Schwarzseher

5. Mai 2012

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (158) “Geplante Obszoleszenz”? In diesem Wortmonster steckt der Wurm unseres Wirtschaftssystems.

Die moderne Welt ist reich an Absurditäten. So drehten dieser Tage die heimischen Zeitungsverleger dem ORF via Rundfunkgesetz und Bundeskommunikationssenat jegliche Social Media-Schnittstellen ab. “Wir sind Kaiser”, Ö3, FM4 & Co. dürfen ab sofort auf Facebook und eventuell sonstwo im Web 2.0 nicht mehr mit ihren Sehern und Hörern kommunizieren. Jedenfalls nicht direkt und “offiziell”.

Glauben Manager privater Konkurrenzmedien ernsthaft, mit virtuellen Schrebergartenzäunen ihre Claims absichern zu können? Und wie genau stellen sich die Medienpolitiker dieses Landes die Zukunft der öffentlich-rechtlichen Multimediaorgel vor? Vielleicht sollte man diese Fragen klären, bevor man am Küniglberg – wo man dem restriktiven Gesetzestext kurioserweise zugestimmt hat – grosse Umzugspläne wälzt. Kunden verdrossen, Anstalt geschlossen? Ich sehe, wenn das so weitergeht, ernsthaft schwarz.

Sollte es Ihnen ähnlich gehen und Ihr TV-Gerät unlängst ein Blackout ereilt haben, überprüfen Sie doch mal, ob die Satellitenschüssel immer noch auf analogen Empfang ausgerichtet ist. Dieses Signal wurde nämlich Ende April ebenfalls abgedreht. Im Notfall hilft der Fernsehtechniker mit einem neuen Digital-Receiver und LNB (das ist das Empfangsteil an der Schüssel) weiter. Dass Sie Ihre GIS-Gebühren brav bezahlt haben, setze ich voraus. Dass das nicht die letzte erzwungene Investition in den technischen Status Quo bleibt, darf angenommen werden.

Sollte nun der Bildschirm immer noch dunkel bleiben, könnte das an Ihrer Hardware liegen. Wie, Sie haben sich erst vor zwei, drei Jahren einen schicken Flachbildschirm angeschafft? Zum ungefähr doppelten bis dreifachen Preis dessen, was die Dinger heute kosten? Das ist der Kern des Problems: mit LCD-, LED-, Plasma- und demnächst OLED-Monitoren verdient die Elektronikindustrie kaum mehr Geld (fragen Sie z.B. mal den Sony-Händler Ihres Vertrauens).

Also setzt man – nicht offen, aber auch nicht gerade streng geheim – auf “geplante Obszolesenz”. Sprich: die Lebensdauer Ihres Geräts ist vorprogrammiert. Und weit kürzer, als sie materialtechnisch sein müsste. Da sich eine Reparatur, wenn der Monitor kein Bild mehr zeigt (zufälligerweise oft kurz nach Ablauf der Garantiezeit), im Regelfall “nicht auszahlt” – so die Standardfloskel in der Werkstatt –, muss natürlich ein neues Gerät her. Das ist der Standardkreislauf unseres Wirtschaftssystems.

Sie halten das für einen Skandal? Unter uns: ich auch. Aber niemand wird uns je danach fragen.

Advertisements

Eine Antwort to “Schwarzseher”


  1. […] Innovationen, die teure Investitionen nicht immer rechtfertigen. Und das ist – Stichwort: geplante Obszoleszenz – noch milde ausgedrückt. Wer hat das Kleingeld, mit seinem Alltagsfahrzeug zu experimentieren? […]


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: