Archive for März, 2012

Käferkunde

24. März 2012

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (153) Volkswagen macht seinem Namen längst keine Ehre mehr. Also: neue Marke her!

Lange Jahre, ja Jahrzehnte galt der VW Käfer als Inbegriff des – nomen est omen – Volkswagens. Also als preisgünstiges, unkompliziertes, alltägliches Mittel der motorisierten Fortbewegung.

Dabei stand schon am Anfang seiner Historie ein politökonomischer Grossbetrug (auf den freilich vorrangig Parteigänger der Nationalsozialisten hineinfielen): die potentiellen Volkswagenlenker sahen durch die Finger. In dem binnen kürzester Zeit aus dem Boden gestampften Werk im späteren Wolfsburg entstanden stattdessen Kübelwagen, Panzer und “Vergeltungswaffen” wie die V1. Die Anzahlungen für das “Kraft durch Freude”-Prestigeobjekt Hitlers verfielen nach dem Krieg. Und Professor Porsche durfte, ähnlich Wernher von Braun Raketen, unbehelligt wieder Autos bauen. Darunter eben auch die markante Vorkriegs-Billigkonstruktion, den Käfer. Er sollte sich über 21 Millionen mal verkaufen. Und die Basis für einen der mächtigsten Konzerne der Welt schaffen.

Mehr als ein halbes Jahrhundert später freut sich darüber nicht nur der Porsche-Clan mit den Erfinder-Enkel Ferdinand Piëch an der Spitze, sondern auch der derzeitige VW-Chef Martin Winterkorn. Er kassierte im Vorjahr ein Gehalt (inklusive Boni und sonstigen Nebengeräuschen) von 17 Millionen Euro. Er hätte zwar Verständnis für Kritik an diesem obszönen Einkommen, kommentierte Winterkorn sogleich die Faktenlage, aber nicht er “entscheide über sein Gehalt, sondern der Aufsichtsrat”. Na dann!

Zufälligerweise (?) ziemlich zeitgleich ploppten News-Meldungen auf, Volkswagen plane eine neue Billigmarke. Mit Blick auf sogenannte “Schwellenländer” – gehört da inzwischen auch Griechenland dazu? – dürfe ein Fahrzeug frisch vom Fliessband nicht mehr als 5000 Euro kosten. Herr Winterkorn könnte sich dann also jährlich dreitausendvierhundert solcher Vehikel leisten (aber eine Garage mit einem solchen Fassungsvermögen sollte man einkalkulieren, das geht richtig ins Geld!) Dass der angedachte Markenname “Paria” lautet, ist aber wohl oder übel nur ein Gerücht.

Der Käfer selbst fährt noch massenweise in Mexiko, bei uns ist er selten geworden. So selten wie das heutige Bobo-Design-Erinnerungsstück: der New Beetle. Der läuft und läuft und läuft längst unter “ferner liefen”: im Jänner 2012 hat der teure Quasi-Nachfolger mit dem historischen Armutszeugnis in Österreich exakt 93 Stück verkauft. Das Volk interessiert sich inzwischen mehr für Golf. Und Volksvertreter thronen längst in Luxuslimousinen. (Manche kommen gar darin um, wie ein Kärntner Landeshauptmann in einem Phaeton. Auch das ein Volkswagen. Aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte.)

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Audiatur et altera pars

22. März 2012

„Kunst hat Recht“ versus „Kunst gegen Überwachung“ – der lokale, verbissene Zweikampf rund um das Urheberrecht 2.0 interessierte kaum jemanden. Bis der gesamte Themenkomplex, Stichwort „ACTA“, explosionsartig europaweit hochkochte.

Ich plaudere ja gern – man wird nicht umsonst Kolumnist – aus dem Nähkästchen. Andererseits muss ich mich davor hüten, als notorischer Krypto-Journalist, Geheimnisverräter und Nestbeschmutzer zu gelten. Natürlich wäre derlei in fast allen Fällen ein an den sprichwörtlichen Haaren herbeigezogener Vorwurf, aber die subjektiven Sensibilitäten sind oft gerade dort besonders ausgeprägt, wo man’s am allerwenigsten vermutet.

