L’Etat cest moi!

18. Januar 2012

Dieser Tage läuft ein Film in den Kinos an, dem viele Seher zu wünschen sind – nicht zuletzt, weil er neue Sichtweisen und Einblicke in uralte Menschheitsträume und individuelle Umsetzungsversuche ermöglicht. Paul Poets „Empire Me“: ein Reiseführer.

„Millionen glauben an den Zusammenhang
von Schweiß, Gefühl und Ehrlichkeit
In Wahrheit zählt nur die Kunst des Zitats
In Wahrheit zählt nur der richtige Moment
Am Ende der Etappe
Am Anfang der Zukunft“

(Fehlfarben)

Zwischendurch, ein flüchtiger Moment einer langen filmischen Reise, taucht unvermittelt ein Schild auf. Es ist eine Spruchtafel, wie sie auf jeder Demonstration ins Bild gereckt wird, zusätzlich zur erhobenen Faust und den obligaten Spruchbändern der internationalen Protest-Folklore. Dieses Schild aber sagt etwas Ungewohntes, Ungewöhnliches, Denkwürdiges: „There is no Planet B.“ Es gibt keinen zweiten Planeten wie unseren.

Und ob es ihn gibt. Es gibt diesen Planeten, und auch Planet C, D, E. Und so fort. Sie existieren in der Phantasie. Und bisweilen existieren sie auch real, als Teilkörper des einen grossen Erdenrunds, das wir alle so gut zu kennen glauben. Und doch nicht kennen. Wenn wir uns auf die gängige Definition von Himmelskörpern versteifen, dann sind diese Orte eventuell keine Planeten. Sondern Trabanten. Sternschnuppen. Wunschvorstellungen. Aber sie verdinglichen sich. Bisweilen.

„Im 21. Jahrhundert kämpfen über 500 selbsterklärte Länder am Rande der Globalisierung um das Recht auf ein eigenes Territorien und eigene Lebenregeln. Könige, Piraten, Träumer.“ Die beschwörende Stimme des Narrators nimmt uns sanft bei der Hand. Nimmt uns mit auf eine Irrfahrt, die einen Ausgangspunkt kennt, aber keine klar auszumachenden Endstationen. Nur Etappenziele, Leerräume, Transitbereiche, Zwischenstationen. „Dies ist die Geschichte von sechs solcher Gegenwelten. Sechs Geschichten von der Suche nach Unabhängigkeit.“

Unabhängigkeit wovon? Wofür? Erwin Strauss, Autor von denkwürdigen Büchern wie „How To Start Your Own Country“ oder „Cheap Nukes. Die Konsequenzen billiger Massenvernichtungswaffen“ führt ins Thema ein. Grosse Städte und Nationen geben anno 2011 potentielle Angriffsziele ab, mächtige Armeen und Flotten werden immer unvorteilhafter. Der Trend, sagt Strauss, gehe folgerichtig hin zu Mikro-Nationen. Kleinen, unauffälligen, staatsähnlichen Gebilden und Gemeinschaften, die an der Grenze zur Non-Existenz existieren. „Die Frage ist, ob wir – wenn man den Vergleich zum Untergang des römischen Imperiums ziehen will – im 2. oder 5. Jahrhundert leben.“ Der Untergang des Status Quo, des vertrauten internationalen Machtgefüges ist für Strauss & Co. jedenfalls nur eine Frage der Zeit. Es liegt an uns, rechtzeitig Alternativen zu erkunden. Fluchtorte. Raststationen im Maelstroem von Politik, Gesellschaft, Raum und Zeit.

Schnitt. Station eins: das Fürstentum von Sealand. Lage: sechs Meilen entfernt der Küste von Suffolk, England. Grösse: 500 Quadratmeter. Einwohnerzahl: 2. Unabhängig seit 1967. Da in internationalem Gewässer liegend, als erste anerkannte Mikronation nach internationalem Seerecht. Es ist ein Königreich aus Rost. Eine alte Flak-Plattform aus dem zweiten Weltkrieg. Das Wort des Regenten – er heisst Prince Michael of Sealand, sein Thronfolger Prince James – ist Gesetz. Die Regeln sind einfach. Steuern gibt es keine. Erlaubt ist, was Geld einbringt. Vom Fischfang bis zu Serverfarmen. Red Bull ist auch vertreten, zumindest mit einem Werbebanner. Die Gemahlin des Prinzregenten schläft mit einer Pistole unter dem Kopfpolster. Der Ort wirkt unwirtlich, TV-Bilder zeigen ihn brennend. Inmitten der See. Über Freiheit an und für sich, philosophiert Michael of Sealand an Bord eines schwankenden Bootes, wird zuwenig nachgedacht. Erst wenn sie abgeht, lernt man sie begreifen.

