Daniel versus Daniel

23. Juli 2012

„Musik aus der Wolke“ gewinnt, hierzulande aktuell getrieben durch TV-Spots und massive Print-Werbung von Deezer & T-Mobile, immer mehr Fans. Tatsächlich könnten Streaming-Anbieter eine kommerzielle Kultur-Flatrate bald zum gesellschaftlichen „common sense“ erklären.

Wissen Sie, wer der „wichtigste Mann der Musikbranche“ ist, zumindest dem paternalistischen Urteil des Wirtschaftsmagazins „Forbes“ nach? Lucian Grainge? Paul McCartney? Doug Morris? David Guetta? Falsch geraten. Es ist Daniel Ek. Daniel Who? Nun, Ek hat vor nicht einmal sechs Jahren die Streaming-Plattform Spotify gegründet, gemeinsam mit Martin Lorentzon. Heute ist er ihr CEO. Einer der Schwerverdiener der Branche ist Ek allemal: laut „Sunday Times“ rangiert der in London lebende 29jährige Schwede auf Platz zehn der britischen Musik-Topverdiener. Mit einem Vermögen von rund 250 Millionen Euro – was seinem 15-prozentigen Aktien-Anteil an Spotify entspricht – liegt er gleichauf mit Mick Jagger. „Der brauchte allerdings“, merkte „Musikwoche“-Chefredakteur Manfred Gillig in einem Kommentar an, „mit den Rolling Stones fünfzig Jahre und viel sportliche Betätigung auf der Bühne, um so weit zu kommen.“

Gerecht? Nunja. „Business is war“, wie einst schon Atari-Kriegsherr Jack Tramiel verkündete. Das gilt auch und erst recht für die Post-PC-Ära. Ek liefert mit Spotify ein weiteres Beispiel dafür, wie Geschäftsmodelle im Internet funktionieren – von unten nach oben, Pioniere und „First Mover“ begünstigend, primär aufgeladen durch Phantasien, Zukunftshoffungen und Revenue-Perspektiven. Anders gesagt: bislang sind Streaming Services durch die Bank kein Geschäft. Es werden gerade mal die Claims verteilt, die Marken gebildet und die Märkte Land für Land aufgerollt.

Grosse Fragezeichen – to say the least – gibt es, was die Verteilung der Einnahmen, die durch Abonnements und Werbung erzielt werden, betrifft. Verwertungsgesellschaften sammeln erste Erfahrungen (und haben hoffentlich nur kurzfristige Verträge mit Spotify, Simfy, Juke, Qriocity & Co. abgeschlossen), Major-Manager studieren interessiert die Statistiken, kleinere Labels, Verlage und KünstlerInnen müssen sich bislang mit Kaffeesudleserei und vagen Prognosen begnügen. Die fielen in der Mehrzahl pessimistisch aus. Von Centbeträgen war zumeist die Rede, zumindest für unbekanntere Acts. Von Streaming-Einnahmen könne nicht einmal Lady Gaga leben, urteilten Analysten, und noch sei keineswegs erwiesen, dass man nicht zuvorderst den allmählich halbwegs funktionierenden legalen Download-Markt kannibalisiert.

Mittlerweile hat sich Spotify nach iTunes jedenfalls, so Insider, zum zweitwichtigsten Einkommens-Generator für die Musikindustrie entwickelt. Immerhin schüttet das Service – ähnlich Apples iTunes – zwei Drittel seiner Einnahmen wieder an Urheber, Verwerter und Distributoren aus. „Auf den ersten Blick wirkt Eks Vermögen krass im Vergleich mit den Centbruchteilen, die Urheber pro einzelnem Streamingabruf erhalten“, so „Musikwoche“-Beobachter Gillig. „Allerdings gilt im Internet mehr als sonstwo die alte Volksweisheit: auch Kleinvieh macht Mist.“

Unter uns: da schau’ ich mir Ende 2012 die Jahresabrechnung unseres Digitalvertriebs mal ganz genau an. Aber vielleicht sind mit „Musikindustrie“ ja auch nur Universal, Sony, Warner & EMI gemeint (die sich längst auch ihre Besitzanteile an Spotify gesichert haben), und eventuell ein paar den Indie-Verband Merlin dominierende, global agierende Vertriebe und Verlage mit angeschlossener Master-Akquisitionsabteilung. In Schweden jedenfalls hält Eks Streaming-Plattform nach Eigenangaben einen knapp 90prozentigen (!) Anteil am Digitalmarkt, in der ersten Jahreshälfte 2012 hat man eine Umsatzsteigerung für den gesamten Musikmarkt – in dem physische Produkte nur mehr rund 40 Prozent des Gesamtumsatzes ausmachen – von über einem Drittel erzielt. Good news für alle an der Wertschöpfungskette hängenden Protagonisten. Really good news. Vielleicht aber auch nur ein höchst insignifikanter Ausnahmefall.