Wenn ich Ihnen z.B. erzähle, dass in einer Generalversammlung der österreichischen IFPI – der Denker- und Lenkerrunde der angeblich so mächtigen Musikindustrie – noch nie das Thema „ACTA“ erörtert wurde, löst das den Dritten Weltkrieg aus? Oder bleibt es bei ungläubigem Kopfschütteln? Tatsächlich erscheint es mir im Nachhinein ziemlich, hm, frappant, bei den halbjährlichen IFPI-Meetings (an denen ich als Betreiber eines kleinen Indie-Labels teilnehme) zwar regelmässig launige Bootleg-Vernichtungs-Videos, öde Wahlgänge und das eine oder andere Schinkenbrötchen serviert zu bekommen, aber keinerlei Diskussionbeiträge zu Themen, die die Branche wirklich durchschütteln. Und wachrütteln. Sollten (es bleibt routinemässig beim Konjunktiv).

Ganz umsonst können ja die letzten noch am Spielfeld verbliebenen Majors, die die IFPI selbstverständlich beherrschen, nicht als Gott-sei-bei-uns all der Robin Hoods 2.0, Politaktivisten und Guy Fawkes-Maskenträger gelten, oder? Vielleicht werden die Argumentationslinien und Zukunftsstrategien und Vernetzungsmöglichkeiten im Kampf gegen die Raubkopierer dieses Planeten hinter verschlossenen Türen ausgetüftelt – in der hiesigen Sektion der International Federation of the Phonografic Industry jedenfalls nicht. Oder nur dann, wenn ich nicht mit am Tisch sitze. Verständlich: wer will den grossen Masterplan, der gewiss in einem grandiosen Showdown und unabdingbaren Endsieg über die digitale Hydra mündet, schon vorab in „Film, Sound & Media“ ausgebreitet wissen?

Spass beiseite. Denn eigentlich nehme ich hier die falsche Gruppe auf’s Korn. Nicht die IFPI ist es, die dieser Tage „Kunst hat Recht“ verkündet, sondern es sind die Urheberrechts- und Verwertungsgesellschaften des Landes. Diese „Initiative für das Recht auf geistiges Eigentum“ – ihre Existenz und vielfältigen Aktivitäten werden Ihnen gewiss nicht entgangen sein – wird zudem von vielen weiteren Organisationen getragen, von der „Grazer AutorInnen Versammlung“ bis zum „Verband Filmregie Österreich“, insgesamt vierundzwanzig an der Zahl. Am alleraktivsten erscheint mir der Autor Gerhard Ruiss, den ich schon in einem halben Dutzend Podiumsdiskussionen das Wort ergreifen gesehen habe. Durchaus engagiert und wortgewaltig, wie es sich für einen gestandenen Literaten und Interessensvertreter gehört.

Sie merken schon: die Thematik – im weitesten Sinn die Verteidigung tradierter Verhältnisse im Wandel der digitalen Revolution – interessiert mich. Sehr sogar. Schon berufsbedingt. Also schaue ich mir all die Podiumsdiskussionen, die wie Pilze aus dem regenfeuchten Waldboden schiessen, auch an. Oder zumindest einen guten Teil davon (die personelle Besetzung und die Dramaturgie ähneln einander oft, nach einer gewissen Zeit wird man der Inszenierung tendenziell überdrüssig). Wie wäre es, auch einmal InitiatorInnen der Aktion wie Anja Franziska Plasch („Soap&Skin“), Willi Resetarits, Danny Krausz oder den Essayisten und Kritiker Karl-Markus Gauß vor den Vorhang zu bitten? Augenscheinlich sind es ja Künstler und Kreative, die man hier im ureigensten Interesse für sich sprechen lassen will. Und damit das alles nicht aus dem Ruder läuft, lässt man den Aktionismus von der PR-Company The Skills Group durchdenken, betreuen und abwickeln. Bemüht, brav, bieder. Und wenig breitenwirksam.

Bis „ACTA“ kam. War/ist die zeitliche Koinzidenz ein Zufall? Wie immer auch: plötzlich war das spröde Thema „Urheberrechte im 21. Jahrhundert“ ein heisses. Ein ultraheisses. So brisant, dass es sich in den TV-Nachrichten und Print-Schlagzeilen wiederfand, die Initialzündung für europaweite Demonstrationen lieferte und Parlamentarier in einem Dutzend Länder Distanz von ihren eigenen Entscheidungen nehmen liess. Ein multinationales Vertragswerk, das seit Jahren hinter gut gepolsterten Türen verhandelt wird und Copyrights festigen helfen soll, wurde zum Politikum. Und die kleine, unschuldige (um nicht zu sagen: naive) Initiative „Kunst hat Recht“ geriet umgehend in die – faktische und moralische – Geiselhaft des ungleich grösseren Themas „ACTA“.

