Archive for Juni, 2012

Coole Sache

30. Juni 2012

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (166) Ein Geheimtipp für kühle Köpfe: “Finderly” findet die beste Klimaanlage auf Knopfdruck.

Nie, wirklich niemals, so lautet eine journalistische Grundregel, darf die aktuelle Wetterlage in den Text einfliessen. Denn wenn vorgeblich allerorts eitel Sonnenschein herrscht, könnte in realita – vom fertigen Manuskript bis zur gedruckten Ausgabe vergehen ja ein, zwei Tage – längst ein drastischer Temperatursturz eingesetzt haben. Oder eine dicke, dunkle Gewitterwolke ausgerechnet über dem Kaff hängen, in dem man gerade sitzt. Und der Himmel seine Schleusen just in dem Augenblick öffnen, in dem man mit zunehmend betrüblichem Gesicht den Schönwetterbericht studiert. Nichts ist so alt wie die Temperaturprognose von gestern.

Was aber dennoch Jahr für Jahr erstaunt (oder auch nicht) in seiner Regelhaftigkeit, ist der Run auf Kühlaggregate und Klimaanlagen im Hochsommer. Ausgerechnet. Wenn Sie jetzt die Fahrt in den nächstgelegen Baumarkt wagen, werden Sie in den entsprechenden Regalen nur gähnende Leere vorfinden. Nicht einmal überteuerte Ventilatoren aus bunt lackiertem Blech made in Pakistan gibt es noch zu kaufen. Es gilt der alte Spruch aus dem Bauernkalender: “Egal ob Schmäh oder Schnee / ‘s schreit der Klimagerätefabrikant im Juli juche!”

Der von Schweißausbrüchen und Hitzewallungen geplagte Konsument hat eigentlich nicht die geringste Ahnung, welche Technik zu welchen Kosten rasch und gezielt für Abhilfe sorgen könnte – und greift dann anlassgetrieben garantiert zum falschen (weil wirkungslosen, stromfressenden, ineffizienten) Produkt. Das ist die wirkliche Überraschung: die spontane “Google”-Suche nach brauchbaren Hinweisen zu Klimaanlagen und mobilen Kühlespendern bringt kaum zählbare Resultate. Die üblichen Werbeeinschaltungen, Diskonterangebote und Uralt-Tests helfen nur bedingt weiter.

Also wäre das ja ein Betätigungsfeld für altruistische IT-Cracks: eine Datenbank zu programmieren, die annähernd objektive – weil durch
eine grössere Quantität höchst subjektiver Crowd-Urteile gespeiste – Tipps zu immer wiederkehrenden Fragen (“Was ist die aktuell beste Klimalösung für ein 15 Quadratmeter-Schlafzimmer unter 300 Euro?”) sammelt. Und gleich mit Versendern oder Geschäften in der Umgebung, die die Dinger dann auch wirklich vorrätig haben, verknüpft. “Finderly” – probieren Sie’s ruhig mal aus – kommt dieser Idee schon ziemlich nahe. Auch wenn die Einträge zu Klimaanlagen in der Beta-Testphase noch rar gesät sind. Coole Sache.

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Blau-weiss-rote Fahrt ins Grüne

23. Juni 2012

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (165) Car2Go und Denzel sind die ersten “Carsharing”-Anbieter Österreichs. Und sicher nicht die letzten.

Eine Idee erobert die Stadt. Und es ist wahrlich nicht die schlechteste. Kurzgefasst geht sie so: Sie besitzen kein Auto mehr. Aber es steht Ihnen (fast) immer eines zur Verfügung, wenn sie es brauchen. Unkompliziert, verlässlich, kostengünstig. Mit einer App auf Ihrem Smartphone finden Sie im näheren Umkreis zielsicher ein freies Fahrzeug. Sofern Sie nicht am Stadtrand wohnen – das “Geschäftsgebiet” umfasst das urbane Terrain leider (noch) nicht zur Gänze.