In Österreich sieht’s anders aus. Bislang. Deutlich schaumgebremster, auch wenn sich die IFPI-Presseabteilung Jahr für Jahr redlich bemüht, die positiven Aspekte im Gesamtbild hervorzustreichen. Der grösste Erfolg ist jedenfalls, mit bequemen, innovativen, legalen Angeboten mehr und mehr Musikfans aus der Grauzone des File-Sharings und Gratis-Konsums zurückzuholen. Oder sie gar nicht erst dorthin abtauchen zu lassen. Ein weiterer positiver Aspekt ist, dass hierzulande das absehbare Duopol iTunes/Spotify anno 2012 durch weitere, so überraschend wie frischfröhlich am Markt auftretende Konkurrenten aufgebrochen wird.

Zuvorderst ist es der französische Anbieter Deezer in Allianz mit T-Mobile Austria, der hier Wellen schlägt. Während sich Marktführer A1 nicht – wie ursprünglich vermutet und von Spotify auch gern gewollt – mit dem Streaming-Platzhirschen einigen konnte, zeitigt der den ganzen Sommer über mit massivem Werbeaufwand forcierte Deezer-Vorstoß „mehr als befriedigende Resultate“, wie man aus T-Mobile-Zentrale am Rennweg zu hören bekommt. Dass man sich nebstbei vorgenommen hat, die lokale Musikszene besonders in die Auslage zu stellen – der Autor dieser Zeilen trägt dazu aktuell als Berater der Deezer-Chefetage bei, das sei nicht verschwiegen –, darf auch als Signal verstanden werden.

Heisst es nun also: David gegen Goliath? Nein: Daniel versus Daniel. Denn Daniel Marhely jedenfalls, der auch noch keine 30 ist und Deezer anno 2007 gegründet hat, dürfte nicht nur in Frankreich, sondern absehbar auch im kleinen, feinen GSA-Testmarkt Österreich am Leader-Status von Daniel Ek kratzen. 18 Millionen Musiktitel, 20 Millionen Nutzer, sechs Millionen „Unique Visitors“ pro Monat und mehr als 1,4 Millionen Premium-Abonnenten weltweit machen sich ganz gut; hierzulande wird man wohl bald eine fünfstellige Anzahl von Deezer-Nutzern gewonnen haben. Unlimitierte „All Inclusive“-Tarifpakete nach T-Mobile-Muster könnten der „Musik aus der Wolke“ den Weg freimachen, direkt in die Schulklassen, Wohnzimmer, Smartphones und Gehörgänge einer ganzen Generation hinein. Sie kommen dabei der Idee einer „Kultur-Flatrate“ auf freiwilliger Basis technisch, soziologisch und ökonomisch schon verdächtig nahe. Debattenstoff galore.

Telekommunikations-Dienstleister als Bulldozer der Musik-Revolution? Lassen wir die Kirche im Dorf: noch steckt Audio-Streaming in den Kinderschuhen. Noch sind wir alle in der Experimentier-, Entwicklungs- und Evaluierungs-Phase. Noch muss ein Silberstreifen am Horizont keinen ewigwährenden Sonnenschein bedeuten. Noch gilt es eine faire Balance aller Kräfte, Marktteilnehmer und Interessen herzustellen. Noch müssen die Fans mit kompetentem Service, klarer Kommunikation, attraktiven Preisen und appetitweckender „All you can eat“-Repertoirebreite langfristig überzeugt werden. Um die zündende Wirkung des Treibsatzes für die potentielle Business-Rakete – Musik, Musik, Musik – müssen wir uns keine Sorgen machen.

Noch, nein: einmal mehr gilt das Prinzip Hoffnung. Stärker jedenfalls als all die Jahre zuvor.

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3 Antworten to “Daniel versus Daniel”


  1. […] machen sich ja viele Popfans ihr Programm selbst. Auf Spotify, Deezer, Rdio und ähnlichen Streaming-Services und natürlich dito auf iTunes, Amazon & Co. brechen Daft Punk – mittlerweile ist auch ihr […]


  2. […] – nicht unähnlich dem Buchhandel, der aber besser geschützt ist – einen regelrechten Rückzugskampf […]


  3. […] Spotify durch die Bank quasi als Synonym für Streaming-Dienste genannt wird – Gratulation an die Spotify-Marketingabteilung! -, ist wahrscheinlich eine […]


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