Schnitt. Station zwei: ein Operettenstaat. The Principality of Hutt River. 75 Quadratkilometer, ein vorgeblich souveränes Fürstentum auf dem ehemaligen Straflager-Kontinent Australien. Die Bevölkerung zählt gerade einmal zwanzig Köpfe. Man verweist aber auf eine eigene Polizeigarde, Gerichtsbarkeit, Währung. Und einen Rolls Royce als Dienstfahrzeug von Prinz Leonard Casley. Er ist – l’etat c’est moi! – für die Ernennung von Diplomaten und Repräsentanten von Hutt River verantwortlich, über zweihundert an der Zahl. Und höchstpersönlich auch für die Ausgabe von Briefmarken und Stempeln. Überhaupt ist man auf dem fünften Kontinent, der noch einige Mikrostaatsgebilde mehr beherbergt, in solch banale Insignien der Selbstbestimmung verliebt. Prinz Leonard schlägt gern auch den einen oder anderen Besucher zum Ritter der untraurigen Gestalt. Jesus segnet die Zeremonie vom Ölbild herab.

Station drei verschlägt uns nach Italien. Ins Tal von Piedmont im Norden des Landes. Hier, auf immerhin 75 Quadratkilometern, residieren die Bürger der „Federation of Damanhur“. Ein rundes Tausend. Oder sagen wir so: die oberen Eintausend, die A-Klasse, die, die sich selbst Tier- und Pflanzennamen geben. Alle anderen zählen zu niedrigeren Kasten. Oder gar zu den nur temporären Angehörigen. Zu Touristen in einem „esoterischen Disneyland“, das nur lachende Gesichter kennt. Oder kennen will. Seit 1975 betreibt man dieses Freistaat-ähnliche Gebilde aus spiritueller Kommune, Baumhaus-Siedlungen und unterirdischen Kulträumen, die als Kathedralen und Weiheräume einer eklektisch-lustvollen Religionsklitterung besichtigt werden dürfen. Hier wandeln Sekten-Mitglieder wie aus dem Klischee-Bilderbuch: mit Pflanzen wird kommuniziert und musiziert, die Reise „zur Wiedererweckung der inneren Göttlichkeit“ angetreten, Atlantis und UFOs sind sowieso ein Thema. Und Science Fiction-Apparaturen, die H.R.Giger entworfen haben könnte oder Hermann Hesse in seiner „Glasperlenspiel“-Phase, dienen der Reinigung und Heilung. Bloss: wovon?

Abermals: Schnitt. Schauplatzwechsel. Überraschenderweise nach dem Osten Deutschlands. 18 Hektar Land bei Belzig, achtzig Kilometer entfernt von Berlin. HIer, in einer ehemaligen Missionarsstation, die von den Nazis zum Sportzentrum umfunktioniert worden war und danach von der DDR zum Stasi-Trainingslager, residiert heute das ZEGG. Das „Zentrum für experimentelle Gesellschaftsgestaltung“. Ein Hybrid aus Feriensiedlung, Öko-Versuchslabor, Psychoseminar und Selbsterfahrungsgruppe. Achtzig ständige Mitglieder kennt die Gruppe, Gäste sind herzlich willkommen. Nicht zuletzt, daraus macht man kein Hehl, als potentielle Teilnehmer an absichtsvoll-spontanen erotischen Abenteuern. Die Sexualität steht im Mittelpunkt, Tempel für das „Liebe-Machen mit Gott“ kennt man im ZEGG nicht. Dafür Waldhütten für die Zweisamkeit und Separées für das „Schwimmen in der Ursuppe“, einer Umschreibung für Ölmassagen mit gleitendem Übergang zur Gruppen-Orgie. Ein wenig fühlt man sich an die legendäre Mühl-Kommune im burgenländischen Friedrichshof erinnert.

