Kein Aprilscherz

1. April 2012

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (diesmal nicht) Mit der “Vorratsdatenspeicherung” haben sich Politikerinnen und Politiker, die das entsprechende Gesetz unterschrieben haben, eventuell ein ordentliches Ei ins eigene Nest gelegt.

Eventuell wäre es Ihnen gar nicht aufgefallen: diese Kolumne, die Sie gerade am Laptop oder am Tablet Computer (oder gar am Smartphone, da sei bei älteren LeserInnen der Augenarzt vor!) studieren, ist nicht ident mit jener in der Papierausgabe der “Presse am Sonntag”. Auch nicht mit der gut versteckten Online-Version. Ausnahmsweise.

Durch mangelnde Kommunikation hatte ich letzte Woche, wie üblich, meine paar Zeilen geschrieben und rechtzeitig geliefert – nur waren für die Jubiläumsnummer gar keine Kolumnen vorgesehen. Gast-Chefredakteur Tobias Moretti hat sie einfach gestanzt. Und mir hatte das niemand gesagt. Nun: die Anmerkungen zum symbolisch überhöhten Thema “Volkswagen” sind zwischenzeitlich nicht ranzig geworden. Viel Vergnügen bei der Lektüre, sofern Sie das online nicht schon längst erledigt haben!

An dieser Stelle passend erscheint mir der Hinweis, dass regelmässige Blog-Besucher generell im Vorteil sind. Die Web-Version der “Maschinenraum”-Kolumne auf dieser Site ist meist ausführlicher – es gibt hier ja keine Platzprobleme – und aktueller (weil nachträglich aktualisier- und korrigierbar), geht durch absichtsvoll gesetzte Hyperlinks mehr in die Tiefe und wird auch früher ausgeliefert. Aber natürlich greift sich Papier beim sonntäglichen Frühstück für den Grossteil der “Presse”-Leser vertrauter an. Mir soll jede Rezeptionsform recht sein.

Warum ich Ihnen so ausführlich vom Auseinanderklaffen der Print- und Online-Welt erzähle? Weil ich es schade finde, dass das Agenda-Setting darunter leiden muss. Denn natürlich kann eine Kolumne am 1. April 2012 – keine Aprilscherze, bitte! – nur das Thema Vorratsdatenspeicherung abhandeln. Nun haben das meine Kolleginnen und Kollegen in der Redaktion schon ausführlich, umfassend und in üblicher inhaltlicher Qualität erledigt. Eine Anmerkung aber, die zu diesem leidigen, akuten und hoch brisanten Thema (“Ich habe manchmal den Eindruck, wir werden ähnlich stark überwacht wie seinerzeit die DDR-Bürger von der Stasi“, so der vormalige Verfassungsgerichtshofpräsident Karl Korinek) noch fehlt, hat immerhin einen tröstlichen Aspekt. Allerdings nur für ausgewachsene Zyniker.

Denn die Vorratsdatenspeicherung, kurz VDS, deren grundsätzliche Problematik ich hier wohl nicht mehr darlegen muss, wird wohl niemanden aussparen. Nicht Journalisten, nicht Anwälte, Ärzte oder Priester. Und wohl auch nicht Politiker, Lobbyisten und Wirtschaftstreibende. „Der Generalverdacht beruht offensichtlich auf Gegenseitigkeit“, so ein Poster im Online-„Standard“. Ein anderer ergänzt: „Da auch VDS, wie alles Menschliche, eine Sicherheitslücke aufweist (etwa frustrierte, unterbezahlte Beamte) werden wir sicher bald dank der Leaks erfahren, welcher Politiker wie oft mit welchem Wirtschaftstreibenden telefoniert und mailt. Wie frequentiert die Kommunikationsströme sind. Wir werden erfahren, wo Politiker einkaufen und Urlaub machen. Oder deren Kinder. Aber: wer nichts zu verbergen hat, hat ja auch nichts zu befürchten, oder?“

Das sind ja – ganz unabhängig davon, ob diesem Szenario entsprechende, absehbare Anonymous-Aktivitäten jetzt als April-Scherz entlarvt werden – erschreckende Aussichten. Und sie könnten jenen exponierten, immer mächtiger unter Druck stehenden VolksvertreterInnen, die auf massive Einflussnahme der EU hin die Vorratsdatenspeicherung im Parlament abgezeichnet haben, noch mächtig in die Glieder fahren. Wenn nichts und niemand mehr heilig ist (und, ja, die Privatsphäre sollte privat sein und bleiben, sofern sie nicht zu offensichtlich als Geheimnisbunker für Mauscheleien, Manipulationen und Malversationen dient, die öffentliches Interesse verdienen), lässt Orwell grüssen.

Haben Sie bisweilen auch das Gefühl, „1984“ wird Jahr für Jahr absehbarer, spürbarer, greifbarer? Oder ist das, um bei Orwell zu bleiben, ein blosses Gedankenverbrechen? Miniwahr, Minipax, Minifluss, Minilieb: wer die Papierausgabe der visionären Dystopie nicht im Regal stehen hat, kann ja Google bemühen. Der Suchvorgang bleibt abgespeichert – in Österreich ab sofort sechs Monate lang, im Rechenzentrum der Datenkrake in Übersee wohl ewig und drei Tage.

P.S.1.: Nun ist es vielleicht wirklich eine „paradoxe Intervention“, sich u.a. „auf Facebook über den Grossen Bruder zu empören“, wie ich gerade im sozialen Netzwerk des Bruder Zuckerberg zu lesen bekam. In der Tat! Aber immerhin ist das noch selbstgewählte, selbstbestimmte, ev. selbstquälerisch gesuchte Öffentlichkeit, oder? (Wenn ich die diese Woche vorgestellte Studie „TwitterPolitik – Netzwerke und Themen der politischen Twittersphäre in Österreich” ansehe, kommen mir auch gewisse Zweifel. Sie ist in der Dichtheit der präzisen Beobachtung und Analyse der – freiwillig zur Verfügung gestellten und für jeden offen einsehbaren – Daten erschreckend. Und jede Wette, dass das Papier gerade in Parteizentralen, beim Verfassungsschutz und in diversen Chefetagen intensiv studiert wird…).

P.S.2.: Wenn Sie jetzt nur mehr Flimmern am TV-Bildschirm erblicken: kein Grund schwarzzusehen. Auch der Geheimdienst hat nicht den Antennendraht abgezwickt. Wahrscheinlich gehören Sie noch zu den rund 110.000 ÖsterreicherInnen, die via analogem Satelliten ferngesehen haben. Der SatellitenDienstleister Astra hat mit heutigem Datum die analoge Übertragung eingestellt. Sie müssen dringend – am besten noch heute – auf Digitaldecoder umstellen (wie und wo, kann Ihnen jeder TV-Händler sagen. Oder der ORF-Kundendienst.) Sonst… April, April! Kein Scherz: Sie haben noch einen Monat lang Zeit.

P.S.3.: Unterschreiben!

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Eine Antwort to “Kein Aprilscherz”


  1. Danke für diesen herrlich verfassten Artikel, den ich beim immer noch Sonntagskaffee genoss. Wie immer viel Info humorvoll und leicht sarkastisch verpackt.

    Über Georg Orwells 1984 referierte ich als Gymnasiastin vor sehr vielen Jahren. Das Thema Überwachung ist beinahe alt gedient, Aprilscherze hin oder her.


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