Archive for September, 2012

More Suck For Your Buck

29. September 2012

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (179) Was kümmert uns das iPhone 5, wenn Mister Dyson den Staubsauger neu erfindet?

Ich weiss nicht, ob es im Elektrofachhandel noch die altertümlichen Begriffe “Weißware” und “Braunware” gibt. Das Verkaufspersonal unterschied einst kategorisch unter diesem Titel Haushaltsgeräte wie Herde oder Waschmaschinen (die waren nun mal in der Regel weiß) und Unterhaltungselektronik – was wohl noch auf Zeiten zurückgeht, da Fernseher, Radios und Phonotruhen Holzgehäuse trugen.

Nun gilt letztere Abteilung, zumindest bei Vertretern der männlichen Spezies, seit jeher als sexy. Wenn auch eventuell zu Unrecht. Die Weißware dagegen, technisch nicht minder anspruchsvoll, blieb der Sphäre der Hausfrauen-Arbeit zugeordnet – verdienstvoll und notwendig, aber unglamourös. Mag sein, dass die Emanzipationsbewegung und die Erosion gesellschaftlicher Geschlechter-Klischees hier etwas zum Besseren gewendet haben – aber ein Staubsauger ist ein Staubsauger ist ein Staubsauger. Und bleibt es in der Regel auch.

Dann kam James Dyson. Die Legende, wie der britische Tüftler – frustriert von einem Gerät der Marke Hoover – quasi eine ganze Branche neu erfand, lässt sich im Internet nachlesen. Der Zyklon-Staubsauer DC01, eingeführt 1993, wurde zum Prototypen einer revolutionären Bauart von Geräten ohne Staubbeutel. Der US-Hersteller Hoover wurde pikanterweise ein paar Jahre später wegen Ideenklaus bei Dyson zu einer Strafzahlung verurteilt.

Seither ist viel Wasser die Donau hinuntergeflossen. Dyson hat jede Menge Gehirnschmalz und noch mehr Marketingkohle in die Botschaft investiert, das Äquivalent von Apple (wir wollen hier vom Etikett “Braunware” absehen, auch wenn Apple-Designchef Jonathan Ive sich viel bei Braun-Legende Dieter Rams abgeschaut hat) im Haushaltsbereich zu sein. Tatsächlich sieht das allerneueste Produkt der Engländer noch tollkühner aus als all die futuristischen Putzmaschinen zuvor: der Dyson DC45.

“Vergessen Sie herkömmliche Staubsauger!” lautet die Ansage. Und (allerdings nicht offiziell): „More suck for your buck!“ Hier wurde, scheint’s, das Rad quasi „digital slim“ noch mal neu erfunden. Mit Karbonfaserbürste, Pistolengriff, Lithium-Ionen-Akku und metallisch blau schimmerndem Alusaugrohr sollen z.B. Katzenhaare ratzfatz und hundertzehnprozentig im Zyklonbehälter verschwinden.

Schau’n wir mal. Der Test wird hart. Aber es ist das erste Testgerät, bei dem mich – heissa! – meine Freundin nicht mit einem ironisch-genervten Augenaufschlag bedenkt.

(Fortsetzung folgt)

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Festival-Tourismus

23. September 2012

Ein Phänomen erobert die Welt, Metropole für Metropole: das Musikfestival mit Mehrwert. Mittlerweile gibt es unzählige Branchen-Meetings – nicht zuletzt (hoffentlich) das „Waves“ in Wien. Aber macht der Trend zu fröhlichem Festival-Hopping, legérem PR-Tourismus und grenzüberschreitender Funktionärs-Vernetzung überhaupt Sinn?

Hoppla! Eh man sich versieht, ist das Jahr schon wieder um. Business hat tendenziell immer auch mit „being busy“ zu tun, also damit, ständig beschäftigt zu sein. Und es gibt Menschen, die das ganze Jahr über damit beschäftigt sind, das Geschäft anderer Menschen, ja einer ganzen Branche zu fördern.

