Klassiker von übermorgen

15. September 2012

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (177) “Systemkamera” ist ein hässliches Wort. Dabei ist die Olympus OM-D ausnehmend hübsch.

Irgendwie hat man die Übersicht längst verloren. Nach dem Aussterben der Analogkamera brachte die Digitalisierung alle denkmöglichen Kombinationen von Linsen, Objektiven, Microchips und lichtempfindlichen Sensoren mit sich, die vom launigen Schnappschuß bis zum gestochen scharfen Pixelmonster-Panorama-Poster, vom Smartphone-Retro-Bildchen bis zur High Speed-Bewegungsstudie die Befriedigung aller Fotografen-Wünsche ermöglichten. Wirklich aller? Irgendwo und irgendwie tun sich immer wieder Marktlücken auf. Und so erfand die Fotoindustrie die “Systemkamera”, die die Vorzüge von Kompaktkameras – vorrangig Simplizität und Formfaktor – mit der State of the Art-Bildqualität und Variabilität von Spiegelreflexkameras vermählen sollte. Was sie soweit auch bravourös erledigt.

Gut, den Spiegel wegzulassen lag auf der Hand. Trotzdem waren es zuerst die kleineren Hersteller, die die Idee forcierten. Nikon und Canon zogen erst spät nach, die Modelle 1 V1/J2 und EOS M wirken aber irgendwie noch nicht wie das Gelbe vom Ei. Die neuen Objektivanschlüsse, der fehlende optische Sucher, das auffällige Spielzeug-Design halten Profifotografen sowieso auf Distanz. Wie erklärt man jetzt aber Hobbyknipsern und experimentierfreudigen Semiprofis die Vorzüge der innovativen Technik?

Das hüpft uns der japanische Konzern Olympus vor. Mit dem bislang neuesten Modell OM-D. Samt zugehörigem System, das von einer Objektiv-Palette (im “Micro Four Thirds”-Format) über Blitzgeräte bis zum Unterwassergehäuse recht umfangreich ausfällt. Schon lange habe ich keine Kamera mehr in Händen gehalten, die mit solcher Liebe zum Detail gestaltet wurde. Als hätte man ein Spitzenmodell der sechziger oder siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts nachmodelliert – was man bei Olympus wohl auch im Hinterkopf hatte. Die Bildqualität ist exzellent, der elektronische Sucher mehr als passabel, der Spassfaktor hoch. Beschwerden anyone? “Mir ist die Kamera um 30 Prozent zu klein”, seufzt da irgendjemand auf einer der vielen – oft herrlich kritischen, aussagekräftigen, aber natürlich auch von PR-Agenten unterwanderten – Prosumer-Seiten im Internet. “Und sie ist um 30 Prozent zu teuer.”

Nun: über letzteres können Sie wohl bald schon mit Ihrem Händler reden. Denn der neueste Schrei von heute ist der Oldie von morgen. Im Glücksfall dann aber auch der Klassiker von übermorgen.

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Eine Antwort to “Klassiker von übermorgen”


  1. […] ebenso teuren RX1-R steckt, oder interessiert sich für das rasant wachsende Segment der Systemkameras. Aber wirklich Revolutionäres erwartet im Sektor Kompaktkamera niemand. Oder täusche ich mich? […]


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