Gruppenzwang

14. April 2012

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (155) Lästig, hinterhältig, übel: ungefragt einer “Facebook”-Gruppe hinzugefügt zu werden.

Wir werden Facebook noch hassen lernen. Das ist natürlich, so markig diese Prognose auch ausfällt, ein relativ legér dahingesagter Satz. Es mehren sich aber die Zeichen, dass die in den USA beheimateten Denker und Lenker der Social Media-Plattform – es ist die weltweit mit Abstand beliebsteste, allein in Österreich hat Facebook annähernd 2,8 Millionen Nutzer – den Zauberlehrling, den sie schufen, nicht mehr ganz im Griff haben. Oder ihm, schlimmer noch, absichtlich die eine oder andere Unsitte durchgehen lassen. Vielleicht, um die Werbewirkung zu erhöhen und so den zukünftigen Aktionären mehr Reibach zu verschaffen. Vielleicht auch nur, weil man einen nachgerade diabolischen Schalk im Nacken sitzen hat.

Diese Assoziation hatte ich jedenfalls, als ich diese Woche die web-technisch etwas ungelenken, aber persönlich sehr engagierten Versuche der Ö1-Redakteurin Brigitte Fuchs studierte, ein Zeichen gegen die hochfliegenden Pläne der ORF-Führung zu setzen und “ihr” Funkhaus zu retten. Zu diesem Zweck gründet man heutzutage zunächst eine FB-Gruppe. Mittlerweile hat die virtuelle “Rettet das Funkhaus!”-Gemeinde über tausend Anhänger, das ist nicht viel, aber auch nicht wenig. Und sie sammelt nostalgische, aber durchaus auch heutige, stichhaltige Argumente für den Clemens Holzmeister-Bau in Wien-Wieden, der seit über einem dreiviertel Jahrhundert den ORF-Radiosendern eine Heimat gibt (mit Ausnahme von acht Landesstudios und Ö3). Und nach Meinung nicht weniger ORF-MitarbeiterInnen, Fachleute, Politiker und Hörer auch weiter geben sollte. Soweit, so gut.

Im Zug dieser im besten Sinn konservativen Initiative mehrten sich aber auch Irritationen und Beschwerden, weil Leute ungefragt zu dieser Facebook-Gruppe abkommandiert worden waren. Auch, wenn sie eventuell persönlich einen ganz anderen Standpunkt zur Sache hatten und haben. Und, tatsächlich, das geht. Man fügt “Freunde” einfach hinzu, ob die wollen oder nicht. Sie merken es zumeist erst im Nachhinein. Oft mit tage-, ja wochenlanger Verspätung. Oder überhaupt nie.

Das eröffnet natürlich ungeahnte Möglichkeiten, Menschen via Social Media-Schnittstelle in ein schräges Licht zu rücken. “Für Deppen aller Art, Scherzbolde und Stalker“, analysierte der Journalist und PR-Experte Christian Kreuziger schon 2010, „ist diese Facebook-Neuerung eine Spielwiese, Menschen in ihrer Ehre zu verletzen, sie in politisch falsche Ecken zu rücken oder für dubiose Produkte und Dienstleistungen aller Art zu werben.“ Punkt.

Zugleich lese ich erste Meldungen, dass Facebook-Usern Klagen ins Haus zu flattern beginnen, weil „Freunde“ copyright-geschützte Fotos und Bilder auf ihre Timeline posten. Oder dass Arbeitnehmer gekündigt werden, weil sich „Freunde“ ungefragt, aber öffentlich über die eine oder andere Chefität beschweren. Jobverlust, Schadenersatz-Klagen, Spam-Fluten, die (bewusste oder unbewusste) Sabotierung individuellen Reputationsmanagements – das ist alles nicht mehr wirklich spassig. Um es mal defensiv-höflich zu formulieren.

Die Konsequenz? Man wird sich seine wahren Freunde aussuchen (müssen). Ob die Pappenheimer in der Facebook-Zentrale a priori dazugehören, wird sich erst herausstellen.

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2 Antworten to “Gruppenzwang”

  1. suderer Says:

    Dankt sehr für die professionelle Quellenangabe und den Link zum „Gesudere“…!

    ;-)


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