Ist die Welt gerecht? Plötzlich mussten und müssen nämlich Gerhard Ruiss & Co. erklären, wie sie’s denn mit der faktischen Durchsetzbarkeit des Urheberrechts und (das interessiert die IFPI gewiss brennender) aller damit verbundenen Leistungsschutzrechte in Zukunft tatsächlich halten wollen… Strikte Kontrolle des Datenverkehrs? Haftbarmachung der Provider? Exekutive Ahndung (z.B. „Three Strikes“) bei Regelverstössen? Einschränkung oder Ausbau kollektiver Abgabemodelle? Das ist nämlich des Pudels Kern: entweder – oder. Oder auch nicht. Recht, das nicht in Anspruch genommen werden kann oder soll, ist jedenfalls relativ nutzlos. Oder, klarer formuliert: Recht, das nicht durchgesetzt wird (eventuell, weil es sich technisch, gesellschaftlich, politisch nicht durchsetzen lässt), ist totes Recht. Und sich hier um Antworten herumzudrücken, kann auf Dauer nicht gelingen.

Natürlich riefen die systemimmanenten Widersprüche sofort die Kritiker, Verschwörungstheoretiker und Spötter auf den Plan. „Kunst hat Recht“ wurde z.B. auf Facebook umgehend von einer Gegeninitiative namens „Kunst gegen Überwachung“ konterkariert. Die einen halten aktuell bei 1263 Freunden, die anderen bei 419 Unterstützern (beides ziemlich schwach, wenn sie mich fragen). Aber ein Gutes hat die solchermassen forcierte Debatte: sie ist erstmals wirklich eröffnet. Audiatur et altera pars! Sofern man sich nicht hinter ideologischen Mauern verschanzt und gewillt ist, wirklich etwas für Urheber und ihre Rechte zu tun. Und ihre Zukunft. Und ihre selbstgewählten Business-Strukturen. Unter uns: die Kreativen, die von ihrer Kreativität auch wirklich leben wollen, dürsten danach. Dringend.

Die fortgesetzten „ACTA“-Aktivitäten pro und contra werden auch die versammelte Politik und Bürokratie die Angelegenheit nicht rasch ad acta legen lassen können. Und „Kunst hat Recht“ sollte nicht nur raschest die eigenen Argumente und Positionen nachschärfen, sondern auch einen Stosseufzer des Dankes ausstossen dafür.

Die Republik der Pechvögel

16. März 2012

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (152) Die Ausrede, Unterlagen hätte “der Computer gefressen”, ist gerade sehr in Mode. Freilich aber zumeist aufreizender Unsinn. Ein klares Versäumnis. Oder bewusster Betrug.

Die grinsenden Gesichter sind eine einzige Provokation. Mehr aber noch die Aussagen der Vorgeladenen (so sich die honorigen Damen und Herren nicht kategorisch der Aussage entschlagen). Der parlamentarische Untersuchungsausschuss, der dieser Tage über die Bildschirme in jeden österreichischen Haushalt transportiert wird, löst weithin Fassungslosigkeit aus. Dieses Land ist systemisch und strukturell korrupt. Moralisch verludert. Im tiefsten Inneren faul.

Und diese denkbar traurig, denkbar zornig machende Erkenntnis wird höchstens noch getoppt durch die pauschale Entschuldigung, die ungenierte Selbstbedienung durch die Politiker- und Manager-Nomenklatura wäre doch seit jeher Usus, alle hätten das gemacht, immer schon. Und was nicht explizit verboten sei, sei ja wohl generell erlaubt.

Nun ist diese Kolumne nicht der geeignete Ort für Erörterungen von Recht und Anstand. Andererseits muss es nicht nur Finanzbeamten, Juristen und Aufdeckerjournalisten, sondern jedem technisch halbwegs Interessierten sauer aufstossen, wenn z.B. ein ehemaliger Innenminister den Einserschmäh bemüht. “Leider sind die Unterlagen, nachdem die Polizei meinen Laptop beschlagnahmt hat, weg”, rechtfertigte etwa Herr Strasser seine fehlende Dokumentation angeblicher Beratungsleistungen. Herr Amon findet Belege und Papiere nicht, kann doch jedem mal passieren. Auch der Herr Flöttl, angeklagt im BAWAG-Prozess, hatte seinerzeit eine denkwürdige Computerpanne, die alle Aufzeichnungen vernichtete. Sorry.