Im Idealfall aber, der – wie mir Freunde begeistert berichten – meist auch der Normalfall ist, steigt man ein und fährt, einmal angemeldet, einfach los. Und stellt dann den fahrbaren Untersatz am Zielort genauso einfach wieder ab. Nicht einmal Parkgebühren gilt es zu tragen, der symbolische Taxamater läuft nur, wenn Sie das Fahrzeug nutzen. Das Fremdwort dafür ist “Carsharing”. Es wird uns bald sehr vertraut sein. Nicht nur in Wien.

Warum? Weil es natürlich eine Geld- und Raum-Vernichtungs-Maschinerie erster Klasse ist, ein teures, grosses Auto zu besitzen, um es eventuell nur alle heiligen Zeiten von A nach B zu bewegen. Und das noch seltener vollbeladen oder mit mehr als einem Beifahrer an Bord. Wenn überhaupt. Es ist eigentlich erstaunlich, dass die “Carsharing”-Idee so lange gebraucht hat, um sich entfalten zu können – aber in einem Land, in dem sich nicht nur Fußball-Nationalspieler und Jagdpächter über die Dimension und PS-Stärke ihrer SUVs und sonstigen Luxuskarossen definieren, nicht weiter verwunderlich.

Wenn man zudem mit zunehmendem Stirnrunzeln sieht, auf welch erbitterten Widerstand die Grünen in der Landeshauptstadt stossen – ok, sie kommunizieren Ihre Verkehrskonzepte und -Visionen politisch auch eher ungeschickt –, weiss man um die Beharrungskräfte innerhalb der Bevölkerung. Dass es dringend not tut, über punktuelle Blechlawinen- und Benzinpreis-Ereiferungen hinaus zu denken und konkrete Alternativen auch abseits der Wiener Verkehrsbetriebe und Taxi-Zentralen anzubieten, sollte aber selbst dem naivsten Führerscheinheiligen einleuchten. In zwanzig, dreissig Jahren wird, so meine Prognose, ein individuelles, dauerhaft eigenes Fahrzeug – ausser in einleuchtenden Ausnahmefällen – nur mehr stinkkonservativen Besitzstandwahrern als Statussymbol dienen.

“Das erste eigene öffentliche Verkehrsmittel”, wie es die Firma Car2Go nennt, manifestiert sich auf den Strassen in blau-weissen Smarts. Die Fahzeuge des bislang einzigen Konkurrenten Denzel sind knallrot. Sollten Sie freundlich winken wollen, wenn sie eins sehen: es werden noch andere Farben und Boten der neuen Denkart folgen.

Up! & Down

17. Juni 2012

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (164) Benzinpreis hin, Konservativismus her – solange Elektroautos als Exoten gehandelt werden, sind sie keine Alternative.

Von all den kuriosen Konstruktionen, die uns die Kfz-Industrie als vielversprechende Entwürfe der Post-Benzin-Ära anzudienen versucht, ist der Renault “Twizy” aktuell die vergnüglichste. Zumindest optisch.

Dieses Vehikel – eine Kreuzung aus Kabinenroller, Marsmobil und dem legendären “Star Wars”-Roboter R2D2 – existiert nicht nur auf dem Reissbrett von Zukunftsforschern. Sondern rollt tatsächlich über Österreichs Strassen. Angeblich. Denn leibhaftig gesehen habe ich “Twizy” noch nicht. Nirgendwo. Auch jeder meiner Versuche, bei Renault Österreich ein Fahrzeug für eine Testfahrt zu ergattern, schlug bislang fehl. Vielleicht ist der futuristische Cityflitzer ja nur ein Gag, um Aufmerksamkeit zu generieren, und man muss ihn gar nicht verkaufen. Aber irgendeine Ansage seitens der Pressestelle wäre schon nett, irgendwie.

