Die Republik der Pechvögel

16. März 2012

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (152) Die Ausrede, Unterlagen hätte “der Computer gefressen”, ist gerade sehr in Mode. Freilich aber zumeist aufreizender Unsinn. Ein klares Versäumnis. Oder bewusster Betrug.

Die grinsenden Gesichter sind eine einzige Provokation. Mehr aber noch die Aussagen der Vorgeladenen (so sich die honorigen Damen und Herren nicht kategorisch der Aussage entschlagen). Der parlamentarische Untersuchungsausschuss, der dieser Tage über die Bildschirme in jeden österreichischen Haushalt transportiert wird, löst weithin Fassungslosigkeit aus. Dieses Land ist systemisch und strukturell korrupt. Moralisch verludert. Im tiefsten Inneren faul.

Und diese denkbar traurig, denkbar zornig machende Erkenntnis wird höchstens noch getoppt durch die pauschale Entschuldigung, die ungenierte Selbstbedienung durch die Politiker- und Manager-Nomenklatura wäre doch seit jeher Usus, alle hätten das gemacht, immer schon. Und was nicht explizit verboten sei, sei ja wohl generell erlaubt.

Nun ist diese Kolumne nicht der geeignete Ort für Erörterungen von Recht und Anstand. Andererseits muss es nicht nur Finanzbeamten, Juristen und Aufdeckerjournalisten, sondern jedem technisch halbwegs Interessierten sauer aufstossen, wenn z.B. ein ehemaliger Innenminister den Einserschmäh bemüht. “Leider sind die Unterlagen, nachdem die Polizei meinen Laptop beschlagnahmt hat, weg”, rechtfertigte etwa Herr Strasser seine fehlende Dokumentation angeblicher Beratungsleistungen. Herr Amon findet Belege und Papiere nicht, kann doch jedem mal passieren. Auch der Herr Flöttl, angeklagt im BAWAG-Prozess, hatte seinerzeit eine denkwürdige Computerpanne, die alle Aufzeichnungen vernichtete. Sorry.

Und man darf getrost annehmen, dass dito die Herren Grasser, Mensdorff-Pouilly, Martinz, Birnbacher, Meischberger, Plech, Gorbach, Scheibner, Scheuch, Rumpold, Sorger, Beyrer, Himmer, Wallner, Kulterer, Berlin, Michaelis, Schlaff, Taus, Schüssel und Faymann (um nur einige in den Medien immer wieder genannte Namen zu memorieren, es gilt selbstverständlich und striktest die Unschuldsvermutung) im Bedarfsfall ihre Daten versehentlich gelöscht, das „EDV-System“ nie persönlich durchschaut oder die Sicherungskopie ihrer Unterlagen irgendwo verlegt haben.

Dass die Hausaufgabe “leider der Hund gefressen hat”, galt schon in der Volksschule als denkbar dümmste aller Ausreden. Dass “die Technik” in der Tat nicht immer so funktioniert, wie sie soll, kann ich – eventuell haben Sie ja meine letzten beiden “Maschinenraum”-Episteln mit Sorgenfalten studiert – bestätigen. Vorsorge ist hier nicht nur anzuraten, sondern z.B. für Unternehmer gesetzliche Pflicht. Kein Finanzbeamter wird billige Ausflüchte ohne jedweden Beweis gelten lassen. Im Gegenteil: „Computerpannen“ dürften zumeist als Provokation gewertet und die Investigation verschärft werden.

Für all die Spitzengehälter-Tölpel, die nicht nur kein Glück, sondern auch noch aufreizend oft ein Pech haben, sollte folgerichtig – und eventuell zu ihrem eigenen Schutz – ab sofort die Beweislastumkehr gelten.

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Eine Antwort to “Die Republik der Pechvögel”


  1. […] Die Leistungsträger unserer Gesellschaft sehen sich mit Hohn und Spott konfrontiert. Etwa der Landwirt, Jägersmann und Lobbyist „Graf Ali“ Mensdorff-Pouilly, der seine Hände in fast jedem dreckigen Geschäft der Republik stecken zu haben scheint. Die Netzgemeinde reagierte auf die launigen Ausreden des Herrn, warum er seine Millionentransaktionen nicht belegen kann, so: „Mit einer Registrierkasse wäre mir das nicht passiert!“ Der Gesichtsausdruck des Betroffenen auf dem satirischen Web-Flyer spricht Bände. Es gilt die Unmutsverschuldung. […]


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