Wert der Vergangenheit, Preis der Zukunft

2. Juni 2012

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (162) Das “Wesen des Digitalen” erscheint oft fremd und unbegreiflich. Aber es wird nicht mehr aus unserem Leben verschwinden.

In der aktuellen Ausgabe des Nachrichtenmagazins “Der Spiegel” findet sich nicht nur ein aufrüttelndes Interview mit dem iranischen Musiker Shahin Najafi, gegen den eine Todesdrohung im Namen einer Religion ausgesprochen wurde – etwas, das man im 21. Jahrhundert eigentlich nicht mehr für möglich hält –, sondern auch Tröstliches. Ein Essay der deutschen Autorin Elke Schmitter nämlich, der für “Spiegel”-Verhältnisse ungewöhnlich zart und sentimental ausfiel. Sie finden den Text nicht frei im Netz, deswegen eine kleine Nacherzählung. Er hebt mit Erinnerungen an die Musiktruhe im elterlichen Haushalt an, streift die pubertäre Phase des ersten Kassettenrecorders und schwelgt in Zwischentönen, die sich aus dem Erfahrungs- und Lustgewinn durch oftmaliges Hören von Platten von Joni Mitchell, Cat Stevens oder Keith Jarrett ableiten lassen.

Natürlich hört Elke Schmitter heute, wie wir alle, Musik mit einem Gerät, das ihr, wie sie trocken vermerkt, auch erlaubt, filmen und telefonieren, ein Hotel in Australien googlen und eine E-Mail schreiben zu können. Ihr gefällt das nicht. Es sei ein “sinnliches Ereignis bar jeder Sinnlichkeit”. Nun ja, man muss die alten mechanischen Hörkrücken nun wirklich nicht verklären. Doch dann kommt Schmitter auf etwas zu sprechen (sie lehnt sich dabei an ein neues Buch der Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun an, Titel „Der Preis des Geldes“), das mir allemal überlegenswert erscheint: durch die Immaterialität und Virtualität der digitalen Welt vermissen wir zunehmend einen “Gegenwert”. Was zuvor farbenprächtig, sehnsuchtserweckend und wertvoll war, wird schal, blass, unwirklich. Und ansatzsweise wertlos. Vielleicht geht es ja nur jener Generation so, die noch mit Erinnerungen an das alte, analoge Zeitalter umgehen muss. Und schon die nächste Generation wird nicht einmal erahnen, wovon hier („Dateien kann man nicht lieben“) überhaupt die Rede ist. Aber was wird der neue Fetisch der heute 10-, 15jährigen werden? Und wird er noch eine “Aura” verströmen, für die man bares Geld hinblättern mag?

“Sicher ist nur”, schliesst Elke Schmitter, “das Dateiwesen breitet sich aus, legal wie illegal. (…) Gewiss brauchen wir einen Gesellschaftsvertrag, der auf das Verschwinden der alten Warenform reagiert.” Ja, sie hat recht. Entschieden recht. Denn in diesen unschuldigen Zeilen stecken der Kern und die Crux all der – teils langweiligen, teils hoch dramatischen, teils unsäglichen – Debatten, die gerade um das Urheberrecht, die Einkommensmöglichkeiten für Künstler, die Netz-Freiheit und vieles mehr geführt werden. Nicht nur von Nerds, Piraten und Rechtsanwälten.

Eigentlich sollte die radikale Transformation der Grundlagen unseres Kultur- und Wirtschaftssystems spätestens seit Nicholas Negroponte („Total Digital“) allgemein geläufig sein. Andererseits klammert sich die Ersatz-Religion des Materialismus systemimmanent an Materielles. Wenn aber die Warenwelt sich in Nullen und Einsen auflöst (unkontrollierbare, freie Kopier- und Verfügbarkeit inklusive, daran kann selbst die Androhung der Todesstrafe nichts ändern), wenn unser Reichtum nur mehr auf virtuellen Börsenwerten und -wetten beruht, wenn die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit stärker denn je aufbricht, dann wären wir tatsächlich gut beraten, über die Grundlagen unseres Selbstverständnisses und unserer Gesellschaft nachzudenken.

Eher früher als später. Ausser, wir kehren freiwillig oder unfreiwillig in das, sagen wir mal: 17. Jahrhundert zurück.

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3 Antworten to “Wert der Vergangenheit, Preis der Zukunft”

  1. schrefel Says:

    da ist was drann. vor allem wird das „virtuelle“ leben immer fragiler: wo gehen unsere, aus 0 und 1 bestehenden leidenschaften, wie musik , literatur oder film hin, wenn das netz zusammenbricht.
    oder noch weiter gedacht: wer überlebt in einer evolutionären natur, wenn unsere, nicht nur virtuellen, netze plötzlich verschwinden. unsere abhängigkeiten werden immer komplexer.


  2. […] natürlich nicht. Es ist der menschliche Faktor – Ungreifbares wie Charisma, Imagination und Aura –, der Enrico Caruso, Bob Dylan, Cat Power oder Sigur Rós zu Lichtgestalten der Audiosphäre […]


  3. […] tangerinrot-gespritztes Stromlinienbaby. Das Ding in meinem Jugendzimmer klang gut. So gut, dass ich es nie wieder vergessen […]


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