Und man darf getrost annehmen, dass dito die Herren Grasser, Mensdorff-Pouilly, Martinz, Birnbacher, Meischberger, Plech, Gorbach, Scheibner, Scheuch, Rumpold, Sorger, Beyrer, Himmer, Wallner, Kulterer, Berlin, Michaelis, Schlaff, Taus, Schüssel und Faymann (um nur einige in den Medien immer wieder genannte Namen zu memorieren, es gilt selbstverständlich und striktest die Unschuldsvermutung) im Bedarfsfall ihre Daten versehentlich gelöscht, das „EDV-System“ nie persönlich durchschaut oder die Sicherungskopie ihrer Unterlagen irgendwo verlegt haben.

Dass die Hausaufgabe “leider der Hund gefressen hat”, galt schon in der Volksschule als denkbar dümmste aller Ausreden. Dass “die Technik” in der Tat nicht immer so funktioniert, wie sie soll, kann ich – eventuell haben Sie ja meine letzten beiden “Maschinenraum”-Episteln mit Sorgenfalten studiert – bestätigen. Vorsorge ist hier nicht nur anzuraten, sondern z.B. für Unternehmer gesetzliche Pflicht. Kein Finanzbeamter wird billige Ausflüchte ohne jedweden Beweis gelten lassen. Im Gegenteil: „Computerpannen“ dürften zumeist als Provokation gewertet und die Investigation verschärft werden.

Für all die Spitzengehälter-Tölpel, die nicht nur kein Glück, sondern auch noch aufreizend oft ein Pech haben, sollte folgerichtig – und eventuell zu ihrem eigenen Schutz – ab sofort die Beweislastumkehr gelten.

Nurejew & Rumpelstilzchen

9. März 2012

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (151) Eleganz, Benutzerfreundlichkeit, Chic – eh fein. Manchmal fleht man aber nur um reine, deppensichere Funktionalität.

Sollte ich etwas unwirsch wirken, bitte um Generalpardon. Jedenfalls werde ich einen Teufel tun und an dieser Stelle z.B. salbungsvolle Worte zum neuen iPad verlieren, wiewohl dieses Ding die Technik-Journalisten weltweit in Geiselhaft genommen hat. Und eine Art Stockholm-Syndrom die Geiseln, pardon, Berichterstatter dazu motiviert, sogar die (gewiss nur marginal) gewachsene Dicke und Schwere des Apple-Tablets über den grünen Klee zu loben. Sonst hat sich ausser einer besseren Kamera und einem schärferen Display eh kaum etwas getan, was der Erwähnung wert wäre. Aber, klar, die nächste Generation…

Mein Missmut hat zwei Gründe. Erstens geht mir der Konsum-Takt, den uns die Hersteller vorhüpfen – und Apple ist darin ein wahrer Nurejew – zunehmend auf die Nerven. Es freut mich einfach nicht mehr, das nie abreissende Marketing-Brimborium und PR-Getrommel mit anhören (oder gar für gut befinden) zu müssen. Es nervt, alle paar Monate ein neues, angeblich weit besseres Gerät in Aussicht gestellt zu bekommen, das flugs meine letzte Anschaffung zum alten Eisen erklärt. Und es kotzt mich allmählich wirklich an, die Karotte, die man den Kunden permanent vor die Nase hängt, unter dem Titel “Fortschritt” zum Heiligen Gral zu verklären. Natürlich: so funktioniert der Kapitalismus. Gelegentlich gibt es auch klare Detailverbesserungen und deutlich positive Entwicklungen. Und niemand zwingt einen, ein iPad oder sonst irgendetwas zu kaufen. Auch dann nicht, wenn es sich angeblich um die Neuerfindung des Rades handelt.

Zweitens aber wäre ich schon froh, wenn der Gerätepark, den ich mit hart verdientem Geld erworben habe, halbwegs so funktioniert, wie er soll. Das Paradeunternehmen Apple lässt sich ja inzwischen auch das Misstrauen, dass dem eventuell nicht so sein könnte, teuer bezahlen – unter dem Titel “AppleCare” darf man gern noch ein paar Hunderter für eine Art Rundum-Sorglos-Versicherung drauflegen, selbstverständlich optional und freiwillig. Der Rest vom Fest soll im Fall des Falles sehen, wo er bleibt. Spüren Sie Bitterkeit in meinen Worten? Ja, das könnte sein. Denn ich befinde mich gerade in der Zielgeraden der enervierendsten, mühseligsten, unelegantesten Datenrekonstruktion seit der Erfindung des Elektronenrechners. Und gerade dieses Problem, die Datensicherung, hat Apple ja – Stichwort “Time Machine” – angeblich gelöst. Für immer und ewig.