Der Kalender für diesen ganz neuen Typus an Musikmanager – nennen wir ihn ironisch „Festivaltourismusprofi“ – sieht so aus: Im Jänner zieht es ihn/sie nach Noorderslag zum Eurosonic Festival, danach für ein paar – hoffentlich sonnige – Tage zur MIDEM nach Cannes. Der Februar ist ruhig, By:Larm in Oslo kann man sich eventuell sparen. Doch schon im März stehen mit der ILMC in London und der Tallinn Music Week wieder Fixpunkte im Kalender. Im Mai lockt „The Great Escape“ nach Brighton, im Juni die c/o pop nach Köln. Zum Herbstbeginn darf man natürlich die Berlin Music Week nicht versäumen, eventuell könnte man gleich – die deutschen Städte prügeln sich nach dem Ende der PopKomm um die Vormachtstellung im Messe-Reigen – bis zum Hamburger Reeperbahn-Festival durchmachen. Und dafür die Plasa Show in London auslassen. Es gilt, Kräfte zu sparen, für das Waves Festival in Wien, das Live UK Summit in London, natürlich die WOMEX in Thessaloniki, Music & Media in Tampere in Finnland, das Amsterdam Dance Event, die Pariser Konkurrenz MaMA und jene in Rotterdam namens Rotterdam Beats. Auch in Island ist angeblich ziemlich was los.

Mittlerweile schreiben wir November und lassen’s mal gut sein mit dem „European Trade Fair & Conference“-Zirkus. Denn natürlich haben auch die Amerikaner und Asiaten im Jahreszyklus so einiges auf Lager, von der Winter Music Conference in Florida über die NAMM, North by Northeast (kurz: NXNE) in Toronto, Kanada, South by Southwest (SXSW) in Austin, Texas, den CMJ Music Marathon in New York, Music Matters im pazifisch-asiatischen Raum, Live! Singapur etc. usw. usf. Die Chinesen wachen gerade auf, die Inder ebenfalls, überall wird musiziert und kommuniziert – und die jährliche Country Musik Messe in Bayreuth erwähnen wir nur der Unvollständigkeit halber. Die ist nämlich gewaltig, die Unvollständigkeit – denn neben vielen weiteren Messen, Trade Fairs und Veranstaltungen mit Shows, Vorträgen und Panel-Diskussionen sind jene, die auf Theorie, intellektuelle Erörterungen und routiniertes Geschwätz gänzlich verzichten und „nur“ auf Musik setzen, nicht einmal ansatzweise aufgelistet.

Natürlich steht es jedermann/-frau vollkommen frei, diese Events mit persönlicher Anwesenheit zu schmücken. Ob es Sinn macht (und ob es das in den allermeisten Fällen nicht unbegrenzte Reisebudget zulässt), ist wieder eine andere Frage. Meine höchstpersönliche Sicht der Dinge ist jene: Reisen bildet, in einer Zeit des Umbruchs tut intensiver Ideenaustausch mehr not denn je, und das Musikgeschäft ist tatsächlich – eindeutiger als andere Branchen – „a people’s business“, also eine Angelegenheit internationaler Kontakte, direkter Kommunikation und persönlicher Wertschätzung. Andererseits trifft man immer dieselben Leute (und das seltsamerweise weltweit), kann die meisten Panel-Diskussionen schon synchron mitsprechen und darf sich am Ende des Tages nicht wundern, wenn der Nutzwert des Jahrmarkts der Eitelkeiten gering ist. Letztlich ist’s auch eine Zeitfrage. In Berlin z.B. winken die meisten vor Ort ansässigen Agenturen und Partner ab, wenn man sie auf ihre verwunderliche (?) Absenz bei der „Berlin Music Week“ anspricht – wozu soll man sich das antun?

Dazu kommt ein kurioser Effekt: jener der nationalen Zusammenballung. Denn egal, ob Österreicher, Franzosen, Finnen oder Australier – da präsentieren fast alle Länder auf all den Festivals ihre spannendsten, exportfähigsten und besten (?) Künstler und Bands. Und dann stehen im Publikum, erraten!, zuvorderst Österreicher, Franzosen, Finnen und Australier, jeweils statistisch signifikant gehäuft bei „ihren“ Landsmännern und -frauen. Nationalstolz in allen Ehren, Sinn ergibt das eher keinen. Man kennt sich und die Bühnenhelden ja schon ziemlich gut. Die, die man eigentlich erreichen möchte, erreicht man eigentlich eher nicht.