Um meinen Frust zu besänftigen, will ich die Konkurrenz loben. Die besteht für innovativ-exotische Elektromobile ungebrochen in ausgereiften und spritsparenden Benzinkutschen. So mietete ich unlängst am Hamburger Flughafen ganz bewusst den “Up!” von Volkswagen. Die Dame am Schalter meinte lächelnd, das wäre eine gute Entscheidung – sie selbst hätte das Modell probegefahren und wäre überrascht gewesen, wie “erwachsen” es im direkten Vergleich zu ihrem privaten Fiat 500 daherkomme.

D’accord! Denn für ein Einstiegsangebot – der “Up!” kostet in der Basis-Variante unter 10.000 Euro – ist das ein absolut brauchbares Fahrzeug. Zwar Plastik, soweit das Auge blickt, aber mit Chic und Stil. Spartanik ist sowieso der neue Luxus. Und der 75 PS-Benziner als Motor zieht ordentlich an. Da passen dann auch die sportlich geformten Sitze ohne Extra-Kopfstütze. Platzangst hat man im “Up!” – ganz im Gegensatz, wie ich vage vermute, zum “Twizy” – erstaunlicherweise nicht. Sogar die Langstrecke Hamburg-Berlin und retour war entspannt machbar. Nur über realistische acht Liter Verbrauch im Stadtverkehr – der Prospekt spricht von 4,7 Litern, beim 60 PS-Basismotor gar nur von 4,2 Litern – muss man sich doch ein wenig wundern.

Aber bald soll ja das Wägelchen auch mit Elektroantrieb erhältlich sein. Mit Wertsteigerung unter verschrobenen Exoten-Sammlern ist bei keiner Variante zu rechnen. Die sollten sich ungeniert auf das Renault-Ei konzentrieren.

Trost- & Ratlosigkeit in Wulkaprodersdorf

15. Juni 2012

Der ORF sucht seit Jahren „Einsparungspotential“. Und wird seit Jahren zuvorderst – leider – bei engagierten MitarbeiterInnen fündig. Dabei liegt das wahre Potential für Sparwillen & Machtdemonstrationen pragmatischer Chef-Zyniker ganz woanders. In den Bereichen Stil, Respekt, Stars und Sendeflächen für lokale Musik nämlich. Willkommen in der Realität!

Stellen Sie sich vor – die Macht der Phantasie lässt solche Kapriolen dankenswerterweise zu –, Sie werden Programmdirektor(in) eines
Radiosenders. Sagen wir mal: in Wulkaprodersdorf. Ihr kleiner, feiner Radiosender trägt also naheliegenderweise den Namen „Radio
Wulkaprodersdorf“. Es gibt einige Konkurrenten in Ihrem Gebiet, kleine, unfeine (weil: lästige), private Konkurrenten, aber so ist das nun mal in der Radiolandschaft. Seit Mitte der neunziger Jahre schon, als Österreich – als eines der allerletzten Länder Europas – quasi jedem dahergelaufenen Medienunternehmer und UKW-Missionar erlaubte, sich ebenfalls zum Programmchef eines Radiosenders aufzuschwingen. Allerdings nur, wenn er oder sie denn auch eigenes Geld in die Hand nahm und in den Aufbau, die Marke, die Belegschaft und das Programm investierte.