Christiania dagegen, Drehort No. 5, ist ein Kriegsschauplatz. Ein Ort des permanenten Kleinkriegs zwischen Hippies, Rockern, Säufern, Obdachlosen, Polit-Aktivisten, Dealern, Bikern, Schwulen und Feministinnen. Vereint ist man nur im Kampf gegen die Staatsgewalt, sonst ist es ein Semi-Rat Race zwischen den „Ausradierten des Mainstreams“. Christiania, mehr Freistadt als Freistaat, ein sozialer Vulkan mitten im Zentrum von Kopenhagen, ist 0,34 Quadratkilometer gross und beherbergt eintausend permanente Einwohner. Oder ein paar mehr. Seit 1971. Filmen ist verboten, tut man es doch, wechselt man besser die Strassenseite. Nächtens kippt (im Kontext der UN-Klimakonferenz in Kopenhagen) die Stimmung, Musik, Tanz, Bier und Demo-Folklore stehen in blitzlichtgrellen Kontrast zu Hubschraubern, Tränengas und beständig kläffenden Polizeihunden. Ein gespenstisches Szenario, das in sich eine absurde, antagonistische Heimeligkeit birgt. Der aktuelle Status Quo: das oberste Gericht entzog Christiania vor kurzem den Unabhängigkeitsstatus, im April 2011 stimmten die Bewohner dem Angebot des Staates Dänemark zu, Grund und Gebäude für umgerechnet 20 Millionen Euro zu kaufen. Utopia for sale. And sold.

Schnitt. Die letzte Station auf der Reise, die die Crew von „Empire Me“ angetreten hat. Und wir mit ihr. Diese Etappe beginnt im Golf von Triest, in Ankaran in Slowenien. Und endet im Canale Grande von Venedig. Zwischen diesen Polen, Luftlinie 100 Meilen, treiben die Schwimmenden Städte von Serenissima. Drei bizarre Flosse, zwischen 31 und 47 Quadratmeter groß. Schrottskulpturen mit Aussenbordmotor, erdacht wie von einem albtraumgeplagten André Heller. Oder dem Regisseur der Fortsetzung von „Waterworld“, dem man „Mad Max“ als Style-Vorlage anempfohlen hat. Die Besatzung, erstaunliche 30 Mann (und Frauen) stark und „völlig pleite“, ist planlos, aber frohgemut. Der slowenische Hafenmeister inspiziert die schwimmenden Objekte, scheut jedoch eine Testfahrt. Es gibt nur rudimentäre Navigationseinrichtungen. Als Vertreter der staatlichen Ordnung gelangt er letztlich zur Einsicht, die Behörde hätte „keine Regeln für Kunst“. Das rettet die Kapitäne und Leichtmatrosen des mikro-utopischen Seespektakels nicht unbedingt vor dem fast sicheren Untergang. Aber: trotz aufkommender Bora-Fallwinde erreicht man Venedig. Es ist eine Lektion in Demut, ein Überlebenskampf in Zeitlupe. In Würde beendet. Mit Stolz und Bravour über die Runden gerettet. Mission Status: completed.

Man wünscht diesem Debut – das bisweilen mehr einer Sequenz von Fieber-Visionen nahekommt als einem herkömmlichen Dokumentarfilm, eventuell auch einem um Gelassenheit bemühten Rodeoritt – nicht nur offene Münder. Sondern offene Augen, Ohren, Ganglienstränge. Und, ja, mindestens eine „Spiegel“- oder „Newsweek“-Titelstory. Dieser Streifen kommt, wie jede instinktiv treffsichere Dokumentation, zum richtigen Zeitpunkt. Eine höhere Metapherndichte für die Enge, zeitgleiche Weite und die dauerhaften Sehnsüchte unserer Gesellschaft wird im aktuellen Filmschaffen schwerlich zu finden sein. Rund um den Globus.

Paul Poet wird seinem Namen gerecht: „Empire Me“ ist eine kühne Reise ins Licht, das Gegenteil einer Erkundungsreise ins Herz der Finsternis, wie sie Joseph Conrad und Francis Ford Coppola beschrieben haben. Da Licht aber den Schatten in sich trägt, muss nicht jede Utopie positiv bewertet werden – zumeist ist es eine Frage subjektiver, unterschiedlich liberaler, ja radikaler Standpunkte und Sichtweisen. Entstanden in fünf Jahren, mit der fixen Idee der mehr als ansatzweisen Auslotung gesellschaftlicher Anti-Pole und Gegenentwürfe im Hinterkopf und Ezzesgebern wie Robert Jelinek („State of Sabotage“) im Talon, beweist „Empire Me“, dass die wahren Abenteuer eben nicht nur im Kopf sind. Aber wenn man sie – um nochmals André Heller zu bemühen – dort nicht sucht, wird man sie auch in der Realität nicht finden. Hier liegen sie, aufgereiht auf einer Perlenkette aus Celluloid und Erzählwut, zum Greifen nahe.

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