Nurejew & Rumpelstilzchen

9. März 2012

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (151) Eleganz, Benutzerfreundlichkeit, Chic – eh fein. Manchmal fleht man aber nur um reine, deppensichere Funktionalität.

Sollte ich etwas unwirsch wirken, bitte um Generalpardon. Jedenfalls werde ich einen Teufel tun und an dieser Stelle z.B. salbungsvolle Worte zum neuen iPad verlieren, wiewohl dieses Ding die Technik-Journalisten weltweit in Geiselhaft genommen hat. Und eine Art Stockholm-Syndrom die Geiseln, pardon, Berichterstatter dazu motiviert, sogar die (gewiss nur marginal) gewachsene Dicke und Schwere des Apple-Tablets über den grünen Klee zu loben. Sonst hat sich ausser einer besseren Kamera und einem schärferen Display eh kaum etwas getan, was der Erwähnung wert wäre. Aber, klar, die nächste Generation…

Mein Missmut hat zwei Gründe. Erstens geht mir der Konsum-Takt, den uns die Hersteller vorhüpfen – und Apple ist darin ein wahrer Nurejew – zunehmend auf die Nerven. Es freut mich einfach nicht mehr, das nie abreissende Marketing-Brimborium und PR-Getrommel mit anhören (oder gar für gut befinden) zu müssen. Es nervt, alle paar Monate ein neues, angeblich weit besseres Gerät in Aussicht gestellt zu bekommen, das flugs meine letzte Anschaffung zum alten Eisen erklärt. Und es kotzt mich allmählich wirklich an, die Karotte, die man den Kunden permanent vor die Nase hängt, unter dem Titel “Fortschritt” zum Heiligen Gral zu verklären. Natürlich: so funktioniert der Kapitalismus. Gelegentlich gibt es auch klare Detailverbesserungen und deutlich positive Entwicklungen. Und niemand zwingt einen, ein iPad oder sonst irgendetwas zu kaufen. Auch dann nicht, wenn es sich angeblich um die Neuerfindung des Rades handelt.

Zweitens aber wäre ich schon froh, wenn der Gerätepark, den ich mit hart verdientem Geld erworben habe, halbwegs so funktioniert, wie er soll. Das Paradeunternehmen Apple lässt sich ja inzwischen auch das Misstrauen, dass dem eventuell nicht so sein könnte, teuer bezahlen – unter dem Titel “AppleCare” darf man gern noch ein paar Hunderter für eine Art Rundum-Sorglos-Versicherung drauflegen, selbstverständlich optional und freiwillig. Der Rest vom Fest soll im Fall des Falles sehen, wo er bleibt. Spüren Sie Bitterkeit in meinen Worten? Ja, das könnte sein. Denn ich befinde mich gerade in der Zielgeraden der enervierendsten, mühseligsten, unelegantesten Datenrekonstruktion seit der Erfindung des Elektronenrechners. Und gerade dieses Problem, die Datensicherung, hat Apple ja – Stichwort “Time Machine” – angeblich gelöst. Für immer und ewig.

Wahrscheinlich bin ich nur die eine berühmte Ausnahme, die die Regel bestätigt. Und der Depp, bei dem das nicht ganz so geklappt hat wie geplant (umgehender Reflex jedes Verkäufers, „Experten“ und Service-Technikers: Kunde hat alles falsch gemacht! Kunde ist schuld! Kunde hätte es besser wissen müssen!) Und der nun die Idylle mit übellaunigen Anmerkungen, kritischen Zwischentönen und trotzigem Rumpelstilzchen-Gehabe stört.

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7 Antworten to “Nurejew & Rumpelstilzchen”

  1. Wuchale Says:

    Ich kann Ihren Frust gut verstehen. Betreue einige Kunden in Bezug auf Datensicherung und weiß wie schnell die HochglanzVersprechungen an die Grenzen der Realität stoßen. Mein Mitgefühl ist Ihnen sicher.

    Das Applethema sehe ich etwas anders. Das neue iPad sehe ich als Produktpflege. Nicht mehr.
    Den Hype um die Präsentation umgeh ich großräumig. Bin auch nicht ganz überzeugt davon, dass Apple diesen Hype selbst produziert oder einfach der Einladung der Fanboys ausnutzt und deren Hysterie schlicht verstärkt.

    Andererseits ist es mir wurscht: seit ein paar Jahren verwend ich das ipad 1. Noch immer zufrieden. Denke nicht daran es auszutauschen. Warum auch? Bloß wegen Produktpflege?

