Erleuchtung mit Sollbruchstelle

28. April 2012

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (157) Eine Lampe ist eine Lampe ist eine Lampe. Oder sie ist, Gott verhüt’s!, ein Design-Objekt.

“Mehr Licht!”, das waren ja angeblich die letzten Worte des Denker- und Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe auf dem Sterbebett. Die moderne Literaturforschung hält das für eine Mär’. Dito ins Reich der Fabel verwiesen werden muss, dass eine schlichte Stehlampe knapp 150 Jahre nach Erfindung der Glühbirne keine Probleme bereiten kann. Ich habe jedenfalls seit Wochen des Abends eher weniger als mehr Licht im eigenen Wohnzimmer.

Und das kommt so: als moderner Bildungsbürger schleppe ich regelmässig Ikea-Angebote nachhause. Darunter immer wieder mal die eine oder andere Billigleuchte (Erfahrungswert: Hände weg von Lampen mit externen Trafos! Besonders berüchtigt ist das Modell „Antifoni“. Der Exitus folgt oft schon nach wenigen Monaten).

Lieber aber stellt man sich, sofern das Geldbörsel das hergibt, Qualitätsware ins traute Heim. Bevorzugt sogenannte “Design-Objekte”, wie sie flächenfüllend in den Inszenierungen der Lifestyle-Zentralorgane “Schöner Wohnen”, “H.O.M.E.” und “Architectural Digest” bewundert werden können. So bin auch ich ein Bewunderer der Leuchte “Tolomeo” des italienischen Fabrikanten Artemide geworden. Ein Klassiker, wie Wissende einander zuraunen. Ein Fall für den Konsumentenschutzverein, wie ich meine. Oder wahlweise den Narrenturm.

Denn “Tolomeo”, aus fein gebürstetem Aluminium gefertigt und von graziler Eleganz, spendet zwar – abhängig vom Leuchtkörper – ein ganz wunderbares Licht. Sie hat aber auch, zumindest in der Ausführung als Stehleuchte mit Standfuss, einen Konstruktionsfehler. Und zwar einen gröberen Konstruktionsfehler. Eine Einschätzung, die den Hersteller hoffentlich zu einem wütenden Dementi motiviert. Aber sie entspringt meiner ureigenen Erfahrung.

Denn: man darf die Konstruktion nicht einfach mal hochheben. Ausser, man langt vorsichtig zuunterst nach dem Sockel – und achtet penibelst (aber wer tut das im Alltag schon?) darauf, dass die fragile Alu-Verbindung zum Fuss ja keinen Knacks davonträgt. Sonst steht man nämlich mit einer gebrochenen Leuchte da. Die sich, Sollbruchstellen sollen sich wohl auch rentieren, zum annähernden Preis einer neuen Lampe “reparieren” (also: einfach austauschen) lässt. Bislang habe ich so drei “Tolomeos” erworben. Unfreiwillig.

Der Hersteller zieht sich elegant aus der Affaire, indem er keine Garantie bei „unsachgemässem Gebrauch“ gibt. Und es existiert auch ein lachhaft kleiner, aber immerhin eindeutiger Beipackzettel. Ich war schon versucht, der Putzfrau einen unübersehbaren Warnhinweis in Leuchtfarbe auf die Leuchte zu kleben: “Achtung! Nicht hochheben!!! Bricht leicht wie altes Schilf im Frühsommer-Wind!” Aber das würde das Designobjekt zum Mahnmal der Ahnungslosen degradieren. Und wer will derlei schon in den eigenen vier Wänden herumstehen haben?

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2 Antworten to “Erleuchtung mit Sollbruchstelle”

  1. leuchtenemil Says:

    Die Leuchte wurde doch vor allem zum Leuchten angeschafft! Wer wollte so anspruchsvoll sein, zu verlangen, daß auch noch ein stabiler Stehfuß daran hängt.


  2. […] der Jetzt-Zeit originelle und innovative Lichtquellen zählen. Es muss ja nicht immer ein Designleuchten-Klassiker sein. Gerade die LED-Technik eröffnet ganz neue Gestaltungs- und […]


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