Sie selbst sind da in einer unvergleichlich besseren Situation. Radio Wulkaprodersdorf firmiert nämlich, kraft der Tradition und Gesetzeslage des Landes, als „öffentlich-rechtlicher“ Sender. Die Hörerinnen und Hörer Ihres Senders bezahlen Sie und Ihre MitarbeiterInnen durch die Überweisung eines monatlichen Programmentgelts – in durchaus verschmerzbarer Höhe, aber nicht ganz freiwillig. Selbst wer Ihr Programm nie hört, muss dafür blechen. Wer immer ein Radiogerät besitzt (bzw. wer immer im Empfangsgebiet einen Haushalt führt), zählt zu den Finanziers Ihres Unternehmens. Damit aber fett Butter aufs Brot kommt, holen Sie sich zusätzliche Einnahmen von der Werbewirtschaft. Weil solchermassen genug Budget da ist und Sie nicht jeden überschüssigen Cent einem raffgierigen Besitzer abliefern müssen – Ihr Sender gehört ja quasi sich selbst –, können Sie ein reichhaltiges, ja nachgerade opulentes Programm gestalten. Information, Lokal-Reportagen, Star-Moderatoren, alles da, auch Events, Werbeplakate und weich gepolsterte Bürodrehstühle. So lässt es sich leben – Sie gelten als durchaus erfolgreich, die Markt-Kennzahlen stimmen (nicht zuletzt dank Ihres Marketing-Budgets) und nur selten beschwert sich ein Hörer oder Konkurrent. Der Status Quo ist ja ein über Jahrzehnte gelernter.

Was sendet Radio Wulkaprodersorf? Richtig: Information, also zuvorderst Nachrichten, Wetterinformationen, allerlei launige Lokal-
Reportagen, das übliche unverbindliche Wortgeklingel von Star-Moderatorinnen und -Moderatoren. Und Musik. Natürlich!, Musik. Unter uns: das tun aber alle. Nachrichten, Wetter, Moderation, Musik. Kennen Sie irgendeinen Radiosender, der ohne diese Elemente auskommt? Doch, ja, Ihre generöse finanzielle Grundausstattung erlaubt es Ihnen, die besten Leute zusammenzukaufen, die teuersten Beratungsfirmen zu
engagieren und die aufwändigste journalistische Berichterstattung zu betreiben. Nur bei der Musik kochen alle mit Wasser. Jeder kann und darf Hits von gestern, heute und morgen, eventuell sogar von vorgestern und übermorgen, abspulen und abspielen, wie es ihm
beliebt. Die spezielle Selector-„Rezeptur“ wird zwar immer als Geheimwissenschaft gehandelt (zuvorderst von Radio-Consultern und Research-Unternehmen, die daran Millionen verdienen), ist aber eigentlich banal. Ganz nach dem Motto: Sie wünschen, wir spielen.

Was aber wünschen sich die Hörerinnen und Hörer in Wulkaprodersdorf? Naheliegenderweise: Lokalkolorit. Denn sollte jemand zufälligerweise mal das Bedürfnis haben, die grosse, weite Welt zu empfangen, gibt es dafür andere Stationen. Dutzende, hunderte, wenn nicht mittlerweile sogar – dem World Wide Web sei dank – abertausende. Radio Wulkaprodersdorf punktet dagegen mit Nachrichten aus dem Umkreis, mit lokalem Zungenschlag, mit Neuigkeiten und Informationen, die den Lebensalltag seiner Hörer-Klientel bereichern. Und natürlich mit Kultur und Musik, die man im Sendegebiet gerne hört, macht, lebt. Musik in, aus und für Wulkaprodersdorf. Natürlich nicht ausschliesslich. Da der Ort aber in dieser Hinsicht als kultureller Brennpunkt gilt (und das in bestimmten Genres sogar weltweit), eine grosse, eigenständige und vitale Szene aufzuweisen hat und sowohl seinem Selbstverständnis nach als auch in der Aussendarstellung Musik geradezu aus allen Poren verströmt, haben Sie eine tolle Ausgangsposition. Sie können auf wunderbare Produktionen zurückgreifen, über eine lange Tradition, aber auch eine aktuell hoch lebendige Musik-Landschaft berichten, prominente Künstlerinnen und Künstler aus dem Umkreis einladen, Pop, Rock, Blues und zeitgemässe Heurigen-G’stanzln aus Wulkaprodersdorf rauf und runter spielen. Täglich. Stündlich. Ganz selbstverständlich. Natürlich fein abgestimmt – der Blick über den Tellerrand ist Ihnen ebenfalls wichtig – mit Hits und News von jenseits der Gemeindegrenze. Ihr Sender & seine Crew besitzen Sendungsbewußtsein – und gelten als wichtigster medialer Durchlauferhitzer für das Musikbiotop Wulkaprodersdorf.