Darüber müsste überhaupt einmal geredet werden: funktioniert die Präsentation und Vermarktung in, durch und mit nationalen Schubladen überhaupt? Musikkonzerne alter, strikt kommerzieller Bauart kämen nie auf die Idee, den Meldezettel als Karriere-Kriterium heranzuziehen. Universal Österreich hat schon Schwierigkeiten, bei Universal Deutschland Gehör zu finden, wenn man nicht gerade einen Millionenseller im Talon hat, der auch jenseits der Grenze als „chancenreich“ eingestuft wird. Und „chancenreich“ bedeutet, den Durchbruch zunächst einmal nachprüfbar im eigenen Land geschafft zu haben. Dem Publikum selbst ist, wenn es sich nicht um Künstler und Interpreten mit bewusst versprühtem Lokalkolorit handelt, die Herkunft seiner potentiellen Lieblinge egal. Hätte sonst Franz Nidl aus Niederfladnitz im Waldviertel unter dem Pseudonym Freddy Quinn eine Karriere als singender Seemann in Norddeutschland starten können? Oder würden, aktueller, die burgenländischen Ja, Panik der Hamburger Schule in Berlin nacheifern?

Nun wissen wir: die Bedeutung und Durchschlagkraft der Majors hat – parallel zum schrumpfenden Markt – tendenziell abgenommen, die Aufmerksamkeit und Unterstützung für Indies seitens Väterchen Staat zugenommen. Etwa in Form von Musikinformationszentren und Exportbüros. Die sind nun mal national strukturiert. Und fördern die Mode, auf alles und jeden ein rot-weiß-rotes (oder in sonstigen Landesfarben gehaltenes) Fähnchen zu stecken. Und damit die Welt – die darauf freilich grosso modo eher zurückhaltend reagiert – beglücken zu wollen. Im Prinzip egalisiert sich so die individuelle Hilfestellung im weltweiten Konkurrenzreigen der Nationen, wenn auch – eventuell – auf höherem Niveau als ohne die entsprechenden Zentren, Music Export Offices und sonstigen Support-Einrichtungen.

Geschickte Musikmanager/innen werden sich dem freundlichen Rudelpudern nicht gänzlich entziehen. Sondern die Budgets der nationalen Hilfskräfte nutzen, um ihre Top-Acts im Ausland zu präsentieren. Jene, deren Namen vielleicht schon den einen oder anderen potentiellen Partner, Journalisten oder Musik-Importeur in Hamburg, Paris, Barcelona, Toronto oder Singapur aufhorchen lassen. Und jene, die zumindest solche singulären & spektakulären Qualitäten besitzen, dass man dem Zufall nicht ganz beiläufig und zufällig auf die Sprünge hilft.

Hoffentlich sind dann für diese Objekte des eigentlichen Interesses noch genügend Goldtaler in der Vereinsschatulle, um brauchbare, ja exzeptionell gute Rahmenumstände bieten zu können. Für denkwürdige Gastspiele und ernsthafte Geschäftsanbahnung. Denn derlei ist nun mal teuer. Sauteuer. Und wirkt – leider – (zu) selten. Jedenfalls abseits der üblichen gegenseitigen Schulterklopferei unter Funktionären, Festivaltouristen und sonstigen Freunden.

Licht aus, Ton an

21. September 2012

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (178) Heisst der Nachlassverwalter des Musik-Giganten EMI Universal Music, Linn Records – oder gar Red Bull?

Ich schreibe diese Zeilen in einem Hotelzimmer sechs Stockwerke über der Hamburger Reeperbahn, wo für ein paar Tage ein sehr charmantes, kleines Musikfestival Gäste aus aller Welt anlockt. Gerade eben ist auf meinem Laptop-Bildschirm die Nachricht aufgeploppt, dass der traditionsreiche Musikkonzern EMI – Sie erinnern sich an sein Markenzeichen “Nipper”, einen Hund, der ein Grammophon belauscht – nicht mehr existiert. Oder jedenfalls nicht mehr lange. EMI wird zerschlagen. Mit dem Segen der internationalen Wettbewerbsbehörden. Der grösste Teil der Plattenfirma geht an Universal Music, der Verlag an Sony, über ein paar kleinere Labels streiten sich die Aasgeier der Branche. Und plötzlich waren es nur mehr drei – Majors. Auch in der Webgasse in Wien, wo die lokale EMI-Dependance einst Millionenumsätze schrieb (mit Acts wie der Ersten Allgemeinen Verunsicherung oder DJ Ötzi), dreht irgendjemand bald das Licht aus. Zum allerletzten Mal.