Wahrscheinlich bin ich nur die eine berühmte Ausnahme, die die Regel bestätigt. Und der Depp, bei dem das nicht ganz so geklappt hat wie geplant (umgehender Reflex jedes Verkäufers, „Experten“ und Service-Technikers: Kunde hat alles falsch gemacht! Kunde ist schuld! Kunde hätte es besser wissen müssen!) Und der nun die Idylle mit übellaunigen Anmerkungen, kritischen Zwischentönen und trotzigem Rumpelstilzchen-Gehabe stört.

Tryin‘ to remember how to forget…

3. März 2012

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (150) Stichwort: Datensicherung. „Time Machine“ stellt ihr altes Leben problemlos wieder her… Sagt Apple. Wär‘ schön, sage ich.

Entschuldigen Sie bitte, dass ich mich jetzt nicht weiter um den Unterhaltungs- oder gar Nutzwert dieser Kolumne kümmern kann, aber ich bin gerade mit Wichtigerem beschäftigt. Mit der Rekonstruktion meines Lebens nämlich. Okay, das ist vielleicht eine Spur übertrieben. Aber es fühlt sich so an. Im Augenblick, da ich diese Zeilen in die Tastatur hämmere, sitze ich vor drei aufgeklappten Notebooks, einer Tasse Kaffee (einer von vielen nach einer durchwachten Nacht) und einem mannshohen Stapel Fachlektüre. Immerhin, das Schreibprogramm funktioniert noch. Ob ich allerdings einen Fahrradboten anheuern oder Brieftauben züchten muss, um das fertige Manuskript in die Redaktion zu übermitteln, wird sich noch weisen.

Die Sache ist die: die Festplatte meines Laptops ging ex. Zuerst wurde alles langsamer und langsamer, ich konnte meinem Rechner schon förmlich beim Hin- und Herschieben der Nullen und Einsen zusehen. Dann ging gar nichts mehr. Blackout. Ich trug das Gerät zum Reparaturservice. Dort wollte man zur Art des Fehlers und zur Dauer der Reparatur keine Prognosen wagen. Was mich pragmatisch dazu veranlasste, meinen Uralt-Laptop, den Vorgänger des defekten Geräts, aus dem Kasten zu holen und hurtig weiterzuarbeiten.

Denkste! Denn natürlich waren die Daten hier nicht auf dem neuesten Stand. Im Gegenteil: mir fehlten nicht nur aktuelle Unterlagen, Adressen und Telefonnummern, sondern vor allem die Mails der letzten drei Jahre. Und da ich den Schriftverkehr mit Freunden, Künstlern, Klienten und Kunden als eine Art persönliches Archiv betrachte (und vor allem auch so nutze), tat die augenblickliche Rückgeworfenheit auf das eigene Gedächtnis ziemlich weh. Ich fühlte mich wie Harry Dean Stanton, der sich im Film „Paris, Texas“ darbend und ohne Erinnerungsvermögen durch die Wüste schleppt.

Nun ist mir natürlich „Datensicherung“ kein Fremdwort. Deren zwingende und konsequente Notwendigkeit wird einem in solchen Momenten schlagartig bewusst. Und ich hatte ja auch vorgesorgt. Als Apple-Jünger betreibe ich seit einigen Jahren eine sogenannte „Time Capsule“, die das Thema Data Recovery zum Kinderspiel erklärt. Zumindest in der Werbung. Denn als ich die Datensätze mittels „Time Machine“ aus der Sicherungs-Festplatte saugen wollte, landeten zwar jede Menge Gigabytes auf meinem alten Notebook. Und die Struktur meines virtuellen Briefkastens, inklusive aller Ordner und Brieffächer, die mein Leben darstellen. Allein: sie waren leer. Und sind es immer noch. Da ist nichts, nada, null. Keine Ahnung, wo all die tausenden Mails abgeblieben sind. Soll ich die Zeitkapsel aufstemmen? Versuchsanordnungen mit einem zusätzlichen, nigelnagelneuen Notebook und meinem inzwischen vom Reparaturservice retournierten Gerät (man soll die Daten nur auf das „Ursprungsgerät“ zurück übertragen, rät Apple, aber was tut man z.B., wenn’s einem geklaut wurde?) schlugen jedenfalls fehl. Bislang.

Ich versuche mich nun – gemäss dem denkwürdigen alten Plattentitel „Tryin‘ to remember how to forget“ – akut daran zu erinnern, ob ich nicht irgendetwas vergessen habe. Oder wie ich die Malaise insgesamt aus meinem Gedächtnis löschen könnte.

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