Taxi, bitte!

28. Januar 2012

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (145) Apps wie “MyTaxi” stellen Taxilenker vor ein brisantes Dilemma: Tradition oder Moderne?

„Krise ist, wenn das Alte stirbt und das Neue nicht geboren werden kann.“ Dieser denkwürdige Satz des Schriftstellers und Philosophen Antonio Gramsci wird beim nächstbesten Taxler, der Sie von A nach B chauffiert, wahrscheinlich auf wenig Gegenliebe stossen – erst recht, wenn er herausfindet, dass Gramsci ein alter Marxist und Mitbegründer der Kommunistischen Partei Italiens war.

Den Versuch wäre es allerdings wert, solchermassen eine Meinungsäusserung des Fahrzeuglenkers zu provozieren. Und gleich ein paar Stichworte in die launige Unterhaltung einzuflechten – allerdings nicht zur Wetterlage oder zur persönlichen Befindlichkeit, sondern zum Taxi-Gewerbe und dem Stand der Technik in dieser harten Branche. Denn Gramscis Postulat beschreibt recht zutreffend, was gerade los ist unter den Lohnfuhrwerkern der Jetzt-Zeit. Und ihren Vermittlern in den Taxifunkzentralen.

Letztere sehen sich seit einiger Zeit von Konkurrenten bedroht, die clevere Applikationen („Apps“) für Apple- und Android-Smartphones entwickelt haben. „MyTaxi“ etwa, ein Service des gleichnamigen Hamburger Unternehmens, stellt einen direkten Kontakt zwischen Taxifahrern und Fahrgästen her, ohne dass es krächzenden Funkverkehrs bedarf. Die App zeigt dem per GPS lokalisierten Kunden die in der Nähe befindlichen Fahrzeuge, die man per Klick zum Zielort bestellen kann. Darüberhinaus kann man den Anfahrtsweg und die Zeit im Auge behalten – und die Dienstleistung im Nachhinein bewerten (kein geringzuschätzender Bonus bei der Balkan-Atmosphärik vieler – nicht aller – hiesiger Taxi-Droschken).

Bislang steht der Dienst in 30 deutschen Städten sowie in Zürich und Wien zur Verfügung. Über 7000 Fahrer nutzen die Software bereits. Nun hat sich der Autokonzern Daimler an dem StartUp beteiligt und pumpt zehn Millionen Euro in die weitere Expansion. Auch die deutsche Telekom und Xing-Gründer Lars Hinrichst sind mit von der Partie.

Und wie reagieren die Taxifunk-Lokalkaiser? Sie gehen gegen Taxiunternehmer und -lenker – ihre Kunden! – vor, weil sie den Nutzwert dieser neumodischen Apps ausprobieren. Und eventuell draufkommen, dass es innovativer, besser und billiger geht. Ohne Konkurrenzklauseln und Knebelverträge. Und sie ärgern sich darüber, dass ihre eigenen, lokal begrenzten Apps auf geringere Resonanz stossen, weil sie „österreichische Erfindungen sind“, wie sich ein Branchenvertreter umgehend bemühte zu erklären. Aber haben sie je Werbung dafür gemacht? Und warum bloss kommt einem diese trotzige Tradition („Jo, dürfen’s denn dös?“) so bekannt vor in diesem Land?

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4 Antworten to “Taxi, bitte!”


  1. seh das auch so…. vor allem die behäbigkeit und angerührtheit der taxivertreter.

    zu gramsci:
    die Innung war schon vor mehr als 20 Jahren (da war das noch selten in der Wirtschaft) FP dominiert. bis vor kurzem hatte ich auch nicht den Eindruck dass sich da was geändert hätte…

    mytaxi ist eine tolle Idee (auch wenn am einen oder anderen Ende technisch noch gefeilt werden darf)


  2. Das könnte endlich das Wiener Taxi-Problem lösen. Denn anders, als in fast allen anderen Städten der Welt, kann man in Wien nicht einfach auf die Strasse gehen und ein vorbeifahrendes Taxi anhalten. Naja, könnte man. Da steht man aber lang. Denn Wiens Taxler stehen stundenlang an Standplätzen und warten auf Kundschaft bzw. den Funkauftrag. Der Kunde darf dafür dann gleich mit einem Startpreis wegfahren, wo man in Berlin schon mal vom Lokal ins Hotel gefahren wird (wenn es nicht in einem anderen Stadtteil liegt). Dass man sich seitens der Funkzentralen gegen alles wehrt, was den gewohnten Gewinn schmälert ist allerdings irgendwie logisch. Dass man grundsätzlich gegen alles „Moderne“ ist, ja das ist urwienerisch.


  3. auch im taxigewerbe wird das bessere des guten feind sein.


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