Theoretisch. Denn, ach!, in der Praxis läuft auf Ihrem Sender dasselbe 08/15-Musikprogramm wie auf allen anderen Stationen. Die üblichen Oldies, eine Handvoll Superhits & Megastars, die Klassiker aus dem Fundus der Musikberater, die nicht nur für Sie eine „einmalige“ Tonspur zusammenschustern, sondern ungeniert auch eine verdammt ähnlich klingende für die Konkurrenz. Gewiss: der Erfolg gibt Ihnen recht. Auch wenn in Ihrem tiefsten Inneren vielleicht Zweifel an Ihrer Seele nagen, ob dieser Erfolg eventuell nicht doch zuvorderst der Abgestumpftheit und Trägheit Ihres Publikums geschuldet ist, das sich selten dazu aufrafft, den Senderspeicher des Empfangsgeräts neu zu programmieren. Wie immer auch: es gibt da ja noch den ominösen Status des „Öffentlich-Rechtlichen“, der zur bequemen Finanzierung Ihres Unternehmens entschieden beiträgt. Gelegentlich quälen Sie stichelnde Konkurrenten und enttäuschte Hörer sogar mit Schlagworten wie „Kulturauftrag“, „Identitätsstiftung“, „lokaler Musikanteil“ oder „Public Value“. Irgendwo in der hintersten Schublade Ihres Schreibtisches haben Sie allerlei Fibeln, Broschüren und Denkschriften versammelt, in denen davon auch irgendwie die Rede ist. Papiere von Papiertigern für Papiertiger. Gutmenschen-Folklore. Reif für die Rundablage. Aber was hat das mit der Musik zu tun, die – „Chirpy Chirpy Cheep Cheep“ – Radio Wulkaprodersdorf täglich in den Äther ausstrahlt?

Ihnen fällt das alles mächtig auf die Nerven. In einem Anflug von unbedingter unternehmerischer Entschiedenheit durchforsten Sie Ihr
Programm nach Restbeständen lokaler Musikkultur abseits des 08/15-Mainstreams. Da hätten wir zum Beispiel einen Wulkaprodersdorfer Superstar, der Alt & Jung anspricht, unter Künstlern als entdeckungsfreudiger, wacher und verständiger Kollege gilt und längst über ein schlichtes Musikanten-Dasein hinausgewachsen ist. Ja, er hat einen Status als moralische Instanz und „Übervater“ der lokalen Szene erreicht. Und ist bei Ihren Hörerinnen und Hörern ausserordentlich respektiert, geachtet und beliebt. Zusammen mit einem kongenial agierenden Redakteur Ihres Senders gestaltet er seit Jahren eine wöchentliche Sendung. Sie gilt als Aushängeschild von Radio Wulkaprodersdorf. Sensibleren Geistern aber auch als eine der letzten Alibi-Randflächen für die lokale Musikkultur.

Anyway: Ihnen gehen die Haltung, die stolze Eigenständigkeit, der latente Widerstandsgeist dieser letzten Mohikaner schon lange gegen den Strich. Sie ziehen also den Redakteur der Sendung – „das Leben ist kein Wunschkonzert“ – von der Sendung ab, wohl wissend, dass dann der Star-Moderator auch den Hut drauf haut. Sie verkriechen sich in Ihrem Büro, wenn der gute Mann um eine persönliche Unterredung bittet. Sie haben gewiss nicht vor, Ihre Position bei der zweihundertsten Sendung – die, das wissen bislang nur Sie und ein paar Eingeweihte – zugleich auch die letzte auf Ihrem Sender sein wird – vor Publikum zu erläutern. Und Sie erklären jenen, die Trost & Rat suchen auf Radio Wulkaprodersdorf, dass zeitgemässer Rundfunk sowieso ganz anders zu klingen habe. Und Musik in, aus und für Wulkaprodersdorf nur die Hörerinnen und Hörer verschrecke. Punktum.

