Solides Holz

17. Januar 2012

Von der Rückkehr zum Mäzenatentum, der Ungeliebtheit des Schönklangs und gerade mal einer Handvoll Facebook-Freunde: col legno, ein kleines Wiener Avantgarde-Label, als Zerrspiegel der grossen Musikindustrie.

Das Firmenschild der Tonmanufaktur gibt einen ersten Hinweis. Denn „col legno“, einen Ausdruck aus dem Italienischen, muss ein Bildungsbürger des 21. Jahrhunderts zumeist erst nachschlagen. Um ihn hinfort als Signal einer besonders ausgeprägten „sophistication“ zu verstehen. „Col legno“ bedeutet „mit dem Holz“. Und bezeichnet in der Sprache der Musiker eine Anweisung beim Spiel der Streichinstrumente, etwas exzentrisch, jedenfalls abseits aller Routine. Dabei dreht man den Bogen um und regt die Saiten mit der Bogenstange zum Schwingen an, „col legno tratto“. Oder man schlägt sie mit dem Holz des Bogens, auch „col legno battuto“ genannt. „Viele Spieler verweigern jedoch die Ausführung dieser Strichart“, verrät Wikipedia, „oder legen sich einen Zweitbogen zu, da bei dieser Technik das Holz der Bogenstange zu Schaden kommen kann.“ Die Beendigung der Komponisten-Anweisung, die seit dem 17. Jahrhundert bekannt ist, aber erst dreihundert Jahre später wirklich in Mode kam, tritt durch „coll’arco“ ein.

Beim Objekt unserer Betrachtung ist ein Ende nicht in Sicht. Im Gegenteil. Betritt man das kleine, karge, aber stimmungsvolle Büro im mittelalterlichen Heiligenkreuzerhof in der Wiener Innenstadt, schlägt einem Tatendrang und Optimismus entgegen. Das ist in Zeiten, wo Schmalhans Küchenmeister ist – und in der Musikindustrie ist er es seit einem guten Jahrzehnt –, schon aussergewöhnlich. In etwa so extraordinär, wie es das Programm des Labels mit dem ausgesuchten Firmennamen: col legno widmet sich der Neuen Musik. Der modernen Klassik. Oder auch den Klangwelten früherer Jahrhunderte in ungewohnten Zugängen und aufregenden Interpretationen. Dafür stehen Namen wie Wolfgang Rihm, Luigi Nono, Arnold Schönberg, Edgar Varèse oder auch, letztere fast schon Pop-Jünglinge in diesem Kontext, Wolfgang Mitterer, Peter Herbert oder Patrick Pulsinger. Es ist, man darf das mit intellektueller Gelassenheit sagen, ein Minderheitenprogramm. Auf die ökonomischen Aspekte kommen wir noch zu sprechen.

Soviel vorweg: die „Schubertlieder“ von Franui sind der Renner des Avantgarde-Labels. Mit über sechstausend weltweit abgesetzten CDs ragen sie als einsame Verkaufsspitze aus dem Katalog. Viele weitere Titel schaffen kein Zehntel davon. Vielleicht liegt es daran, dass die Schubert-Interpretationen der Osttiroler Neutöner „ein Befreiungsschlag“ sind, wie es der „Weltwoche“-Kritiker Thomas Wördehoff formulierte. „Sie befreien die Lieder des jungen Komponisten aus der fast zweihundertjährigen Gefangenschaft, in der sie von wechselnden Kennern mit unfroher Strenge bewacht wurden. Franui führen uns in die überfüllten Beisln, in denen Schubert trotz Alkohol, Tabak, Lärm und Schmerzen spielte und spielte und spielte. An Orte, wo er vielleicht schon das scheele Grinsen seiner späten Anverwandten Strawinsky, Schostakowitsch, Weill und Lennon bemerkt hat. Dort, wo man den Blues liebt.”

Das ist in der Tat eine Ansage an die Klassikaner, die bisweilen eher bis zum bitteren Ende an ihren Dünkeln festzuhalten scheinen als den Anschluss an die Post-Lennon-Ära zu suchen. Ausserdem spielen die Stars des Labels, die auch Brahms und Mahler im Repertoire haben, einfach „zum Niederknien schön”, wie die „Berliner Zeitung“ festhielt. Aber es ist nicht Schönklang, den die Macher von col legno unbedingt suchen. Franui-Mitglied Andreas Schett, der seit 2005 gemeinsam mit Gustav Kuhn das Programm bestimmt: „Uns interessiert Buntheit, nicht Beliebigkeit. Wir wollen weg von eingeschränkten Blickwinkeln, ideologischen Behinderungen und kulturellen Eingrenzungen.“

Die Offenheit und Stringenz des Zugangs schlägt sich auch in der unverwechselbaren Optik der Veröffentlichungen nieder. Ohne flächendeckende Porträtfotos, dafür mit kargen Schriftelementen, leuchtkräftigen Farbkombinationen und ausführlichen, essayistischen Booklets ausgestattet, stechen die col legno-Produkte aus dem zumeist klischeehaft-langweiligen Umfeld heraus. Dabei schien das 1982 im Dunstkreis der Donaueschinger Musiktage gegründete Label zunächst auf unbestimmte Dauer im elitären Elfenbeinturm angesiedelt. „Neue Musik hat einen Namen“, verriet das Firmenmotto, aber er war nur Eingeweihten bekannt. Mitte der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts stand man vor dem Zusperren.