    • Reinhard Haberfellner Says:

      Also ganz versteh ich das diesmal nicht. Dass Time Machine versagt hat bei Dir ist wirklich sehr bedauerlich, beu uns hat sie bereits zweimal ALLES in hervorragender Weise gerettet / wieder gut gemacht, wie ich es vorher noch von keinem anderen Backup System je zu träumen wagte.
      Das Thema „New Ipad “ hat meines Erachtens einen ganz einfachen Grund: Fortschritt der technischen Entwicklung. Jedes mal wenn man eine Technik beginnt gut zu beherrschen, kommen Ideen dabei heraus, wie man es noch besser machen könnte. Da aber die Leute nicht ewig auf das iPad 1 warten wollten, hat man eben einen gewissen Stand der Entwicklung auf den Markt gebracht und danach das nächste, noch ein wenig besser durchdachte , präziser gefertigte, besser auflösende produziert und einige Zeit später geliefert.

      So einfach ist das nicht nur in der gesamten Unterhaltungselektronik sondern in allen technischen Bereichen, vom Auto bis zum Fertighaus. Sogar der nachhaltigste Lieferant Linn hat den legendären LP12 nach und nach verbessert mit Walhalla Kit und ähnlichem. Allerdings lässt sich bei extrem optimierten Geräten wie dem iPad nicht einfach „das Display austauschen „, oder den Empfangs/ Sendeteil durch den neuesten inkl. LTE ersetzen. Dafür ist das Teil viel billiger und vor allem viel Betriebssicherer. Letzteres auch an alle bescheidenen Denker, die immer noch austauschbare Akkus verlangen, das war eine der größten Fehlerquellen bei früheren Handys. Ich hätte ehrlich gesagt weniger gern ein iPad um 1800.- € , selbst wenn ich bei dem LTE+ Modul oder HD+++ Display wechseln kann.
      Last but not least: Warum der Hype über die Keynotes von Apple? Weil sie uns bei den meisten bisher „das Schnitzel vom Teller gefetzt haben“ . Eben.

  2. sauer Says:

    … entweder werde ich alt oder sonstwas stimmt nicht … aber ich gebe gröbchen in ALLEN punkten recht!


  3. Lieber Walter, mein tiefstes Mitgefühl sei Dir sicher. Mich selbst, als im Sternzeichen der Jungfrau Georenen, hat schon mehrmals meine, von der Mitwelt mitunter belächelte, Unerbittlichkeit in manchen Dingen wie z.B der Datensicherung, meine berufliche Existenz gerettet. Ich geb’s zu, ich bin da ganz altmodisch, ich kopier meine Daten, die bei Filmprojekten manchmal mehrere Hundertschaften an GBs haben, auf zumindest eine weitere Festplatte. Mit der Hand mach ich das, ganz einfach rüberziehen. Seit mir die letzte HD beim Transport in der Thule-Box am Dach meines Autos (ich weiss, das tut man nicht:-) flöten und/oder brausen gegangen ist… desto umso mehr. Tipp für Mail-User: Benutzer=>Library=>Mail (da ist Alles drinnen) =>BACKUP!!! Ich bin seit vielen Jahren ein Apple-Benützer aber die iTunes-Flaschenhalspolitik ist mir ein Graus und auch (medien-) politisch zutiefst zuwider. Mein Betriebssystem stammt noch aus der Vor-iOS-Ära und ich hege Befürchtungen bez. der iOSierung von OSX. Da Frage ist, was wäre eine Alternative? Sind die Microsophisten nun automatisch die Guten, durch einen paradoxen Turnaround? Linux ist mir zu nerdig. Die Festplatten werden alle von Sklaven ausserhalb unseres Gesichtsfeldes gefertigt… Was also nun tun…?

  4. CEEA Says:

    Danke. Du sprichst mir aus der Seele.
    Durch den jährlichen Rhythmus ist vieles vorgegeben, aber auf der anderen Seite auch schon vorab gezeichnet.
    Und das kann auf die Dauer nicht gut gehen.

    Mal schauen, wohin das alles noch führen wird.
    Leider laufen die Lemminge nun doch einige Jahre dem angebissenen Apfel nach und haben noch nicht bemerkt, das anscheinend der Wurm drinnen ist…

    Aktuell ist es sowieso nur möglich, dem zu entfliehen, indem für sich selbst der Beschluss gefasst wird und “Stop” sagt. Einfach nicht mehr Mitschwimmen und vom Beckenrand zuschauen, wohin das ganze führt.
    Wenn Bedarf ist, kann ein kurzfristiger Schwimmunterricht nicht schaden. :)


  5. […] dann wäre da noch das Problem (und es ist ein verdammt gewichtiges Problem für die im ewigen Hamsterrad der Innovationszyklen rotierenden Produkterfinder), dass viele Dinge längst alles können. Nun ja: […]


  6. […] dann wäre da noch das Problem (und es ist ein verdammt gewichtiges Problem für die im ewigen Hamsterrad der Innovationszyklen rotierenden Produkterfinder), dass viele Dinge längst alles können. Nun ja: […]


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