Sie warten auf die Pointe dieser phantastischen Geschichte? Drehen Sie doch demnächst einfach mal den Sender Ihrer Heimatstadt auf.

Ultra Fuzz Deluxe

9. Juni 2012

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (163) Via iPhone klingen selbst Lagerfeuer-Gitarrengeklampfe und wertkonservativer Rock’n’Roll plötzlich nach Zukunftsmusik.

Eventuell ist das ja ein etwas abseitiges Thema für eine Kolumne, die sich der Technik im Alltag widmet. Aber das Gros der Maschinen und Maschinchen, die in der Küche, im Bügelzimmer oder in der Gartenlaube (ok, dort vielleicht eher nicht) herumstehen, sind nun mal tatsächlich etwas, hm, alltäglich. Also: langweilig.

Im Hobbyraum dagegen spielt die Musik. Und in meinem Fall ist das wortwörtlich zu nehmen: da lehnen gleich drei Gitarren an der Wand. Zwei davon elektrifiziert. Obwohl ich gerade mal drei Akkorde beherrsche, quasi für jedes Modell den passenden. Mit A-Moll, C- und G-Dur kann man allerdings, bitt’schön, mehr Welt-Hits nachspielen, als Sie ahnen. “Lady in Black” von Uriah Heep etwa, einer dieser penetranten All-Time-Lagerfeuer-Favoriten, benötigt überhaupt nur zwei Akkorde. Und die Punk- und Noise-Klassiker kommen unter Nachsicht aller Taxen eventuell gar mit einem aus. Man muss nur den Lautstärke-Regler weit genug aufdrehen.

Den Spass an der Freud‘ kann man aber noch deutlich erhöhen. Durch sogenannte “Stomp Boxes”. Das sind Effekt-Kästchen und -Pedale, die sich mittels eines dezenten Fusstritts ein- und ausschalten lassen. Und die auf den Saiten der Gitarre angerissenen Töne nach Belieben verändern. Die Namen der kleinen Krach-Monster sprechen Bände: “Ultra Fuzz Deluxe”, “Cry Baby”, “Tone Hammer”, „Mad Dog“, “Big Muff”, „Voodoo Vibe“, “Mega Turbo Distortion”, “Metal Guru” oder „Truly Beautiful Disaster“ z.B. – nur so als Geschmacksprobe. Seit den sechziger und siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hat sich an der Bauart und Wirkungsweise der bunten Metall-Kästchen kaum etwas geändert. Der gemeine Rock’n’Roller ist ja durch und durch wertkonservativ.

Nun aber, beim Besuch des famosen “Klangfarbe”-Stores im Wiener Gasometer, habe ich eine neue, letztlich wenig überraschende Erkenntnis gewonnen: die Effektkiste des 21. Jahrhunderts ist das iPhone. Nun auch im Musik-Sektor. Mittlerweile gibt es tausende Apps, Gitarreneffekte und Zubehörteile. Vom “iRig” bis zu Digitech’s “iStomp”. Richtig gehört, pardon, gelesen: da es sich aus naheliegenden Gründen nicht wirklich schickt, absichtsvoll auf teure Smartphones draufzutreten, hat man den Fußschalter ausgelagert.
Wie das Kästchen klingt, ist – Stichwort “Modeling” – vollkommen variabel.

Der Treppenwitz an der Geschichte: die Software ahmt optisch ungeniert die Oldie-Blechbüchsen nach. Retrofuturismus rules OK.

Wert der Vergangenheit, Preis der Zukunft

2. Juni 2012

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (162) Das “Wesen des Digitalen” erscheint oft fremd und unbegreiflich. Aber es wird nicht mehr aus unserem Leben verschwinden.

