Ultra Fuzz Deluxe

9. Juni 2012

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (163) Via iPhone klingen selbst Lagerfeuer-Gitarrengeklampfe und wertkonservativer Rock’n’Roll plötzlich nach Zukunftsmusik.

Eventuell ist das ja ein etwas abseitiges Thema für eine Kolumne, die sich der Technik im Alltag widmet. Aber das Gros der Maschinen und Maschinchen, die in der Küche, im Bügelzimmer oder in der Gartenlaube (ok, dort vielleicht eher nicht) herumstehen, sind nun mal tatsächlich etwas, hm, alltäglich. Also: langweilig.

Im Hobbyraum dagegen spielt die Musik. Und in meinem Fall ist das wortwörtlich zu nehmen: da lehnen gleich drei Gitarren an der Wand. Zwei davon elektrifiziert. Obwohl ich gerade mal drei Akkorde beherrsche, quasi für jedes Modell den passenden. Mit A-Moll, C- und G-Dur kann man allerdings, bitt’schön, mehr Welt-Hits nachspielen, als Sie ahnen. “Lady in Black” von Uriah Heep etwa, einer dieser penetranten All-Time-Lagerfeuer-Favoriten, benötigt überhaupt nur zwei Akkorde. Und die Punk- und Noise-Klassiker kommen unter Nachsicht aller Taxen eventuell gar mit einem aus. Man muss nur den Lautstärke-Regler weit genug aufdrehen.

Den Spass an der Freud‘ kann man aber noch deutlich erhöhen. Durch sogenannte “Stomp Boxes”. Das sind Effekt-Kästchen und -Pedale, die sich mittels eines dezenten Fusstritts ein- und ausschalten lassen. Und die auf den Saiten der Gitarre angerissenen Töne nach Belieben verändern. Die Namen der kleinen Krach-Monster sprechen Bände: “Ultra Fuzz Deluxe”, “Cry Baby”, “Tone Hammer”, „Mad Dog“, “Big Muff”, „Voodoo Vibe“, “Mega Turbo Distortion”, “Metal Guru” oder „Truly Beautiful Disaster“ z.B. – nur so als Geschmacksprobe. Seit den sechziger und siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hat sich an der Bauart und Wirkungsweise der bunten Metall-Kästchen kaum etwas geändert. Der gemeine Rock’n’Roller ist ja durch und durch wertkonservativ.

Nun aber, beim Besuch des famosen “Klangfarbe”-Stores im Wiener Gasometer, habe ich eine neue, letztlich wenig überraschende Erkenntnis gewonnen: die Effektkiste des 21. Jahrhunderts ist das iPhone. Nun auch im Musik-Sektor. Mittlerweile gibt es tausende Apps, Gitarreneffekte und Zubehörteile. Vom “iRig” bis zu Digitech’s “iStomp”. Richtig gehört, pardon, gelesen: da es sich aus naheliegenden Gründen nicht wirklich schickt, absichtsvoll auf teure Smartphones draufzutreten, hat man den Fußschalter ausgelagert.
Wie das Kästchen klingt, ist – Stichwort “Modeling” – vollkommen variabel.

Der Treppenwitz an der Geschichte: die Software ahmt optisch ungeniert die Oldie-Blechbüchsen nach. Retrofuturismus rules OK.

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2 Antworten to “Ultra Fuzz Deluxe”

  1. kuchlradio Says:

    Als E-Geiger bin ich – gemessen an einer mittlerweile mehr als 60-jährigen Sound-Geschichte der E-Gitarre – ein Neuling im Effecting-Universum.
    Da sah ich schon einiges Nasenrümpfen als ich stolz mit meinen digitalen Kasteln bei den alten Haudegen aufkreuzte.
    Was mir am alten, analogen Know-How so taugt: da kann nicht nur ich, sondern auch jeder beliebiger Besoffene drüber trampeln(das kostet allerdings natürlich). Etwas, was höchstens ein Army-Laptop zu bieten hat, auf keinen Fall die silbrigen Dingelchen mit dem Apfel hinten d’rauf.
    Deren Stärke liegt in einer Vielfalt von Klangmöglichkeiten, sind für mich ein tolles kreatives Werk-Spielzeug (im positiven Sinn!).
    Gerade dieser technologische „Nebenstrang“ zeigt auf, dass die Grenzen immer mehr verschwimmen. Das lässt ein Post-Digital/Analog-Zeitalter vorausahnen, auf dass ich schon gespannt warte.

    Ps.: Für alle aber, die noch immer an eine digitale Zukunft glauben: da gibt es auch noch vergessenen Seitenwege. So z.B. glaubte in den 1980iger Jahren wohl noch jeder Nachrichtentechnikstudent an eine Zukunft in der jeder Maschine sein eigenes kleines Gehirn eingebaut werden könnte. Nur muss sich jedes dieser Hirnchen mittlerweile an pseudoreligöse Strukturen halten, ganz egal ob sie nun Windows oder MacOS heissen. Muss ja nicht sein, oder?


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