Von Nostalgie oder gar Wehmut ist in Hamburg allerdings wenig zu spüren. Auch wenn der Titel eines der vielen Diskussions-Panels beim Reeperbahn-Festival “Can The Old School Save The Music Trade?” lautet. Gemeint ist damit das überraschende Comeback der Vinyl-Schallplatte als Ausweis wirklicher Musikliebhaber. Und als sichtbare Abkehr von der rationalen, schnellen, unkomplizierten Welt der digitalen Downloads und des grenzenlosen Streamings. Es ist keine verschworene, sektenhafte Gemeinde von Widerständlern, die sich hier versammelt – was beliebt, ist auch erlaubt. Lustfaktor und Sammlerwert sind natürlich bei einem physischen Gegenstand mit limitierter Auflage tendenziell grösser als bei einem beliebig vervielfältigbaren MP3-File. Oder einer allgegenwärtigen Content-Wolke. Aber die Bequemlichkeit ist ein Hund, seit jeher.

Dass (und wie) man Old School und neue Welten heute ganz pragmatisch und äusserst elegant verbinden kann, zeigen Web-Plattformen und Apps, die laufend von jungen Entrepreneuren bei Showcase-Festivals wie diesem vorgestellt werden. Ich habe mir etwa “iCrates” notiert, ein Tool für fortgeschrittene Vinyl-Freaks (Motto: “We dig music”). Martin Brem von Red Bull – der Energy Drink-Riese investiert auch legér in Medien und Musik – erzählt wahre Wunderdinge über andere innovative, beatsaffine Smartphone-Applikationen. Stimmt schon: der Wurlitzer von heute ist das Handy. Und, gottlob!, es limitiert nicht die Audioqualität wie einst Cassettenrecorder oder Plastik-Plattenspieler. Ob LowFi-Datenmüll oder 24-Bit-Studiomaster-File bleibt dem Anwender überlassen. An Speicherkapazität mangelt es ja längst nicht mehr.

So ist es auch nicht weiter verwunderlich, wenn eine High End-Schmiede wie die schottische HiFi-Manufaktur Linn ein eigenes Label betreibt. Und in Hamburg Hof hält. Egal, ob Vinyl-Legenden wie der Plattenspieler Sondek LP12 oder neueste Streaming Devices – ohne Software-Nachschub macht die ganze Hardware nur den halben Spass. Im Hause Linn setzt man konsequent auf Top-Sound. Allseitig. Nun auch mit HiRes-Downloads, von hauseigenen Künstlern bis hin zu bekannten (und von den Majors lizensierten) Namen wie Melody Gardot, Bob Marley, Diana Krall oder Tom Petty. Prädikat: hörens- und ausprobierenswert.

Ich geh’ jetzt gleich mal runter zu Gilad Tiefenbrun, dem Sohn des legendären Linn-Impresarios Ivor Tiefenbrun und heutigen Managing Director in Glasgow. Die Krise der Musikindustrie, so Tiefenbruns Postulat, resultiert zuvorderst aus einem zunehmenden Mangel an Qualität, sowohl inhaltlich wie auch klangtechnisch. Da könnte was dran sein. Damit werden sich noch viele Diskussionsrunden beschäftigen. Sei es auf der Reeperbahn. Demnächst in Wien, beim „Waves“-Festival. Oder sonstwo bei einem der unzähligen Plauderantentreffen auf diesem Planeten.

Klassiker von übermorgen

15. September 2012

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (177) “Systemkamera” ist ein hässliches Wort. Dabei ist die Olympus OM-D ausnehmend hübsch.

Irgendwie hat man die Übersicht längst verloren. Nach dem Aussterben der Analogkamera brachte die Digitalisierung alle denkmöglichen Kombinationen von Linsen, Objektiven, Microchips und lichtempfindlichen Sensoren mit sich, die vom launigen Schnappschuß bis zum gestochen scharfen Pixelmonster-Panorama-Poster, vom Smartphone-Retro-Bildchen bis zur High Speed-Bewegungsstudie die Befriedigung aller Fotografen-Wünsche ermöglichten. Wirklich aller? Irgendwo und irgendwie tun sich immer wieder Marktlücken auf. Und so erfand die Fotoindustrie die “Systemkamera”, die die Vorzüge von Kompaktkameras – vorrangig Simplizität und Formfaktor – mit der State of the Art-Bildqualität und Variabilität von Spiegelreflexkameras vermählen sollte. Was sie soweit auch bravourös erledigt.