In der aktuellen Ausgabe des Nachrichtenmagazins “Der Spiegel” findet sich nicht nur ein aufrüttelndes Interview mit dem iranischen Musiker Shahin Najafi, gegen den eine Todesdrohung im Namen einer Religion ausgesprochen wurde – etwas, das man im 21. Jahrhundert eigentlich nicht mehr für möglich hält –, sondern auch Tröstliches. Ein Essay der deutschen Autorin Elke Schmitter nämlich, der für “Spiegel”-Verhältnisse ungewöhnlich zart und sentimental ausfiel. Sie finden den Text nicht frei im Netz, deswegen eine kleine Nacherzählung. Er hebt mit Erinnerungen an die Musiktruhe im elterlichen Haushalt an, streift die pubertäre Phase des ersten Kassettenrecorders und schwelgt in Zwischentönen, die sich aus dem Erfahrungs- und Lustgewinn durch oftmaliges Hören von Platten von Joni Mitchell, Cat Stevens oder Keith Jarrett ableiten lassen.

Natürlich hört Elke Schmitter heute, wie wir alle, Musik mit einem Gerät, das ihr, wie sie trocken vermerkt, auch erlaubt, filmen und telefonieren, ein Hotel in Australien googlen und eine E-Mail schreiben zu können. Ihr gefällt das nicht. Es sei ein “sinnliches Ereignis bar jeder Sinnlichkeit”. Nun ja, man muss die alten mechanischen Hörkrücken nun wirklich nicht verklären. Doch dann kommt Schmitter auf etwas zu sprechen (sie lehnt sich dabei an ein neues Buch der Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun an, Titel „Der Preis des Geldes“), das mir allemal überlegenswert erscheint: durch die Immaterialität und Virtualität der digitalen Welt vermissen wir zunehmend einen “Gegenwert”. Was zuvor farbenprächtig, sehnsuchtserweckend und wertvoll war, wird schal, blass, unwirklich. Und ansatzsweise wertlos. Vielleicht geht es ja nur jener Generation so, die noch mit Erinnerungen an das alte, analoge Zeitalter umgehen muss. Und schon die nächste Generation wird nicht einmal erahnen, wovon hier („Dateien kann man nicht lieben“) überhaupt die Rede ist. Aber was wird der neue Fetisch der heute 10-, 15jährigen werden? Und wird er noch eine “Aura” verströmen, für die man bares Geld hinblättern mag?

“Sicher ist nur”, schliesst Elke Schmitter, “das Dateiwesen breitet sich aus, legal wie illegal. (…) Gewiss brauchen wir einen Gesellschaftsvertrag, der auf das Verschwinden der alten Warenform reagiert.” Ja, sie hat recht. Entschieden recht. Denn in diesen unschuldigen Zeilen stecken der Kern und die Crux all der – teils langweiligen, teils hoch dramatischen, teils unsäglichen – Debatten, die gerade um das Urheberrecht, die Einkommensmöglichkeiten für Künstler, die Netz-Freiheit und vieles mehr geführt werden. Nicht nur von Nerds, Piraten und Rechtsanwälten.

Eigentlich sollte die radikale Transformation der Grundlagen unseres Kultur- und Wirtschaftssystems spätestens seit Nicholas Negroponte („Total Digital“) allgemein geläufig sein. Andererseits klammert sich die Ersatz-Religion des Materialismus systemimmanent an Materielles. Wenn aber die Warenwelt sich in Nullen und Einsen auflöst (unkontrollierbare, freie Kopier- und Verfügbarkeit inklusive, daran kann selbst die Androhung der Todesstrafe nichts ändern), wenn unser Reichtum nur mehr auf virtuellen Börsenwerten und -wetten beruht, wenn die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit stärker denn je aufbricht, dann wären wir tatsächlich gut beraten, über die Grundlagen unseres Selbstverständnisses und unserer Gesellschaft nachzudenken.

Eher früher als später. Ausser, wir kehren freiwillig oder unfreiwillig in das, sagen wir mal: 17. Jahrhundert zurück.

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