Sündenfall Sido

1. Februar 2012

Sieh’ einer an: der ORF hievt Populärkultur, Musik, Jugend ins Programm. Spätnächtens. Aber immerhin. Doch war Sidos „Blockstars“ nicht bloß ein zwiespältiges, zynisches – oder, schlimmer, „gut gemeintes“ – Laientheaterspektakel? Eine Nachbetrachtung.

Diese Kolumne wird einigen nicht schmecken. Denen, die zu gern ein bisserl Reibach gemacht hätten. Mit einer vorgeblich guten Sache. Denen, die legér die Karriere vorantreiben wollten. Mit einem denkwürdigen, unkonventionellen Überraschungserfolg. Und zuvorderst demjenigen, der meinte, die Quadratur des Kreises schaffen zu können: strikten, annähernd aggressiven Kommerz gepaart mit Würde, Anstand, guter Musik und pädagogischem Mehrwert. Dieser Mann heisst Sido.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich habe nichts gegen Paul Hartmut Würdig. Alias Sido. Wirklich kennen (nein, auch das wäre übertrieben) tu’ ich nur die Kunstfigur. Den ehemaligen Maskenmann. Den selbstbewussten HipHopper. Den Star namens Sido. Und, ja, er hat einen gewissen Schmäh. Einen pointierten Witz (wenn auch nicht ohne Ausrutscher). Und eine, hm, erstaunlich vertrauenserweckende, kompetente Gelassenheit. Man könnte meinen, die weniger vertrauenerweckenden, klar kompetenzärmeren, um nicht zu sagen: ingesamt fragwürdigeren Typen in der ORF-Show „Blockstars“ hätten tatsächlich einen Mentor, einen Anwalt, eine Vaterfigur gefunden. Einen, der sie nicht nur verbal „rausholt aus der Scheisse“, sondern ihnen wirklich eine Perspektive gibt. Sido „macht Band“, bekanntlich (und sagen Sie bloss nicht, Sie hätten keine einzige Folge gesehen!). Nein, nicht nur „Band“, sondern Stars. „Blockstars“. Die stehen nun – surprise, surprise! – bei Universal unter Vertrag. Wenn diese Zeilen erscheinen, ist die TV-Kiste Geschichte. Und die Charts werden zeigen, ob das Publikum über das Fernsehflimmern hinaus Bock hat auf Zirkusdirektor Sido & seine Underdog-Truppe.

Ich wage eine Prognose: der Erfolg wird überschaubar sein. Die ORF-Medienforschung wies schon zum Ende der Serie hin eher unterdurchschnittliche Zahlen für „Blockstars“ aus. Und die Kritik konnte sich nie wirklich anfreunden mit dem Scripted Reality-Konzept. Es gab sogar Feinspitze, die meinten, damit wäre einmal mehr das Terrain trittsicherer öffentlich-rechtlicher Unterhaltung verlassen worden – aber diese Debatte ist längst abgelöst durch den nächsten lauwarmen Skandal und allerlei Provokations-Häppchen mehr aus dem Denkerstübchen am Küniglberg (aktuell fordert z.B. Niki Lauda eine ORF-Totalreform, weil Porno-Queen Dolly Buster bei den „Dancing Stars“ antanzt. Hat auch einen gewissen Unterhaltungswert.)

Wenn aber – die Entwicklungsabteilung des Senders wird das wütend dementieren – „Blockstars“ hauptsächlich, wenn nicht ausschliesslich der Quote wegen inszeniert wurde, dann ist es schon ein ordentlicher Flop, den man da hingelegt hat. Da gibt es nichts daran zu deuteln. Oder zu beschönigen. Ganz abgesehen von der brisanten sozialen Verantwortung, die sich Sido, Universal und der Österreichische Rundfunk aufgehalst haben – wie lange wird es dauern, bis die „Blockstars“ und ihre Protagonisten ihre 15 Minuten Ruhm ausgekostet haben und in der – Achtung, Doppeldeutigkeit! – Depression verschwunden sind? –, hat man unfreiwillig offengelegt, dass „gut gemeint“ ungebrochen das Gegenteil von „gut“ meint. Und Geld genug da ist für aufwändige Reality-Inszenierungen mit „authentischer“ Tonspur – eine Tatsache, die man sonst gerne nachdrücklich leugnet –, man aber nicht im Traum daran denkt, dieses in die Erkundung und Dramatisierung der High Potentials der hiesigen HipHop-, Pop- und Kultur-Landschaft zu stecken.

Ich bin ja neugierig darauf, schrieb ich vor einigen Wochen (noch vor Start der Sendung) im „Falter“, wie Sido, um soetwas wie Restglaubwürdigkeit beim kritischeren Teil seines Publikums und in der Szene zu behalten, erfolgreiche österreichische Acts wie Texta (samt „Kabinenparty“-Heroe Skero), Nazar, MaDoppelT oder Sua Kaan in das Blockmalzmännchen-Universum einbaut. Was er unter „Hip Pop“ – ein Genre-Widerspruch in sich – versteht. Wie YouTube-Lokalkaiser Moneyboy auf die ORF-Konkurrenz reagiert. Oder was die Spassguerilla namens Die Vamummtn dazu sagt (oder, entschiedener, rappt). Sie wurden eh konsequent links liegen gelassen.

All den genannten Acts hätte man in einem Sender auf der Höhe der Zeit längst Sendezeit galore eingeräumt. Im ORF ist’s ein ewiger Konjunktiv. Offensichtlich hat man sich vom Gedanken, dass das Medium Fernsehen mit Musik unspekulativ, aber aufmerksam, liebevoll und entdeckungsfreudig umgehen könnte (etwa durch schlichte journalistische Berichterstattung), schon weitgehend verabschiedet. Fernsehmacher interessiert sich für Quoten, Budgets und den Menüplan in der ORF-Kantine. Und nicht für Musik. Für Musiker. Für „den Nachwuchs“, den „kreativen Untergrund“ oder gar die tatsächlich boomende lokale Szene. Allen Lippenbekenntnissen zum Trotz. Das junge Publikum hat sich mittlerweile eh weitgehend in die wilden Weiten des Web verabschiedet. „Blockstars“ wird daran, auch das eine Prognose, nichts ändern. Sondern nur die fatalistische, faule, falsche Meinung der Programmverantwortlichen einbetonieren, mit HipHop oder gar Pop im weitesten Sinn wäre partout kein Hund hinterm Ofen hervorzuholen.

Ultimativer Zynismus steckt aber in der Vorspiegelung einer möglichen Selbstbefreiung aus der individuellen Misere mit dem Hebel eines funktionierenden Musikmarkts. Das ist ein schlechter Witz. Für Sido mag der Markt (allerdings zu 90 Prozent der deutsche Markt) ja noch einiges hergeben. Letzlich lebt er aber inzwischen besser von TV-Konzepten (aktuell zu 90 Prozent von in Österreich realisierten). Ein cleverer Geschäftsmann, der Kerl. Für die seiner Obhut anvertrauten Schicksale, die ein Pop-Amalgam weitgehend ungeachtet wirklichen Talents mit HipHop-Flavour und „Street Credibility“ aufladen dürfen, werden schon mittelfristig nur Brösel und Brotkrumen bleiben.

Das Absurde ist: an der Nicht-Existenz eines einschlägigen lokalen Marktes ist grösstenteils der ORF schuld. Ö3 hat in den Neunzigern und Nuller-Jahren HipHop komplett verschlafen, insbesondere deutschsprachigen (und ich weiss, wovon ich schreibe). Und das Fernsehen war und ist eine Katastrophenzone, was aktuelle Populärkultur betrifft. Würde nur ein Bruchteil der Aufmerksamkeit und des Geldes, das Formate wie „Blockstars“, „Helden von morgen“ oder „Starmania“ kosten, in die hiesige Szene gesteckt, gäbe es lokale Stars und Business-Strukturen (von denen wieder der ORF profitieren könnte).

So aber bleibt Texta & Co. ewig nur das Minderheiten-Reservat FM4, während Ö3 Sido und seiner Truppe eine „Perspektive“ bietet, indem man ihnen á priori einen Platz in der Eurovisions-Songcontest-Vorauswahl reserviert. Das ist lächerlich, das ist traurig, das ist vollkommen falsch gedacht.

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5 Antworten to “Sündenfall Sido”


  1. Dem kann man nicht hinzufügen, außer zu sagen, dass einem die Tränen kommen müßten, wenn man nur daran denkt, was mit dem Geld, das für diesen Sozialporno verblasen wurde, für eine Musikschiene auf ORF III, die tatsächlichen Talenten eine Plattform gibt, gemacht werden hätte können. Stattdessen werden dort drei mal täglich alte Universumfolgen („Naturreich“ und ähnliches) aus der Konserve wiederholt.

  2. Karin Koller Says:

    Zynisch die Quote hochhalten, dem Publikum ohne Rücksicht auf Verluste billige Unterhaltung bieten, wird von Realityshows bis zur Berichterstattung in den Nachrichten betrieben – von Dschungel bis H.C. oder Niko.
    Gleichzeitig lässt man sich abfeiern als Demokratiehochhalter und Kulturförderer.
    In diesem Fall fällt mir Leonard Cohen ein:
    „I’ve heard there was a secret chord
    That David played, and it pleased the Lord
    But you don’t really care for music, do you?“
    Na, Hallelujah.

  3. helpstring Says:

    Reblogged this on WordPress Webdesigner and commented:
    Sido, der ORF und Rap (in Österreich).


  4. […] den “Sündenfall Sido” schreibt Walter Gröbchen in seinem Blog. […]


  5. […] wollen Sie, wollen wir mehr “Dancing Stars”, mehr “Chili”, mehr Sido, mehr Formel 1-Übertragungen und mehr US-Fliessband-Serien? Oder wollen Sie, wollen wir auch […]


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