Gut, den Spiegel wegzulassen lag auf der Hand. Trotzdem waren es zuerst die kleineren Hersteller, die die Idee forcierten. Nikon und Canon zogen erst spät nach, die Modelle 1 V1/J2 und EOS M wirken aber irgendwie noch nicht wie das Gelbe vom Ei. Die neuen Objektivanschlüsse, der fehlende optische Sucher, das auffällige Spielzeug-Design halten Profifotografen sowieso auf Distanz. Wie erklärt man jetzt aber Hobbyknipsern und experimentierfreudigen Semiprofis die Vorzüge der innovativen Technik?

Das hüpft uns der japanische Konzern Olympus vor. Mit dem bislang neuesten Modell OM-D. Samt zugehörigem System, das von einer Objektiv-Palette (im “Micro Four Thirds”-Format) über Blitzgeräte bis zum Unterwassergehäuse recht umfangreich ausfällt. Schon lange habe ich keine Kamera mehr in Händen gehalten, die mit solcher Liebe zum Detail gestaltet wurde. Als hätte man ein Spitzenmodell der sechziger oder siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts nachmodelliert – was man bei Olympus wohl auch im Hinterkopf hatte. Die Bildqualität ist exzellent, der elektronische Sucher mehr als passabel, der Spassfaktor hoch. Beschwerden anyone? “Mir ist die Kamera um 30 Prozent zu klein”, seufzt da irgendjemand auf einer der vielen – oft herrlich kritischen, aussagekräftigen, aber natürlich auch von PR-Agenten unterwanderten – Prosumer-Seiten im Internet. “Und sie ist um 30 Prozent zu teuer.”

Nun: über letzteres können Sie wohl bald schon mit Ihrem Händler reden. Denn der neueste Schrei von heute ist der Oldie von morgen. Im Glücksfall dann aber auch der Klassiker von übermorgen.

Der xx-Faktor

7. September 2012

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (176) MP3-Dateien sterben – so die Nutzungsbedingungen von Apple & Amazon – mit ihren Besitzern.

Es ist einigermassen verblüffend, wenn ein Buch, das auf 448 Seiten die dramatischen technischen Entwicklungen in Sachen Musikproduktion, -Distribution und -Reproduktion ausbreitet, mit den Worten “Eigentlich hat sich gar nicht soviel verändert” schliesst. Ganz daneben liegt aber Autor Ernst Hofacker mit seinem pressfrischen, kursorischen Werk “Von Edison bis Elvis” (Reclam Verlag) natürlich nicht. Es ist der menschliche Faktor – Ungreifbares wie Charisma, Imagination und Aura –, der Enrico Caruso, Bob Dylan, Cat Power oder Sigur Rós zu Lichtgestalten der Audiosphäre werden liess.

Nicht, dass es keine Wechselwirkung zwischen modernster Digitaltechnik – die eine vollkommen freie Modellierbarkeit von Tönen und eine schrankenlose Verbreitung jeglicher künstlerischer Äusserungen zulässt – und Komponisten und Konsumenten aus Fleisch und Blut gäbe. Aber sie formt und formatiert uns weniger – oder jedenfalls weniger rasch und entschieden –, als es sich Kraftwerk (“Mensch-Maschine”) & Co. als Propheten eines neuen Zeitalters erträumten. Und als einem diverse Business 2.0-Apostel z.B. auf der „Berlin Music Week“ (einer Schmalspurvariante der einstigen Branchen-Leitmesse „PopKomm“) weismachen wollen.

Wie kommt man auf solche Gedankengänge? Nun, etwa, weil man instinktiv zur Vinyl-Schallplatte greift, wenn das neue Opus Magnum „Coexist“ (sic!) der britischen Band The xx (“Das bislang letzte große Pop-Phänomen der Musikwelt“, so „Der Spiegel“) zur Disposition steht. Man könnte ja im Berliner Kulturkaufhaus Dussmann, wo auf vier Etagen annähernd die gesamte physische Warenwelt aller Buch-, Film- und Musikproduzenten des deutschsprachigen Raums ausgestellt ist, auch eine CD erstehen. Aber, nein, so eine altertümliche schwarze Scheibe macht einfach mehr her als z.B. jeder Gratis-Stream, ein Bon mit einem Download-Code liegt sowieso bei (oder man zieht sich das Zeug zusätzlich online), und man möchte ja auch irgendetwas in der Hand haben, betrachten und begreifen, wenn man diese dunklen, kargen, hypnotischen Töne hört. Das leise Kratzen der Nadel fügt sich ganz wunderbar in das Spektrum der Musik.