Auftritt: Christian Köck. Der promovierte Arzt und ausgebildete Psychotherapeut, 1958 geboren, ist vielen auch als Politiker und kurzfristiger Bundessprecher des Liberalen Forums in Erinnerung. Als Alleinvorstand der Health Care Company AG, Inhaber eines universitären Lehrstuhls für Gesundheitspolitik und Gesundheitsmanagement und Direktoriumsmitglied der Wiener Konzerthausgesellschaft verfügt er über wenig Zeit, dafür aber ausreichend Liebe zur Musik. Und hier speziell zur Neuen Musik. „Ich höre nicht nebenbei“, so Köck. „Restaurant- und Aufzug-Berieselung sind mir ein Greuel. Was mich interessiert, ist die konzentrierte Ästhetisierung und kulturelle Möblierung des Alltags.“ Dass derlei mit der finanziellen Unterfütterung eines Top-Unternehmers leichter in Angriff zu nehmen ist, versteht sich von selbst. Köck wurde Mäzen. Motor. Mutmacher. Und hauchte col legno ein frisches Selbstverständnis und eine professionelle Arbeitsweise ein. „Man ist nicht in einem Markt, der CDs verkauft“, erläutert er. „Auch wenn das gerade für uns noch nicht endgültig passé ist. Es geht um ein Lebensgefühl, um Kultur, um Kunst in umfassender Form.“ Die Tonträger-Branche selbst befinde sich gemäss Schumpeter in einer Phase der „kreativen Zerstörung.“ Das erhöht, so seltsam das klingen mag, die Chancen für kleine Labels.

Auf den Break Even hofft Christian Köck aber genauso wie seine jungen Mitstreiter Mike Breneis und Peter Kollreider. Irgendwie gelingt es ja auch vergleichbaren Firmen („Von Konkurrenz mag ich hier bewusst nicht sprechen“, so Breneis, „die gibt es in unserem Segment nicht“) wie Kairos, Neos, Wergo oder Winter & Winter, zu leben. Oder auch nur zu überleben. Als Vorbild fällt immer wieder der Name ECM, Manfred Eichers solitäre Jazz & Beyond-Werkstatt. „Man muß halt schauen, daß etwas gelingt wie Keith Jarretts Köln Concert“, merkt Köck an. „ECM hat sich damit auf ewig saniert.“

Bei col legno wurde trotz des weitreichenden Engagements des Medizin-Unternehmers, trotz einer – nicht offiziellen, aber essentiellen – zusätzlichen finanziellen Fundierung durch den Bau-Magnaten Hans-Peter Haselsteiner, trotz wachsender Veröffentlichungspläne (zur Zeit sind es etwa zwölf Produktionen im Jahr) und einer deutlichen Öffnung in Richtung Jazz, Electronica und World Music die Situation doch klammer und klammer. Bis man im Vorjahr die Privatstiftung des Sängers Oskar Czerwenka als ideellen Mitträger gewann. Und eine kräftige Kapitalerhöhung vornahm. „Wir müssen auf Internationalisierung setzen. Wir dürfen kein österreichisches Schett- & Kuhn-Privatmuseum werden.“ Andreas Schett, gemeinsam mit dem Dirigenten Gustav Kuhn für das Programm und als Eigner der Innsbrucker Design-Agentur Circus auch für die Optik von col legno verantwortlich, reagiert gelassen: „Unser Programm zeigt ja, dass dem nicht so ist. Berührungsängste kennen wir jedenfalls keine. Die kosmopolitische Perspektive ist essentiell. Wir vertreiben unsere Produkte auch in den USA, Kanada oder Japan, im Idealfall erreichen wir jeden Winkel dieses Planeten.“

Es sind kleine und kleinste Stückzahlen, die sich so addieren. Und sich langsam, aber stetig zu einem unternehmerischen Gesamtkunstwerk auswachsen. Im col legno-Büro im Heiligenkreuzerhof hat man die Mehrzahl der Veröffentlichungen der letzten Jahre – insgesamt sind es bislang zweihundertsiebenundsechzig CDs – an einer Wand zu einem grossen, farbenfrohen Mosaik zusammengestellt. „Wir wollen Geschichten erzählen“, erläutert Label-Manager Mike Breneis. „Und es hilft uns natürlich, dass man als Nischenlabel seit einigen Jahren weltumspannend mit seinem Publikum kommunizieren kann.“ Wiewohl: auf Facebook findet man erst 143 Freunde. „Wir stehen da erst am Anfang“, bedauert Breneis. „Die ersten achtzehn Fans habe ich persönlich gekannt. Aber mir sind letztlich eintausend Leute, die zuhören, lieber als zehntausend, die sich berieseln lassen.“

Diese Gefahr besteht bei col legno definitiv nicht. Selbst dann nicht, wenn etwa Ruedi Häusermanns „Wetterminiaturen für vier wohlpräparierte Einhandklaviere“ oder – Christian Köcks Lieblings-CD – Franz Koglmanns Haydn meets Cioran-Studie „Nocturnal Walks“ als schnöde MP3s aus dem Internet heruntergeladen werden. Für Digital-Fetischisten bastelt man an einer Hochbit-High Quality-Plattform. Schade findet es der Musikmanager, hier wirklich auf jeden Cent schauen zu müssen. „Es wäre schön, wenn es im Kultursektor analog der Film-, Literatur- oder Verlagsförderung strukturelle Unterstützung gäbe“, so Breneis. „Aber vielleicht schliesst sich ja ein Kreis, wenn man im 21. Jahrhundert wieder zum Mäzenatentum zurückkehrt.“ Der Manager klopft, col legno, auf das Holz des Küchentisches. „Eigentlich leben wir im Schlaraffenland. Wohlgemerkt: einem pekuniär kargen, aber kulturell unendlich reichen Schlaraffenland.“

(CASHFLOW)

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