibel und weitgehend alleingelassen ihre Hausaufgaben – die Evaluierung und Hinterfragung verwachsener und verwilderter Strukturen – erledigen. Eine macht- und parteipolitische Einigelungs-Strategie, die in gleichem Maß durchschaubar, perfid und peinlich ist.

Wie erklärt man aber, dass u.U. allein die Taxi- und Telefonrechnungen des Direktors in Summe mehr ausmachen als die Support-Leistungen für jene, die die Ausstellungsflächen mit viel Idealismus bespielen (am Karlsplatz etwa wurden die Honorare für Tontechniker 2011 rigoros gestrichen. Mittlerweile hat man das Live-Programm „aus Kostengründen“ weitgehend eingestellt oder durch aufreizende H&M-Pop Up-Stores ersetzt). Warum überlässt man z.B. nicht konsequenterweise den „project space“ als zentrale, flexible, frei bespielbare Fläche der lokalen Szene? Welche Aussicht auf konstruktive Teamarbeit hat eigentlich ein Kunst-Impresario, der von all seinen KuratorInnen, so sie nicht längst gegangen sind oder gegangen wurden, am liebsten nicht mehr bei der Tür hereingelassen würde? Und warum wird plötzlich strikt getrennt, geprüft, re-strukturiert, ausgeschrieben und entflochten, was jahrelang als produktive Freunderlwirtschaft und Best Case-Szenario in Richtung „Private Public Partnership“ förmlich festgemauert war?

Letztlich: warum überhaupt gelangte die Kulturpolitik nicht schon im vorigen Jahrtausend zur Erkenntnis, dass das absichtsvolle Tolerieren, ja Forcieren von „ewigen“ Vertragsverlängerungen – und damit die tendenzielle Verwechslung einer Institution und einer temporären Aufgabenstellung mit dem eigenen Lebenswerk, der man solchermaßen legér Vorschub leistete – eine Kardinal-Untugend war und ist? Länger als fünf, sieben, höchstens zehn Jahre sollte keine Führungsrolle in einer öffentlichen Einrichtung dauern. Danach ist das visionäre Pulver üblicherweise verschossen, Routine und Ermüdung treten ein (Ausnahmen bestätigen die Regel. Aber eine „Ausnahmeerscheinung“ zu identifizieren kann niemals ein Akt der Selbsterkenntnis sein). Und, nebstbei, luxuriöse, um nicht zu schreiben: degoutante Pensions-, Nebenjobs-, Überstunden-, Spesen- und Abfertigungs-Regelungen haben in unserer Zeit nichts mehr verloren.

The times they are a-changin‘. Gerald Matt hätte spätestens bei der Betrachtung des rapiden Endes des Königreichs von Peter Noever der Groschen fallen müssen. Aber es soll hier ja weniger um Namen, virtuelle oder tatsächliche Querverbindungen und persönliche Eitelkeiten gehen. Sondern mehr ums Prinzip. Und um eine Verantwortung, vor der sich die Kulturpolitik nicht mehr drücken kann. Sofern sie nicht selbst im byzantinischen Schlachtengemälde vom Aufstieg und Fall ihrer Proponenten inmitten einer kritischen – weil mit zunehmender Aufmerksamkeit der Gesellschaft aufgeladenen – Zeit- & Grundstimmung eine prominente Rolle spielen will.

Es geht in der „Causa Matt“ längst nicht mehr um ihren Namensspender (auch wenn sich der in stakkatoartigen Interview-Rundumschlägen und Propaganda-Erklärungen immer noch im Mittelpunkt des Geschehens wähnt). Es geht um eine grundsätzliche Durchlüftung, Öffnung und Neu-Fokussierung der Kultur-Agenda Wiens. Es geht – auch, und gewiss nicht zuletzt – um Transparenz. Und, ja, es geht um klare Signale, konsequente Entscheidungen und mutige Weichenstellungen. Selbstverständlich gilt die Unschuldsvermutung. Aber immer dringender, immer drängender auch die Unmutsverschuldung.

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