Die xx-LP darf man dann übrigens, wie all die Artefakte jahrzehntelanger dingfester Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur, irgendwann auch seinen Enkeln vererben. Ob das mit schnöden MP3s möglich ist oder die Bits & Bytes einst mit dem Tod des hörfreudigen Kreditkarteneigners „verfallen“, darüber streiten gerade – nach einer Zeitungsente rund um Bruce Willis als „Anlassfall“ – Juristen und Konzernmanager. Es gilt, den Lärm dieser jämmerlichen, reichlich weltfremden Erbsenzähler zu übertönen. Denn, wie es einst Victor Hugo formulierte: „Musik ist das Geräusch, das denkt.“

Sonnenkraft

1. September 2012

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (175) Ein Soundsystem mit Solar-Panel macht Sie
unabhängig vom Batterienachschub. Klingt gut, oder?

Es herbstelt. Unübersehbar. Man kehrt aus seinen Feriendomizilen, Badehütten und Wochenend-Refugien wieder in den schnöden und zunehmend kühlen Alltag zurück. Im Gepäck eventuell das eine oder andere Gerät, mit dem man sein Smartphone zur Ersatz-Stereoanlage aufgerüstet hat – und so der Sommerfrische einen individuellen Soundtrack verlieh (apropos: mein Sommerhit 2012 hiess “Nights” und stammt von den burgenländischen Pop-Weltbürgern Zeronic. Hören Sie garantiert nie auf Ö3, ausser bei Eberhard Forcher.)

Nun haben all die Lautsprechersysteme, Docking Stations und Soundblaster – man will ja nicht immer am Kopfhörer hängen – einen entscheidenden Nachteil: sie benötigen ein Stromkabel. Oder verschlingen Batterien wie nichts. Das geht ins Geld (ausser, man füttert die Batteriefächer listigerweise mit wiederaufladbaren Exemplaren). Und führt nicht selten zu ärgerlichen Deja-vús: die Stromversorgung klappt gerade dann nicht, wenn man sie am dringendsten braucht. Keine Steckdose in Reichweite, das Ladegerät verlegt, die Batterien – gerade noch halbvoll – ratzfatz leer.

Wenn Sie unter solchen Szenarios leiden – Gott gebe, dass Sie keine anderen Probleme plagen! – oder Ihr bevorzugtes Freizeit-Hideout eine einsame Berghütte ohne Stromversorgung ist, hätte ich einen Fingerzeig. Und lege Ihnen das Soulra XL ans Herz, ein “Solar Powered Sound System for iPod and iPhone”, wie die Gebrauchsanleitung (ja, sie kann auch deutsch!) das exotische, handtaschengrosse, probat klingende und nobel schwarz-rot gestylte Mehr-als-Kofferradio beschreibt. UKW-Empfang ist nicht drin. Auch die neuzeitliche und im konservativen Österreich erst unlängst abgeschmetterte Variante DAB+ fällt aus. Dafür gibts eine Klappe, hinter der Sie Ihr Mobiltelefon (das mit dem “i” im Namen) placieren – oder, wahlweise, einen Player, etwas unelegant, am Aux-Eingang anstöpseln können. Per Solar-Panel und Lithium-Ionen-Akku sind Sie damit energietechnisch autark. Zumindest, solange die Sonne scheint.

Jetzt darf nur Apple nicht zum Spielverderber werden. Sollten die Gerüchte stimmen und das nunmehr wertvollste Unternehmen der Welt seine Oberschlaumeier-Strategie mit proprietären Anschlüssen weitertreiben, passt das neue iPhone 5 nicht in das Soulra XL-Fach. Weil: neuer, kleinerer „Dock Connector“-Stecker notwendig (“proprietär” bezeichnet – hurtig das Online-Lexikon aufgeschlagen! – “herstellerspezifische Entwicklungen, die keine Rücksicht auf Standardisierungen nehmen”). Adapter wird’s natürlich geben – aber sie kosten, wie Batterien, Geld und Nerven.

Gut, vom Hauptquartier des Soulra-Herstellers Eton/Lextronix in Palo Alto, Kalifornien, zur Apple-Zentrale in Cupertino ist es nicht allzuweit. Als Fabrikant von Zubehör würde ich mich im Fall des Falles glatt ins Auto setzen. Und den zwangsinnovativen Apfelmännchen vor Ort meine Meinung kundtun. Nicht zuletzt im Namen unzähliger Konkurrenten, Händler und Kunden.

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